About this Recording
8.573177 - BACH, W.F.: Keyboard Works, Vol. 5 - Keyboard Sonatas, Fk. 6a, 7, 8, 200, 201 and 204 (J. Brown)
English  German 

Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784)
Werke für Cembalo • 5

 

Wilhelm Friedemann Bach wurde am 22. November 1710 als zweites Kind und ältester Sohn des Johann Sebastian Bach und seiner Gemahlin Maria Barbara geboren. Die ersten Kindheitsjahre verbrachte er in Weimar. 1717 kam er mit seiner Familie nach Köthen, und 1723 folgte der Umzug nach Leipzig. Friedemann wurde Schüler an der Thomasschule und studierte später an der Leipziger Universität Jura, Philosophie und Mathematik.—Als er zehn Jahre alt war, begann sein Vater mit dem Clavierbüchlein vor Wilhelm Friedemann Bach. Johann Gottlieb Graun unterrichtete ihn im Violinspiel. Der Zwanzigjährige gehörte bereits zu den bekanntesten Clavier-Spielern seiner Zeit. Sein Können verdankte sich ganz direkt den Unterweisungen seines Vaters. 1733 bestellte ihn die Dresdner Sophienkirche als Organist. Als die erste seiner Publikationen erschien 1745 die Claviersonate D-dur (F.3). Anfang 1746 wurde er Organist und Musikdirektor der Liebfrauen-kirche in Halle, was bedeutete, dass er nicht nur die Orgel zu spielen, sondern auch die drei städtischen Hauptkirchen mit Kantaten zu versehen hatte. 1747 begleitete er seinen Vater auf der berühmten Reise zu Friedrich II., die das berühmte Musicalische Opfer zeitigen sollte. 1751 vermählte er sich mit Dorothea Elisabeth Georgi. 1764 gab er seinen Hallenser Posten auf und nahm, obwohl er sich in ganz Deutschland um eine neue Anstellung bemühte, keine dauerhaften Ämter mehr an. Nachdem er einige Jahre in Braunschweig hingebracht hatte, ging er 1774 nach Berlin, um dort bis zu seinem Tode am 1. Juli 1784 zu unterrichten und vielbeachtete Konzerte zu geben: »Alles was die Empfindung berauscht, Neuheit der Gedanken, frappante Ausweichungen, dissonirende Sätze […] Force, Delicatesse, kurz dieses alles vereinigte sich unter den Fingern dieses Meisters: Freuden und Schmerzen in die Seelen seiner feinern Versammlung überzutragen «, schrieb zum Beispiel ein Rezensent im Mai 1774.

Wilhelm Friedemann Bach erlebte eine Zeit der rasch wechselnden Geschmäcker und Ansprüche. Seine Musik ist durch den Widerstreit zwischen hohen künstlerischen Ambitionen und notwendigen Zugeständnissen geprägt. Diese offenbar kontrastierenden Charakteristika machen den Charme und die Individualität seiner Musik aus und zeigen die besondere historische Bedeutung des Komponisten. Die erhaltenen Werke stellen nur einen Bruchteil seines tatsächlichen OEuvres dar. Er schrieb vor allem Clavierstücke, verfasste aber auch Kammermusik, Cembalokonzerte, Symphonien und Kantaten. Besonders bedeutend sind seine Beiträge zur Klaviermusik, in der er künftige Entwicklungen vorwegnahm und romantische Ausdrucksbereiche erkundete. Mit seinen kühnen Ideen war er seiner Zeit weit voraus, und da seine Musik überdies hohe technische Fertigkeiten verlangte, blieb er seinen Zeitgenossen weitgehend unverständlich. Während andere Komponisten ihre Musik schrieben, um ein größeres Publikum anzusprechen, richtete er sich an den Connoisseur.

Friedemanns Claviersonaten sind Zeugnisse einer großen Ausdruckskraft und Virtuosität, die in die planvollen, geordneten Strukturen einer neuen Form eingebettet sind. Die norddeutsche Claviersonate hatte, als Friedemanns Leben sich dem Ende zuneigte, hohe künstlerische Ambitionen erreicht, und er selbst entfaltete die ganze kompositorische und konzeptionelle Vielschichtigkeit der Gattung. Gemeinhin bilden die Kopfsätze die gehaltvollsten und mächtigsten Teile seiner durchweg dreisätzigen Sonaten. Dabei sind »alle seine Melodien […] anders gewendet als die Melodien anderer Componisten, und doch nicht nur äußerst natürlich, sondern zugleich außerordentlich fein und zierlich«, wie Johann Nikolaus Forkel noch 1802 schrieb. Die Sonaten sind echte Darbietungsstücke, worin originelle Ideen und konventionelle Formen miteinander verbunden sind.

Anders als Carl Philip Emmanuel verzichtete Friedemann darauf, seine Kompositionen in einem Werkverzeichnis festzuhalten oder die Manuskripte zu datieren. Mitunter ließ er sie sogar unsigniert. Der überwiegende Teil seines Schaffens und somit auch die meisten Sonaten blieben unveröffentlicht. Aus diesem Grunde und wegen ihrer hohen technischen Ansprüche fand seine Musik keine große Verbreitung. Bis heute wird sie nicht besonders häufig gespielt, obwohl sie voller Charme und origineller Ideen ist und sowohl für die Spieler als auch fürs Publikum ein rechtes Vergnügen darstellt, wie die vorliegenden Werke exemplarisch zeigen.

Die Sonate G-dur (F.7) ist vermutlich ein spätes Werk. Sie zeichnet sich durch eine auffallend kontrapunktische Textur und einen weiten Tonumfang vom tiefen G bis zum hohen Fis aus. Der Kopfsatz ist für Friedemanns Sonaten ungewöhnlich, da sich hier Andantino- und Allegro di molto- Abschnitte abwechseln. In seiner improvisatorischen Haltung erinnert der Satz an Friedemanns Fantasien. Bemerkenswert sind auch die äußerst raffinierte harmonische Sprache und die weiten Sprünge in den schnellen Passagen. Das schöne Lamento mit seiner expressiven, von kleinen Sextsprüngen durchsetzten Melodie verwendet ein ähnliches Material wie die Polonaise d-moll. Die chromatische Harmonik ist avanciert und bewirkt eine tiefempfundene Lyrik. Die melodische Substanz des abschließenden Presto erinnert an den dritten Satz des Flötenduos F-dur (F.57). Dieses zweistimmig gehaltene, im Rhythmus einer Gigue geschriebene und von humorigen Synkopen gekennzeichnete Finale bildet einen großen Kontrast zu den zwei voraufgegangenen Sätzen.

Wilhelm Friedemann Bach hat zwei Flötensonaten geschrieben, die auch als Claviersonaten überliefert sind. Eine dieser beiden ist die Sonate e-moll (BR A 9). Das ausführliche Passagenwerk der beiden Ecksätze nutzt die virtuosen Möglichkeiten, über die die Flöten des 18. Jahrhunderts verfügten. Dazu gehören weite Sprünge zwischen den Registern und rasche Akkordbrechungen, die sich auch gut aufs Clavier übertragen lassen und virtuose Darbietungen ermöglichen. Das zentrale Siciliano repräsentiert eine alte Tanzform und entstammt einer anderen Claviersonate, die Bach mit kleinen Varianten von F nach G transponierte.

Das erste Thema der Sonate C-dur (BR A 1) ähnelt in seiner leuchtenden, geradlinigen Art und melodischen Kontur auffallend der Sonate Es-dur (F.5) [Naxos 8.572814]. Der zweistimmig gehaltene Satz stellt dem Spieler geringere Ansprüche und erinnert stilistisch an manches, das Carl Philip Emmanuel komponiert hat. Geradezu orchestral wirkt das Andante a-moll mit den oktavierten Tonwiederholungen der linken Hand und der Stimmführung der rechten Hand, die zwei Melodieinstrumente nachzuahmen scheint. Das durchkomponierte, satztechnisch interessante Presto-Finale beschließt jeden seiner drei Abschnitte mit Unisono-Passagen.

Die Sonate F-dur (F.6) durchlief substantielle Revisionen. Es gibt von dieser Sonate drei Fassungen, deren jede einen eigenen langsamen Satz enthält. Die hier eingespielte Version 6A dürfte das letzte Stadium darstellen. Die schnellen Sätze der Fassungen B und C sind fast identisch. In der Version A wird das kurze Larghetto der älteren Varianten durch ein Menuett mit Trio ersetzt. Auch in den Ecksätzen, namentlich im Kopfsatz, gibt es signifikante Änderungen. Melodik, Harmonik und Ornamente sind verfeinert.

Bei der brillanten Sonate A-dur (F.8) gönnt sich Friedemann Bach die Freiheit einer improsivatorischen Themenaufstellung und der dezenten Veränderungen, wodurch er der Sonatenform sein individuelles Zeichen aufdrückt. Das erste Thema ist von Synkopen geprägt, die Reprise wird stark gekürzt. Dem anschließenden, lyrischsublimen Largo con tenerezza folgt als Finale ein Allegro assai, dessen ritornellartig behandeltes Hauptthema eine virtuose Spieltechnik erfordert.

Die Sonate Es-dur (BR A 8) erinnert an die verspielte Grazie, die Johann Christian Bach kultivierte. Der zweistimmig komponierte Allegro-Kopfsatz exponiert das erste Thema in der rechten Hand. Typisch für Friedemann sind die kleinen Unterbrechungen, die er in die durchgehende Sechzehntelbewegung einfügt. Das Andante c-moll endet auf einem Halbschluss, der direkt ins Vivace führt.

Wilhelm Friedemann Bach und seine deutschen Zeitgenossen entwickelten eine eloquente, poetische und überzeugende Ausdrucksweise. Bachs Claviersonaten lassen diese und andere Merkmale in aller Deutlichkeit hervortreten: Seine Werke sind dicht, komplex und kunstvoll gearbeitet und fordern eine große technische Virtuosität. Es sind die Schöpfungen eines äußerst kreativen Menschen, der allerdings nicht in der Lage war, einen der künstlerischen Wege einzuschlagen, die seinerzeit Anerkennung und Erfolg versprachen.


Julia Brown
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window