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8.572895 - LISZT, F.: Wagner Transcriptions (Liszt Complete Piano Music, Vol. 36) (Wolfram)
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Franz Liszt (1811–1886)
Richard Wagners Musik auf dem Klavier

 

In Ihrem letzten Brief baten Sie mich, über Wagner zu sprechen. Es wäre da manches zu sagen. Wagner selbst hat durch seine Bücher…und seine drei Dramen: der Fliegende Holländer, Tannhäuser und Lohengrin – die Arbeit eines ganzes Heeres von Ingenieuren und Pionieren geleistet. Es wird mindestens ein Dutzend Jahre brauchen, bis seine Ideen verdaut sind und die Saat, die er gesät hat, aufgeht und ihre Frucht trägt.—Franz Liszt an seinen Vetter Edouard Liszt, Gotha 29. März 1854.

Franz Liszts Vater war Amtmann der Fürstenfamilie Esterházy, bei der einst Joseph Haydn als Kapellmeister gewirkt hatte. Der ungarische Adel sah in dem kleinen Franz ein förderungswürdiges Talent und ermöglichte ihm seit 1822 den Unterricht bei Carl Czerny in Wien, wo es auch zu einer legendären Begegnung mit Ludwig van Beethoven kam. Die nächste Station war Paris, die Stadt der Pianisten, wo sich der Jüngling nach und nach einen Namen am Klavier machte. Vermehrt wurde sein Interesse an der pianistischen Virtuosität, als er den großen Geiger Niccolò Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann. Während der nächsten Jahre entstanden zahlreiche virtuose Repertoirestücke—darunter auch Liedtranskriptionen und Opernfantasien.

Aufgrund seiner Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult sah sich Liszt veranlasst, der französischen Hauptstadt für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kehrte dann nach Paris zurück, um schließlich Reisen nach Italien, Wien und Ungarn zu unternehmen. 1844 endete die Beziehung zu seiner Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Virtuosenlaufbahn verfolgte er noch bis 1847. In diesem Jahr begann sein Verhältnis mit der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der Symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich, wie üblich, der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten.

Franz Liszt hatte Richard Wagner 1840 in Paris kennengelernt, wo dieser sich damals mühsam über Wasser hielt und bei jenem vorsprach, ohne dass er einen wirklichen Eindruck hinterlassen hätte. Vier Jahre später erlebte Liszt dann die Dresdner Uraufführung des Rienzi, dessen Komponist inzwischen eine gewisse Selbständigkeit erreicht und sich als Kapellmeister in der sächsischen Metropole etabliert hatte. Liszt war indessen längst der große Virtuose geworden, der die Welt eroberte, bevor er als solcher seinen Abschied nahm und sich 1848 in Weimar als Hofkapellmeister niederließ. Hier konnte er seine altruistische Mission fortführen und die Begabung fördern, die er bei andern entdeckte. Wagner unterstützte er dabei im Februar 1849 mit der Weimarer Inszenierung des Tannhäuser, indessen er auch nicht unwesentlich daran beteiligt war, dem Freund und Kollegen bei der Flucht aus Dresden zu helfen, nachdem dieser sich unbesonnenerweise an der Erhebung der Republikaner gegen die Monarchie beteiligt hatte. Wagner gelangte dergestalt schließlich ins Schweizer Exil, indessen Liszt 1850 in Weimar die Uraufführung des Lohengrin ermöglichte und auch fürderhin alles in seiner Macht stehende tat, um Wagners Bühnenwerke in Deutschland aufführen zu lassen. Gleichermaßen versuchte er demselben mit finanziellen Mitteln unter die Arme zu greifen und eine Amnestie zu erwirken, die Wagner die Rückkehr in die Heimat ermöglichen sollte. Die beiden Männer wurden zum Inbegriff der sogenannten „Zukunftsmusik“, die einerseits in Wagners großartigem dramatischen Konzept vom Gesamtkunstwerk und andererseits in der Gattung der Symphonischen Dichtung repräsentiert wurde, als deren eigentlichen Erfinder man Liszt durchaus wird ansehen können. Während nun dieser das Schaffen des Kollegen überaus würdigte, waren Wagners Ansichten über Liszts Kompositionen zumindest zwiespältig, mochte er sich gegenüber demselben auch noch so vorteilhaft geäußert haben.

Die Klavierbearbeitungen, die Franz Liszt verschiedenen Ausschnitten aus Richard Wagners Bühnenwerken hat angedeihen lassen, sind im Kontext der Kampagne zu sehen, durch die er der Musik seines Freundes zu größerer Bekanntheit verhelfen wollte. Elsas Brautzug zum Münster [1], eines von vier Lohengrin-Arrangements, erschien 1853 mit einem Ausschnitt aus Tannhäuser. Der geheimnisumwitterte Ritter Lohengrin hat sich für Elsa eingesetzt und ihren Feind Friedrich von Telramund besiegt, der ihr den Mord an ihrem Bruder und die unrechtmäßige Aneignung der Herzogswürde von Brabant vorgeworfen hatte. Lohengrin hat Elsa dringend gebeten, ihn nicht nach seinem Namen und seiner Herkunft zu fragen, doch sie verstößt—von ihren Feinden dazu aufgestachelt—gegen die Anweisung. So offenbart sich denn der Sohn Parsifals als einer der Ritter des Heiligen Gral, bevor er die Geliebte verlassen muss. Er löst indes den Bann, der Elsas Bruder verzaubert hielt, und gibt ihm seine menschliche Gestalt zurück—gerade rechtzeitig, damit er die entseelte Schwester in seinen Armen auffangen kann.—Die Musik des Brautzuges geleitet Elsa zur Kirche, vor der ihr allerdings Telramunds Frau Ortrud herausfordernd entgegen tritt. Franz Liszt lässt die Musik mit einem kurzen Lento assai ausklingen.

Die Übertragung von Festspiel und Brautlied [5] entstand 1854 und wurde beinahe zwanzig Jahre später revidiert. Die musikalische Substanz besteht aus dem festlichen Vorspiel zum dritten Akt der Oper, womit die Hochzeit gefeiert wird, und dem außerordentlich bekannten Hochzeitsmarsch, nach dem Liszt in seinem Arrangement das Vorspiel wiederholt. Elsas Traum [9] basiert auf einer Szene des ersten Aktes: Sie bringt den Auftritt der angeklagten Elsa, die vor dem König erscheint, um auf die Vorwürfe zu antworten, und berichtet dem Herrscher, wie sie einsam in trüben Tagen lebte. Es folgt die Vision von dem Ritter, der ihre Ehre verteidigen wird. Lohengrins Verweis an Elsa [6] wurde 1854 zusammen mit Elsas Traum sowie Festspiel und Brautlied publiziert. Es handelt sich dabei um eine einfache Einrichtung der Warnung, die der Ritter im dritten Akt ausspricht, während die linke Hand die Melodie seiner Arie Athmest du nicht mit mir die süßen Düfte? zu spielen hat und das Mädchen immer nachdrücklicher verlangt, das Geheimnis von »Nam’ und Art« zu erfahren.

Mit Isoldes Liebestod [2] endet der dritte und letzte Akt des Dramas von Tristan und Isolde, das 1865 in München seine Uraufführung erlebte. Liszt übertrug diesen Teil zwei Jahre später und nahm ihn sich 1875 zur neuerlichen Bearbeitung vor. Tristan soll die irische Prinzessin Isolde seinem Onkel, König Marke, zum Zwecke der Verehelichung zuführen. Durch einen irrtümlich eingenommenen Liebestrank werden die beiden jungen Menschen in einer Liebe vereint, deren Bann nur der Tod auflösen kann. Zwangsläufig betrügen die Liebenden den Bräutigam, und Tristan erfährt durch einen königlichen Gefolgsmann eine todbringende Wunde, der er just in dem Augenblick erliegt, als ihm König Marke—inzwischen über die Hintergründe der vermeintlichen Untreue aufgeklärt—Vergebung gewähren will. Sein Neffe stirbt in den Armen der geliebten Isolde, die ihrerseits am Ende des Geschehens noch einmal zu sich kommt und ihren Liebestod besingt. Liszts Bearbeitung beginnt mit Anklängen an das Liebesduett aus dem zweiten Akt—einem Sehnsuchtsmotiv, das sich mit den Worten So starben wir, um ungetrennt verbindet und zudem Motive enthält, die von dem Helden Tristan, der Ekstase und dem geheimnisvollen Beginn des Dramas sprechen.

An der großen tragischen Oper Rienzi, der Letzte der Tribunen nach dem gleichnamigen Roman des Engländers Edward Bulwer-Lytton arbeitete Richard Wagner etappenweise von 1837 bis 1840. Die Uraufführung fand 1842 an der Dresdner Hofoper statt. Das Werk behandelt den Konflikt, der im Rom des 14. Jahrhunderts zwischen verfeindeten Adelsfamilien bestand, beschreibt die Intervention des Tribunen Rienzi, der selbst ins Kreuzfeuer der Intrigen gerät und schließlich, während das Kapitol in Flammen aufgeht, sein Leben verliert. Santo Spirito, Cavaliere—mit diesem Schlachtruf führt Rienzi im dritten Akt der Oper die Senatoren und das Volk gegen die beiden führenden Adelshäuser, und mit diesem Gedanken beginnt auch das Fantasiestück [3], das Liszt im Jahre 1859 verfasste. Zu hören sind hier weiterhin Rienzis Gebet vom Beginn des fünften Aktes, das zunächst in einem expressiven Andante molto sostenuto »gesungen« und dann weiter ausgeführt wird. Eine »Trompete« stimmt den Aufruf zum Kampf des ersten Aktes an, und abschließend wird noch einmal das Santo Spirito, Cavaliere wiederholt.

Ein Jahr nach Rienzi erlebte die romantische Oper Der fliegende Holländer in Dresden ihre Uraufführung. Der geheimnisvolle Titelheld ist dazu verurteilt, mit seiner Geistermannschaft über die Meere zu segeln, bis ihn die reine Liebe einer Frau von seinem Fluch befreit. Eben ist wieder einmal die Frist von sieben Jahren um, nach der er vorübergehend an Land Erlösung suchen darf. In einem norwegischen Fjord geht man vor Anker—unmittelbar neben dem Schiffe Dalands, in dessen Haus der Verdammte anschließend nicht nur Gastfreundschaft findet: Dalands Tochter Senta liebt offenbar den mysteriösen Besucher, dessen Schicksal sie seit geraumer Zeit verfolgt. Die in Dalands Haus versammelten Mädchen singen ihr Spinnerlied [7], derweil sie ihrer Arbeit nachgehen. Senta betrachtet inzwischen das an der Wand hängende Portrait des Holländers und erzählt in ihrer Ballade [8] von dessen Los. Franz Liszt durchsetzte diese Weise in seiner Übertragung aus dem Jahre 1872 mit Andeutungen der bevorstehenden Ereignisse: Senta wird sich in den Holländer verlieben und mit ihm gemeinsam im Tode erlöst werden. Die Ballade beginnt mit dem markanten Hornruf, dem im Verlauf der Oper eine besonders wichtige Rolle zukommt.

Tannhäuser wurde im Oktober 1845 in Dresden uraufgeführt. Während der Zeit des Exils richtete Wagner die erweiterte Pariser Fassung ein, die 1861 in der französischen Hauptstadt allerdings durchfiel. Im November 1848 erklang unter Liszts Leitung in Weimar die Ouvertüre, und im folgenden Februar konnte hier die ganze Oper über die Bühne gehen. Um dieselbe Zeit richtete Liszt auch die Ouvertüre für Klavier ein. 1861 paraphrasierte er ferner den Pilgerchor [4], der am Anfang des dritten Aktes in der Oper erklingt, nachdem er bereits in der Ouvertüre zu hören war. In der Oper selbst geht es um den Konflikt des Minnesängers Tannhäuser, der zunächst in den sinnlichen Freuden des Venusbergs schwelgt und dann für seinen Frevel büßt. Inzwischen verliebt er sich während des »Sängerkrieges auf der Wartburg« in Elisabeth, die Nichte des Landgrafen, doch als er die sinnlichen Aspekte der Liebe besingt, richten sich die versammelten Ritter gegen ihn. Tannhäuser schließt sich einem Pilgerzug nach Rom an, wo er die Vergebung seiner Sünden erfleht. Der Heilige Vater versagt ihm die Bitte mit den Worten, dass eher sein Hirtenstab Blüten triebe, als dass Tannhäuser Verzeihung würde. Elisabeth erwartet gemeinsam mit dem Minnesänger Wolfram von Eschenbach die Heimkehr des Pilgers, der schließlich durch die posthume Fürsprache der Geliebten seine Erlösung findet.

Die Bearbeitung des Feierlichen Marsches zum heiligen Gral [10] publizierte Franz Liszt in Wagners Todesjahr 1883—und somit ein Jahr, nachdem dessen letztes Bühnenwerk Parsifal in Bayreuth uraufgeführt worden war. Das Leiden des siechen Königs Amfortas, der im Reiche des Heiligen Grals herrscht, vermag nur ein reiner Tor von der Art des jungen Parsifal zu heilen. Er gelangt in das Reich des Zauberers Klingsor, besiegt denselben und gewinnt so den heiligen Speer zurück, mit dem Amfortas einst verwundet ward und nunmehr Heilung erfährt, worauf Parsifal von ihm die Herrschaft übernimmt, während der heilige Gral enthüllt wird.—Der Feierliche Marsch erklingt im ersten Akt zur Kommunion der Gralsritter. Liszt verwendet in seinem Arrangement das feierliche Motiv der ritterlichen Prozession, das Motiv Parsifals und das Dresdner Amen, das den Gral symbolisiert.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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