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8.573254 - CZERNY, C.: Bel Canto Concertante - Virtuoso Variations for Piano and Orchestra (R. Tuck, English Chamber Orchestra, Bonynge)
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Carl Czerny (1791–1857)
Bel Canto Concertante

 

»Es gehört zu den Redensarten und Witzen geübter Recensenten, in dieser oder jener neuen Phantasie selbige am meisten zu vermissen. Und diesmal hätten sie einigermaßen Recht; denn einen größeren Bankrott an Phantasie, als Hr. Czerny in seinem neustem [sic!] Groß=Werke entwickelt, kann es schwerlich geben. Versetze man doch den geschätzten Componisten in Ruhestand und gebe ihm eine Pension, wahrhaftig er verdient sie und würde nicht mehr schreiben«. Mit diesen Worten eröffnete Robert Schumann, einer der scharfsinnigsten Musikkritiker seiner Zeit, im Jahre 1838 seine Besprechung der »vier brillanten Phantasien« namens Die vier Jahreszeiten op. 434 von Carl Czerny. Was er da in der Neuen Zeitschrift für Musik äußerte, hat die posthume Reputation Czernys nicht unwesentlich beeinflusst und ihn zu dem fleißigen, dabei aber uninspirierten Komponisten gemacht, als der er noch heute weithin gilt, weil die meisten seiner bedeutendsten Werke weder unter Musikern noch in Publikumskreisen bekannt sind.

Carl Czerny, dessen Vater und Großvater sich bereits als Musiker hervortaten, war ein pianistisches Wunderkind, dessen Talent Ludwig van Beethoven derart beeindruckte, dass er ihm sogleich seine Unterweisung anbot. Die Ausbildung währte zwar nur bis 1802, weil der Lehrer als Pianist und Komponist sehr eingespannt war, doch bis zum Ende seines Lebens hatte er ein gutes Verhältnis zu seinem Schüler, der sich bis zu seinem eigenen Tode unermüdlich, wenngleich etwas starrköpfig, für Beethovens Musik einsetzte. Czerny verfügte über mancherlei Qualitäten, die für eine Virtuosenkarriere à la Johann Nepomuk Hummel oder Ferdinand Ries, dem anderen Freunde Beethovens, hingereicht hätten. Und tatsächlich wollte er bereits im Jahre 1805 eine Konzertreise unternehmen, für die ihm Beethoven ein enthusiastisches Zeugnis ausstellte; doch dann stand er von dem Vorhaben ab, denn »bei den damaligen so kriegerischen Zeiten [war] an solche Unternehmungen ohnehin nicht zu denken», und dann fehlte, wie er später in den Erinnerungen aus meinem Leben gestand, »meinem Spiel stets jene brillante und wohlvorbereitete Charlatanerie, welche den reisenden Virtuosen meistens so nötig ist«. Er beschloss, statt dessen in Wien zu bleiben, um sich als Klavierlehrer und Komponist zu etablieren. Während ihm damit außerordentliche Erfolge beschieden waren, dürfte sein Verzicht auf jegliche Konzertreise einer weiterreichenden Anerkennung seiner Musik im Wege gestanden haben, obwohl auch ausländische Verlage sich für sein Schaffen interessierten.

Die nächsten Jahrzehnte waren für Czerny ereignislos. Als zeitlebens unverheiratetes Einzelkind lebte er mit seinen Eltern in Wien, wo er jeden Tag von acht Uhr in der Frühe bis um acht Uhr abends Unterricht gab. Jede freie Minute widmete er seinen Kompositionen, wobei er—wie viele seiner Kollegen und auch sein berühmter Lehrer—gleichzeitig an mehreren Werken arbeitete. Das war nicht nur der pure Fleiß, sondern eine geradezu industrielle Produktionsweise. Der irische Pianist John Field (1782–1837) besuchte Czerny 1835 in Wien und beschrieb sein Arbeitszimmer als eine »Kompositionsfabrik«. In einem großen Schrank waren alle erdenklichen Passagenwerke einsortiert, die Czerny sowohl zu Unterrichtszwecken als auch in seinen eigenen Werken benutzte. Schüler (oder Gehilfen) wurden angewiesen, bestimmte Passagen in die benötigten Tonarten zu transponieren und in die Werke zu übernehmen, die sie eifrig für ihren Lehrer kopierten. Diese Formelhaftigkeit war nicht neu—GeneralbassÜbungen gehörten seit langem zur musikalischen Grundausbildung—, doch die Erbarmungslosigkeit, mit der Czerny seine Arbeit betrieb, entsprach genau dem jungen Industriezeitalter. So überrascht es kaum, dass ein Robert Schumann, dem die Reinheit der Kunst über alles ging, sich in seinem Artikel derart vernichtend über Czernys künstlerische Bankrotterklärung ausließ.

Zu Czernys Verteidigung sei angeführt, dass wir nicht wissen, welche Werke John Field auf dem Fließband sah. Czerny unterteilte sein Schaffen in vier Kategorien: 1. Etüden und Übungen, 2. leichte Unterrichtswerke, 3. brillante Konzertstücke und 4. seriöse Musik. Die Unterscheidung zwischen den Kategorien 3 und 4 zeigt, dass Czernys künstlerisches Selbstverständnis deutlich über das hinausging, was ihm Schumann zuerkennen wollte. 1824 schreibt er Friedrich Wieck, dem Vater Clara Schumanns, er habe die musikalische Welt um Vergebung zu bitten, weil er bis dato solche Mengen an Bagatellen und so wenig Großes geschrieben habe. Als ein Mann, der sein Wort hält, gelobt er Besserung. Anton Kuerti¹ hat darauf hingewiesen, dass Carl Czerny dreiunddreißig Jahre später in einem anderen Brief gelobte, fortan nur noch ernste Werke zu komponieren, wofern der Herr ihm das Leben ließe. Ironie des Schicksals: Zehn Tage später war er tot.

Die vier Werke der vorliegenden Einspielung gehen allesamt auf Themen aus den beliebtesten Opern der Zeit zurück und fallen als brillante Konzertstücke eindeutig in Czernys Kategorie Nr. 3. Ferdinand Ries hatte auf diesem Gebiete Pionierarbeitet geleistet: Seine Variationen über schwedische Nationallieder op. 52 für Klavier und Orchester aus dem Jahre 1813 scheinen das erste Werk ihrer Art gewesen zu sein, dem er weitere Variationsfolgen, Polonaisen (und sonstige Tänze) sowie Exemplare des allgegenwärtigen Rondos folgen ließ, das man früher gern als Konzertfinale benutzt hatte. Auch Johann Nepomuk Hummel, ein weiterer virtuoser Zeitgenosse Czernys, kultivierte diese Musik. Als besonders erfolgreich erwiesen sich Variationswerke über bekannte Themen aus jüngst inszenierten Opern. Die komponierenden Pianisten schlachteten diese Werke unbarmherzig aus, weil sie wussten, dass die Themen allein schon ihren eigenen Stücken Aktualität verliehen und den Publikumserfolg damit praktisch von selbst garantierten.

Die Tonkünstler beschränkten sich freilich nicht auf Variationswerke, sondern verfassten die unterschiedlichsten Dinge über Opernthemen. Interessant ist dabei, dass Czerny neben der hier eingespielten Fra Diavolo-Fantasie noch eine weitere »elegante Fantasie« komponierte, in der er Themen benutzte, die er zuvor verworfen hatte. Da er gern mehrere Werke über thematisches Material aus ein- und derselben Oper schrieb, konnte es ab und zu ein bisschen »eng« für ihn werden: Schließlich durfte sich Czerny bei der Wahl seiner Themen nicht wiederholen und mußte dann gegebenenfalls mit Melodien vorliebnehmen, die nicht zu den stärksten des jeweiligen Bühnenstückes gehörten.

Die vier Kompositionen der vorliegenden Produktion entstanden zwischen 1828 (Introduktion, Variationen und Polacca op. 160) und etwa 1833 (Introduktion, Variationen und Presto finale op. 281), stammen also aus derselben Zeit wie die späteren Werke für Klavier und Orchester von Hummel und Ries. Zwischen den jeweiligen Opern und Czernys entsprechenden Kompositionen liegen nur wenige Jahre: Il Pirata (Bellini 1827, Czerny 1828); Fra Diavolo (Auber und Czerny 1830); Gli Arabi nelle Gallie (Pacini 1827, Czerny 1831); Norma (Bellini 1831, Czerny 1833)—ein Zeichen für den kommerziellen Sinn des Komponisten beziehungsweise seiner Verleger.

Carl Czerny zufolge soll Ludwig van Beethoven einmal »fast mürrisch« über Ferdinand Ries gesagt haben: »Er ahmt mich zu sehr nach«. Diese Bemerkung, die nirgends sonst bestätigt wird, entbehrt vor dem Hintergrund dieser vier Werke nicht der Ironie, da sie durchweg nach dem strukturellen Grundmodell gebildet sind, das Ries schon in seinen Schwedischen Variationen präsentiert hatte: Einer langsamen, ahnungsvollen und zugleich gesanglichen Einleitung folgen die Exposition des Themas und die Variationen, deren letzte zu einem Finale erweitert ist. Die Einleitungen sind bei Czerny so frei gestaltet wie bei Ries und Hummel, und die Übernahme der Opernthemen bildet die Grundlage für den Hauptteil des Werkes. Czerny wählte das Material dabei vor allem nach seinem jeweiligen Wiedererkennungswert, während die Frage, ob das Material eventuell interessante Möglichkeiten bietet, keine wichtige Rolle spielt. Die Themen sind für gewöhnlich symmetrische, zweiteilige Konstruktionen, denen Czerny eine kurze orchestrale Codetta anfügt. Die ersten Veränderungen bewahren die thematische Struktur, die sich im weiteren Verlauf des Werkes allmählich lockert. Ein typischer Kunstgriff ist der Verzicht auf die Wiederholung des »A-Teils«, den er—gewissermaßen als Variation in der Variation—durch leichte Umgestaltungen des Materials ersetzt. Die Virtuosität steigert sich im Laufe der Variationen, und Czerny neigt dazu, das Tempo fortwährend zu erhöhen. Kaum einmal findet man bei ihm die langsamen und expressiven Variationen, die ein auffallendes Charakteristikum für Hummel und Ries sind (und sich bis ins späte 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen). Bei Czerny werden die Themen eher variiert als durchgeführt oder entwickelt, wobei die Veränderungen eine Folge von Figurenwerk vorstellen, das nur locker mit dem Ausgangsmaterial verbunden ist. In den längeren Abschnitten gibt sich Czerny harmonisch kühner, während er dem Solisten freien Lauf lässt und ihn in hektischen Tempi über die Klaviatur jagt.

Komplexe Strukturen und expressive Welten werden in diesen Werken bewusst vermieden, denn Czerny sah darin keine »seriösen« Kompositionen. Er mochte daran gedacht haben, Musik der »dritten Klasse« zu schreiben, doch die Kunstfertigkeit, mit der er aus den populären Melodien ein Transportmittel für außergewöhnliche Virtuosität macht, ist alles andere als drittklassig. Wie diese Stücke sattsam beweisen, war Carl Czerny restlos mit der Sprache und den Konventionen der komponierenden Pianisten vertraut, die damals von sich reden machten, und er leistete mit seinen Werken einen wichtigen Beitrag zu dem kontinuierlich wachsenden Virtuosenrepertoire.


Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ Anton Kuerti, Carl Czerny, Composer. In: Beyond The Art of Finger Dexterity – Reassessing Carl Czerny, hrsg. v. David Gramit. University Rochester Press 2008, S. 139ff. (Anm. d. Übs.)


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