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8.573135 - CASTELNUOVO-TEDESCO, M.: Violin Concertos Nos. 1 and 2 (Tianwa Yang, SWR Symphony, Baden-Baden and Freiburg, Boer)
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Mario Castelnuovo-Tedesco (1895–1968)
Concerto Italiano • Violinkonzert Nr. 2 ‘I Profeti’ (»Die Propheten«)

 

Die Oper bildete im Italien des 19. Jahrhunderts den kulturellen Schwerpunkt und verhinderte weitgehend die Entwicklung der Instrumental- und Orchestermusik. Die Kammermusik wurde zunächst nur in den großen Adelshäusern kultiviert, und erst in den sechziger Jahren kam es mit der Gründung von Konzertgesellschaften in Bologna, Mailand, Florenz, Neapel und anderen Städten zu einer gemeinschaftlichen Bemühung, auch das Bürgertum einzubeziehen. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Hörer an diesen Stoff gewöhnt hatten, denn die Oper des 19. Jahrhunderts war mit ihren recht kurzen Arien oder Ensembles und häufi gen Entspannungsphasen einer längeren Konzentration nicht eben zuträglich. Als Antonio Bazzinis 35-minütiges Streichquintett, das die Società del Quartetto di Milano im Jahre 1866 mit einem Preis ausgezeichnet hatte, uraufgeführt wurde, verließen viele Zuhörer den Saal bereits vor dem Ende der Darbietung. In Rom, der Hauptstadt des wieder vereinten Landes, vollbrachten der Pianist Giovanni Sgambati und der Geiger Ettore Pinelli wahre Wunder: Sgambati gab seit den frühen siebziger Jahren mit seinem Klavierquintett berühmte Recitals, und Pinelli rief 1874 die Società Orchestrale Romana ins Leben. Beide Männer gehörten 1877 zu den Gründern der Accademia di Santa Cecilia, die 1895 mit ihrer eigenen Konzertreihe begann. Ende des Jahrhunderts konnte sich Italien des legendären Pianisten Ferruccio Busoni rühmen, wohingegen das Land der Violine nach Paganinis Tod nur wenige Virtuosen hervorbrachte: In jahrzehntelangen Bemühungen förderten hingebungsvolle Lehrer das große Streicherpotential, das nach dem Zweiten Weltkrieg an die Öffentlichkeit trat. Die Komposition reiner Orchestermusik stagnierte im 19. Jahrhundert weitestgehend. Mit der Generation der Spätromantiker, allen voran Giuseppe Martucci, begann eine Renaissance; der charismatische Dirigent Arturo Toscanini stellte in den Konzertsälen allmählich die alte italienische Glaubwürdigkeit wieder her; und seit den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts brachte die sogenannte generatione dell’ottanta (»Generation der 1880er«) mit Ildebrando Pizzetti, Alfredo Casella, Ottorino Respighi und Gian Francesco Malipiero an der Spitze hervorragende Werke hervor.

Castelnuovo-Tedesco gehörte der nächsten Dekade an. Obwohl er und sein beinahe gleichaltriger Kollege Giorgio Federico Ghedini nur etwa zwölf Jahre jünger waren als die Brigade der »Achtziger«, repräsentierten sie doch gewissermaßen eine spätere Generation. Mario Castelnuovo-Tedesco wurde am 3. April 1895 als Spross einer alten Bankiersfamilie geboren, die in Florenz lebte, seit man im Jahre 1492 die Juden aus Spanien vertrieben hatte. Den ersten Klavierunterricht erteilte ihm seine Mutter. Mit neun Jahren schrieb er die ersten Kompositionen. 1909 kam er an das Istituto Musicale Cherubini, wo er bei Edgardo Del Valle de Paz im Klavierspiel unterwiesen wurde, 1913 seine Hochschulreife erwarb und im folgenden Jahr seine Prüfungen ablegte. Am Liceo Musicale von Bologna wurde er Schüler in Pizzettis Kompositionsklasse, die er 1918 mit dem Diplom verließ. Nachdrücklich förderten ihn auch zwei weitere »Achtziger«—Gian Francesco Malipiero sowie der Pianist, Dirigent und Komponist Alfredo Casella. Beide gehörten 1917 zu den Gründern der Società Italiana di Musica (später Società Nazionale di Musica Moderna), durch die der Name Castelnuovo-Tedesco in den frühen zwanziger Jahren ebenso ins Rampenlicht trat wie durch die italienische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM). Wie Casella, so ließ sich auch Castelnuovo-Tedesco als Pianist hören, und wie sein Lehrer Pizzetti wurde er ein einfl ussreicher Kritiker.

Während seiner Studienzeit machte sich Castelnuovo-Tedesco allmählich einen Namen mit Liedern und anderen Vokalstücken—angefangen bei den erstaunlich frühreifen Chansons grises (1910) auf Texte von Verlaine. Bekannt wurde er bald auch durch seine Musik für Violine und Klavier—zunächst mit Signorine aus dem Jahre 1918—, wobei es ihm zu Gute kam, dass er seit Kindertagen mit dem amerikanischen Geiger Albert Spalding befreundet war. Castelnuovo-Tedesco hat zwar keine Symphonien komponiert, konnte aber mit seinen zwischen 1930 und 1953 entstandenen Konzertouvertüren nach Shakespeare [Naxos 8.572500–01] recht große Erfolge erringen: Zwei der Werke setzte Toscanini aufs Programm. Seine Begeisterung für Shakespeare veranlasste Castelnuovo-Tedesco auch zur Vertonung sämtlicher dreißig Lieder, die in den Schauspielen vorkommen. Im Gegensatz zu seinen Balletten fanden seine Opern—den Auftakt bildete La mandragola von 1920–23—anfangs nur mäßigen Anklang. Im Jahre 1925 hatte er eine Erleuchtung: »Ich glaube, dass ich mein musikalisches Talent von Seiten meiner Mutter geerbt habe, und vor allem von meinem Großvater mütterlicherseits, der mich in meinen Studien sehr ermutigte«, schrieb Castelnuovo-Tedesco 1939 in der New York Times. »Ich wusste, dass er musikalisch, wenngleich kein Musiker war. Etliche Jahre nach seinem Tod fanden wir dann allerdings in den Weiten seiner Bibliothek, von Büchern verborgen, ein kleines Notizheft, in das er handschriftlich die Musik zu verschiedenen hebräischen Gebeten eingetragen hatte. Der Entdeckung dieses kleinen Notenheftes, das mir zu einem kostbaren Erbstück wurde, verdanke ich die tiefsten Emotionen meines Lebens«. Seither begann Castelnuovo-Tedesco, sich ernsthaft mit seinen jüdischen Wurzeln auseinanderzusetzen. Dem Beispiel des schweizerischen Komponisten Ernest Bloch folgend, dessen Schelomo er 1918 erstmals gehört hatte, komponierte auch er mehrere Werke, in denen er sein Judentum zum Ausdruck brachte. Eines der ersten waren die Tänze des Königs David für Klavier, für die sich Walter Gieseking engagierte. Ein weiteres wichtiges Geschehnis war das Zusammentreffen mit dem spanischen Gitarristen Andrès Segovia beim venezianischen IGNM-Festival von 1932. Die Folge waren mehr als einhundert Gitarrenstücke—unter anderem als eine der populärsten Schöpfungen des Komponisten das erste Konzert aus dem Jahre 1939 [Naxos 8.550729] und weitere Werke mit Orchester wie etwa ein zweites Solokonzert und ein solches für zwei Gitarren.

Bis in die dreißiger Jahre war der Antisemitismus in der italienischen Gesellschaft nicht verbreitet. Tatsächlich gab es in der faschistischen Partei, die das Land regierte, sogar einige prominente jüdische Mitglieder. Seit 1938 imitierte Benito Mussolini dann allerdings mit seinem Rassenmanifest die schaurige Einstellung Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten. Die Juden verloren nach und nach ihre Arbeit (ein prominentes Opfer aus der Musikszene war Vittore Veneziani, der Chorleiter der Mailänder Scala). Castelnuovo-Tedescos Werke, die man bis dahin häufi g im italienischen Rundfunk hatte hören können, verschwanden plötzlich aus dem Äther, geplante Konzertaufführungen wurden abgesagt. Im Spätsommer des Jahres 1939 reiste er mit seiner Familie nach New York, wo er mit der Uraufführung seines zweiten Klavierkonzertes sein US-Debüt geben sollte [Naxos 8.572823]. Das Konzert mit John Barbirolli und der New York Philharmonic-Symphony verlief gut, doch der Kriegsausbruch in Europa machte aus dem Gastspiel die Emigration. Arturo Toscanini sowie der große Geiger Jascha Heifetz sorgten dafür, dass der Komponist Arbeit erhielt. Nach einem guten Jahr in Larchmont, New York, übersiedelte Castelnuovo-Tedesco 1940 nach Kalifornien, wo er fortan bis zum Jahre 1956 in einem Mammutpensum Filmmusiken lieferte: Einigen Quellen zufolge soll er an 250 Filmen mitgearbeitet haben, wobei sein Name nicht immer auf der Leinwand auftauchte. Daneben entstanden weitere Werke für den Konzertsaal und die Bühne. Nach Kriegsende brachte er rund siebzig neue Kompositionen heraus, und am Ende hatte sogar eine Oper Erfolg—der preisgekrönte Kaufmann von Venedig, der 1961 beim Maggio Musicale Fiorentino uraufgeführt wurde. Zu seinen Schülern am Konservatorium von Los Angeles gehörten Nelson Riddle, Henry Mancini und André Previn. Mario Castelnuovo-Tedesco starb am 16. März 1968.

Das Concerto Italiano galt Castelnuovo-Tedesco selbst als seine erste symphonische Arbeit. 1924 wandte sich der bedeutende Geiger Mario Corti, der seine kleineren Stücke gespielt hatte, mit der Bitte um ein »sehr modernes Konzert« an ihn: Er schlug dem Komponisten vor, sich die jüngst veröffentlichten Mythen von Karol Szymanowski anzusehen. Castelnuovo-Tedesco tat, wie ihm geheißen, beschloss aber schließlich doch, sich an dem »lyrischen und linearen« Violinspiel des 17. und 18. Jahrhunderts zu orientieren. Das melodische, frische, transparente Werk beginnt mit einem lebhaften Tuttithema, das nach den Worten des Komponisten »beinahe wie Vivaldi« klingt: Der Solist greift es auf, und die Trompete exponiert ein schönes Nebenthema, das an der Seite des Hauptgedankens entwickelt wird. (Diese Entwicklung »in einer freieren, moderneren Form, die aber immer in der populären italienischen Manier« gehalten ist, trug Castelnuovo-Tedesco eine strenge Rüge seines Mentors Gian Francesco Malipiero ein; diesem kam es so vor, als habe sein Protégé das mit Il Raggio verde für Klavier [Naxos 8.555856] und dem Liederzyklus Coplas auf spanische Texte abgegebene Versprechen nicht eingehalten.) Eine gehaltvolle Kadenz bietet dem Solisten die Möglichkeit der Selbstdarstellung, bevor der Satz auf brillante Weise endet. Die ausgedehnte Rhapsodie des Arioso basiert vor allem auf dem liebenswerten und kantablen Thema, das zu Beginn des Satzes erklingt; daneben tritt auch ein fünftöniges Motiv in den Vordergrund. Das Finale enthält die Elemente eines Rondos: Ein Tanz voll glänzender Solopassagen wird vor dem recht abrupten Schluss immer wieder von langsameren, lyrischen Episoden unterbrochen, von denen eine mit Doppelgriffen operiert. Am 30. Januar 1926 gab Mario Corti die Premiere des Konzertes im Augusteo zu Rom; Bernardino Molinari dirigierte das hauseigene Orchester.

Im weiteren Verlauf des Jahres kam es zu einer Begegnung mit Jascha Heifetz, der dem Komponisten erzählte, dass Albert Spalding ihn auf sein Duo Capitan Fracassa aufmerksam gemacht habe, und der ferner um die Zusendung des Konzertes bat. Nachdem Castelnuovo-Tedesco dieses Werk dann im nächsten Jahr mit Heifetz in Paris hatte hören können, schrieb er in zehn Tagen Die Lerche mit der Widmung »Für Heifetz, die Lerche, die am Himmelstore singt«. 1929 entstanden für den ungarischen Geiger Zoltán Székely die Symphonischen Variationen für Violine und Orchester, die am 19. Februar 1930 unter der Leitung von Mario Rossi uraufgeführt wurden. Das Publikum war von der abschließenden Foxtrott-Variation so hingerissen, dass Székely Ravels Tzigane als Zugabe spielen musste. Zwei Monate später brachte Toscanini die Variationen in New York mit der Philharmonic-Symphony und dem Konzertmeister Scipione Guidi zur Aufführung, und im Januar 1931 präsentierten Heifetz und Molinari mit demselben Orchester im Metropolitan Opera House das Concerto Italiano. Die Folge all dieser Aktivitäten war, dass Heifetz nunmehr ein eigenes Konzert haben wollte.

Unter dem Eindruck eines »tiefen religiösen Empfi ndens« schuf Castelnuovo-Tedesco diesesmal ein Werk von »biblischer Art und Inspiration«, in dem er fünf traditionelle jüdische Melodien aus dem »Libro dei Canti d‘Israel« entnahm, die der Geiger Federico Consolo 1891 in Florenz veröffentlicht und die er selbst im Bücherregal seines Großvaters entdeckt hatte. Weiterhin ist das Konzert von denselben archaischen Orchestereffekten erfüllt, wie sie sich Ernest Bloch zu eigen gemacht hatte. Zunächst waren die drei Sätze des Werkes, das die »Zeiten der glorreichen Vergangenheit« beschwören sollte, mit den Namen Jesaja, Jeremias und Elias überschrieben; am Ende entschied sich der Komponist jedoch für den generalisierenden Titel I Profeti (»Die Propheten«). Verglichen mit dem Concerto Italiano, werden die Bläser jetzt selbständiger behandelt, wie man sogleich in der Orchestereinleitung bemerkt. Im Kopfsatz werden ein markiges erstes und ein sprunghaft bewegtes zweites Thema durchgeführt, und wieder erhält der Solist vor dem brillanten Abschluss eine substantielle, diesesmal von anderen Instrumenten begleitete Kadenz. Der Mittelsatz ist in der traditionellen, dreiteiligen Liedform angelegt: Nachdem der Solist zunächst über das Hauptthema meditiert, schließt sich eine raschere, kontrastierende Passage an, die von der Solovioline aufgenommen wird, bevor das erste Thema wiederkehrt. Der unheilvoll anmutende Anfang des Finales führt zu einer heiteren Tanzmelodie, und wie im Concerto Italiano gibt es langsamere Episoden, worauf eine letzte Wiederholung des schnelleren Hauptteils das Werk beendet. Jascha Heifetz, Arturo Toscanini und die Philharmonic-Symphony spielten am 13. April 1933 die Premiere in der Carnegie Hall. Heifetz meinte später, dass er das Konzert sehr mochte, fügte aber kleinlaut hinzu: »Sonst niemand …« Olin Downes von der New York Times, den viele Menschen sicherlich zum aufgeblasensten Wichtigtuer unter den Musikkritikern aller Zeiten wählen würden, hat das Stück defi nitiv nicht gemocht; doch er begegnete Castelnuovo-Tedescos Musik auch immer mit einer unnötigen Herablassung. Sicher, I Profeti sind von einer leicht kinematoskopischen Aura umgeben, obwohl sie den Filmmusiken des Komponisten um ein Jahrzehnt voraufgehen. Doch Heifetz’ Aufnahme hat dem Konzert viele Freunde gewonnen, und die vorliegende Neueinspielung mit Tianwa Yang kann seinen Glanz nur vermehren.


Tully Potter
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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