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8.572984 - RODRIGO, J.: Guitar Works, Vol. 2 (Jouve)
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Joaquín Rodrigo (1901–1999)
Musik für Gitarre • Folge 2

 

Joaquín Rodrigo, der Komponist des bekannten Concierto de Aranjuez für Gitarre, ist gewiss einer der großen spanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er setzte die Tradition der romantischen Impressionisten Albéniz, Granados und de Falla fort, war dabei aber zutiefst von der französischen Musik beeinflusst, nachdem er zwischen 1927 und 1932 bei Paul Dukas in Paris studiert hatte. Obwohl er seit seiner Kindheit blind war, hat er an die zweihundert Kompositionen geschaffen—darunter Werke für Orchester und Chor, Ballettmusiken, zahlreiche Konzerte, eine Fülle an Liedern sowie etliche Solostücke für Klavier, Gitarre, Violine, Violoncello und andere Instrumente.

Rodrigos Gitarrenmusik gilt heute als einer der Eckpfeiler des Konzertrepertoires. Im Laufe der Jahre hat der Komponist das spanische Wesen der Gitarre erkundet, womit er der großen Geschichte der Zupfinstrumente Rechnung trug, die bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht. In seinen Gitarrensatz hat er viele Stränge der iberischen Kultur integriert, darunter solche aus Katalonien und Valencia sowie Elemente des Flamenco und des Volksliedes, aber auch andere, die nördlich der Pyrenäen zu Hause sind. So wurden Rodrigos schöpferische Leistungen seit den 1940er Jahren zu einem zentralen Aspekt in der Entwicklung des Instruments.

Rodrigo hat nur etwa 25 Werke für Sologitarre geschrieben. Doch die Bedeutung dieses Schaffens ist weit größer als die bloße Summe der Teile, weil sich darin über die Jahrzehnte hin ein außergewöhnliches Verständnis für die Natur der Gitarre entwickelte. Die Arbeiten reichen von der Zarabanda lejana (»Ferne Sarabande«) aus dem Jahre 1926 bis zu dem abschließenden Beitrag zum Repertoire, den 1987 entstandenen Dos pequeñas fantasías (»Zwei kleine Fantasien«). Oftmals hat Rodrigo jahrelang nichts für Gitarre geschrieben. In diesen Zeiten komponierte er dann unzählige Seiten an Konzerten, Orchester- und Chorwerken, Liedern, Klavierstücken und sonstigen Instrumentalmusiken.

Joaquín Rodrigo war Konzertpianist und hatte während seiner Kindheit auch Geigenunterricht bekommen. Die Gitarre hat er nie gespielt (wenngleich es ein zufälliges Photo gibt, auf dem er mit einer solchen in der Hand zu sehen ist), und daraus könnten sich etliche der technischen Schwierigkeiten erklären, die man in vielen seiner Stücke, nicht zuletzt im Concierto de Aranjuez, findet. Zweifellos waren ihm in seinen Kompositionen die gewöhnlichen Beschränkungen der Gitarre gleichgültig. Wenn er einmal eine bestimmte Klangvorstellung hatte, musste diese auch umgesetzt werden—und wenn die Musiker noch so sehr protestierten. Das galt desgleichen für andere Instrumente. Als Rodrigo das Concierto como un divertimento für den britischen Cellisten Julian Lloyd Webber schrieb und dieser einige Passagen für zu schwer hielt, widersprach der Komponist nicht nur energisch, sondern er fügte, um das Maß voll zu machen, sogar noch ein paar Töne hinzu.

Rodrigos Gitarrenmusik ist äußerst vielfältig und kontrastreich. Er hat keine progressiven Studien oder »einfache« Stücke für Schüler komponiert. Jedes Werk ist ein in sich vollendetes künstlerisches Produkt, mit dem das spanische Nationalinstrument durch erweiterte expressive Möglichkeiten geehrt werden soll. Die Musik reicht von impressionistischen, geographisch inspirierten Vignetten bis zu den anspruchsvolleren Formen der Sonate, den Destillaten traditioneller Tänze und zu solchen Meisterstücken, die ganz eigene Gattungen darstellen.

Es hat längere Zeit gedauert, bis Rodrigos Werke für Sologitarre ihre verdiente Anerkennung erfuhren. Einige Jahrzehnte wurden sie von dem mächtigen Massiv des Concierto de Aranjuez überschattet, doch seit den sechziger Jahren begannen sie sich durchzusetzen, und schließlich entdeckte man in Rodrigo auch einen der großen schöpferischen Gitarrenkomponisten des 20. Jahrhunderts. Was wäre wohl besser geeignet als eine Gesamtaufnahme seiner Gitarrenwerke, um das Vergnügen und das Verständnis für den vorzüglichen Beitrag zu der langen, noblen Geschichte des Instruments noch weiter zu steigern?

Die Toccata war der Welt jahrzehntelang unbekannt, obwohl Joaquín Rodrigo sie gegenüber dem Gitarristen Regino Sáinz de la Maza erwähnte, dem er am 22. Mai 1936 brieflich »nach dem enormen, unvergleichlichen Fiasko der Toccata« ein neues Stück versprach. Erst 2005 fand sich ein Manuskript des Werkes im Archiv des Musikers, und zwar mit der Anmerkung, dass es im August 1933 in Estivella entstanden war.

Bei der Toccata handelt es sich um ein ehrgeiziges, ernstes Werk von rund 300 Takten, das auf elf Seiten notiert wurde. Zunächst gibt es einige wenige Fingersätze (vermutlich des Adressaten), die nach 26 Takten allerdings aufhören. Gleich am Anfang gibt sich die Toccata als äußerst virtuoses Stück zu erkennen, dessen energische Schwungkraft nur von zwei ausdrucksvollen Passagen unterbrochen wird, bevor der stürmische Flug weitergeht.

Diese Komposition ist ihrer Zeit eindeutig weit voraus und wartet auf eine Ära, in der die Gitarrentechnik ähnliche Höhen wie jene der vorzüglichsten Geiger und Pianisten erklimmen würde. Seit ihrer Entdeckung wurde die Toccata ein internationales Repertoirestück, das etliche bedeutende Gitarristen aufgeführt und aufgenommen haben. Ein Werk, das einst für den Musiker wie für das Instrument zu schwer schien, hat durch die kraftvolle Fantasie seines Komponisten triumphiert und einen Platz unter den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts gefunden.

Invocación y Danza (Homenaje a Manuel de Falla) wurden 1961 in Paris beim Coupe International de Guitare mit dem Ersten Preis ausgezeichnet und sind dem großen venezolanischen Gitarristen Alirio Díaz gewidmet. Das französische Magazin Combat lobte die »Sanglichkeit und Poesie sowie die mediterrane Finesse und elegante Schreibweise« des Werkes. Jahrelang schien es den Interpreten des Stückes angebracht, an bestimmten Stellen in Rodrigos Notentext einzugreifen, um so mancherlei technische Probleme zu vereinfachen. Der Solist der vorliegenden Aufnahme fand zu den ursprünglichen Absichten des Komponisten zurück, um getreulich Geist und Buchstaben der Musik zu erfüllen.

Die Invocación entwickelt sich von den Flageoletts und bruchstückhaften Arpeggien des Anfangs zu einem äußerst kunstvollen Gebilde aus Melodien und Akkordbrechungen, in denen sich delikate Wirkungen, Klarheit und Komplexität miteinander verbinden. Bei der Danza handelt es sich um einen andalusischen Polo—womöglich eine Erinnerung an das letzte der Sieben spanischen Volkslieder, die Manuel de Falla komponiert hat. Den rhythmischen Anfangstakten folgen Passagen aus technisch schwierigen Tremoli und brillanten Zweiunddreißigstel-Folgen. Die Tremoli werden schließlich in einem ausgedehnten Abschnitt wieder aufgegriffen. Den Abschluss des Stückes bilden sparsame Flageoletts, eine ebenso flüchtige wie aussagekräftige Anspielung auf ein Thema aus de Fallas Ballett El Amor Brujo und ein letztes, murmelndes Arpeggio. Struktur und Stimmungswechsel sind ein eindrucksvolles Beispiel für Rodrigos kreative Fantasie.

Die Zarabanda lejana (»Ferne Sarabande«) aus den zwanziger Jahren ist der Vihuela des Luis Milán gewidmet und eine Hommage an das goldene Zeitalter der spanischen Renaissance. Das Andante quasi adagio beginnt mit drei Takten, in denen nichts als ein A (auf der sonoren vierten Saite) zu hören ist. Dann folgen gewichtige D-dur-Akkorde, denen die acciaccatura h-a auf der obersten Saite ihre besondere Note verleiht. Die scheinbare Einfachheit täuscht darüber hinweg, wie schwer es ist, die kunstvollen Akkordwechsel und die Artikulation der Melodie in einem weichen Legato auszuführen. Die Sarabande vereinigt den würdevollen Tanz mit der Harmonik des 20. Jahrhunderts, die Rodrigo mit feinem Gespür beherrschte. Als das erste Gitarrenstück des Komponisten war sie ebenso erfolgreich wie in der Bearbeitung für Klavier und der Einrichtung für Streichorchester.

Man hat die Pastorale aus Joaquín Rodrigos Lehrjahren mit den canciónes des Katalanen Federico Mompou verglichen. Gleichwohl ist eine zarte, an Mozart oder Schubert gemahnende Atmosphäre unverkennbar. Schließlich ist das Stück nach Rodrigos Worten »in der Art einer Ekloge aus dem 18. Jahrhundert« und »mehr oder weniger vom Frühling inspiriert, der bekanntermaßen sehr viele Komponisten angeregt hat.« Die Pastorale ist eine beliebte Zugabe spanischer Pianisten. Jeremy Jouve spielt es hier in seiner eigenen Bearbeitung für Gitarre.

Pájaros de Primavera (»Frühlingsvögel«) ist eines von lediglich zwei Stücken, die Rodrigo im Jahre 1972 komponierte. Es ist Take Takahashi gewidmet, der Gemahlin des japanischen Augenarztes Dr. Isao Takahashi, der sich in seiner Heimat für die Verbreitung der Gitarre engagierte. Die Musik beschwört den Flug der Mauersegler, deren Flattern sich in den Ornamenten des Anfangs bricht. Wenngleich Rodrigo ansonsten kaum einmal in langen Tremolo-Wirkungen schwelgt, bilden die melodischen Tremoli ein auffallendes Element dieses ungemein konzentrierten, von köstlichen Effekten erfüllten Stückes, das den Komponisten von seiner gesanglichsten Seite zeigt.

Der Tiento antiguo (1947) ist dem deutschen Gitarristen Siegfried Behrend gewidmet und wurde zehn Jahre nach seiner Entstehung von Bote & Bock publiziert. Pepe Romero zufolge sollte das Stück die Musik der Vihuela beschwören, die freilich weniger deutlich zu vernehmen ist als der Klang und die Technik der modernen Gitarre und des Flamenco. Man könnte diesen Tiento als ein Experimentieren mit den Klangmöglichkeiten des Instruments bezeichnen. Dabei treten zwei Elemente hervor, die für Rodrigos solistische Gitarrenmusik typisch sind: der schöne Einsatz von Arpeggien und die akzentuierte, an den Flamenco erinnernde Diskantstimme, in der der Komponist eine äußerst begrenzte Zahl von Tönen verwendet. Die Musik bezieht ihre Wirkung aus konzentrierten Stimmungen und dem nostalgischen Gefühl, das der Titel andeutet. Nach einigen Jahren der Abstinenz fand Rodrigo mit diesem Stück zu den Klängen und der Technik der Gitarre zurück. Zuvor hatte er En los trigales (1938) sowie das 1940 uraufgeführte Concierto de Aranjuez geschaffen.

Die drei Pequeñas piezas erschienen 1963 in der Ausgabe von Regino Sáinz de la Maza. Der Komponist betonte den »entschieden spanischen Tonfall« der drei kleinen Stücke und meinte, es sei wichtig, »dass man hin und wieder die Entwicklung der komplizierten Gitarrentechnik sollte ruhen lassen, um auch jungen Gitarristen Mut zu machen.«

Das erste Stück ist die Bearbeitung des Weihnachtsliedes Ya se van los pastores (»Dort gehen die Hirten«). Widmungsträger ist Heitor Villa-Lobos. Die Melodie wird über eckige Ostinato-Fragmente gesetzt, wodurch die Schlichtheit des Originals in einen dissonanten, verstörenden Kontext gerät und das Bekannte ein bisschen bedrohlich klingt.

Das Adagio Por caminos de Santiago (»Auf den Wegen von Santiago«) beginnt mit gebrochenen Intervallen und wiederholten Phrasen. Daraus resultiert ein Gefühl der Verschiebung und Entfremdung—doch aufgrund der Spielanweisung »nostálgico« könnte man annehmen, dass sich Rodrigo hier an eine Zeit erinnerte, als die Musik noch eine lieblichere, weniger befremdliche Sprache singen konnte.

Pequeña sevillana ist ganz anders. Diese überaus charmante Miniatur mit ihrem ehrwürdigen Mittelteil (lento e cantabile) muss sich keine Gedanken um die Atonalität machen, sondern vermittelt auf unvergessliche Weise den Flamenco-Geist der Sevillanas.

1980 komponierte Rodrigo das Stück Un tiempo fue Itálica famosa (»Itálica war einst berühmt«), das er Angel Romero widmete und das 1989 von Schott veröffentlicht wurde. Wie Victoria Kamhi, die Frau des Komponisten, zu berichten wusste, entstand das Stück, nachdem eine Phase der schöpferischen Stagnation und Niedergeschlagenheit überwunden worden war. Indirekt könnte Rodrigo auch auf sein eigenes Alter angespielt haben, während er seine Fantasie über alte Zivilisationen, den Niedergang alter Reiche und die Vergänglichkeit alles menschlichen Beginnens schweifen lässt.

Der Titel bezieht sich auf die historische Stadt Itálica, die Scipio Africanus im Jahre 206 v. Chr. einige Kilometer nordwestlich des späteren Sevilla für die Veteranen des zweiten punischen Krieges bauen ließ. Hier wurden die Kaiser Trajan, Hadrian und Theodosius geboren. Im zweiten nachchristlichen Jahrhundert erlebte Itálica den Höhepunkt seines Ruhmes, bevor es im 5. Jahrhundert von den Barbaren gebrandschatzt und dann durch die Mauren noch weiter zerstört wurde.

Die Trümmer der alten Stadt wurden zum Teil für den Aufbau Sevillas benutzt. Heute kann man noch ein System gepflasterter Straßen, die Reste des Stadttores, ein Forum, einen Mosaikfußboden und ein Amphitheater sehen.

Un tiempo fue Itálica famosa ist ein exquisites und äußerst leidenschaftliches Solo, das dem Spieler ein hohes Maß an Virtuosität abverlangt. Viele dunkle Emotionen begegnen sich hier, wo auch die Geheimnisse der Zeit und des Todes zu spüren sind. Unter der musikalischen Oberfläche verbirgt sich eine Phantasmagorie, da Vergangenheit und Gegenwart im musikalischen Schaffensprozess miteinander verschmelzen. Das Stück gliedert sich in die zwei Abschnitte Lento-Allegretto und Allegro moderato (ritmico), wobei der erste Teil als Coda wiederholt wird. Das Lento enthält Elemente der Tarantas, eines Flamenco-Stils aus dem spanischen Bergbaugebiet, sowie eine Vielzahl rascher Skalenläufe. Das Allegretto ist demgegenüber akkordisch gestaltet. Wilde, repetitive Dissonanzen entfalten eine grausam-wehmütige Nostalgie, bevor sich erneut Skalen und Arpeggien zusammenballen. Das Allegro moderato beschwört die Sevillanas mit ihrer typischen Mischung aus prasselnden Akkorden und einfachen melodischen Passagen. Besonders schwierig ist das Finale mit seinen äußerst schnellen Tonleitern.

Die lyrische Cançoneta entstand 1923 für Violine und Orchester. Jeremy Jouve stellt das frühe Stück hier in seiner eigenen Gitarrenbearbeitung vor. Für Rodrigo war es »die liebenswürdige, poetische Aura der Mittelmeerregion«. Nach den Worten des Dirigenten Raymond Calcraft zeigt die »nostalgische Lyrik und die perfekte Form auch dieses kleinen Werkes, dass ein außergewöhnliches Talent mit einer individuellen Stimme die Szene der Musik betreten hatte.«


Graham Wade
Deutsche Fassung: Cris Posslac
Graham Wade ist der Autor von Joaquín Rodrigo, A Life in Music: Travelling to Aranjuez 1901-1939; Joaquín Rodrigo: Concierto de Aranjuez und Distant Sarabandes: The Solo Guitar Music of Joaquín Rodrigo.


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