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8.573048 - DAVID, F.: 20 Virtuoso Studies / 6 Caprices, Op. 9 (Kuppel)
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Ferdinand David (1810–1873)
Werke für Violine solo

 

Ferdinand David wurde 1810 in Hamburg als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Das Wunderkind nahm mit dreizehn Jahren in Kassel sein Studium bei Louis Spohr und Moritz Hauptmann auf. Zwei Jahre später ging er mit seiner Schwester Louise (die später als Madame Dulcken in London eine erfolgreiche pianistische Solokarriere machte) auf Reisen. Von 1826 bis 1829 war er Geiger im Königstädtischen Theater zu Berlin, wo er sich mit Felix Mendelssohn anfreundete. Die Jahre 1829–1835 verbrachte Ferdinand David im estnischen Dorpat als Primarius eines privaten Streichquartetts, das der Landrat Karl von Liphart unterhielt. Dessen Tochter Sophie nahm David später zur Frau.

Von Dorpat aus unternahm David Konzertreisen nach St. Petersburg, nach Riga und Moskau. 1835 erhielt er im Leipziger Gewandhausorchester, das von Felix Mendelssohn geleitet wurde, die Stelle des Konzertmeisters. Als solcher wirkte er auch im Theater der Stadt. 1836 präsentierte er sich als Kammermusiker und Solist der Philharmonic Society mit großem Erfolg in England. Drei Jahre später konnte er bei einem weiteren Besuch der Insel mit Ignaz Moscheles musizieren, dessen Frau Charlotte seinerzeit befand, ihr Gemahl habe in David einen kraftvollen Kollegen der deutschen Schule gefunden, den er dem englischen Publikum voller Stolz vorstellen könne. Mit der Gründung des Leipzigers Konservatoriums übernahm Ferdinand David 1843 die Violinklassen. Einer seiner ersten Schüler war Joseph Joachim.

1838 hatte Mendelssohn den Kollegen wegen eines geplanten Violinkonzerts angesprochen. Während des Kompositionsprozesses fragte er David häufig um Rat—noch kurz vor der Publikation, in einem Brief vom 17. Dezember 1844, wollte er geklärt wissen, ob bestimmte Passagen ratsam und überhaupt spielbar seien. Die Uraufführung fand im März 1845 in Leipzig statt. Ferdinand David war der Solist.

David interessierte sich sehr für die ältere Musik. Im Februar 1840 brachte er die Chaconne aus Bachs d-moll- Partita zu Gehör: Es war dies gewissermaßen die erste Wiederaufführung seit dem Tode des Komponisten, wobei das Stück mit einer Klavierbegleitung von Felix Mendelssohn gespielt wurde. Nach dessen Tod wurde Ferdinand David angeboten, die Manuskripte des Verblichenen mit herauszugeben. Seine dirigentische und editorische Arbeit überlagerte allmählich seine Karriere als Geiger. Er brachte die Musik von Kreutzer, Rode, Fiorillo, Paganini und anderen in vorzüglichen Ausgaben heraus, die heute zum Teil noch gedruckt werden. Zudem war er ein fleißiger Komponist. Er schrieb fünf Violinkonzerte, ein Streichquartett, ein Streichsextett, eine Oper, zahlreiche Werke für Solostreicher und etliche Lieder. Besonders berühmt ist seine Hohe Schule des Violinspiels, eine der bekanntesten Geigenschulen, die je geschrieben wurden. Im Juli 1873 erlag Ferdinand David im schweizerischen Klosters, wo er gerade mit seinen Kindern die Ferien verbrachte, einem Herzschlag.

Ignaz Moscheles (1794–1870), dessen Studien für das Pianoforte zur höhern Vollendung bereits gebildeter Klavierspieler bestehend aus: 24 characteristischen Tonstücken in den verschiedenen Dur- und Molltonarten op. 70 Ferdinand David als Vorlage seiner zwanzig Studien dienten, wurde in Prag geboren und stammte gleichfalls aus einer wohlsituierten jüdischen Familie. Er war einer der großen Pianisten des 19. Jahrhunderts und widmete sich sein Leben lang der Komposition. Dabei war das Klavier sein bevorzugter Schaffensbereich, wenngleich er sich in vielen Genres betätigte. 1846 erhielt er am Leipziger Konservatorium die »Oberleitung des Pianoforte- Studiums«, der Ausbildung im Vortrag und der »Pianoforte- Composition«. Wie Ferdinand David verbrachte er den Rest seines Lebens an diesem Lehrinstitut.

Sein Opus 70 entstand im Jahre 1826. Viele der Stücke sind auch für die Violine geeignet, da sich die rechte Hand der Studien mitunter praktisch notengetreu in eine interessante Geigenstimme verwandeln lässt. Wenn das Klavier freilich zu tief hinabgeht oder in der linken Hand verschiedene pianistische Kunstgriffe vorkommen, braucht man schon einen guten, versierten Komponisten, um das Material in idiomatische Musik für eine Violine zu »übersetzen«. Das ist David extrem gut gelungen.

Zwanzig Studien für Violine nach den vierundzwanzig Studien op. 70 von Ignaz Moscheles

  1. Allegro moderato: eine gleichbleibende Kette aus Sechzehnteln, die auf- und absteigen und zwischendurch auf doppelgriffigen Vierteln zur Ruhe kommen.
  2. Allegro energico ma moderato: Moschelesʼ Arpeggien- Etüde verwandelt David in einen durchgehenden Strom von Zweiunddreißigsteln, in die er Staccato-Figuren einflicht.
  3. Allegro brillante: Rasant aufsteigende Sechzehntel enden in einem hüpfenden Motiv; Staccati und Doppelgriffe reichern die Figuren an.
  4. Lentamente con tranquillezza: Diese ruhige Studie füllt jede ihrer punktierten Achtel mit vier gebrochenen Vierundsechzigsteln zu einer Viertel aus, und zwischendurch sind sogar 128-tel-Figuren zu hören.
  5. Allegretto agitato con passione: Während Moscheles die Melodie seiner Studie weitestgehend mit Achtelketten begleitet, bringt David in seiner Etüde fortlaufende Sechzehntel.
  6. Allegro energico non troppo presto: David vertauscht die beiden Originaletüden Nr. 6 und 7 miteinander. Zunächst bringt er hier die Studie mit ihrem auffallenden lombardischen Rhythmus (»scotch snap«), der immer wieder zu doppelgriffigen Haltemomenten führt. Dann folgt
  7. das lebhafte Allegro giocoso (bei Moscheles Nr. 6), in dessen Mittelteil David seine Pizzikati mit Bogenstrichen durchsetzt, bevor er über ein Crescendo eine Fermate ansteuert, an die sich die Wiederholung des ersten Teils anschließt.
  8. Allegro agitato: Das scharf akzentuierte Motiv wird von Doppelgriffen unterbrochen. Der als tranquilamente bezeichnete Mittelteil steigert sich und bereitet die Wiederholung des Eingangsmotivs vor.
  9. Cantabile moderato e espressivo: Das gesangliche Thema ist durchweg in Doppelgriffen zu spielen—eine Übung zur Erlangung einer gebundenen, reinen und fließenden Melodielinie, in der nur wenige Akzente vorkommen.
  10. Andantino. Diese Studie, nach Moschelesʼ eigenen Worten »im alten Style (etwa in dem des Scarlatti) geschrieben«, ist auch bei David hauptsächlich eine Trillerübung und findet nach einer intensiven Steigerung ein Ende im pianissimo.
  11. Allegro maestoso e patetico: Die fließenden Sechzehntel werden in einem regelmäßigen Rhythmus betont, ohne dass der musikalische Fluss dadurch unterbrochen würde. Bei Moscheles besorgen die Oktaven der linken Hand diese Akzentuierung, auf der Violine müssen sie ohne Doppelgriffe ausschließlich mit dem Bogen realisiert werden.
  12. Agitato: Ein rastlos in weiten Sprüngen dahineilendes Thema, dem ein expressiver Mittelteil als Kontrast begegnet.
  13. Allegro brillante: Diese funkelnde, energische Terzetüde ist auch auf der Geige durchweg in Doppelgriffen auszuführen.
  14. Allegro molto vivace: Ein »perpetuum mobile«, das im Mittelteil mit akzentuierten Doppelgriffen aufwartet. Moscheles stürzt am Ende der Etüde im Unisono beider Hände auf die tiefste G-Oktave hinab; diesen für die Violine unspielbaren Lauf kehrt David in eine Bewegung um, die vor dem letzten G-dur-Akkord bis zum hohen G auf der ESaite führt.
  15. Allegro giocoso: Nach einem ruhigen, wehmütig anmutenden Thema, das stets auf dem ersten Taktteil akzentuiert wird, steht im Zentrum der Studie ein con fuoco. Es ist einer der seltenen Fälle, in denen David den harmonischen Verlauf der Originaletüde ändert. Gleichwohl endet er, wie Moscheles, auf as-moll.
  16. Andantino: David überspringt die ursprüngliche sechzehnte Etüde (Adagio ma non troppo) und geht direkt zu Moscheles Nr. 17 über. Die im originalen Dreiachteltakt durchgehenden Sechzehntelketten werden in der Bearbeitung zu Zweiunddreißigsteln. Eine einzige Achtel bereitet den ganztaktigen Schlusston A vor—so endet diese herausragende Studie, die die Beherrschung einer nahtlosen und ausdrucksvollen Melodielinie zum Ziel hat.
  17. Allegro con brio (= Moscheles Nr. 18): David hat dieses muntere Stück vom originalen Fis-dur in eine andere Tonart transponiert; er verlangt im Wechsel akzentuierte und gebundene Töne.
  18. Vivace (= Moscheles Nr. 19): Diese temperamentvolle Studie geht aufs Tempo und wirkt durch ihr Springbogenspiel besonders aufregend.
  19. Allegro moderato: Erneut überspringt David eine Etüde—Moscheles Nr. 20 mit der Überschrift Adagio con molto espressione. Es folgt die Nummer 21, deren Anfang durch zwei Viertel mit anschließenden Sechzehntelketten gekennzeichnet ist.
  20. Das Vivacissimo (= Moscheles Allegro Nr. 22) trägt bei David die zusätzliche Anweisung »staccatissimo« und ist hier eine weitere Springbogenetüde, die wie ein rasanter, aufgeregter Wirbelwind dahingeht.

Die Klavieretüden Nr. 23 (Allegro marcato) und Nr. 24 (Allegro comodo) hat Ferdinand David nicht bearbeitet.

Sechs Capricen für Solovioline op. 9

  1. Maestoso: Die akzentuierte Melodielinie wird in dieser Caprice von durchgängigen Sechzehntelwogen getragen.
  2. Allegro vivace: Die rasche Staccato-Übung kombiniert motivische, akzentuierte Spitzentöne mit vielfach akkordisch gebrochenen Sechzehnteln.
  3. Allegro con spirito: Der elfenhaft im Sechsachteltakt tanzende Beginn begegnet einem spannungsreichen Mittelteil mit Doppel- und gelegentlichen Dreifachgriffen.
  4. Molto agitato: Rasche Staccato-Doppelgriffe in Terzen, Quarten, Quinten, Sekunden, Unisoni, Oktaven folgen hier rasant aufeinander.
  5. Allegro espressivo: Die langen, leisen Sechzehntellinien der flautato auszuführenden Legato-Bewegung werden von Akzenten rhythmisch strukturiert.
  6. Allegro ma non troppo: Wie in den beiden ersten Capricen lässt David eine einfache motivische Figur von Sechzehnteln begleiten; hier folgen allerdings in regelmäßigen Abständen Passagen, die mancherlei Doppelgriffe enthalten. Die Caprice endet mit Pizzikato-Akkorden.

Bruce R. Schueneman
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Hinweis: Reto Kuppel ist mit Ferdinand Davids Suite für Violine solo op. 43 digital unter 9.70213 zu hören.

Violintechnik in den Moscheles-Studien von Ferdinand David

Während der Vorbereitung auf die Erstaufnahme der Moscheles-Studien fiel mir zuerst die fehlende Opusnummer auf. Was konnte den sonst so akribischen Ferdinand David dazu bewogen haben, darauf zu verzichten? Erschien ihm sein Werk vielleicht als zu schwer?

Auf den ersten Blick macht das Notenbild im Vergleich zu anderen und mit Effekthaschereien angefüllten Violin- Etüden des 19. Jahrhunderts keinen allzu komplizierten Eindruck, auch, weil David selten Techniken wie Pizzicato oder Flageolett verwendet. Als ich mich jedoch intensiver mit ihnen beschäftigte, offenbarten sie ihr verstecktes Geheimnis: die violinistische Umsetzung von Klaviertechnik, ein riskantes Experiment.

Wo der Pianist beide Hände zum Greifen der Töne benutzen kann, muss der Geiger jeden Akkord mit dem Bogen neu anspielen (Nr. 17). Häufig sind Melodie und Begleitung gemeinsam zu greifen (Nr. 8). Die Klangfülle des mit Pedal gespielten Klaviers (Nr. 19) ist auf der Violine schwer imitierbar und führt zu ungewöhnlichem Arpeggio (Nr. 2). Bei sehr vielen Stellen ist mehr als ein Finger unhörbar auf die Saiten zu legen (Nr. 5). Ungewöhnliche Tonarten zwingen den Geiger häufig, die sonst gemiedene halbe Lage zu benutzen (Nr. 12).

Davids Umsetzung der Etüden ist ein Geniestreich. Das wird auch an den Stellen deutlich, an denen er selbst komponiert hat, da eine direkte Übernahme der Klavierstimme nicht möglich ist. Seine Melodiegebung besitzt große emotionale Tiefe und edle Sinnlichkeit.

Viele der Studien und der op. 9 Capricen müssen in rasantem Tempo gespielt werden, um den zarten Melodiefluss, die charakterliche Stimmung oder die schimmernden Klangflächen entstehen zu lassen, die Davids Tonsprache so besonders machen (op. 9, Nr. 5 und 6).

Es gibt Stücke, in denen die Grenze der motorischen Belastbarkeit auch eines durchtrainierten Violinisten mit solcher Leichtigkeit erreicht wird, dass nur äußerst spezialisiertes Üben eine Realisierung des Stücks ermöglicht, also Hochleistungssport, den keiner hören soll. David scheint uns aus dem vorletzten Jahrhundert verschmitzt anzulächeln und zu sagen: „Probiert das mal, Ihr werdet Euch wundern!“

Reto Kuppel


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