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8.573063 - RIES, F.: Piano Sonatas and Sonatinas (Complete), Vol. 6 (Kagan, Primakov) - Opp. 6, 47, 160
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Ferdinand Ries (1784–1838)
Sämtliche Sonaten und Sonatinen für Klavier • Folge 6 : Zu vier Händen

 

Ferdinand Ries war einer der größten Pianisten seiner Zeit und ein äußerst produktiver Komponist. Der Sohn einer Bonner Musikerfamilie ging 1801 nach Wien, um sich von Ludwig van Beethoven im Klavierspiel unterrichten zu lassen. Er schloss Freundschaft mit seinem Lehrer, dem er jahrelang ein treuer Helfer war und zu dessen früher Biographie er wichtige Beiträge leistete. Seit 1813 lebte Ries in London, wo er eine Engländerin zur Frau nahm, unterrichtete, komponierte und als Klaviervirtuose großen Ruhm und Wohlstand errang. Konzertreisen machten ihn überdies in ganz Europa bekannt. 1824 setzte er sich in seinem heimischen Rheinland zur Ruhe, bevor er die letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod (1838) in Frankfurt am Main verbrachte.

Als Komponist hat sich Ferdinand Ries auf praktisch allen musikalischen Gebieten betätigt. Er schrieb Opern, Symphonien, Konzerte, Kammermusik, geistliche Werke und Lieder. Zu seiner Klaviermusik gehören acht brillante Klavierkonzerte und etliche konzertante Virtuosenstücke, fünfzehn Solosonaten sowie Dutzende separater Variationen, Rondos, Fantasien und Tänze zu zwei und vier Händen, mit denen er dem allgemeinen Geschmack der Zeit entsprach.

Eine besondere Rolle spielten in seinem Schaffen die Klaviersonaten. Vorbilder waren ihm hier zunächst Carl Philipp Emanuel Bach, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und der junge Beethoven, die allesamt an der Vervollkommnung des »Sonaten-Ideals« gearbeitet hatten. Später wurde Ries auf dem Gebiete der Sonate von den neueren Tendenzen eines Muzio Clementi oder Johann Nepomuk Hummel, aber auch von der jungen Generation der Frühromantiker wie Felix Mendelssohn, Frédéric Chopin und Robert Schumann beeinflusst. Er kam zu einem deutlich romantischeren Stil, der den sich wandelnden Neigungen des Publikums zusagte.

Obzwar Ferdinand Ries nur drei vierhändige Klaviersonaten geschrieben hat, ist auch in diesen dieselbe klassische Meisterschaft zu entdecken wie in ihren zweihändigen Geschwistern, mit denen sie überdies das gelungene Bemühen teilen, sich den neuen Idealen der Romantik anzupassen.

Der australische Musikhistoriker Cecil Hill, der sich gründlich mit dem Schaffen des Komponisten auseinandergesetzt und ein thematisches Verzeichnis seiner Werke publiziert hat, entdeckte viele Ungenauigkeiten in Ries’ eigenen Unterlagen. Ein Beispiel ist die Sonatine C-dur op. 6, die dem handschriftlichen Katalog ihres Verfassers zufolge trotz ihrer niedrigen Opuszahl erst 1825 in Bad Godesberg am Rhein entstand. Die Veröffentlichung oder Eintragung erfolgte obendrein erst im März 1832. Es handelt sich dabei um ein kleines, stilistisch sehr schlichtes Stück, das wahrscheinlich als Unterrichtsmaterial gedacht war. Die Miniaturversion der reifen Sonaten besteht aus vier Sätzen, von denen drei in der Grundtonart und nur das Andante in der Dominante geschrieben sind: Charmante, lyrisch einfache Melodien, kurze und wiederholte Abschnitte, moderate Tempi und äußerst geringe technische Anforderungen kennzeichnen das Stück, das in seinem unschuldigen Zauber an den Klang einer Spieluhr erinnert.

Das Autograph der Sonate B-dur op. 47 nennt als Entstehungsdatum das Jahr 1816, womit das Werk nach den erfolgreichen Europareisen zu einer Zeit entstanden wäre, als sich Ries in London etablierte. Die Aufgaben des primo und secondo sind sehr schön und ausgewogen miteinander verbunden. Der sonatenförmige Kopfsatz besteht aus drei deutlich kontrastierenden Abschnitten: Den Einleitungstakten in der Grundtonart B-dur folgt als Übergang ein keck punktierter Gedanke in D-dur, dem sich eine neue, melancholische Linie in d-moll anschließt. Das Material dieser beiden letzten Segmente wird im Mittelteil des Satzes durchgeführt, worauf die Reprise in die Ausgangstonart zurückfindet. Der zweite Satz, ein Larghetto cantabile in Es-dur, stellt ein kleines, gesangliches Zwischenspiel dar. Das Finale ist—wie so oft im Sonatenschaffen unseres Komponisten—ein Rondo. Hier haben wir es mit einem Allegretto zu tun, das sich nach der Art eines Siciliano in punktierten Rhythmen bewegt.

Die Sonate A-dur op. 160 erschien unter dem Titel Grande Sonate und ist Carl Czerny gewidmet. Mit diesem großangelegten Werk beschloss Ferdinand Ries im Jahre 1831 in Frankfurt am Main auf eindrucksvolle Weise sein vierhändiges Schaffen. Dabei nutzte er den gesamten Tonumfang der neueren Instrumente dergestalt, dass die reiche Textur oftmals geradezu orchestral klingt. In einem interessanten, vielgestaltigen Klaviersatz achtet Ries sorgfältig darauf, das melodische Hauptmaterial seines Werkes raffiniert auf primo und secondo zu verteilen. Die Sonate enthält eine singuläre Spielanweisung für einen Tempowechsel—eine eingeklammerte Linie, die sich über mehrere Takte erstreckt und anzeigt, dass diese Stelle »ein wenig langsamer« zu spielen sei. Nach dieser Klammer gilt wieder das erste Tempo. Offenbar ging es darum, die expressive Kraft der Musik zu erhalten, ohne aber den Begriff rubato zu verwenden, der ja eine allmähliche Verlangsamung und Beschleunigung des musikalischen Pulses bezeichnet. Die Spielanweisung ist offenbar in keinem anderen Werk zu finden.

Der Kopfsatz ist turbulent und eindringlich. Das Hauptthema (a-moll) gründet sich auf ein starkes, knappes Oktavmotiv, das als Einleitung fungiert. Das Nebenthema (C-dur) ist zart und lyrisch. Während Ries allgemein wenig kontrapunktisches Interesse verriet, gibt es in der ausgedehnten Durchführung des Satzes doch verschiedene imitative Abschnitte mit einem reichen Wechselspiel zwischen primo und secondo. Ein plötzlicher Sprung führt zu einem langsamen, improvisatorischen Teil in H-dur, der die Brücke zur Reprise und dem Anfang des Satzes schlägt.

Die Angabe Adagio con espressione des zweiten Satzes (E-dur) erinnert an einige der überaus expressiven langsamen Sätze aus Beethovens frühen Sonaten. Ries schreibt ein beinahe opernhaftes Adagio mit weiten Melodien, die in ariosen Passagen ihre fioritura präsentieren. Die einfache Liedform (ABA) erreicht im Mittelteil mit einem bewegten, triolischen Crescendo den dramatischen Höhepunkt, bevor die Musik langsam zum ersten Abschnitt zurückfindet.

Das A-dur-Finale ist von völlig anderer Stimmung—ein lebhafter, vergnüglicher, tanzhafter Satz, der nichts mit dem hohen dramatischen Ernst der beiden vorherigen Sätze zu tun hat. Das Hauptthema verbindet eine kleine Trillerfigur mit einer springenden Staccatophrase im Rhythmus und Geist einer Gigue. In der Durchführung lässt Ries wiederum mancherlei imitative Dinge zwischen den Stimmen geschehen, und in der Mitte gibt es ein Fugato. So findet die letzte Klaviersonate, die Ferdinand Ries komponiert hat, in ihrem heiteren Finale einen fröhlichen Abschluss.


Susan Kagan
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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