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8.572908 - REGER, M.: Organ Works, Vol. 15 - 52 Easy Chorale Preludes: Nos. 16-35 / Monologe: Nos. 1-4 / Postludium in D minor (Rübsam)
English  German 

Max Reger (1873–1916)
Orgelwerke • Folge 15
Monologe op. 63 Nr. 1–4 • 52 leicht ausführbare Vorspiele zu den gebräuchlichsten evangelischen Chorälen op. 67 Nr. 16–35 • Postludium d-moll

 

Einen großen Teil seines musikalischen Interesses verdankte der junge Max Reger seinem Vater, einem Lehrer und begeisterten Amateurmusiker, sowie der frühen Ausbildung bei Adalbert Lindner, dem Organisten von Weiden in der Oberpfalz. Ein Jahr nach der Geburt des Sohnes (1873) war die Familie von Brand nach Weiden gezogen, und hier verbrachte der Knabe seine Kindheit und Jugend. Nach Abschluss seiner schulischen Ausbildung wollte er selbst Lehrer werden; indessen hatte Lindner frühe Kompositionen seines Schülers an seinen einstigen Lehrer Hugo Riemann geschickt, und dieser nahm den jungen Reger zunächst in Sondershausen und dann in Wiesbaden als Schüler bzw. Assistenten an. Der darauf folgende Militärdienst wirkte sich negativ auf Regers körperliche und seelische Befindlichkeit aus. Er kehrte fürs erste ins Elternhaus zurück, wo in der Folgezeit zahlreiche Werke entstanden—darunter eine monumentale Serie von Choralfantasien und anderen Orgelstücken. Viele dieser Kompositionen hat Reger anscheinend mit Blick auf die technischen Fertigkeiten seines Freundes Karl Straube geschrieben, einem bekannten Interpreten dieser Werke.

1901 verlagerte Reger seinen Wohnsitz nach München, wo er während der nächsten sechs Jahre lebte. Die dortige Musikwelt tat sich nicht leicht mit ihm, denn sie sahen in dem Zugereisten einen Verfechter der absoluten Musik und zumindest anfangs einen Gegner der Programmusik, für die die Namen Wagner und Liszt standen. Als Pianist war Reger allerdings erfolgreich, und auf diesem Wege fand er auch für seine eigenen Werke allmählich ein Publikum. In München entstanden unter anderem die Sinfonietta sowie etliches an Kammermusik und die beiden großen Variationswerke über Themen von Bach bzw. von Beethoven, denen in späteren Jahren die bekannten Mozart-Variationen folgten.

1907 kam es zu einer Veränderung in Regers Leben. Er übernahm eine Kompositionsprofessur an der Leipziger Universität, und mit seiner Musik erreichte er inzwischen ein immer größeres Publikum, wobei ihm sein Ruf als ausübender Musiker nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern auch in den Niederlanden und sogar in London und St. Petersburg zugute kam. 1911 verpflichtete ihn der Herzog von Sachsen-Meiningen als Dirigent des von Hans von Bülow etablierten Hoforchesters, wo auch schon der junge Richard Strauss dirigiert hatte. Max Reger blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Meiningen. Die kriegsbedingte Auflösung des Orchesters kam Reger entgegen, denn er hatte ohnehin bereits mit dem Gedanken gespielt, den Posten aufzugeben. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Jena, ohne freilich seine kompositorische und konzertierende Laufbahn aufzugeben. Er starb im Mai 1916, als er auf der Rückreise aus den Niederlanden in Leipzig Station machte.

Die Orgelmusik von Max Reger nimmt im Repertoire eine besondere Stellung ein. Weithin gilt er als der größte deutsche Orgelkomponist seit Bach. Zwar war er selbst katholisch, doch in der lutherischen Tradition fand er einen musikalischen Quell, aus dem er die Inspiration für seine Choralvorspiele, Choralfantasien und andere Werke schöpfte. Die Wertschätzung, die seine Orgelwerke schon zu seinen Lebzeiten erfuhren, ist nicht zuletzt Karl Straube zu verdanken, der wie Reger bei Hugo Riemann studiert hatte und seit 1902 als Organist an der Leipziger Thomaskirche tätig war.

Die zwölf Monologe op. 63 erschienen 1902 in drei Heften zu jeweils vier Stücken von unterschiedlicher Komplexität. Der erste Band ist dem Hannoveraner Organisten Hermann Dettmer gewidmet und beginnt mit einem eindrucksvollen, monumentalen Präludium in c-moll (6/4 – Allegro con moto), das ganz im Zeichen der für Reger typischen Chromatik steht. Eine in Tonart und Stimmung kontrastierende Episode sorgt vorübergehend für Entspannung. Attacca folgt eine vierstimmige Fuge in C-dur (12/8 – Con moto). Das Thema wird im Tenor exponiert und nacheinander in Alt, Bass und Diskant beantwortet und verrät die ganze kontrapunktische Meisterschaft, durch die sich Regers Musik auszeichnet. Im dritten Stück, einer Canzona in g-moll (3/4 – Andante con moto, con espressione), herrscht eine andere Atmosphäre, die nach einem etwas bewegteren Mittelteil auch den Abschluss des Satzes bildet.

Das erste Heft der Monologe endet mit einem Capriccio a-moll (3/4 – Allegro vivace assai), dessen markante Anfangsfigur sogleich kanonisch von der linken Hand beantwortet wird. In einem breiteren Quasi meno mosso kommen die bewegten Ereignisse vorübergehend zur Ruhe, bevor die energische Musik des ersten Teils wiederholt wird.

Die 52 leicht ausführbaren Vorspiele zu den gebräuchlichsten evangelischen Chorälen op. 67 entstanden 1902/03 und wurden im Jahre ihres Abschlusses in Leipzig veröffentlicht. Die drei Hefte bringen die Stücke weitgehend in der alphabetischen Ordnung der Choräle, die ihnen zugrundeliegen.

Die zwanzig Choralvorspiele (Nr. 16–35) des zweiten Bandes widmete Reger dem Organisten und Komponisten Hermann Robert Frenzel. Das Heft beginnt mit einem Präludium über den Choral Ich dank dir, lieber Herre, dessen Text der Basler Lehrer Johann Kolroß (um 1487–1558/60) als Morgengebet verfasste. Reger legt die Melodie in die Oberstimme des ziemlich lebhaft zu spielenden Zwölfachtelsatzes. Ich will dich lieben, meine Stärke bedient sich einer Choralmelodie, die Telemanns Schüler Johann Balthasar König 1738 in Frankfurt am Main veröffentlicht. Wie das vorige Stück im Zwölfachteltakt geschrieben, verbleibt die Melodie hier im Pedal, bis sie in den letzten Takten über einem Tonika-Orgelpunkt von den anderen Stimmen übernommen wird. Das lebhafte Präludium zu Jerusalem, du hochgebaute Stadt verwendet in der Oberstimme eine 1663 erschienene Melodie des Coburger Kapellmeisters Melchior Franck und umgibt diese mit einer bewegten Sechzehnteltextur. Jesu Leiden, Pein und Tod bildet dazu einen recht zarten Kontrast; die Melodie des Weimarer Kantors Melchior Vulpius (Fuchs), die im frühen 17. Jahrhundert veröffentlicht wurde, hat Reger in die Oberstimme gelegt. Langsam ist auch das Vorspiel über Jesus, meine Zuversicht zu spielen. Die Melodie des fleißigen Berliner Komponisten und Kantors Johann Crüger (1598–1662) wird von der rechten Hand vorgetragen. Crüger erfand auch die Weisen zu Jesu, meine Freude und Komm, o komm, du Geist des Lebens: Jene ist in der linken Hand zu einer durch Triolen variierten Sechzehntelbewegung, diese in der Oberstimme zu munterem Figurenwerk zu hören.

Alphabetisch geht es mit Lobt Gott, ihr Christen alle gleich weiter. Das 1554 publizierte Weihnachtslied des böhmischen Kantors Nicolaus Hermann († 1561) lässt Reger im Pedal erklingen—wie anschließend auch das bekannte Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, das mit dem Text von Joachim Neander 1665 im Stralsunder Gesangbuch erschien. Reger beschließt den Satz mit einer kadenzierenden Passage über einem Tonika-Orgelpunkt. Mach’s mit mir, Gott, nach deiner Güt’ verwendet die 1628 veröffentlichte Melodie von Johann Hermann Schein mit einigen Freiheiten für eine meditative Musik. Meinen Jesum laß ich nicht bringt die Melodie des Zittauers Andreas Hammerschmidt, die 1658 herauskam, in der linken Hand zu einer sanft bewegten Zwölfachteltextur. Nun danket alle Gott gehört zu den berühmtesten evanglischen Kirchenliedern und wird dem bereits mehrfach erwähnten Johann Crüger zugeschrieben. Max Reger lässt es in der Oberstimme seines lebhaften Präludiums hören, dem sich mit Nun freut euch, lieben Christen ein weiterer bewegter Satz anschließt, der das bekannte Luther-Lied in der linken Hand präsentiert. In der Oberstimme liegt Nun komm, der Heiden Heiland, Luthers textliche und melodische Adaption des lateinischen Veni, salvator gentium, worauf sich die Melodie des O Gott, du frommer Gott von Ahasuerus Fritsch aus dem Jahre 1679 in ruhigen Zwölfachteln ergeht. Samuel Scheidts O Jesu Christ, meines Lebens Licht von 1650 lässt Reger vom Pedal spielen, Luthers »Agnus Dei« O Lamm Gottes, unschuldig erklingt in der Oberstimme—dann wieder die Melodie des O Welt, ich muß dich lassen, die geistliche Variante von Heinrich Isaacs weltlichem Lied Innsbruck, ich muß dich lassen, deren Phrasenschlüsse leise auf dem Manual der Chororgel nachklingen. Die Crügersche Melodie zu Schmücke dich, o liebe Seele tritt gleichfalls in der Oberstimme hervor. Beschlossen wird das zweite Heft des Opus 67 mit dem langsam dahinschreitenden Vorspiel zu Seelenbräutigam, einer Kreation des Jenaer Kapellmeisters Adam Drese (um 1620–1701), die bei Reger im Tenorregister liegt und die Phrasenschlüsse leise widerhallen lässt.

Das Postludium d-moll aus dem Jahre 1903 ohne Opuszahl bildet in Form und Titel einen passenden Abschluss des vorliegenden Albums.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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