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8.573235 - LISZT, F.: Transcriptions from Operas by Meyerbeer (Liszt Complete Piano Music, Vol. 40) (Gallo)
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Franz Liszt (1811–1886)
Arrangements nach Opern von Meyerbeer • Le Prophète • Robert le diable • L’Africaine

 

»Damit die Veröffentlichung der Stücke aus dem Propheten sich nicht verzögert, ist es einfacher, mir die Fahnen nach Eilsen zu schicken, wo ich bis Anfang Dezember sein werde. Der generelle Titel muss so bleiben, wie ich gesagt habe: ›Illustration des Propheten‹ von Meyerbeer durch F. Liszt«.

So schrieb Franz Liszt am 12. November 1849 dem Leipziger Verleger Hermann Härtel aus Bad Eilsen, wo er die Zeit vor seiner Rückkehr nach Weimar verbrachte. In dem Kurort traf er sich mit seinem neuen Assistenten, dem jungen Josef Joachim Raff, der Liszt künftig bei der Instrumentierung seiner Orchesterwerke zur Hand ging. In dem Brief an Hermann Härtel ging es freilich um die Veröffentlichung verschiedener Operntranskriptionen aus dem bisherigen Repertoire des Klaviervirtuosen Liszt, der diesen Aspekt seiner Laufbahn soeben beendete.

Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 im deutschungarischen Raiding (Doborján) bei Ödenburg (Sopron) geboren. Sein Vater Adam war Amtmann des Fürsten Eszterházy sowie ein tüchtiger Amateur auf dem Violoncello. Durch die Unterstützung des ungarischen Adels war es seiner Familie möglich, mit ihm nach Wien zu gehen, wo ihn Carl Czerny im Klavierspiel und der alte Hofkomponist Antonio Salieri, der auch Beethoven und Schubert unterwiesen hatte, im Tonsatz unterrichtete. 1822 reiste Adam Liszt mit seinem Sohn nach Paris, um ihn am dortigen Konservatorium unterzubringen—doch Luigi Cherubini, der Direktor des Instituts, verweigerte dem „Ausländer“ die Aufnahme. Dafür fand man in Antonin Reicha einen geeigneten Lehrer und in dem Klavierbauer Érard einen Förderer, der Liszt zunächst eine erfolgreiche Konzertreise nach England ermöglichte, an die sich weitere Tourneen durch Frankreich anschlossen.

Adam Liszt starb 1827 in Frankreich, worauf die Mutter nach Paris kam. Der inzwischen sechzehnjährige Franz gab Klavierunterricht und bemühte sich mit einer wahren Lesewut, seinen bisherigen Mangel an Allgemeinbildung auszugleichen. Von entscheidender künstlerischer Bedeutung war das Erlebnis Paganini: Der Hexenmeister spielte im Frühjahr 1831 in der französischen Hauptstadt, und Liszt spürte, dass ihm auf dem Klavier ähnlich neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen könnten, die er später auch unter anderem in seinen Paganini-Etüden verwirklichte. Die Liaison mit der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult, einem „Blaustrumpf“ wie die Romanschriftstellerin und gemeinsame Freundin George Sand, sowie die Geburt dreier Kinder führten zu weiteren Reisen und seit 1839 zu einer neuerlichen internationalen Virtuosentätigkeit, die Liszt eine wahre Heldenverehrung eintrug.

Im Jahre 1844 zerrissen die letzten Bande zwischen Liszt und der Gräfin, die danach unter dem Künstlernamen Daniel Stern literarische Rache an ihrem einstigen Lebensgefährten nahm. Dieser hatte inzwischen Kontakte zum Großherzogtum Weimar angeknüpft, nahm seinen Abschied vom öffentlichen Konzertpodium und wurde 1848 Musikdirektor der einstigen Goethe-Residenz, wo er fortan zusammen mit der jungen polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein lebte, einer literarisch und theologisch ambitionierten Dame, die sich von ihrem Ehemann, einem russischen Adligen, getrennt hatte. In Weimar beginnt auch recht eigentlich die Geschichte der Symphonischen Dichtungen, mit denen Franz Liszt nach neuen musikalischen Formen suchte, wobei er sich jeweils von literarischen, malerischen oder philosophischen Werken anregen ließ.

Trotz mannigfacher Bemühungen konnte die katholische Ehe der Fürstin nicht geschieden werden. Um sich schließlich sogar beim Heiligen Vater um eine Auflösung des Bundes zu bemühen, begab sich Carolyne 1860 nach Rom, im nächsten Jahr gefolgt von ihrem Lebensgefährten, der in der Ewigen Stadt allerdings eine eigene Wohnung nahm. Für Liszt begannen die „späten Jahre“, die er als une vie trifurquée („dreigleisiges Leben“)bezeichnete: Abwechselnd lebte er in der komfortablen Ruhe eines römischen Klosters, in Weimar, wo der Meister des Klavierspiels und Prophet der Neuen Musik Hof hielt, sowie in Ungarn, wo man ihn inzwischen als Nationalhelden feierte.

Franz Liszt starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima, die Witwe Richard Wagners, mit der Durchführung der aktuellen Festspiele beschäftigt war. Die Anwesenheit des alten Vaters kam ihr dabei offenbar nicht sonderlich gelegen.

In Paris war Liszt mit den führenden Schriftstellern, Malern und Komponisten Frankreichs zusammengekommen. Dieser Kreis nahm ihn auch wieder auf, als er mit seiner Geliebten Marie d’Agoult das selbstgewählte Exil verließ. Zu den Komponisten, mit denen man Umgang hatte, gehörte Giacomo Meyerbeer, die führende Figur der großen Opéra. Geboren am 5. September 1791 in Tasdorf bei Berlin als Jakob Liebmann Meyer Beer, war der Sohn einer wohlhabenden, kulturell vielseitig interessierten Familie unter anderem bei Georg Joseph (»Abbé«) Vogler in die Lehre gegangen, der auch seinen fünf Jahre älteren Kollegen Carl Maria von Weber unterrichtet hatte. Seine eigentliche Karriere machte Meyerbeer in Paris, von wo aus er, durch den Wohlstand seiner Familie mit einer gewissen schöpferischen Freiheit versehen, seine kosmopolitischen Beziehungen pflegte. Er schrieb insgesamt siebzehn Opern, von denen die wichtigsten die Grand-Opéras Robert le diable (»Robert der Teufel«), Les Huguenots (»Die Hugenotten«), Le Prophète (»Der Prophet«) und L’Africaine (»Die Afrikanerin«) sind, die Liszt allesamt zu eigenen Klavierübertragungen heranzog.

Le Prophète vollendete Meyerbeer im Jahre 1840. Die Uraufführung fand im April 1849 an der Pariser Opéra statt. Die »Illustrationen«, die Franz Liszt 1849/50 verfasste, waren also höchst aktuell—wie auch das beeindruckende Orgelwerk der Fantasie und Fuge über den Choral ›Ad nos, ad salutarem undam‹ von 1850, in dem er den Gesang der Wiedertäufer aus dem ersten Akt der Oper verwandte. Die Handlung des Bühnenwerkes beruht auf den Ereignissen um die Wiedertäufer, die im 16. Jahrhundert die Stadt Münster eroberten und dort den holländischen Prediger Jan van Leyden zu ihrem »Propheten« kürten. Am Ende kommen Jan und seine Jünger in ihrem Schloss durch eine alles zerstörende Salpeter-Explosion ums Leben, die der »Prophet« selbst ausgelöst hatte.

Liszts Klavierbearbeitung bringt zunächst Elemente aus dem dritten und vierten der fünf Aufzüge. Die mit dem eigenwilligen Titel Illustration überschriebene Musik beginnt mit dem Krönungsmarsch, zu dessen Klängen sich Jan van Leyden im Dom von Münster zum Herrscher krönen lässt. Dieser Marsch wird später wiederholt. Weiteres Material liefern unter anderem das Gebet des Volkes sowie der Siegeshymnus der Wiedertäufer aus dem dritten Akt. Den zweiten Satz seiner »Illustrationen« widmete Franz Liszt den Patineurs, die im dritten Akt das für die französische Oper obligatorische Ballett darstellen—eine Zerstreuung für die Soldaten, die sich sowohl als Tanzmusik wie auch im Konzertsaal ihren Repertoireplatz gesichert hat. Auch Liszts Darstellung dieser »Schlittschuhläufer « mit ihren spektakulären glissandi und anderen technische Schwierigkeiten wurde als virtuoses Klavierstück bekannt. Die dritte »Illustration« beschreibt den pastoralen Anfang der Oper: Schäfer antworten einander auf ihren Flöten, bevor das ländliche Idyll durch die Wiedertäufer, die nach einem Aufstand verlangen, zerstört wird.

Robert le diable wurde 1831 an der Pariser Opéra uraufgeführt. Die Cavatine de Robert le diable, die Franz Liszt 1842 aufs Klavier übertrug, ist eine Bearbeitung der Arie Robert, toi que j’aime (»Robert, mein Geliebter«) aus dem vierten Akt. Schon ein Jahr zuvor hatte er die Réminiscences de Robert le diable—Valse infernale eingerichtet. Robert, der Herzog der Normandie, hält sich für »Robert den Teufel«, von dem die Legenden erzählen. Der vermeintliche Freund Bertram, tatsächlich Roberts Vater, will ihn zum Bösen verführen, doch Robert wird schließlich aus den teuflischen Krallen gerettet und mit seiner geliebten Isabelle, einer sizilianischen Prinzessin, vereint. In der Cavatina fleht Isabelle den Liebsten an, dem Bösen zu entsagen. Sie bringt ihn dazu, den magischen Zweig zu zerbrechen, der ihm seine teuflischen Kräfte verliehen hatte.

In seinen Réminiscences du Robert le diable benutzt Franz Liszt die Valse infernale, die Bertram und seine bösen Geister im dritten Akt der Oper tanzen. Ferner erklingen das Thema der Versuchung und das weithin bekannte »Nonnenballett«, in dem sich die toten Klosterschwestern aus ihren Gräbern erheben, und endlich ist auch der Einzug der Ritter zu hören, die sich im zweiten Akt zum Turnier einfinden: Hier sollen Robert und der Prinz von Granada, auch er ein Bewerber um Isabellas Hand, gegeneinander antreten. Das Klavierstück erlangte eine ungeheure Beliebtheit, nachdem es Liszt in Paris in einem Recital vorgetragen hatte. Selbst bei einem Beethoven-Konzert, dessen Erlös in den Fond zur Errichtung eines Beethoven-Denkmals fließen sollte, musste er sich trotz heftigen Widerstands den Forderungen des Publikums beugen und die hier völlig unpassenden »Erinnerungen« spielen.

Das Libretto der Africaine besaß Meyerbeer schon seit 1838, doch er vollendete das Werk erst 1863. Die Premiere fand 1865 statt—vier Jahre nach dem Tode des Textdichters und ein Jahr nach dem Tod des Komponisten. Liszts Illustrations de L’Africaine entstanden in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit der Uraufführung der Oper, die im Lissabon des 16. Jahrhunderts sowie auf einer Insel im Indischen Ozean spielt. Ursprünglich wollte Meyerbeer dem Werk den Namen des männlichen Protagonisten geben: Vasco da Gama, der mit Ines, der Tochter des Admirals Don Diego, verlobt ist. Zwei Jahre wartet das Mädchen inzwischen auf ihn, und ihr Vater verlangt, dass sie sich statt seiner mit Don Pedro, dem Rat des portugiesischen Königs, vermähle. Doch der Totgeglaubte kehrt zurück. In seiner Begleitung sind das Mädchen Selica und der Bursche Nelusco, die er auf einem afrikanischen Sklavenmarkt gekauft hat.—Vasco bittet um ein Schiff für weitere Erkundungsfahrten. Als ihm der Großinquisitor dieses verweigert, wird er derart ausfällig, dass man ihn in Gesellschaft seiner beiden »Mitbringsel« in den Kerker wirft. Selica, in ihrer Heimat eine Königin, will Vasco trösten, der indessen von Ines träumt, und sie hindert den eifersüchtigen Nelusco daran, den Schlafenden zu erstechen.—Durch die Verheiratung mit Don Pedro hat Ines inzwischen Vascos Freiheit erlangt. Gemeinsam bricht man zu einer neuen Expedition auf, wobei der tückische Nelusco den Lotsen abgibt. Das Schiff zerschellt in einem Sturm, und die Portugiesen geraten in die Hände der Einheimischen. Selica ist wieder Königin. Die männlichen Gefangenen werden getötet. Vasco wird als einziger von Selica gerettet, die ihn für ihren Gemahl ausgibt. Während die Eheschließung nun auch nach dem Ritus der Eingeborenen vollzogen wird, hört Vasco aus der Ferne die Stimme von Ines, die nicht, wie geglaubt, mit den anderen zu Tode kam. Selica erkennt, dass sie Vasco verlieren wird. Sie verzichtet, gibt den beiden ein Schiff für die Heimreise und atmet den giftigen Duft des Manchinelbaumes ein. Nelusco findet die Sterbende und folgt ihr in den Tod.—Liszt benutzt im ersten Satz seiner »Illustrationen« die Prière des matelots »O grand St Dominique«, womit die Matrosen im dritten Akt auf See um Rettung beten. Der zweite Satz, die Marche indienne (»Indischer Marsch«), erklingt im vierten Akt, während man der Königin Selica vor einem Tempel huldigt. In einem Divertissement folgen den Priesterinnen Brahminen, Amazonen, Gaukler, und schließlich ziehen zu einem Allegro marziale die Krieger auf.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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