About this Recording
8.573351 - WALTER, B.: Violin Sonata / Piano Quintet (Frolova, Mari Sato, Vida, Peherstorfer, Häusle, S. Huber, Le Liu)
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Bruno Walter (1876–1962)
Klavierquintett • Sonate für Violine und Klavier

 

Bruno Walter wird heute einhellig als einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts erinnert. Dabei sah er sich selbst vor allem während seiner ersten Wiener Zeit (1901 bis 1912) in besonderem Maße auch als „schaffender“ Musiker, gewissermaßen als Dirigenten-Komponist ähnlich seinem großen Freund und Vorbild Gustav Mahler. So nimmt es nicht wunder, dass der damals 27-jährige Walter Mitglied erster Stunde der im Frühjahr 1904 gegründeten „Vereinigung schaffender Tonkünstler“ war, einer maßgeblich von Alexander von Zemlinsky und Arnold Schönberg getragenen Initiative nach dem Beispiel der Wiener Secession mit Gustav Mahler als Ehrenpräsidenten. Guido Adler, Professor der Musikwissenschaft an der Universität Wien, referierte in der Neuen Freien Presse vom 1. April 1904 wohlwollend deren Ziele: „Der Musik der Gegenwart in Wien eine ständige Pflegestätte zu bereiten, das Publikum in fortlaufender Kenntnis über den jeweiligen Stand des musikalischen Schaffens zu halten“.

Im Frühjahr 1962, wenige Monate nach Bruno Walters Tod, bot seine Tochter, Lotte Walter-Lindt, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien den Nachlass ihres Vaters als Schenkung an.

Michael Staudinger
Leiter der Bibliothek der mdw

Bruno Walters Klavierquintett in fis-moll entstand 1904/05 (Eintrag am Ende der Handschrift: “Wien, den 28. Jänner 1905”) in der Tradition dieser kammermusikalischen “Großbesetzungen” von Schumann und Brahms; stilistisch ist das viersätzige Werk der spätromantischen Tonsprache des beginnenden 20. Jahrhunderts verpflichtet; Anlehnungen an die eklektische Kompositionsweise mit ihrer Liebe zur Ausarbeitung auch kleinster Details von Gustav Mahler, der B. Walter 1901 an die Wiener Hofoper verpflichtet hatte, sind unverkennbar. Dieses Werk ist der “Fast Schwägerin” Mahlers, Nina Spiegler (geb. Hoffmann) gewidmet, die in ihrem Salon mit Hofmannsthal, Kraus, Polgar, Altenberg und Schnitzler die führenden Geistesgrößen im Wien dieser Jahrhundertwende versammelte. In diesem Kreis verkehrte auch der Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, Arnold Rosé, der die Violinsonate B. Walters ebenso zur Uraufführung brachte wie sein Streichquartett. Gemeinsam mit dem Komponisten am Klavier hat Rosé das Klavierquintett 1905 im Rahmen des zweiten Konzerts der “Vereinigung schaffender Tonkünstler”, der auch Zemlinsky und Schönberg angehörten, mit seinem damals weltberühmten Rosé-Quartett aus der Taufe gehoben.

Der 1. Satz hebt mit einem brodelnden Triller an, dem das energische Hauptthema im ff von der Violine und dem Violoncello folgt; das ruhigere Seitenthema in D-Dur, von der Violine angestimmt, wird von den anderen Instrumenten aufgenommen und verdichtet. In der Durchführung (von f-moll nach H-Dur) erweist sich B. Walter als souveräner Meister der Durchwirkung beider Themen. Die Reprise setzt mit dem Hauptthema im Klavier “düster tonlos” ein, das Seitenthema belebt in der Violine “singend” den musikalischen Duktus und strebt einem ruhigen Schluß zu. Der 2. Satz ist dreiteilig: zwischen den Rahmenteilen in H-Dur liegt ein feuriger Mittelteil in fis-moll, das Ende erstirbt im Nichts. Auch der 3. Satz ist dreiteilig angelegt: von “geheimnisvoll bewegt” bis “wild ausbrechend”, jedoch übernimmt im 3. Teil die Viola das Thema im rascheren Tempo des Mittelteils. Der 4. Satz bringt das Quintett “feurig” und “stürmisch” zu einem fulminaten Schluß.

Die Bibliothek der Universität für Musik und darsellende Kunst Wien (mdw) besitzt zwar die meisten Werke von B. Walter im Original, die von ihm selbst geschriebene Partitur des Klavierquintetts mit seinen Korrekturen, Studierziffern und Anmerkungen befindet sich im Besitz des Wiener Architekten und Musikliebhabers Klaus Furthner, der auch den Druck anregte und großzügig unterstützte. In der Folge finalisierte die mdw Dank des Einsatzes von Vizerektorin Kleibel(mdw) vor allem finanziell den Druck und regte die Erstausgabe bei der Universal Edition an. Im 50. Todesjahr von Bruno Walter (2012) gelang es dem Autor dieser Zeilen alle an diesem Werk Interessierte noch weiter zu vernetzen: er sorgte für je eine Aufführung des B. Walter Klavierquintetts im Wiener Konzerthaus, bei der er selbst mitwirkte und im Wiener Musikverein, samt Einstudierung des Ensembles, das in der vorliegenden Aufnahme zu hören ist.

Wolfgang Klos
Ordinarius für Viola und Kammermusik der mdw

Bruno Walter verband ein intensives künstlerisches Verhältnis mit dem Primgeiger der Philharmoniker, Arnold Rosé. Rosé hatte 1883 das nach ihm benannte Quartett gegründet, welches bis 1938 mit wechselnden Partnern als das führende Kammermusikensemble bezeichnet werden kann. Zahlreiche Ur- und Erstaufführungen (zumeist aus dem Manuskript und nicht aus einem schon bestehenden Druck) zeugen von der Vielseitigkeit des Ensembles. Als eine kleine Auswahl seien Johannes Brahms, Trio op. 8 (in einer Neufassung mit dem Komponisten am Klavier, 1890), Robert Fuchs, Violin-Klaviersonate in d-Moll (mit Rosé und Bruno Walter am Klavier, 1902), Arnold Schönberg, Sextett „Verklärte Nacht“ op. 4 (1902), Hans Pfitzner, Streichquartett op. 13 in D-Dur (1903), Arnold Schönberg, Streichquartett op.7 (1907) sowie Streichquartett op.10 (mit der berühmten Sängerin Marie Gutheil-Schoder, 1908) genannt.

Als erstes Werk Bruno Walters wurde sein Streichquartett in D-Dur am 17. November 1903 im Brahmssaal als 2. Konzert der 22. Saison des Rosé-Quartetts uraufgeführt (leider sind heute nur mehr Teile des Manuskripts erhalten geblieben), es folgten am 28. Februar 1905 das Klavierquintett in fis-Moll (mit Bruno Walter am Klavier), am 8. Jänner 1907 das Klaviertrio in F-Dur (wieder mit Walter am Klavier, heute verschollen), sowie die Sonate für Violine und Klavier in A-Dur am 9. März 1909 (Rosé gewidmet, mit dem Komponisten am Klavier). Nach dem „Anschluss“ 1938 musste Arnold Rosé mit seiner Tochter Alma Österreich in Richtung Großbritannien verlassen, um vor rassischer Verfolgung verschont zu bleiben. Da es zu jener Zeit fast unmöglich war in England zu musizieren, um sich die nötige Basis zum Überleben zu sichern, ging Alma wieder zurück ans Festland, wurde denunziert und nach Ausschwitz gebracht, wo sie auch 1944 verstarb. Rosé lebte bis 1946 als gebrochener Mann in London.

Die Sonate für Violine und Klavier in A-Dur war Bruno Walters letztes Kammermusikwerk und zugleich das einzige, welches zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Aufgrund des Widmungsträgers („Dem lieben Freund und großen Künstler Arnold Rosé gewidmet“) und des Umstandes, dass die Uraufführung die beiden Freunde vornahmen, kann man leicht ermessen, dass der Violinpart sehr schwierig gestaltet ist und beiden Solisten einiges an technischem Können abfordert. Der erste Satz beginnt mit einem energischen Hauptthema in A-Dur („con espressione“), welches von einem vorerst ruhig anmutenden Seitenthema (dennoch „con gran espressione“) in fis-Moll gefolgt wird. Sukzessive wird aber das 2. Thema in die emotionale Sphäre des ersten hineingeführt, sodass in der Folge eine dramatische Auseinandersetzung zwischen diesen Themen stattfindet (Durchführung). Eine etwas verkürzte Reprise nimmt beide Themen in der Grundtonart wieder auf. Bezeichnend für die Zeit der Entstehung ist die rasch sich veränderten Charakterbezeichnungen des 2. Satzes, welche diesen so vielgestaltig und für die Interpretation schwierig, aber gleichzeitig so interessant werden lassen („serioso, misterioso, lugubre, dolcissimo, impetuoso, morendo, con gran dolore, energia violenta“, etc.). Der letzte Satz in a-Moll hat rondoartige Gestalt, wobei der Refrain gelegentlich auch in seiner Umkehrungsform auftritt und abwechselnd in der Violine und im Klavier auftritt.

Gerold Gruber
Professor und Leiter des exil.arte-Zentrums der mdw


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