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8.573330 - KOSTER, L.: Suite dramatique / Ouverture légère / Waltz Suites (Estro Armonico Luxembourg Chamber Orchestra, Kaell)
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Lou Koster (1889–1973)
Suite dramatique • Ouverture légère • Walzersuiten

 

Lou Koster wurde am 7. Mai 1889 in Luxemburg geboren. Da es in ihrer Kindheit in ihrem Heimatland keine Musikschule oder ein Konservatorium gab, erhielt sie von ihrem Großvater Franz Ferdinand Bernhard Hoebich (1813–1900), pensionnierter Kapellmeister der Luxemburger Militärmusik, Unterricht in Musiktheorie, Violine und Klavier. Erst ab 1906 konnte sie ihre Studien am neu gegründeten Luxemburger Konservatorium in den genannten Fächern sowie zusätzlich in Gesang und Harmonielehre vervollkommnen. Nach eigener Aussage fühlte sie sich bereits als Kind zur Komponistin berufen. Ihr kompositorisches Handwerk eignete sie sich weitgehend autodidaktisch an. Zwar gab es im Luxemburger Konservatorium eine Kompositionsklasse, dies scheinbar aber nur auf dem Papier, denn erst im Sommer 1943 legte erstmals ein Student ein Examen in dieser Kompositionsklasse ab. Kosters frühe Werke waren Lieder und Klavierkompositionen. Bald aber wagte sie sich an umfangreichere Kompositionen, wie die 1922 mit Erfolg uraufgeführte Operette An der Schwemm nach einem Libretto von Batty Weber (deutsche Version: Amor im Bade, UA 1927), von der ein Auszug auf Schellackplatte bei Homocord Berlin erschien.

In der Zwischenkriegszeit fand Koster Verleger für ihre Klavierwerke und Lieder in Luxemburg, Belgien und Deutschland (Schott Frères, Maison Musicale Moderne und F. Lauweryns in Brüssel; Aurora in Weinböhla bei Dresden; B. Schellenberg in Trier und Luxemburg; Kieffer-Binsfeld und Lëtzeburger Vollekslidder-Verl. In Luxemburg). Neben ihrer kompositorischen Tätigkeit trat sie als Pianistin, Violinistin, Kaffeehaus- und Orchestermusikerin, Stummfilmbegleiterin und gelegentlich auch als Orchesterleiterin auf und wirkte über einen Zeitraum von 46 Jahren am Konservatorium Luxemburg als Klavierdozentin. In den 1960er Jahren gründete sie das Vokalensemble Onst Lidd, mit dem sie in zahllosen Konzerten eigene Kompositionen zur Aufführung brachte. Am 9. Juli 1972 wurde ihr umfangreichstes Werk, die Ballade Der Geiger von Echternach nach einem Text von Nikolaus Welter für Solisten, Chor und Orchester uraufgeführt. Lou Koster starb am 17. November 1973 in Luxemburg.

In der Zwischenkriegszeit begann Lou Koster für Orchester zu komponieren. So entstanden neben der Operette An der Schwemm die ersten ihrer insgesamt 30 Orchesterlieder nach Texten von Paul Verlaine, Alfred de Musset, Theodor Storm, Eduard Möricke, Gottfried Keller, Hermann Allmers, Willy Goergen, Marcel Noppeney, Nik Welter, Agie Conrath und Nicolas Schaack.

Das Komponieren gehobener Unterhaltungsorchestermusik - Walzer, Märsche, Ouvertüren usw. - war Koster in dieser Zeit nicht weniger wichtig. Zuerst waren es die Schwimmfeste des Swimming Club Luxembourg, die der Komponistin (und begeisterten Wettschwimmerin), Möglichkeiten boten, ihr Talent unter Beweis zu stellen: In den Pausen zwischen den Wettschwimmen sorgte ein über den Duschkabinen platziertes und von der jungen Komponistin geleitetes Salonorchester für Unterhaltung. So wurde beispielsweise der dem Verein gewidmete Swimming March [einer früheren Version von Keep smiling] anlässlich des Schwimmfestes am 25. Juni 1922 erstmals aufgeführt.

Die insgesamt 21 Orchesterkompositionen sind teils gleich in mehreren Partiturautographen samt dazugehörigem Stimmenmaterial, teils nur fragmentarisch überliefert oder ganz verschollen. Die Autographe enthalten keinerlei Vermerke zu Entstehungsdaten. Für das Fertigstellen einer Partitur können aber Aufführungsankündigungen ein ‚terminus ante quem‘ liefern. Dass Unter blühenden Linden spätestens in den frühen 1920er Jahren entstand, entnimmt man einer Zeitungsannonce, die ankündigt, dass die Orchesterwalzersuite am 24. Mai 1922 im Unterhaltungslokal Majestic in Luxemburg gespielt wurde.

Für einige der verschollenen Werke liegen historische Tonaufnahmen aus den 1950er Jahren vor. Ein Orchesterwerk wurde auch publiziert: Für Lore-Lore ist undatiertes gedrucktes Stimmenmaterial erhalten, ohne dass ein Verlag angegeben wurde. Vieles deutet darauf hin, dass der Stimmensatz bereits vor dem ersten Weltkrieg im deutschen Verlag Aurora aus Weinböhla bei Dresden publiziert wurde. Verschiedene Autographe, wie Unter blühenden Linden, enthalten desweiteren an einen Verleger adressierte Notizen der Komponistin.

Der Dirigent Jonathan Kaell über die Orchestermusik von Lou Koster:

Einen bedeutenden Bestandteil des sinfonischen OEuvres stellen Walzersuiten dar, die hinsichtlich ihrer formalen Anlage, der Klangsprache und der Phrasenstruktur durch die großen Werke der Wiener Meister wie beispielsweise Johann Strauß inspiriert zu sein scheinen. Nichtsdestotrotz besitzen Kosters Werke eine individuelle Note und einen unverkennbaren Charme, der dem Kenner sofort offenbart, dass es sich hierbei nicht um die epigonale Nachahmung des Wiener Walzers „à la Strauß“, sondern um eine sich in mancherlei Hinsicht vom Modell entfernende, unverwechselbare Form handelt, die aus der intensiven Beschäftigung mit dem Vorbild und seiner Weiterentwicklung erwachsen ist. Lou Kosters Werke wirken musikalisch authentisch und unverfälscht, sie sprühen vor Musizierfreude und bezeugen das überaus feine Gespür der Komponistin für musikalische Gestaltung, phrasentechnische Eleganz und harmonische Balance.“

Nicht weniger als 11 von insgesamt 26 Klavierwerken Kosters liegen gleichzeitig als Orchesterfassungen vor. Es scheint so, als habe die Komponistin Orchesterkompositionen zuerst als eigenständige Klavierwerke für den eigenen Bedarf als Kaffeehausmusikerin und Stummfilmpianistin komponiert, um sie erst später zu orchestrieren. Aufführungsbelege von Lore-Lore scheinen diese Vermutung zu bestätigen: 1914 spielte Koster die Klavierversion im Stummfilmkino, während der früheste Aufführungsbeleg der Orchesterversion auf den 11. Oktober 1933 datiert ist. Diese ihrer Schwester Lore gewidmete Walzersuite trägt übrigens als einzige Komposition im Gesamtoeuvre eine Opuszahl (op. 13).

Mehrere Orchesterwerke legte Koster gleich in zwei Fassungen vor, für Salonorchester (vermutlich frühere Versionen der 1920er Jahre) und für großes Orchester (wahrscheinlich die Versionen für das Rundfunkorchester Luxemburg). Gelegentlich gab sie neuen Versionen neue Titel: So existiert Heideland in einer anderer Version unter dem Titel Rêve bleu. Die Operettenouvertüre An der Schwemm (1922) arbeitete Koster für großes Orchester als 1. Satz, Le soir qui chante, der Suite dramatique um, während der 3. Satz derselben Suite, Danse au clair de la lune, unter dem Titel Buschgeistertanz für ein noch größer besetztes Orchester überliefert ist.

Als am 15. März 1933 Radio Luxemburg seine europaweite Sendetätigkeit aufnahm, gehörte Koster bald zu den häufig live auf Antenne gespielten Komponisten. In den sechs Jahren vom Sendebeginn bis zur kriegsbedingten Einstellung der Sendetätigkeit am 21.9.1939 waren mindestens 111mal 43 verschiedene ihrer Kompositionen im Radio zu hören, darunter auch die auf dieser CD eingespielten Walzersuiten Lore-Lore und Moselträume. Allein 47-mal trat das Rundfunkorchester Luxemburg unter der Leitung von Henri Pensis (1900–1958) mit Kompositionen von Koster vors Mikrophon. Dabei stellte Pensis nicht so sehr Kosters Orchesterschaffen in dessen ganzer Breite vor, vielmehr wurden einzelne Werke wie Keep smiling und Lore-Lore zu Schlagern und immer wieder gespielt, während ihre Suite dramatique z.B. kein einziges Mal und die Orchesterlieder nur selten erklangen. Wie es damals zur gängigen Praxis gehörte, wurden für das Radio häufig auch Transkriptionen von Orchesterwerken erstellt. Allein das Bläserklavierquintett Quintett Radio Luxemburg spielte zwischen dem Sommer 1935 und dem Herbst 1936 insgesamt 44-mal 13 verschiedene heute verschollene Transkriptionen von Werken Kosters.

Mit ihrer feinsinnigen und klangsinnlichen Unterhaltungsmusik, die in ihren vielen Gefühlsschattierungen nicht an der Oberfläche bleibt und durch kecke, unerwartete Wendungen immer wieder zu überraschen weiß, traf Koster genau den Ton, der von den Radioproduzenten gebraucht wurde, um ein breites europäisches Hörerpublikum an die Station zu binden. In den 1930er Jahren wurde das Radio zu einem immer erschwinglicheren Artikel. Immer mehr Menschen, die nicht zum gängigen Konzertpublikum gehörten, begeisterten sich für das junge Medium, das bald als das ideale Instrument einer Demokratisierung von Kultur und Musik gefeiert wurde. In dieser Rolle einer Musik vermittelnden Komponistin fühlte Koster sich wohl, denn zeitlebens war es ihr persönliches Anliegen, für ein erweitertes Hörerpublikum zu komponieren.

Die Orchesterwerke Lou Kosters wurden noch in den 1950er und frühen 1960er Jahren vom Radioorchester gespielt, gerieten dann aber allmählich in Vergessenheit, wie grundsätzlich viele Werke der gehobenen Orchesterunterhaltungsmusik. Nach Kosters Tod galt ihre Orchestermusik als verschollen und niemand konnte sich an die vormals populären Kompositionen erinnern. 1996 wurden die Partituren von der Autorin des vorliegenden Beitrags auf einem privaten Speicher wiedergefunden. In einem Gemeinschaftsprojekt erwecken nun das Orchester Estro Armonico und Cid-Fraen an Gender diese Musik in Konzert-, CD- und Editionsprojekten zu neuem Leben.

Kosters Gesamtwerk gelangte nach ihrem Tod in Privatbesitz. Erst 30 Jahre nach ihrem Ableben wurden die Kompositionen der Öffentlichkeit zugänglich im neugegründeten Archiv Lou Koster im Cid-Fraen an Gender (mehr Informationen: www.cid-fg.lu). Wenn nahezu ein Viertel des OEuvres noch immer verschollen bzw. nur fragmentarisch erhalten ist, befinden sich heute in diesem Archiv rund 250 Werke in vollständigen Fassungen (Lieder, Klavier-, Kammer- und Chormusik, Orchesterwerke und-lieder, Werke für Solisten, Chor und Orchester, eine Operette, Bühnenmusik).


Danielle Roster


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