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8.573280 - PURCELL: Theatre Music, Vol. 2 (Aradia Ensemble, Mallon)
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Henry Purcell (1659–1695)
Theatermusik • Folge 2

 

Henry Purcell wurde 1659 als Sohn des Musikers Thomas Purcell und Neffe von Henry Purcell geboren. Beide Herren wirkten seit der Restauration der Monarchie als Gentlemen in der Londoner Chapel Royal. Dem Vorbilde des Vaters folgend, kam auch Henry Purcell junior bereits in jungen Jahren an die Chapel Royal: Mit zehn Jahren wurde er Chorist der Institution, wo ihn als Masters of the Children zunächst Henry Cooke und dann dessen Amtsnachfolger Pelham Humfrey unterrichteten. Zwei Jahre nach Humfreys Tod erhielt Henry auch Unterweisungen durch den berühmten John Blow. Außerdem arbeitete er in diesem Jahr (1674) als Orgelstimmer an Westminster Abbey, wo er fünf Jahre später selbst Organist wurde, nachdem sich John Blow zur Ruhe gesetzt hatte. Sein Rang als Komponist war zu diesem Zeitpunkt bereits erkannt worden: 1677 war er der »composer in ordinary« für die Vierundzwanzig Violinen des Königs geworden, mit deren Gründung Charles II. dem Vorbild des französischen Hofes gefolgt war. Während seiner gesamten Karriere erfreute sich Henry Purcell der Gunst der Herrscher, wie zum Beispiel seine Berufung in die »Privatmusik« der Könige James II. und William III. sowie seine Anstellung als Organist der Chapel Royal zeigten. Sein Tod im Jahre 1695 soll die Folge einer Erkältung gewesen sein, die er sich zuzog, als ihn die Gemahlin—seines langen Ausbleibens müde geworden—ausgesperrt hatte.

Purcells Aufgabe bestand vor allem in der Komposition geistlicher Musik, doch scheint er sich auch sein Leben lang fürs Theater begeistert zu haben. Einige seiner berühmtesten Werke, darunter als eines der besten Beispiele Dido and Aeneas, entstanden für die Bühne. Die vorliegende Aufnahme enthält einige der nicht so bekannten Bühnenmusiken aus verschiedenen Schaffensphasen des Komponisten. Die Londoner Theaterwelt war eine Brutstätte von Ränkespielen, Rivalitäten und Intrigen, aus denen man in der Zeit der Restauration gut und gerne eine Komödie hätte machen können. Dabei konnte die Musik, besonders, wenn sie von einem gefragten Komponisten wie Purcell stammte, einen lebenswichtigen Vorteil gegenüber konkurrierenden Unternehmungen darstellen. Purcell lieferte zu den Schauspielen sowohl die Szenenmusik als auch Lieder; es handelte sich dabei also nicht um eigentliche Opern, sondern eher um jene als »Semi-Opern« bekannten Stücke, in denen musikalische Episoden und Tänze vorkamen. Die hier berücksichtigten Stücke wurden vorwiegend von Schauspielern aufgeführt, die kaum selbst werden gesungen haben; des weiteren gab es einige Sänger(innen), denen man verschiedene Nebenrollen übertrug—eine Dienerin etwa, der angeschafft wird, eine Arie zu singen.

Mit The Married Beau; or, the Curious Impertinent (»Der verheiratete Geck oder: der vorwitzige Frechdachs«) verfasste John Crowne eine liebenswerte Komödie von einiger Pikanterie. Die Handlung ist ziemlich simpel: Mr. and Mrs. Lovely sind frisch vermählt. Mr. Lovely traut seiner Gemahlin nicht recht und will ihre Treue testen. Also bittet er seinen Freund Polidor, sie zu verführen. Dieser spielt mit—und hat Erfolg, was die junge Frau im fünften Akt äußerst reumütig eingesteht. Crowne, dessen eigene Tugendhaftigkeit jüngst von seinen Kritikern in Zweifel gezogen worden war, schrieb im Vorwort des Stückes ein recht mutiges Plädoyer: Mrs. Lovely wird zwar »von der Versuchung besiegt« und »zur Unsittlichkeit verführt«, doch sie »findet zurück und bekennt ihre Sünde«.

Henry Purcell hat zu dem Schauspiel das Lied See where repenting Celia lyes (»Schaut, wo bußfertig Celia liegt«) für Mrs. Lovelys Zofe sowie mehrere Begleitmusiken geschrieben, die schließlich nach dem Tode des Komponisten veröffentlicht wurden. Der Liedtext könnte sowohl ernsthaft als auch parodistisch gemeint sein, Purcell aber komponierte dazu eine äußerst melancholische, ergreifende Musik, die reich an klagenden Tönen und seufzenden Melismen ist.

Von John Dryden stammt das 1680 uraufgeführte Schauspiel The Spanish Friar; or, The Double Discovery (»Der spanische Mönch, oder: die zwiefache Entdeckung«). Das komplexe politische Drama bot dem Autor zugleich viele Möglichkeiten zu lebhafter Komik und war ein großer Erfolg. Purcells Lied Whilst I with grief did on you look kam um 1695 bei einer Wiederaufnahme des Stückes zur Aufführung. Es wird von einer Bedienten der Königin Leonora gesungen, die eben zu Unrecht beschuldigt wurde, den Vater ihres neuen Gemahls ermordet zu haben. Das Lied beginnt mit einem sparsamen, deklamatorischen Rezitativ, bevor es in eine schmerzliche Arie übergeht.

Für die Schauspielerin Susannah Percival Mountfort schrieb Thomas Southernes die Hosenrolle seines Sir Anthony Love; or, the Rambling Lady (»Sir Anthony Love; oder: die schweifende Dame«), der 1690 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Die Handlung ist nicht ungewöhnlich: Das lärmende Temperamentsbündel Lucia beraubt seinen Vormund und flüchtet nach Frankreich, wo sie unter dem Namen »Sir Anthony Love« in Männerkleidern ihr Unwesen treibt. Nach diversen Streichen und verzwickten Nebenhandlungen kommt in einem »Happy End« die Wahrheit ans Licht. Purcell lieferte drei Lieder, darunter das besonders ergreifende Pursuing Beauty (»nach Schönheit strebend«), das in seiner schmeichelnden Entschlossenheit einige widersprüchliche Charaktermerkmale von Antony-Lucia vorstellt.

Im Jahre 1675 schrieb John Dryden sein letztes Schauspiel in Reimform, die heroische Tragödie über Aureng-Zebe, den sechsten indischen Großmogul. Mit den historischen Ereignissen verfuhr er recht freizügig, als er darstellte, wie die Söhne des fünften Moguls um den Thron kämpfen: Nur der edle, mannhafte Aurenzeb bleibt dem Vater gegenüber allzeit loyal. In dem Lied I see she flies me (»Ich sehe, sie flieht mich«) kommt die Verzweiflung eines verschmähten Liebenden zum Ausdruck; es lässt sich indes nicht bestimmen, wo in dem Schauspiel der richtige Platz dafür wäre. In der Mitte des Stückes kommt es zu einem auffallenden Stimmungswechsel: Die anfangs flinke Melodie mit ihrem dramatischen, rhythmisch bewegten Ostinato endet plötzlich; bei den Worten Were she but kind (»Wär sie nur lieb«) ändert sich das Metrum, und im weiteren Verlauf werden zärtlichere, ruhige Töne angeschlagen.

The Old Bachelor (»Der alte Junggeselle«) erlebte 1693 seine Premiere und war einer der größten Erfolge des Bühnenautors William Congreve. Man verführt den »Junggesellen« namens Heartwell, den der legendäre Schauspieler Thomas Betterton spielte, die flatterhafte Silvia zu heiraten; bald aber stellt sich heraus, dass der Priester, der die Trauung vollzog, nicht echt und die Hochzeit somit ein Trug war. Purcell lieferte die Begleitmusik sowie zwei Lieder, die direkt in das Schauspiel eingebunden sind und feinsinnig die Hoffnungen und Charaktermerkmale der Gestalten spiegeln.

Purcells abendfüllende Bühnenwerke sind verdientermaßen berühmt. Dabei wurden seine Lieder und Schauspielmusiken jedoch vielfach vergessen—zu Unrecht, wie die hier vorliegende Zusammenstellung mit einigen seiner schönsten, fantasievollsten und textverständigsten Schöpfungen zeigt, die zugleich einen Einblick in die verworrene, chaotische Theaterwelt der Restauration gewährt.

Caroline Waight
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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