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8.573040 - HOFFMEISTER, F.A.: Flute Concertos, Vol. 2 - Nos. 16, 17 and 22 (B. Meier, Prague Chamber Orchestra)
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Franz Anton Hoffmeister (1754–1812)
Flötenkonzerte Nr 16, Nr 17 und Nr 22

 

Der 1754 in Rottenburg am Neckar geborene Franz Anton Hoffmeister war eine pragende Gestalt im Musikleben seiner Zeit. Seit 1768 in Wien ansassig, studierte er zunachst Jura, bildete sich daneben aber musikalisch weiter und trat 1778 als Kapellmeister in die Dienste des Grafen Szecsenyi ein, worauf er drei Jahre in Ungarn verbrachte. 1784 grundete Hoffmeister in Wien einen eigenen Musikverlag, zu einer Zeit, als das Musikverlagswesen in Wien noch in seinen Kinderschuhen steckte. Trotz einiger geschaftlicher Ruckschlage avancierte er schlieslich zu einem der bedeutendsten Verleger Wiens; in seinem Verlag erschienen zahlreiche Werke seiner Wiener Zeitgenossen. Er war, neben Artaria, auch der Hauptverleger des ihm freundschaftlich verbundenen Mozart, dessen Klavierquartett KV 478 bei ihm erschien (was sich allerdings als finanzielles Fiasko erweisen sollte). Auch zu dem jungen Ludwig van Beethoven unterhielt Hoffmeister Geeschaftsbeziehungen, dessen „Sonate pathétique“ op. 13 in Hoffmeisters Wiener Verlag publiziert wurde. 1798 wolllte sich Hoffmeister wieder auf seine Tatigkeit als Musiker konzentrieren: eine Konzertreise mit dem Flotisten Franz Thurner fuhrte ihn jedoch auch nach Leipzig, wo er mit dem dortigen Organisten der Katholischen Hofkirche, Ambrosius Kuhnel, eine neuen Verlag, das Bureau de Musique, grundete, aus dem spater der beruhmte Peters-Verlag hervorging. Fortan pendelte Hoffmeister zwischen beiden Stadten. Mit der Publikation von Beethovens erster Symphonie und von dessen Septett erzielte der neue Verlag einen Coup. Aber auch die Aufnahme von Werken bereits verstorbener Komponisten—eine absolute Seltenheit in dieser Zeit und eine zukunftsweisende Unternehmenspolitik—gehort zu den Charakteristika des Verlags. Auf besonderes Interesse sties dabei, neben Quartetten von Haydn und weiteren Werken Mozarts, die Edition der Klavierwerke Bachs. 1806 zog sich Hoffmeister aus dem Verlagswesen zuruck und wirkte seine letzten Lebensjahre als Komponist.

Als Komponist war Hoffmeister von einer unglaublichen, an Joseph Haydn erinnernden Produktivitat. Das Gros seines OEuvres widmete er der Instrumentalmusik. Der Werkkatalog listet neben 66 Sinfonien zahlreiche Solokonzerte auf, wobei die Flote mit 25 Gattungsbeitragen hier die zentrale Rolle einnimmt. Aber auch auch eher seltene Soloinstrumente wie Kontrabas, Harfe, Viola dʼamore, Flauto dʼamour lassen sich finden. Hinzu kommt noch eine schier unuberschaubare Zahl von Kammermusikwerken, die Hoffmeisters Ruf fruh festigten und bald in Drucken in ganz Europa kursierten. Auch hier fallt die Vielfalt und Originalitat der Besetzungen auf (beispielsweise Streichquartette fur Violine, 2 Violen und Violoncello). Eine quantitativ herausragende Rolle spielen auch hier Werke fur Flote in unterschiedlichen Besetzungskombinationen, primar jedoch als Quartette fur Flote und Streicher. Demgegenuber trat die Vokalmusik eher in den Hintergrund. Seine Buhnenwerke—deutschsprachige Singspiele– wurden allesamt in Wien uraufgefuhrt. Die 1795 auf einem Text von Schickaneder uraufgefuhrte grose heroisch-komische Oper „Der Konigssohn von Ithaka“ gelangte dabei zu einiger Bekanntheit und wurde auch in anderen Stadten nachgespielt.

Die drei auf dieser CD als Weltersteinspielungen vorgelegten Flotenkonzerte lagen bereits zu Lebzeiten des Komponisten im Druck vor. Das wohl deutlich vor 1800 entstandene C-Dur-Konzert wurde 1803 von dem Offenbacher Musikverlag Johann Andre als „Seizième Concerto pour Flûte“ Hoffmeisters publiziert. Andre war eines der fuhrenden Verlagshauser seiner Zeit; 1799 hatte Andre den musikalischen Nachlas Mozarts von dessen Witwe Constanze erworben und wurde so zum bedeutendsten Verleger Mozarts im fruhen 19. Jahrhundert. Der Grundcharakter des Konzertes wird von der grosen Besetzung unter Einbeziehung von Trompeten und Pauken getragen, die dem Konzert einen festlichen Glanz verleihen, der jedoch nicht militarisch wirkt, da die Trompeten sich nicht in den Vordergrund drangen. Die Struktur des Hauptmotivs mit seinem Quart- Auftakt und den schliesenden Achtel-Repetitionen pragt in ungewohnlicher Weise den ganzen Kopfsatz. Zwar wurde es zu weit fuhren, von Monothematik im Sinne Haydns zu sprechen, unbestreitbar jedoch lassen sich mehrere der im Satzverlauf erscheinenden Themen auf das Hauptthema zuruckfuhren. So wird Geschlossenheit, Einheit herbeigefuhrt. Bei aller scheinbaren Konventionalitat uberraschen jedoch, wie fast immer im OEuvre Hoffmeisters einige kompositorische Details. Wie im nachsten Konzert auch, erscheint das Seitenthema des Solisten in der Exposition nicht; umgekehrt ist der dort exponierte Seitengedanke dem Orchesterritornell vorbehalten. Von ungewohnlicher, beinahe Mozart-naher Tiefe prasentiert sich der dreiteilige langsame Satz mit der im 18. Jahrhundert eher seltenen Tempoangabe „Adagio“. Die Wahl der Tonart c-Moll als Topos fur Tragik bestimmt den tragischen Grundgestus des Satzes, der auf die Trompeten verzichtet. Kontrastierend hierzu hellt sich der Mittelteil nach Es-Dur auf. Aber auch hier wird die Idylle unterbrochen durch rezitativische, rhythmisch punktierte Einschube in altertumlichen Stil, die den Satz schlieslich in die Ausgangstonart zuruckfuhren. Erwartungsgemas unkompliziert prasentiert sich hingegen das Finale, das nun wieder die volle Orchesterbesetzung vorsieht. Ein tanzerisches, Gavotte-artiges Rondothema pragt den heiteren Grundcharakter des Satzes, den auch eine a- Moll-Episode nicht truben kann. Hoffmeisters kompositorische Meisterschaft zeigt sich in vielen Details, so wenn er die Violinen in einen Dialog mit dem Soloinstrument treten last.

Das zweite auf dieser CD vorgestellte Konzert verbindet trotz aller Differenzen im Detail doch Einiges im grosformalen Aufbau mit dem Vorgangerwerk. Das in Hoffmeisters eigenem Verlags-Katalog als Konzert Nr 22 bezeichnete G-Dur-Konzert entstand spatestens 1793, als es erstmals angezeigt wurde. Ein Jahr spater erschien das Werk, nun als „ Concerto per Flauto Principale…, Nr 1“ tituliert, auch als Stimmendruck beim Wiener Verleger Artaria—ein von Hoffmeister haufig praktiziertes Verfahren. Die typischen Charakteristika der Hoffmeisterschen Konzerte begegnen uns auch in diesem G-Dur-Konzert. Erstaunlich ist wiederum der schiere Umfang des Kopfsatzes mit seiner in manchen Details an Haydn gemahnenden umfangreichen Orchestereinleitung, in dem drei Themen exponiert werden. Wie in jedem seiner Konzerte, gelingt es Hoffmeister trotz aller voraussehbaren Elemente—vor allem dem blockhaften Aufbau in der Abfolge der Orchesterritornelle und Soloteilen, ferner der exponierten Virtuositat des Soloparts—doch immer wieder, uberraschende Elemente einzubauen. So bleibt beispielsweise, ahnlich wie wir es im Konzert Nr 16 beobachten konnten, das im Orchesterritornell vorgestellte zweite, marschartige Thema nur dem Orchester vorbehalten, wahrend der Solist in seinem ersten Solo ein eigenes Seitenthema vorstellt, das wiederum ausschlieslich diesem zugewiesen ist. Die Durchfuhrung schlieslich exponiert nicht nur, wie man erwarten kann, die virtuosen Fahigkeiten des Solisten, sondern beruhrt auch entlegene tonale Bereiche. Besonders herausstechend ist hier die e- Moll-Episode, die auch ein neues, auftaktiges Thema vorstellt und auch noch in die Reprise hineinwirkt. Diese Moll-Episode verweist bereits auf den zweiten Satz, der wie eine grose Gesangsszene bogenformig in ABA-Form angelegt ist. Das im Duktus eines Trauermarsches gehaltene g-Moll-Thema pragt die dustere Grundstimmung des Satzes, das sich nur im Mittelteil ins parallele B-Dur aufhellt. Diese Grundstimmung wird mit dem unbeschwerten Schlussatz weggewischt, der zwar als „Rondeau“ bezeichnet ist, aber als Variationen-Rondo angelegt ist, wobei das sechzehn-taktige, in seinem schlichten Volkslied-Charakter an Mozarts Papageno- Sphare erinnernde Thema des Soloinstrumentes jeweils von einem achttaktigen Orchesterrefrain beantwortet wird. In den Variationen darf der Solist alle seine instrumentale Kunst unter Beweis stellen. Die vierte Variation aber schlagt durch die Eintrubung nach e-Moll wiederum den Bogen zuruck zum Kopfsatz. Die letzte Variation schlieslich fuhrt den Satz nach allen hochvirtuosen Figurationen wieder in die Urgestalt des Themas zuruck.

Das dritte auf unserer CD vorgestellte Werk ist deutlich fruher entstanden, wurde ebenfalls von Andre—als OEuvre III – publiziert. Mit dem Konzert Nr 22 verbindet es die kleinere Besetzung; zu den Streichern gesellen sich lediglich Oboen und Horner. Schon aus den vorangehenden Konzerten bekannte Kompositionsmerkmale treten auch in diesem fruheren Werk bereits in den Vordergrund und lassen so moglicherweise auf einen Personalstil Hoffmeisters schliesen, wenngleich fur eine solche Bewertung naturlich eine Sichtung seines fast unuberschaubar grosen Werkes vonnoten ware. Und doch sticht dieses Konzert aus routinemasiger „Massenproduktion“ deutlich heraus. Das liegt an der auserst originellen und witzigen Orchestereinleitung des Kopfsatzes, in der sich womoglich Hoffmeisters Kenntnis des Werks Joseph Haydns spiegelt. Der Satz scheint erwartungsgemas zu beginnen: ein typisches kantables Thema, streng in der Tonart D-Dur verharrend (wie die meisten von Hoffmeisters Kopfthemen kommt es zur Ganze ohne Vorzeichen aus) gerat plotzlich ins Stocken, wird tastend und zogernd, bricht schlieslich ab, als wenn der Komponist nicht weiter wuste, sich uber die endgultige Themengestalt noch im Unklaren ware. Ein zweites Mal setzt das Thema an, noch fruher verliert es sich wieder, zerbroselt formlich. Nun erst fahrt das Tutti im forte dazwischen, bringt den Satz auch tonal voran. Aber die Gewissheit ist auch nun noch trugerisch; dasselbe „Spiel“geschieht beim Seitenthema, Generalpausen unterbrechen die sich entfaltende thematische Gestalt. Erst wenn der Solist einsetzt, erscheint das Hauptthema in seiner Gestalt gefestigt und der Satzverlauf kann in Gang kommen. Der zweite und dritte Satz bewegen sich hingegen im Rahmen des aus den beiden anderen Konzerten her bereits Bekanntem. Jedoch darf der langsame Satz mit seinem ins Moll eingetrubtem Mittelteil als ein kleines Juwel gelten, wahrend das Kehraus-Finale wieder ein unbeschwertes Variationen-Rondo bildet, das dem Solisten die Moglichkeit, alle virtuose Register zu ziehen, bietet.


Stephan Hörner


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