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8.573027 - BACH, W.F.: Keyboard Works, Vol. 4 - Keyboard Sonatas, Fk. 1b, 3 and 202 / Concerto for 2 Harpsichords, Fk. 10 (J. Brown, Baird)
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Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784)
Werke für Cembalo • 4

 

Vier Kinder von Johann Sebastian Bach schlugen erfolgreiche Karrieren als Berufsmusiker ein. Sie waren allesamt Clavier=Spieler und schrieben demnach gehörige Quantitäten an Musik für Tasteninstrumente—mithin für Cembalo, Orgel, Clavichord und Fortepiano. Auch Wilhelm Friedemann leistete darüber hinaus wichtige Beiträge zur Kammermusik sowie zum Orchester und Vokalrepertoire.

Wilhelm Friedemann wurde am 22. November 1710 in Weimar als Johann Sebastian Bachs ältester Sohn geboren. Der Vater widmete sich mit großer Sorgfalt seiner musikalischen Ausbildung, wie aus dem berühmten Clavierbüchlein vor Wilhelm Friedemann Bach ersichtlich, das Johann Sebastian Bach 1720 handschriftlich zur Instruktion seines damals zehnjährigen Sprösslings zusammenstellte. Interessanterweise enthält das Manuskript mehrere kontrapunktische Arbeiten, die Friedemann gemeinsam mit seinem Vater verfasste.

Unsere Kenntnisse über Friedemanns Leben, Charakter und Stil sind zwar lückenhaft, doch wir wissen, dass er an der Universität von Leipzig Mathematik, Philosophie und Jura studierte, bei Johann Gottlieb Graun in Merseburg im Geigenspiel unterwiesen wurde und dem Vater bei den privaten Musikstunden, der Probenarbeit und der Notenkopiatur half. Seinen ersten Posten erhielt er 1733, als ihn die Dresdner Sophienkirche zu ihrem Organisten machte. Während dieser Zeit lernte er das Leben bei Hofe, die Oper und das Ballett kennen. 1746 kam er an die Hallenser Liebfrauenkirche. Inzwischen galt er weithin als der beste Organist Deutschlands, und in seinen Improvisationen sah man die letzten Überbleibsel der barocken Orgeltradition. Seine Kantaten entstanden in diesen Jahren, in denen es zu seinen Obliegenheiten gehörte, die drei Hauptkirchen von Halle mit orchestralen Werken zu versorgen. Es war dies die letzte offizielle Anstellung Bachs. 1770 ging die Familie nach Braunschweig, und 1774 findet man Wilhelm Friedemann in Berlin. Was genau er in den zehn Jahren zwischen dem Abschied aus Halle und der dauerhaften Übersiedlung nach Berlin getan hat, ist nicht bekannt. Es ist möglich, dass er als reisender Virtuose unterwegs war, um auf ausgedehnten Konzertreisen Geld und Ruhm zu erwerben.

Wilhelm Friedemann Bach gehört zu den großen Komponisten, die zwischen den Epochen des Barock und der Klassik wirkten. Während der zwanziger und dreißiger Jahre des 18. Jahrhunderts veränderten sich der musikalische Geschmack und die pädagogische Philosophie. Dieser Wandel schlug sich in einer Abkehr von der kontrapunktischen Schreibweise und der Hinwendung zu einer galanten Diktion nieder, die melodisch gefälligere, und technisch anspruchslosere Ausdrucksweisen bevorzugte. Friedemann hielt einerseits an der Kontrapunktik fest, setzte sich andererseits aber auch mit den neuen Gedanken auseinander und verlieh diesen eine entschieden virtuose Note. Er war ein bekannter Improvisator, der seine musikalischen Einfälle vermutlich am Clavier entwickelte. Johann Nikolaus Forkel bedauerte, »dass er mehr fantasirte bloß in der Fantasie nach musikalischen Delicatessen grübelte, als schrieb.« Seine originellsten Kreationen dürfte er wohl extemporiert haben, weshalb sie selbstredend nicht erhalten blieben.

Wilhelm Friedemann hat etliche Sonaten geschaffen, deren Zahl sich freilich mit dem entsprechenden OEuvre seines jüngeren Bruders Carl Phillip Emanuel nicht vergleichen lässt. Die Clavier-Sonate war relativ neu, und Friedemann gilt als eine der wichtigen Figuren bei der Entwicklung dieser Form, mit der er sich von den zwanziger Jahren bis in seine Reifezeit befasste (Hubert Parry bezeichnete die Sonate D-dur im ersten Grove Dictionary als die signifikanteste Sonate vor Beethoven). Zusammen mit den Fantasien und Polonaisen stellen die Sonaten Wilhelm Friedemanns Hauptwerke dar. Sie prägten seine kompositorische Entwicklung und seinen Stil und trugen erheblich zu seiner Reputation im 18. Jahrhundert bei. Diese Werke richteten sich durchweg an Kenner und stellen dementsprechend recht oft die höchsten spieltechnischen Ansprüche.

Bei der Sonate F-dur (F 202, BR A 10) handelt es sich vermutlich um ein Frühwerk. Ihre thematische Substanz ist zumindest teilweise dem Italienischen Konzert des Vaters entnommen. Das Stück beginnt mit einem Allegro in Sonatenhauptsatzform. Die schöne Siciliana ist eine leicht abgewandelte Version des Mittelsatzes aus Friedemanns Flötensonate e-moll, die auch komplett als Clavierfassung existiert. Das brillante Presto beginnt mit einem synkopierten, von Oktavsprüngen durchsetzten Hauptthema.

Die Sonate C-dur (F 1b, BR A 2a) ist in zwei Versionen überliefert. Die hier vorliegende Frühfassung enthält als Mittelsatz ein kurzes, zehntaktiges Grave, das die beiden Ecksätze miteinander verbindet. In der späteren Variante hat der Komponist dieses Grave durch zwei Menuette ersetzt, wohingegen die beiden äußeren Sätze praktisch unverändert blieben. Die originelle Harmonik, die verschiedene Abschnitte des Allegro-Kopfsatzes kennzeichnet, erzeugte Friedemann durch chromatische Schritte in der Mittelstimme und im Bass. Die Sonate endet mit einem energievollen Dreiachtel-Vivace.

Eine der bekanntesten Kompositionen Wilhelm Friedemanns war und ist die Sonate F-dur für zwei Tasteninstrumente (F 10, BR A 12). Diese mitunter als Konzert bezeichnete Sonate beginnt mit einem voll ausgeführten Hauptsatz. Den Auftakt bildet ein synkopiertes Hauptthema, dem sich ein kontrastierendes Nebenthema sowie eine gehaltvolle Durchführung anschließen. Kürzer gefasst ist das nachfolgende, lyrisch schöne Andante. Das brillante Finale wirkt wie ein orchesterbegleitetes Solokonzert, in dem sich nach der Art der Ritornell oder Rondo-Form Tuttipassagen und solistische Episoden abwechseln, die deutlich an Johann Sebastian Bach erinnern. Da dieser selbst mehrere Kopien des Werkes angefertigt hat und eine im späteren 18. Jahrhundert entstandene Abschrift dasselbe als eine seiner Kompositionen bezeichnete, war man sich zeitweilig über den wirklichen Autor nicht einig. Johannes Brahms publizierte das Konzert 1864 unter Friedemanns Namen, während die Bach-Gesellschaft es Ende des 19. Jahrhunderts in ihre Gesamtausgabe aufnahm.

Die Sonate D-dur (F 3, BR A 4) war Wilhelm Friedemanns erste Veröffentlichung, fand bei den Liebhabern, denen sie zugedacht war, jedoch keinen sonderlichen Anklang. Sie war technisch zu kompliziert und in ihrer Ausdrucksweise vermutlich auch zu persönlich, als dass sie den durchschnittlichen Clavierspieler hätte anziehen können. Sie sollte den Auftakt zu einer sechsteiligen Sonatenserie sein, die allerdings nie gedruckt wurde. Das großdimensionierte, komplexe und schwierige Werk sollte vermutlich ein Meilenstein in der Geschichte der Klaviersonate werden. Friedemann hat hier auf meisterhafte Weise eine dreistimmige Polyphonie in die moderne Sonatenform integriert und die raffinierte Harmonik des kontrapunktischen Satzes mit Vorhalten, chromatischen Schritten, Fermaten und Trugschlüssen angereichert. Das zentrale Adagio ist durch seine vielfachen Modulationen harmonisch besonders verwirrend. Der dritte Satz erinnert an eine Gigue im Zwölfachteltakt.

Die meisten Sonaten Friedemanns wurden seinerzeit handschriftlich verbreitet. Im Druck erschienen nur zwei Stücke. Diese Sonaten enthalten einige seiner besten Einfälle, überraschen durch jähe Gegensätze und plötzliche Wechsel und verbinden auf faszinierende, originelle Weise stilistische Elemente der vorherigen Generation mit den Merkmalen der eigenen Zeit. Friedemann verwendet in seinen idiomatischen Klaviersätzen durchweg polyphone Imitationen und komponiert eine spielerisch-fantastische, leidenschaftlich belebte Musik, die zugleich strukturiert und frei ist. Für welche Tasteninstrumente die Werke gedacht waren, wissen wir nicht. Sie lassen sich auf den verschiedensten Bauarten spielen, und wofür man sich auch entscheiden mag—die Musik wird nie öde, sondern ist vielmehr oft genug sowohl für die Ausführenden wie auch für die Hörer eine Herausforderung. Cembalo, Clavichord und Fortepiano verleihen Wilhelm Friedemann Bachs überaus originellen Werken ihren unverwechselbaren und eigentümlichen Ausdruck.


Julia Brown
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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