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8.573317 - ARENSKY, A.: Chamber Music - Piano Quintet / String Quartet No. 2 / Piano Trio No. 1 (Spectrum Concerts Berlin)
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Anton Arensky (1861–1906)
Klavierquintett op. 51 • Streichquartett Nr. 2, op. 35 Klaviertrio Nr. 1, op. 32

 

„In seiner Jugend entging er nicht einem gewissen Einfluss von mir; später kam der Einfluss von Tschaikowsky. Er wird schnell vergessen sein.“ So urteilte Nikolai Rimsky-Korsakov über seinen Schüler Anton Arensky, eine Einschätzung, die bis heute verhängnisvoll nachwirkt. Denn das Etikett des Eklektikers, allenfalls des Klassizisten, in dessen Formvollendung man nicht viel Originalität erblicken wollte, ist der russische Komponist niemals so richtig losgeworden. Dabei hatte er alle Voraussetzungen für eine glanzvolle Karriere. Der Sohn eines musikbegeisterten Arztes und einer Pianistin begann bereits mit neun Jahren zu komponieren. Nach nur dreijährigem Studium in St. Petersburg erhielt der 21jährige eine Professur für Tonsatz am Moskauer Konservatorium. Alexander Skrjabin und Sergej Rachmaninow zählten zu seinen Studenten. Nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg 1895 leitete er die zaristische Hofsängerkapelle, ein Posten, für den ihn Mili Balakirev vorgeschlagen hatte. Davon zog er sich 1901 zurück, um sich ganz dem Komponieren und Konzertieren zu widmen—er war auch als Pianist und Dirigent sehr geschätzt.

Doch dieses erfüllte Musikerleben hatte seine Schattenseiten. Zeitlebens litt Arensky, von lebhaftem, scharf denkendem Geist, unter Depressionen, die er mit Glücksspiel und Alkohol zu bekämpfen suchte. Geschwächt durch diesen Lebenswandel, starb er 1906 an Tuberkulose, noch nicht 45 Jahre alt. Drei Werke dieses fast vergessenen Komponisten hebt Spectrum Concerts Berlin auf den Prüfstand, gibt ihm die Chance, seine ganz eigene, feinsinnige Originalität zu beweisen.

Gegenüber dem ausladenden Trio zeigt das Quartett—trotz des gemeinsamen Entstehungsjahrs 1894—bereits starke Anzeichen formaler Konzentration und Reduktion. Dazu gehört der Verzicht auf kontrastierende Themen; alles scheint aus einem gemeinsamen Materialkern geschaffen. Im 1900 vollendeten Klavierquintett ist diese Entwicklung auf die Spitze getrieben. Ein feuriges Marschthema löst sich in fließende Bewegung auf, findet seine lyrischen, nachdenklich verschatteten oder grell auftrumpfenden Beleuchtungen. Kontraste schließt das nicht aus, etwa einen eleganten Walzer im melancholischen Variationensatz. Ein Fugato ist bei soviel Komprimierung die notwendige Folge. Viktor Belajev hielt das Quintett für Arenskys „Meisterwerk“, während das Scherzo für den Kammermusik-Enzyklopädisten Walter Cobbett funkelte „wie Diamanten in der Sonne“.

Das Streichquartett Nr. 2 entstand 1894 zum Gedenken des ein Jahr zuvor verstorbenen Mentors und Vorbilds Peter Tschaikowsky. Der „Trauermusik“ entspricht das ungewöhnlich dunkle Klangbild—statt der zweiten Violine wird ein zweites Cello eingesetzt. Im Zentrum steht ein Variationensatz auf ein Thema von Tschaikowsky—die „Legende“ aus den „Kinderliedernop. 54—der weite Extreme des Tempos und der Bewegungsformen von choralartiger Schlichtheit bis zu erregter Virtuosität umschließt, den melodischen Stil des verehrten Meisters teilweise imitiert und in der Coda die Anfangstakte des ersten Satzes zitiert. Im Finale wird das Eröffnungsthema aus einer russischen Trauermesse von einem Volkslied abgelöst, das offenbar zur Zarenkrönung gesungen wurde und das sowohl Beethoven in seinem „Rasumowsky“-Quartett op. 59 Nr. 2 als auch Mussorgski in „Boris Godunow“ verwendeten.

Das Klaviertrio op. 32 ist Arenskys wohl bekannteste Komposition. Es begegnet immer wieder im Konzertsaal und ist jetzt auch als CD-Einspielung häufiger zu finden. Wer es einmal gehört hat, wird vor allem das weitgeschwungene, schwärmerische Hauptthema nicht wieder vergessen—ein „Ohrwurm“, der einen noch tagelang begleitet. Nicht nur in der Tonart d-Moll, sondern auch in vielen Details nimmt sich das Werk Mendelssohns Klaviertrio Nr. 1 zum Vorbild und bezieht sein eigenes Profil doch gerade aus seiner Melodik. Sie strahlt stets elegante Melancholie aus und streift durchaus die Sphären des Salons, ohne jemals geschmacklich abzugleiten. Der äußerst virtuose, gleichwohl transparent zwischen den Streichinstrumenten vermittelnde Klavierpart im Kopfsatz enthält Spuren des frühen Chopin, während sich das quirlige Scherzo an Mendelssohns „Elfenmusiken“ anlehnt. Im Zentrum steht auch hier der langsame Satz; eine „Elegie“ im Gedenken an den Cellisten Karl Davidoff, die einen ätherischen Mittelteil einschließt. Dieser taucht ebenso wie das Eröffnungsthema im kraftvollen Finale wieder auf, was seiner eher „diesseitigen“ Virtuosität die nachdenklich rückschauenden Momente einzieht und für formale Geschlossenheit sorgt.

Isabel Herzfeld


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