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8.573370 - NORDGREN, E.: Bergman Suites (The) (Slovak Radio Symphony, Adriano)
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Erik Nordgren (1913–1992)
Die Bergman-Suiten

 

Der schwedische Komponist Erik Nordgren war Aufnahmeberater bei der Schwedischen EMI/HMV, musikalischer Leiter der Svensk Filmindustri, Leiter des Orchesters des Schwedischen Rundfunks sowie freischaffender Komponist. Seine Werke schließen ein Klarinettenkonzert, ein Konzert für Fagott, eine Kammersinfonie, Kammermusik, Lieder sowie elektronische Musik ein, die er in seinem eigenen Studio produzierte. Darüber hinaus schrieb er die Musik zu zahlreichen Filmen verschiedener Regisseure, wobei die langjährige Zusammenarbeit mit Ingmar Bergman besonders eng und fruchtbar war. Sie beruhte einerseits auf einer freundschaftlichen Beziehung, andererseits aber auch auf Nordgrens Einsicht, daß der Komponist für Filme eine gewisse Kompromißbereitschaft mitbringen muß. Nordgren schrieb die Partituren zu 17 Filmen Bergmans, der letzte war Der Lustgarten im Jahre 1961. Danach veränderten Bergmans Ehe mit der estländischen Pianistin Käbi Laretei sowie seine berufliche Verbindung mit der Oper seine Vorstellung von Filmmusik dahingehend, daß er seine Filme fortan hauptsächlich mit Instrumentalmusik von Bach, Mozart oder Chopin unterlegte.

Im Jahre 1991 nahm ich Kontakt mit Erik Nordgren auf und fragte ihn, ob er mit einer Einspielung seiner Filmmusik einverstanden sei. Er begann sofort, Manuskripte herauszusuchen. 1993 erhielt ich ein großes Paket mit Photokopien, begleitet von einem Brief Constanze Nordgrens, in welchem sie die traurige Nachricht vom Tod ihres Mannes sowie der Tatsache, daß einige Filmpartituren verlorengegangen seien, vermittelte. Dennoch war die Musik dieses Pakets ausreichend für eine CD. Diese Aufnahme zollt folglich einem Komponisten Respekt, von dessen Musik mit Ausnahme dieser Einspielung praktisch nichts erhalten ist und dessen Beitrag zur Geschichte der Filmmusik verdient, beachtet und genauer studiert zu werden.

Die vorliegenden Suiten wurden abgesehen von Der Lustgarten, dessen Filmkopie nicht erhältlich war, sowohl anhand der Manuskripte als auch der Filmkopien bearbeitet. Die Abfolge der Sätze entspricht in der Regel nicht dem chronologischen Verlauf der Handlung, und die Titel stammen von mir. Einige Abschnitte wurden verlängert oder ergänzt, wo es nötig erschien. Die improvisatorischen und oft unvollständig notierten Schlagzeugstimmen einiger Tänze mußten auskomponiert werden. Zwei Stücke, Dangerous Wine und Swindle and Deceit, sowie einige andere Abschnitte wurden direkt vom Soundtrack rekonstruiert.

Sensucht der Frauen

Das Drehbuch handelt von vier Schwägerinnen, die auf ihre Männer warten, um zum ersten Mal alle zusammen einen gemeinsamen Urlaub zu verbringen. Um die Zeit zu vertreiben erzählen sie sich gegenseitig von ihren Ehen, welche sich im Film eine nach der anderen in Rückblenden entfalten.

Anita, die Älteste beschreibt ihre förmliche Ehe mit Paul, deren Kommunikation sich auf leere Höflichkeitsgesten beschränkt, wie etwa zwei sich voreinander verbeugende Asiaten. Dann schwenkt die Kamera zurück in ein Badehaus, wo Rakel ihren Mann Eugen mit einer alten Jugendliebe betrügt. Als sie Eugen später ihre Schuld beichtet, muß der Schwager Paul eingreifen, um ihn vom Selbstmord abzuhalten. Märta verliebt sich in Martin, einen Künstler in Paris, von dem sie schließlich ein Kind erwartet. Doch auf Wunsch seiner Familie gibt dieser seinen frivolen Lebenswandel auf und verläßt Märta, die ihr Kind alleine gebären muß. Nach ihrer Heimkehr nach Schweden schließt sich Martin ihr wieder an, und sie heiraten. In der vierten Episode bleiben ein erfolgreicher Manager und seine Frau in einem Lift stecken und müssen die ganze Nacht dort verbringen. Karin nutzt die Gelegenheit und zieht Fredrik wegen seines Stolzes, seines Egoismus’ und seiner Untreue auf. Da wird Fredrik klar, wie sehr er seine Frau begehrt und er verspricht, seine morgigen Geschäftstermine abzusagen, um den Tag mit ihr im Bett zu verbringen. Doch als beide am nächsten Morgen aus dem Lift befreit werden, wird Fredrik zu einer wichtigen Verhandlung gerufen, und alles ist so wie es vorher war. In der Zwischenzeit hat Maj, Märtas jüngere Schwester die Geschichten der Erwachsenen mit kritischer Aufmerksamkeit verfolgt. In der Hoffnung, ihr Glück in der Ferne zu finden läuft sie mit ihrem Liebhaber, Anitas Sohn davon. Der Film endet, während Paul seine besorgte Frau mit der Bemerkung tröstet, daß das junge Paar sicherlich bald heimkommen werde und das Leben nun genießen solle, bevor seine wahren Probleme begännen.

Ein Großteil der in der Originalpartitur verzeichneten Musik wurde im Film nicht verwendet. Wie enttäuscht muß Nordgren daher 1952 gewesen sein, vor allem nachdem er so eine wertvolle Partitur überreicht hatte. Faszinierend an dieser Partitur ist die Tatsache, daß Nordgren die eheliche Liebe durch die Klage der Eurydice symbolisiert. Dasselbe Stück für Flöte und Streicher setzte Cocteau zwei Jahre früher in seinem Film Orphée ein. In beiden Fällen ist Glucks Musik aus einem Radioapparat hörbar.

In den sechs Musikepisoden zu Sehnsucht der Frauen setzt Nordgren ein romantisches Leitmotiv und zwei weitere Motive ein, die kunstvoll und äußerst interessant durch eine durchsichtige und feinsinnige Orchestrierung verarbeitet und kombiniert werden. Stellenweise weicht Nordgrens Tonsprache von der romantisch-skandinavischen Tradition ab und rückt in den Bereich der Atonalität. Dadurch erreicht diese Partitur eine sinfonische Dimension und eine höhere Ebene der Kunst.

Das Lächeln einer Sommernacht

Diese frühe, eher düstere und teils autobiographische Komödie gewann 1956 einen Preis bei den Festspielen in Cannes und brachte Bergman seinen ersten, großen internationalen Erfolg ein. Die kurz nach der Jahrhundertwende spielende Geschichte handelt von zwei Ehemännern, die beide als Rivalen in eine Affäre mit einer ausgesprochen schönen und intelligenten Schauspielerin verwickelt sind. Diese lädt schließlich beide Ehemänner samt Gattinnen zu einer Party in das Schloß ihrer weisen alten Mutter, einer ehemaligen Kurtisane ein. Sie plant, die Ehepaare bezüglich ihrer Ehen herauszufordern, die entweder auf blindem Idealismus oder auf Haß beruhen. Der zunächst entspannte Sommerabend wird zu einer angeregten Diskussion über Liebe, in der sich für alle Beteiligten die Wahrheit herausschält und ein Weg, die verlorene Liebe wiederzufinden offenbart. Nach Bergmans Aussage liefert dieser Film die erschreckende Einsicht, daß zwei Menschen sich unter Umständen lieben können, obwohl ein Zusammenleben unmöglich ist.

Sechs Sätze der vorliegenden Suite entstammen der Hauptszene des Films, der Sommernachtsparty, in der die beiden alten Tanzformen Menuett und Gavotte die Ironie der Situation unterstreichen. Das Siciliano-artige Motiv, das mehrmals auftaucht, versinnbildlicht die platonische Liebe der beiden Hauptpersonen im Film, Fredrik und Anne Egerman.

Wilde Erdbeeren

In diesem vielfach ausgezeichneten Meisterwerk soll Bergman sich problemlos und spontan zwischen verschiedenen Raum- und Zeitebenen sowie Realität und Traum bewegt haben. Er erzählt hier die Geschichte von Professor Isak Borg, der kurz vor seinem Sterbebett Bilanz über sein scheinbar erfolgreiches Leben zieht, das sich in Wahrheit als Enttäuschung in allen Bereichen entpuppt. Nordgrens suggestive und geheimnisvolle Musik vermittelt den ständigen Wechsel von Realität und Traumwelt im Film. Der wunderschöne Harfenpart, die dahingehauchten Vibraphoneffekte, die Herzschläge heraufbeschwörenden Paukenschläge, die geheimnisvollen Streichertremoli und das aufsteigende Leitmotiv tragen dazu bei, daß diese Partitur zu den wichtigsten und wirkungsvollsten zählt, die je für einen Bergman-Film geschrieben wurden.

Das Gesicht

Das Gesicht, das auch unter dem Titel Der Zauberer veröffentlicht wurde, erzählt die Geschichte der Wandertruppe ‘Das magnetische Heiltheater’, die im Jahre 1846 vor einer möglichen Einladung an den Hof durch den Berater Egerman getestet werden soll. Vogler, der stumme Leiter der Truppe entpuppt sich dabei zwar als Schwindler, doch soll sein ungewöhnliches Benehmen Egermans Leben und das seiner Mitmenschen nachhaltig verändern. Der nach einem Angriff totgeglaubte Vogler wird von einem Doktor seziert und erscheint dem zu Tode erschrockenen Egerman als Geist. Schließlich stellt sich heraus, daß Vogler weder tot noch stumm ist. Als Egerman ihn samt seiner Truppe fortschickt, erscheint ein Bote aus Stockholm, der die Truppe an den Königlichen Hof einlädt.

Das vorliegende Arrangement vereinigt die musikalisch interessantesten Episoden, indem dem ersten Abschnitt ein Part für Kontrabaß zugefügt wurde, der im Manuskript nur skizziert war. Diese Partitur zeigt, daß Nordgren mit Minimalmusik experimentierte, bevor er elektronische Musik schrieb. Interessanterweise setzt der Soundtrack häufig Glockenklänge von Standuhren oder Kirchen ein. In einer besonders aufschlußreichen Szene, in der Vogler und seine Frau beschließen, ihre wahre Identität wieder anzunehmen, erklingt das Lied Der Mond ist aufgegangen von einem Glockenturm.

Lustgarten

Der auch als Der Garten Eden bekannte Farbfilm Der Lustgarten wurde zwar nicht unter Bergmans Regie gedreht, doch ist anzunehmen, daß dieser in seiner neuen Position als Produzent bei Svensk Filmindustri einigen Einfluß auf die Regie ausübte. Obwohl sich Bergman sehr für den Film erwärmte, fiel jener bei der Presse erbärmlich durch. Er handelt von einem ledigen Schulmeister, der um 1900 in einer schwedischen Kleinstadt lebt. Als er zugibt, daß er eine geheime Beziehung zu einer Kellnerin des Ortes unterhält und unter einem Pseudonym einen romantischen Gedichtband veröffentlicht hat, werden beide mitsamt ihrer bisher verborgen gehaltenen Tochter von ihren Mitmenschen im Ort kalt abgewiesen. Trotz des Skandals beschließen sie, sich weder sich zu trennen noch zu heiraten und verlassen den Ort zusammen.

Mit der äußerst stimmungsvollen Musik zu diesem Film beweist Nordgren aufs Neue sein lyrisches und dramatisches Können. Der pastoralen Einleitung des ersten Stückes folgt ein karger, fugierter Abschnitt im Stile Eislers oder Hindemiths, der die kleinstädtische Gerüchteküche symbolisiert. Ein leidenschaftliches Motiv führt zu einem Höhepunkt, der schlicht und fast zu früh ausklingt. Der Galopp, der die zweite Episode eröffnet, ist angeblich eine Bearbeitung von Hans Christian Lumbye’s Eisenbahngalopp. Bevor dieser wiederkehrt, erscheint ein weiteres lyrisches Thema, das die Flöte mit Harfenbegleitung vorträgt. Dem folgt ein kurzes Zitat des Hauptthemas.

Adriano
Übersetzung: Eva Grant


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