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8.573172 - Cello Recital: Hurtaud, S├ębastien: HINDEMITH, P.
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Paul Hindemith (1895–1963)
Musik für Violoncello

 

Paul Hindemith wurde am 16. November 1895 in Hanau geboren und erhielt zunächst privaten Violinunterricht, bevor ihn das Hochʼsche Konservatorium von Frankfurt am Main mit dreizehn Jahren als Schüler annahm. 1915 begann er als zweiter Geiger im Quartett seines Lehrers Adolf Rebner und als Stimmführer des Frankfurter Opernorchesters. Nach dem Ersten Weltkrieg machte er sich bald mit seinen aufsehenerregenden, originellen Kompositionen einen Namen, während er in den zwanziger Jahren bemüht war, der Klassik durch seine Idee von der Gebrauchsmusik zu neuer Wertschätzung zu verhelfen. Gleichzeitig engagierte er sich nachdrücklich für die Moderne—nicht zuletzt bei den Tagen Neuer Musik in Donaueschingen. Nachdem er zur Bratsche gewechselt hatte, gründete er 1921 das Amar- Hindemith-Quartett, für das er drei seiner sieben Streichquartette schrieb und das bald mit seinen Darbietungen von sich reden machte.

1927 erhielt Hindemith eine Professur für Komposition an der Berliner Musikhochschule. Zwei Jahre später löste sich sein Quartett auf. 1932 bestellte Wilhelm Furtwängler zum 50. Geburtstag der Berliner Philharmoniker bei ihm das Philharmonische Konzert, und 1934 war unter seiner Stabführung die Premiere der Symphonie »Mathis der Maler« zu hören. Die NSDAP setzte Hindemiths Musik anschließend auf den Index, und seine Position wurde allmählich untragbar. 1935 ließ er sich von seinen Berliner Hochschulverpflichtungen beurlauben. Er reiste nach Amerika und befasste sich in der Türkei mit dem Aufbau einer planmäßigen Musikausbildung. Schließlich gab er sein Berliner Amt gänzlich auf. Er verlegte seinen Wohnsitz in die Schweiz und übersiedelte danach in die USA, um in Yale als Professor für Theorie zu unterrichten. 1946 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Ein Ruf der Universität Zürich brachte ihn 1953 in die Schweiz zurück. Der Tod ereilte ihn recht unerwartet an seiner einstigen musikalischen Wirkungsstätte Frankfurt, wo er am 28. Dezember 1963 verstarb.

Während Hindemith seit 1927 nicht mehr sonderlich als Kammermusiker in Erscheinung trat, konnte er als Solobratscher auch weiterhin große Erfolge feiern. Erwähnt sei hier vor allem die Uraufführung des Konzertes von William Walton, das er 1929 aus der Taufe hob, nachdem Lionel Tertis den Solopart als unspielbar abgelehnt hatte. Vorzugsweise widmete sich der spätere Hindemith indessen dem Dirigieren. Die Kammermusik hatte in seinem Schaffen schon seit langer Zeit eine zentrale Rolle gespielt, und die Kompositionen für Violoncello dürfen gewissermaßen als eine essentielle Verdichtung seiner schöpferischen Entwicklung angesehen werden. Zu den ersten publizierten Werken gehören die Drei Stücke für Violoncello und Klavier aus den Jahren 1914-16, die der Cellist Maurits Frank und der Pianist Willy Renner am 12. März 1917 in Frankfurt am Main uraufführten. Trotz ihrer ungleichen Dimensionen und Gewichtungen bilden die drei Stücke nicht zuletzt dank ihrer thematischen Verbindungen ein kohärentes Ganzes.

Das erste Stück namens Capriccio beginnt mit großem Schwung. Das lebhafte Hauptthema ist dem Cello übertragen und wird vom kaum weniger animierten Klavier begleitet. Eine zentrale Episode gibt sich nachdenklich und introvertiert, doch bald ist die anfängliche Vitalität wieder hergestellt, und die Musik strebt ihrem nonchalanten Schluss entgegen. Das nachfolgende Phantasiestück beginnt mit einem Thema von großem Atem, das, wie der Titel verrät, auf gewisse Weise Robert Schumann verpflichtet ist. Der Instrumentalsatz ist harmonisch und strukturell ungewöhnlich dicht gefügt, und auch der verhaltenere Mittelteil, der sich eines nachdenklicheren Ausdrucks befleißigt, ist letztlich doch nichts anderes als ein kontrastierender Moment, der das Hauptthema kaum daran hindern kann, seine eloquente Klimax anzusteuern und endlich leise zu verklingen.

Gleichermaßen substantiell ist das abschließende Scherzo. Es beginnt mit einem derb humorvollen Thema, das deutlich walzerhafte Neigungen an den Tag legt. Eine Entspannung führt zu einer kurzen Pause, worauf ein ausdrucksvoller neuer Gedanke auf die Stimmung des vorherigen Satzes zurückschaut, ohne dass eine ähnlich dichte Textur wie dort entstände. Nach und nach verklingt dieses Thema, bis es fast verstummt ist. Dann begibt es sich wieder auf seinen expressiven Weg, wird aber jäh von der Wiederholung des ersten Themas verdrängt, das sich nun mit Aspekten beider Hauptgedanken befasst, während es seinem lebhaften Ende zustrebt, der in diesem Kontext besonders ambivalent erscheint.

Leichter aufzufassen ist A frog he went a-courting aus dem Jahre 1941, das der Cellist Gregor Piatigorsky im Juni 1944 uraufführte. Diese »Variationen über ein altenglisches Kinderlied« gehören zu den unmittelbarsten Kammermusiken, die Hindemith geschrieben hat—nicht zuletzt aufgrund der Methode, mit der er das einfache Thema im Verlaufe seiner dreizehn sehr kurzen Veränderungen in allen Gangarten erprobt: Das bekannte Lied wird kurz und pointiert vorgestellt, um anschließend mal lebhaft, sehnsüchtig oder stürmisch, dann wieder urban, fragend, resolut und mit rhetorischer Kraft zu erklingen. Am Ende der Variationsfolge meldet sich das Thema beinahe entschuldigend zurück und liefert dergestalt eine ebenso knappe wie treffende Coda.

Die Solosonate für Violoncello, die Hindemith im Juli und August des Jahres 1922 komponiert hatte, wurde am 6. Mai 1923 in Freiburg von ihrem Widmungsträger Maurits Frank uraufgeführt. Sie gehörte sowohl für den Interpreten als auch für das Publikum zu den anspruchsvollsten Kammermusiken aus Hindemiths Feder, der freilich nirgends die Beziehung zu Johann Sebastian Bachs Solosuiten verleugnet. Der erste Satz bildet ein dichtes, wenn nicht gar aggressives Präludium, das sich vor allem mit einem äußerst intensiven und schwierigen Passagenwerk befasst. Es folgt ein Intermezzo, das mit seinem verhaltenen Ausdruck und seinem wiegenden Rhythmus einen gewissen Humor zu entfalten vermag, worauf der langsame Satz in jeder Hinsicht das zentrale Ereignis des Werkes darstellt, indem er mit großer Eloquenz und gesteigerter Eindringlichkeit die Musik durchweg auf eine höhere Ebene führt. Das extrem kurze Scherzo bildet danach ein beinahe sinnlos plapperndes Zwischenspiel, das gemeinsam mit dem scharf akzentuierten, durchgehend von sardonischem Humor geprägten Finale ein Werk beendet, das bei Beschwörung barocker Vorbilder keine Hemmungen kennt.

Die Sonate für Violoncello und Klavier entstand im August 1948 auf Ersuchen von Gregor Piatigorsky und wurde am 15. November des folgenden Jahres in New York uraufgeführt. Sie besteht aus den üblichen drei Sätzen, deren Anlage und Balance indessen keineswegs konventionell zu nennen ist und erkennen lässt, dass der reife Hindemith sich nicht sklavisch an die Tradition klammerte. Der erste Satz ist von unverkennbar zurückhaltendem Charakter. Die beiden Themen scheinen einander in geradezu teilnahmsloser Weise abzuwechseln—ein Eindruck, der durch das genau kalkulierte Wechselspiel beider Instrumente noch verstärkt wird. Der Mittelteil zeigt eine stärkere Kontrapunktik und führt die Musik über eine anfänglich gesteigerte Reprise der Hauptthemen zu der ursprünglichen Verhaltenheit zurück. Eine nachdenklichere Phase wird jäh durch das Klavier unterbrochen, das sich seiner früheren Aktivitäten erinnert. Der zweite Satz ist eine raffinierte Hybride aus Intermezzo und Scherzo. Der pointierte erste Gedanke wird von einem transparenteren Thema abgelöst, dessen Fortspinnung weitgehend dem Klavier übertragen und von versonnenen Einwürfen des Cellos durchsetzt ist. Nach einiger Zeit ergreift das Klavier die Initiative, indem es zu seiner früheren Geschäftigkeit zurückkehrt, ehe beide Themen vor dem besinnlichen Schluss noch einmal flüchtig in Erinnerung gerufen werden. Der dritte Satz beginnt mit einer kurzen Geste des Cellos, der eine längere und gehaltvollere Erwiderung des Klavier folgt. So kommt ein Finale in Gang, das sich als eindringliche, dabei jedoch keinesfalls strikte Passacaglia entwickelt, die auch die kraftvollste und packendste Musik der gesamten Sonate bereithält. Innerliche Qualitäten sind gleichwohl vorhanden—wenn beispielsweise das Klavier in der Mitte des Satzes einen grübelnden Dialog mit dem Cello führt—, doch solche Phasen werden durch die kräftigen Elemente beendet, die bald ein fugiertes Wechselspiel der beiden Instrumente ankündigen, dessen eiserne Energie mit Entschiedenheit dem Ende des Werkes zustrebt.


Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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