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8.572845 - BUSONI, F.: Piano Music, Vol. 8 (Harden) - 24 Preludes / Macchiette medioevali
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Ferruccio Busoni (1866–1924)
Klaviermusik • 8

 

Dante Michelangeli Benvenuto Ferruccio Busoni wurde am 1. April 1866 in Empoli bei Florenz als einziges Kind des Klarinettisten Ferdinando Busoni und der Pianistin Anna Weiß geboren. 1874 gab er sein pianistisches Debüt in Triest, und bald darauf präsentierte er sich erstmals in Wien. Die Familie ließ sich in Graz nieder, wo der Knabe von dem bekannten Kompositionslehrer W.A. Rémy (Wilhelm Mayer) unterrichtet wurde. Einige Zeit verbrachte der junge Busoni in Bologna, von wo aus er nach Wien und dann 1885 auf Empfehlung von Johannes Brahms nach Leipzig ging, um bei Carl Reinecke zu studieren. Später war er selbst zeitweilig als Lehrer an den Konservatorien von Helsinki und Moskau tätig. Bis zur Jahrhundertwende nahm ihn seine pianistische Tätigkeit stark in Anspruch. Danach wandte er sich wieder stärker dem Komponieren zu, das fortan eine größere, zu seinem Leidwesen aber nie die dominierende Rolle in seiner Karriere spielen sollte. Ungeachtet Busoni die Jahre des Ersten Weltkrieges weitgehend in Zürich zubrachte, war Berlin von 1894 bis zu seinem Tode am 27. Juli 1924 sein eigentlicher Wohnsitz.

Ein wesentlicher Aspekt seines musikalischen Schaffens besteht in der Synthese des italienischen und deutschen Erbes: Emotion und Intellekt, Imagination und Disziplin. Obwohl er von Komponisten- und Pianistenkollegen viel Anerkennung erfuhr, war seine Musik lange Zeit den „Kennern“ vorbehalten. Er war weder grundsätzlich konservativ noch unbedingt radikal, verband aber in seinem OEuvre harmonische und klangliche Neuerungen mit einer Rückbesinnung auf die Vergangenheit, die erst in späteren Jahrzehnten geläufig wurde. Busoni hinterließ einen bedeutenden Kanon orchestraler Werke, eine ansehnliche Zahl von Kammermusiken und Liedern sowie vier Opern, deren letzte, der alles krönende Doktor Faust, bei seinem Tode unvollendet war. Den größten Teil seines Schaffens bildet allerdings die Klaviermusik. Bach prägte Busonis künstlerisches Wirken von Anfang an&mdashsowohl bei der kontrapunktischen Arbeit des Komponisten wie bei der Programmgestaltung des Pianisten. Dieser Prozess der Assimilation fand seinen Höhepunkt in der 1918 veröffentlichten Bach-Busoni-Edition. Bei der späteren Musik, in der sich Busoni auf Bach bezog, handelt es sich dann eher um schöpferische Interpretationen als bloße Arrangements; eine starke Persönlichkeit ist aber auch schon in den frühesten Übertragungen zu spüren.

Über welche kompositorischen Fertigkeiten Ferruccio Busoni bereits in jungen Jahren verfügte, zeigt beispielsweise die Tatsache, dass er seinen 24 Préludes von 1880/81 in einem frühen Verzeichnis seiner Werke schon die Opuszahl 37 zuwies, während Jürgen Kindermann sie in seinem chronologischen Katalog als K 181 aufführt. Busoni konnte inzwischen bereits auf acht Schaffensjahre zurückblicken, und so stellt der gegenwärtige Zyklus gewissermaßen eine Zusammenfassung der ersten Schaffensphase dar, in deren Verlauf er von den vorwiegend barocken und klassischen Modellen der älteren Stücke zu einem persönlicheren Umgang mit der Romantik des mittleren 19. Jahrhunderts fand. Der offensichtlichste Vorläufer der 24 Préludes ist das Opus 28, das Frédéric Chopin rund fünfzig Jahre zuvor komponiert hatte: Wie dieser, so hat auch Busoni die einzelnen Sätze im aufsteigenden Quintenzirkel geordnet und dabei die verwandten Mollgeschlechter direkt nebeneinander gestellt, so dass er bei C-dur beginnt und in d-moll endet. In der Abfolge der Stücke vermisst man vielleicht die formale Kohäsion und expressive Konsequenz Chopins, doch auch der jüngere »Kollege« weiß durch einfache Kontrastwirkungen zwischen den Stücken eine nachhaltige Kontinuität zu erzeugen&mdashein Hinweis auf die musikalische Meisterschaft, die er erreichen sollte.

Im Anschluss folgen kurze Beschreibungen der einzelnen Préludes, von denen einige mit deskriptiven italienischen Untertiteln versehen sind.

Nr. 1 C-dur: Ein berückendes Moderato, »dolce« und »molto armonioso« vorzutragen, dessen graziös wogende Melodie gelegentlich einen eher bittersüßen Ausdruck annimmt.

Nr. 2 a-moll: Ein ominös pochender Rhythmus unterstreicht das düstere Andantino sostenuto, in dessen Mittelteil der Pianist größere Aktivitäten entfalten darf.

Nr. 3 G-dur: Ein liebenswürdiges, dankbares Andante con moto, das während seines gemächlichen Dahinschreitens ein größeres Ausdrucksspektrum entfaltet.

Nr. 4 e-moll: Das Allegretto »in carattere di danza«, mithin in der Art eines Tanzes, umschließt ein ruhigeres, dabei harmonisch jedoch recht unternehmendes Trio.

Nr. 5 D-dur: Dieses Vivace assai quasi presto gehört mit seinem energiegeladenen, gewissermaßen barock geschnittenen Profil zu den mitreißendsten Kreationen des gesamten Zyklus.

Nr. 6 h-moll: Ein Moderato »in carattere d’un Corale«, das bis zum resignativen Schluss um seinen Grundton kreist.

Nr. 7 A-dur: Die barocke Herkunft dieses Allegro vivace mit seinen dahinstürmenden Zwölf-Sechzehntel-Takten ist in jedem Augenblick spürbar und spricht überdies aus dem Hinweis »in carattere di Giga«.

Nr. 8 fis-moll: Ein introvertiertes Allegro moderato, dessen durchgehender Triolenrhythmus das beinahe orientalisch klingende Thema der rechten Hand noch betont.

Nr. 9 E-dur: Ein Allegretto vivace e con brio »in carattere campestre«, will sagen, in rustikaler Art&mdasheine Caprice mit nonchalantem Thema und keckem, bisweilen oktavierten Bass.

Nr. 10 cis-moll: Dieses Vivace ed energico ist »con molto suono« zu spielen, das heißt mit großem Ton, der besonders deutlich nach Chopin klingt und das breite Thema mit rasanten Sechzehnteln kombiniert, wobei die Aufgabenverteilung zwischen den Händen wechselt.

Nr. 11 H-Dur: Ein Allegro piacevole, das »alla danza« zwischen verschiedenen Stimmungen hin- und hergeht und einen gewissen trockenen Humor verrät.

Nr. 12 gis-moll: Dieses Andantino zeichnet sich vor allen andern Sätzen des Zyklus durch eine besondere Ausgewogenheit und Eleganz aus und markiert auf verführerische Weise die Mitte der Wegstrecke.

Nr. 13 Fis-dur: Das Allegretto scherzando wirft einen Blick auf die frühen Scherzi Beethovens, strebt dabei aber in einem ungewöhnlichen Wechselspiel von fünfviertel- und dreivierteltaktigen Abschnitten seinem amüsierten Ende zu.

Nr. 14 es-moll: Lento »funebre«&mdashein Trauermarsch also, dessen schwerer, schicksalhafter Schritt »wie eine Pauke« klingen soll und sich zu einer leidenschaftlichen Klimax emporwölbt.

Nr. 15 Des-dur: Erneut deutlich von Chopin her kommend, ist dieses Andantino sostenuto »con espressione« und immerfort »dolcissimo« auszuführen, damit sich das gewinnende melodische Profil gehörig mit seinem leise umspielenden Akkompagnement verbindet.

Nr. 16 b-moll: Das Maestoso ed energico ist das kürzeste der 24 Préludes—eine unaufhaltsame Miniatur, die in markanten, beinahe liszt’schen Oktaven voranstürmt.

Nr. 17 As-dur: In diesem animierten, sorglosen Allegro vivace vermengen sich die heitere Melodie und ihre lockere Begleitung aufs innigste miteinander.

Nr. 18 f-moll: Über leise dahinrauschenden Sechzehntelfiguren erhebt sich in diesem Allegretto con moto eine sehnsüchtige, unverkennbar melancholisch gefärbte Melodie.

Nr. 19 Es-dur: Ein Allegro vivo, durchweg »non legato« zu nehmen, dessen hurtige Sechzehntelbewegung »con bravura« irgendwo zwischen Beethoven und Chopin anzusiedeln ist und in einem überstürzten Abschluss gipfelt.

Nr. 20 c-moll: Eine rastlose, »ruhig und gleichmäßig« darzustellende und chromatisch kreisende Bewegung unterstreicht die verhaltene Melodie des bemerkenswert schwer fasslichen Allegro moderato.

Nr. 21 B-dur: Das Andantino sostenuto ist das längste Stück der Kollektion&mdashtransparente Texturen erreichen nach und nach eine höhere kontrapunktische Verdichtung, die sich in der Mitte des Satzes zu oktavenhaltiger Vollgriffigkeit steigert.

Nr. 22 g-moll: Das Vivace e scherzoso gehört zu den kapriziösesten und in pianistischer Hinsicht einfallsreichsten Sätzen der Préludes.

Nr. 23 F-dur: Eindeutig barocke Züge lässt dieses Allegro vivace erkennen, das mit schnurrigen, lebhaften Sechzehnteln über drei Notenseiten dahinsprudelt.

Nr. 24 d-moll: Presto wirft der junge Busoni in diesem vertrackten Sätzchen einen Seitenblick auf Felix Mendelssohn, um den Zyklus mit quirliger Eleganz zu beschließen.

Ferruccio Busonis zweite Schaffensphase begann mit den Studien, die er in Graz bei Wilhelm Mayer-Rémy betrieb. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche Sammlungen an Charakterstücken, die auf eine Beeinflussung durch den relativ jungen Robert Schumann der Kinderszenen und Kreisleriana hindeuten. Den äußerlich disparaten Inhalt verbindet Busoni dabei gern mit einem gemeinsamen Hauptthema wie etwa im Falle der Macchiette Medioevali aus den Jahren 1882/83, denen er in einer neueren Werkliste die Opuszahl 33 gab und die Kindermann als K 194 zählte. Hier besteht die Verbindung in sechs archetypischen Gestalten des Mittelalters, die trotz (oder besser: wegen) ihrer verhaltenen Pianistik mit merklich dezentem Realismus skizziert wurden. Das erste Stück, Dama (»Die Dame«), verbreitet sich in leichter Grazie und zarter Eloquenz, als gelte es, die Protagonistin mit äußerster Ritterlichkeit zu beschreiben. Das zweite Stück, Cavaliere (»Ritter«), ist anfangs überraschend verhalten, bevor es im weiteren Verlauf eine kräftigere Haltung an den Tag legt. Das dritte Stück Paggio (»Der Page«), lässt in seinem melodischen Fluss und den resolut begleitenden Fanfaren etwas von treuen, hingebungsvollen Diensten spüren. Das vierte Stück, Guerriero, beschreibt den »Krieger« in treffenden Farben und einer rhythmischen Kraft, die vor dem jähen, besinnlichen Schluss noch erheblich zunimmt. Das fünfte Stück, Astrologo, zeigt einen methodisch und ernsthaft in die Sterne schauenden Gelehrten, der am Ende eine entschieden modale Nachdenklichkeit erkennen lässt. Im sechsten Stück stimmt der Trovatore zweifellos mit galanter Geste seine Laute, bevor die Melodie seines minnigen Liedes in einem glühenden Schluss gipfelt. Wenngleich Ferruccio Busoni gegen Ende der achtziger Jahre in schwierigeres musikalisches Gelände vorstieß, so ist doch nicht zu bezweifeln, dass die Ausgewogenheit und der betörende Charme seiner frühen Kreationen einen unverzichtbaren Teil seines gesamten OEuvres bilden.


Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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