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8.573339 - VIEUXTEMPS, H.: Violin Solo Works - 6 Morceaux / La Chasse (version for violin solo) / Etudes, Opp. 16 and 48 (Kuppel)
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Henry Vieuxtemps (1820–1881)
Werke für Violine solo

 

Henry Vieuxtemps wurde am 17. Februar 1820 im belgischen Veviers (bei Lüttich) als Sohn eines Webers und Geigenbauers geboren. Als er vier Jahre alt war, gab ihm der Vater den ersten Geigenunterricht, der sogleich das Talent des Knaben offenbarte. Ein aristokratischer Gönner aus Veviers ermöglichte ihm die weitere Ausbildung bei dem Berufsgeiger Lecloux-Dejonc. Charles de Bériot, einer der führenden Virtuosen der Zeit, hörte ihn 1828 und lud ihn ein, bei ihm in Brüssel zu studieren. Als Bériot dann 1828/29 nach Paris ging, nahm er den kleinen Henry mit, der dann im Februar 1829 in der französischen Hauptstadt sein Debüt gab. Im nächsten Jahr lernte er bei einer Konzertreise durch Deutschland und Österreich den Komponisten und Geiger Louis Spohr kennen, der für ihn eine ebenso wesentliche Erfahrung war wie Beethovens Fidelio, den zu hören er damals die Gelegenheit hatte. Im März 1834 spielte der Vierzehnjährige im Wiener Musikverein Beethovens Violinkonzert, das nach dem Tode des Komponisten erst ein einziges Mal öffentlich aufgeführt worden war. Robert Schumann schrieb seinerzeit in der Neuen Zeitschrift für Musik: »Bei Vieuxtemps sind es nicht die einzelnen Schönheiten, die wir festhalten könnten, noch ist es jenes allmähliche Verengen, wie bei Paganini, oder das Ausdehnen des Maßes, wie bei anderen hohen Künstlern. Wir stehen hier unvermuthet vom ersten bis zum letzten Ton wie in einem Zauberkreis, der um uns gezogen, ohne dass wir Anfang und Ende finden könnten«.

Vieuxtemps selbst konnte Niccolo Paganini 1834 in London hören, und er schrieb, dass seine Bewunderung ins Unermessliche gestiegen sei. Zweifellos verdankt sich die enorme Technik seiner Werke zum Teil dem italienischen Meister. Damals nahm Vieuxtemps einigen Kompositionsunterricht bei Anton Reicha, und er schrieb sein erstes Konzert in fis-moll, das unter der Nr. 2 publiziert wurde. Eine neue Reise führte 1836/37 durch Belgien, Deutschland und endlich im Frühjahr 1837 nach Russland. Er hatte zahlreiche Auftritte in St. Petersburg, wohin er 1839 wieder zurückkehrte—dieses Mal zusammen mit seinem Landsmann, dem Cellisten François Servais. In Russland beendete er sein Konzert Nr. 1 E-dur, das Richard Wagner, Frédéric Chopin und Hector Berlioz sehr lobten. Im Winter 1842/43 reiste Vieuxtemps erstmals in die USA, wo er sein Souvenir d’Amérique op. 17 schrieb. 1844 heiratete er die Wiener Pianistin Josephine Eder, und zwei Jahre später wurde er Hofgeiger des Zaren in St. Petersburg. Obwohl er durch den Vertrag auf sechs Jahre an den russischen Hof gebunden war, durfte er während seines Jahresurlaubs andernorts konzertieren, und so setzte er auch in dieser Zeit seine Reisen durch Europa fort. In Russland brachte er eines seiner bekanntesten Werke, das Konzert Nr. 4 d-moll, zur Uraufführung. Überdies stellte er ein Streichquartett zusammen, das unter anderem Beethovens letzte Quartette spielte.

1852 endete die russische Periode. Vieuxtemps ließ sich zunächst für zwei Jahre in Brüssel nieder, bevor er in Dreieichenhain bei Frankfurt am Main Wohnung nahm und mehr als ein Jahrzehnt von dort aus agierte. Im Laufe seiner zweiten US-Tournee gab er 1857 in weniger als drei Monaten 75 Konzerte—ein mörderisches Pensum, das er selbst später ein »Verbrechen an der Musik« nannte, ohne dass er allerdings danach merklich kürzer getreten wäre: In Paris, London, Stockholm sowie (wieder) in Russland und andernorts konnte man ihn häufig hören. Angesichts der immer schwierigeren politischen Lage verließ er 1866 sein Heim bei Frankfurt und zog nach Paris um. Zwei Jahre später erlag seine Frau der Cholera, doch Vieuxtemps unterbrach seine konzertanten Aktivitäten nicht lange. 1870 reiste er ein drittes Mal in die USA, wozu ihn der Ausbruch des preußisch-französischen Krieges motivierte. Dabei gab er in einem halben Jahr 121 Konzerte.

Nachdem er bereits zwei offizielle Lehrämter abgelehnt hatte, nahm er schließlich eine Stelle am Brüsseler Conservatoire an, wo EugeneYsaye und Jenő Hubay seine bekanntesten Schüler wurden. Während er im September 1873 zu einem Wohltätigkeitskonzert für die Kriegsopfer in Frankreich weilte, erlitt er einen Schlaganfall, der ihm den Gebrauch des rechten Armes raubte. Daraufhin lebte er in Paris bei seiner Tochter und seinem Schwiegersohn, wo er sich immer stärker der Komposition zuwandte und sogar wieder auf der Geige spielte (allerdings nicht öffentlich). Nach einem vergeblichen Versuch, wieder am Conservatoire zu unterrichten, ließ er sich in Mustapha Supérieur, einem Stadtteil von Algier, nieder. Dort besuchten ihn die Geigerin Wilma Normand-Neruda (die Widmungsträgerin seines sechsten Konzertes) und sein alter Schüler Hubay. Vieuxtemps komponierte bis zum Ende seines Lebens. Kurz nach seinem vierten Schlaganfall starb er am 6. Juni 1881.

Vieuxtemps steht in der langen Reihe komponierender Meistergeiger, die in den ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts bei Viotti, Rode, Bériot und Paganini begann und über Wieniawski bis zu Kreisler und Ysaye ins nächste Jahrhundert reichte. Vieuxtemps war unter diesen Virtuosenkomponisten eine herausragende Figur und zudem einer der ersten, die in ihren Orchesterwerken die volle romantische Palette verwandten. Heute kennt man von ihm vor allem seine sieben Violinkonzerte, die seinerzeit unter anderem bei Berlioz und Tschaikowsky großen Anklang fanden, doch es gibt von ihm auch eine Vielzahl anderer Kreationen—unter anderem Opernparaphrasen, Salonstücke und Streichquartette sowie eine Violin- und eine Bratschensonate. In seinen Werken verlangte er das komplette Arsenal der Virtuosentechnik: Springbogenspiel jeglicher Art, Doppel- und Dreifachgriffe, Flageoletts, rasante Tempi und reinen, singenden Ton. Wie das gegenwärtige Programm zeigt, gibt es von ihm auch zahlreiche Werke für Solovioline.

Die 36 Etüden für Violine op. 48 sind dem Pariser Conservatoire gewidmet. 1880 spricht Vieuxtemps in einem Brief von diesen Stücken: »Zur Erholung habe ich eine Sammlung von Violinetüden begonnen, die bisher versprechen, die [Studien] von Kreutzer und Rode zu verdrängen, an die wir uns noch sehr gut erinnern können. Die meinigen werden nicht allein fertige Instrumentalisten, geschickte Virtuosen hervorbringen, sondern Musiker«. Die vorliegende Aufnahme enthält sechs dieser Etüden. Den Anfang bildet die sechste Nummer (Allegretto moderato) mit dem deskriptiven Titel »Geschichte« oder »Erzählung«. Das Stück steht im Sechsachteltakt und geht in punktierten Rhythmen dahin. Doppelgriffe treten hinzu, und es wird eine Klimax erreicht, worauf der Satz einfach und ruhig zu Ende geht. Die Etüde Nr. 7 (»Qual« oder »Schmerz«) ist Agitato vorzutragen markiert; darin wechseln furiose Sechzehntelketten mit dramatisch punktierten Abschnitten. Bei der Etüde Nr. 25 handelt es sich um eine lebhafte Tarantella, bei der Nr. 27 um eine Studie, in der Sechs-Sechszehntel-Gruppen zu üben sind. Die fortlaufende Bewegung bricht erst in den drei Schlussakkorden ab. Die Sechsachtel-Etüde Nr. 28 mit der Bezeichnung Moderato ist ein stark ornamentiertes Stück mit vielen Doppelgriffen. Einer Notenausgabe zufolge ist sie »als Vorbereitung zu den Bach’schen Solosonaten gedacht«. Als letztes Stück der aktuellen Auswahl ist die Nummer 32 zu hören, die vier Variationen über eine bekannte Gavotte von Corelli enthält.

Die posthum veröffentlichten Six Morceaux für Violine solo op. 55 schrieb Vieuxtemps gegen Ende seiner Karriere. Lev Ginsburg bemerkte in »Vieuxtemps: His Life and Times«, diese Stücke seien vor allem deshalb so interessant, weil sie eine Hommage des Komponisten an Johann Sebastian Bach darstellten. Alle zeigen eine polyphonische Schreibweise, die sich in zahlreichen Doppelgriffen und Akkorden manifestiert. Den Auftakt bildet ein Andante, worin sich das Adagio spiegelt, mit dem Bachs dritte Solosonate beginnt. Es folgt ein Moderato, das neben vielen Doppelgriffen auch mancherlei dreistimmige Akkorde enthält. Das stimmführungstechnisch komplexe dritte Stück (Prélude) ist ein dreiteiliger Andante-Satz mit rascherem Mittelteil; Vieuxtemps hat es dem Geiger Léon Reynier (1833-1895) gewidmet. Im Tempo di Minuetto mit gehörigem Trio erinnert das vierte »Morceau« an die Tanzmusik, die uns auch in Bachs Solopartiten begegnet. Ein liebenswertes Andante im Sechsachteltakt schließt sich an, bevor Vieuxtemps mit Introduction et Fugue das halbe Dutzend vollmacht: Das reich ornamentierte Adagio cantabile geht einer »dreistimmigen« Fuge vorauf, die moderato assai zu spielen ist. Deutlich wird das Vorbild der ersten Bachschen Solosonate, die auf ganz ähnliche Weise mit Adagio und Fuge beginnt.

In La Chasse (»Die Jagd«) muss die tiefste Saite von G nach B gestimmt werden (Skordatur). Der erste Teil des Stückes ist ein Moderato im Dreivierteltakt; nach einer in künstlichen Flageoletts mündenden Kadenz galoppiert ein Sechsachtel-Allegro dem Ende entgegen. Terz-, Sext- und Oktavgriffe und Triller werden in diesem Solo verlangt.

Die Sechs Konzertetüden op. 16 von 1845 waren Vieuxtemps’ erster Versuch auf dem Gebiet der Solokomposition. Die erste Etüde steht im Zwölfachteltakt; nach mancherlei Trillern, Doppelgriffen und Bariolages findet sie ein leises Ende. Es folgt ein Moderato im Sechsachteltakt, dessen Sechzehntelbrechungen und künstliche Flageoletts »grazioso« auszuführen sind, bevor endlich ein wildes Zweiunddreißigstel-Treiben einsetzt. Mit Doppelgriff-Figuren beginnt das anschließende Dreiachtel-Allegretto, in dem immer wieder künstliche Flageoletts zu erzeugen und weite Sprünge zu bewältigen sind. Die vierte Etüde (Allegro ma non troppo) übt zunächst das Legatospiel langer Sechzehntelketten und widmet sich im zupackenden Mittelteil doppelten und vierfachen Griffen. An fünfter Stelle steht ein Adagio ma non troppo, worin es um die Bildung kantabler Linien geht: Das Stück beginnt fortissimo auf dem tiefsten Ton (G) des Instruments in ganzen Notenwerten, die jeweils zu Zweien aneinander gebunden sind. Nach und nach belebt sich die Bewegung, indessen höhere Regionen erreicht werden. Die Etüde erstirbt schließlich im ppp auf einem c4 der E-Saite. Die letzte der sechs Studien gibt sich zunächst als ein eloquentes Adagio im Vierertakt, dem ein keckes Allegretto im Zweivierteltakt folgt, das aus der Einleitung die triolischen Figuren mit anschließender Achtel übernimmt und zum Gegenstand des weiteren Geschehens macht. Ein più lento wird »con molto espressione« gespielt, bevor das Hauptthema wiederkehrt.

Bruce R. Schueneman
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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