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8.573382 - Orchestral Works (Italian) - PAGANINI, N. / ROSSINI, G. / VERDI, G. / PUCCINI, G. / RESPIGHI, O. (de Ritis, Castelló, Würzburg Philharmonic, Calesso)
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Italienische Orchesterstücke

 

Giacomo Puccini (1858–1924): Preludio sinfonico

Giacomo Puccini war der Nachkomme einer langen Reihe toskanischer Kirchenmusiker und verdiente seinen Lebensunterhalt zunächst als Organist in seiner Heimatstadt Lucca. Wir verbinden seinen Namen zwar fast ausschließlich mit dem Gebiet der Oper, doch tatsächlich erfuhr er seine erste bescheidene Anerkennung durch kleine Orchesterstücke und geistliche Werke. In der sechsjährigen Studienzeit am Istituto Pacini von Lucca komponierte er unter anderem ein Werk, das als Messa di Gloria bekannt wurde—ein bemerkenswert selbstsicheres Stück, aus dem bereits eine beträchtliche melodische Begabung spricht. Dank eines kleinen Stipendiums konnte Puccini im Jahre 1880 zur Fortsetzung seiner Ausbildung an das Mailänder Konservatorium gehen (das sich bekanntlich einst geweigert hatte, Giuseppe Verdi aufzunehmen), wo die Fundamente seiner künftigen Opernarbeit bereitet wurden. Hier schuf er auch sein erstes signifikantes Orchesterstück, das Preludio sinfonico, aus dem nicht allein die Entwicklung einer eigenen Sprache, sondern auch der Einfluss Wagners spricht, dessen Musik die beiden wichtigsten Mailänder Bühnen zwar auffallend ignorierten, die aber den Studenten der Stadt immer geläufiger wurde. In einem der Winterkonzerte des Konservatoriums hat Puccini vielleicht eine Studentenaufführung des Meistersinger-Vorspiels oder des Siegfried-Idylls gehört; als er 1882 das Preludio sinfonico komponierte, war er sicherlich mit dem Vorspiel zu Lohengrin vertraut.

Das Preludio erklang erstmals im Juli desselben Jahres bei einem Studentenkonzert. Der Kritiker der Mailänder Tageszeitung La Perseveranza reagierte indessen kühl auf die melodischen Einfälle und die innige Empfindung der Musik. Das Preludio ist für volles Orchester geschrieben und begnügt sich mit einem einzigen Thema. Dem sanften Einsatz der Holzbläser antworten zunächst die Streicher; bald lichtet sich die verschleierte Atmosphäre auf, um eine leidenschaftliche Klimax zu erreichen, bevor das Stück allmählich in einem zarten Schluss verklingt, der einige Ähnlichkeiten mit dem Lohengrin-Vorspiel aufweist. Die gekonnte Orchestration und die wogenden Leidenschaften des Preludio lassen bereits Elemente des späteren Opernkomponisten erkennen.

Gioachino Rossini (1792–1868): Fagottkonzert

Auch Gioacchino Rossini etablierte sich auf dem Gebiet der Oper, bevor er mit siebenunddreißig Jahren, nach zwei Jahrzehnten einzigartiger Erfolge, seinen Abschied vom Theater nahm, um noch bis zum Ende der fünfziger Jahre seine hervorragende Stellung im italienischen Opernleben zu behaupten. Nach seinen Bühnenwerken schrieb er in späteren Jahren einige Chorwerke, mancherlei Bagatellen für Klavier und ein prächtiges Stabat Mater (1841). Aus diesem Jahrzehnt, in dem Rossini als musikalischer Berater des Liceo Musicale von Bologna wirkte, stammt auch das praktisch unbekannte Fagottkonzert.

Die Echtheit des Stückes hat man nicht verifizieren können. Die Existenz eines solchen Werkes ließ 1893 ein Nachruf auf den Fagottisten Nazzareno Gatti vermuten: Hier hieß es, dass Rossini ihm, dem einstigen Schüler des Liceo, in den vierziger Jahren ein Konzert geschrieben habe. Später entdeckte der Priester Giuseppe Gregiati das Werk in einer Bibliothek bei Mantua, wo es unter anderen Manuskripten des 19. Jahrhunderts lag. Trotz unterschiedlicher handschriftlicher Anmerkungen nahm er an, dass es sich um das bewusste Rossini- Konzert handelte. Es könnte um 1845 als concerto da esperimento (»Prüfungskonzert«) für Gatti komponiert und von diesem bei der Abschlussprüfung gespielt worden sein.

Das dreisätzige Werk beginnt mit einem Allegro in B-dur, das nach einer schwungvoll-energischen Orchesterexposition den Solisten mit einem deklamatorischen Thema zu Worte kommen lässt, woraus bald weiteres hübsches Material entsteht. Leise Pizzikato-Akkorde leiten das gesangliche Nebenthema ein, dessen anmutige Konturen bald lebhafteren Figuren Platz machen. Während neue Gedanken ausgesponnen und frühere Elemente umgestaltet werden, ergeben sich dank einiger flinker Passagen (und des hohen Des im Fagott) einige dramatische Möglichkeiten. Das Largo steht in der hier unerwarteten Tonart c-moll und lebt in einer Welt mozartischer Eloquenz; sein zartes Thema gipfelt in einer kurzen Kadenz, die direkt in das überschwengliche Rondo überleitet. Die Veränderung von Metrum und Tonart (F-dur) unterstreichen den ansteckenden Humor dieses Satzes, der beträchtliche technische Herausforderungen stellt. Mag die Authentizität dieses Konzertes auch nicht gesichert sein, so bestehen an seinem rhythmischen Impetus und seinem melodischen Charme doch keinerlei Zweifel.

Giuseppe Verdi (1813–1901): Capriccio für Fagott und Orchester

Während die Eltern Rossinis Musiker waren, gibt es unter Giuseppe Verdis direkten Vorfahren kaum etwas, das auf ein musikalisches Potential hindeutete. Der »Bauer aus Roncole«, wie er sich selbst gern nannte, wurde in eine Familie kleiner Grundbesitzer und Kaufleute geboren. Doch schon mit neun Jahren spielte er in der Kirche seines Heimatortes die Orgel—und bald auch in der benachbarten Provinzstadt Busseto, wo ihm der Komponist Ferdinando Provesi (1770–1833) Unterricht erteilte. Der junge Verdi tat sich im Musikleben der Stadt immer nachdrücklicher als Organist und Dirigent hervor. Als Komponist debütierte er mit einer Ouvertüre zu Rossinis Il barbiere di Siviglia.

Nachdem ihn das Mailänder Konservatorium als Schüler abgelehnt hatte, betrieb er seine weiteren musikalischen Studien privatim weiter. Seit 1836 übernahm er verschiedene Aufgaben an San Bartolomeo und der philharmonischen Gesellschaft von Busseto. Für dieses Amateurorchester schrieb er einige Gelegenheitswerke und wohl auch das Capriccio für Fagott und Orchester. Viele der damals entstandenen Stücke wurden vernichtet, doch die Handschrift des Capriccios und einiger anderer Dinge wurden vor zwanzig Jahren im Archiv der Familie Cocchi–Cavalli wiederentdeckt. Es gibt zwar keine absolute Sicherheit darüber, ob das Werk wirklich von Verdi stammt, doch der amerikanische Fagottist James Kobb äußert in seiner umfassenden Studie The Bassoon, dass es sich dabei um dasselbe Stück für Fagott und Orchester handeln könnte, dass man am 23. Februar 1838 in Busseto aufgeführt habe.

Das Capriccio besteht aus drei Teilen: einer ausgedehnten Einleitung, einer Variationsfolge und einer Coda. Nach einem rauschenden Tutti und einigem Wechselspiel zwischen Fagott und Orchester entfaltet sich ein prächtiges Thema, dessen zunächst nobles Temperament schon bald einen eher spielerischen Charakter annimmt. Diese beiden Aspekte verbinden sich, und nach einer kurzen Kadenz vermeldet ein abschließendes Tutti das Thema der Variationen, das das Fagott anschließend zur Begleitung der Hörner und Streicher darlegt. Durch Orchesterritornelle voneinander getrennt, bringen die Variationen selbst zunächst melodische und rhythmische Veränderungen (I und II), ein kontrastierendes Tempo in der Moll-Variation (III) und eine Reihe von accelerandi (IV), deren karnevalistische Stimmung sich in dem vergnüglichen Schlussabschnitt fortsetzt.

Niccolò Paganini (1782–1840): Concertino für Horn, Fagott und Orchester

Wie Giuseppe Verdi zeigte, dass er mehr als »nur« Opernkomponist war, so demonstrierte Niccolo Paganini seine Fähigkeiten nicht nur als Violinvirtuose. Seine Reputation als größter Geiger seiner Zeit stand endgültig fest, als er 1828 in Wien eine Reihe von Recitals gab. Danach strömten ihm die Menschen in Scharen zu, um seine erstaunliche Technik zu sehen. Wie viele damalige Virtuosen spielte er seine eigenen Kompositionen, und von diesen erlangten die Vierundzwanzig Capricen für Violine solo, die viele Zeitgenossen für unspielbar hielten, sowie die sechs Violinkonzerte besondere Berühmtheit. Zu seinen zahlreichen Kompositionen gehören aber auch zahlreiche musikalische Würdigungen Rossinis, dessen Opern er bewunderte, ein paar Streichquartette und das hier vorliegende um 1831 entstandene Concertino für Horn, Fagott und Orchester in zwei Sätzen, das allerdings erst 1985 veröffentlicht wurde.

Das Werk war für den bekannten französischen Fagottisten Antoine Nicolas Henry gedacht und ist von einer klassischen Sensibilität getragen, die der flüssigen Eleganz den Vorzug vor virtuoser Schaustellerei gibt. Das einleitende Larghetto gründet sich auf eine würdige, nacheinander von Horn und Fagott exponierte Melodie, die die Bühne für eine Reihe entzückender Dialoge bereitet. Der zweite der beiden Kulminationspunkte kündigt ein Allegro moderato an, das ein neues, lebhaftes Thema vorstellt, dessen aufsteigende Anfangsgebärde aus der vorherigen Melodie abgeleitet ist: Ungewöhnliche harmonische Fortschreitungen und kraftvolle Tuttipassagen verleihen dem Abschnitt seine besondere Tönung. Eine flinke neue Idee des Fagotts bietet den spielerischen Kontrast, bevor das Horn das lebhafte Thema wieder aufgreift und eine ausgedehnte Coda diese unterhaltsame Kuriosität zu einem erbaulichen Abschluss bringt.

Ottorino Respighi (1879–1936): La boutique fantasque (Ballett nach Rossini)

Beinahe ein Jahrhundert nach Niccolò Paganini wurde Ottorino Respighi geboren. Er gehörte zu einer Generation italienischer Komponisten, die sich darum bemühten, das Interesse an der Orchestermusik—einem der Glanzlichter des italienischen Barock—wiederzuerwecken, nachdem ein ganzes Jahrhundert allein die Oper geherrscht hatte. Seinen eigenen orchestralen Stil fand Respighi durch persönliche Studien bei Nikolaj Rimskij-Korssakoff sowie durch die hohe Wertschätzung, die er Debussy, Ravel und Richard Strauss entgegenbrachte. Diese gründliche Auseinandersetzung führte 1916 zur ersten Tondichtung seiner »Römischen Trilogie«, den Fontane di Roma (Naxos 8.550529), mit der der Komponist auch internationale Anerkennung fand—nicht zuletzt durch Arturo Toscaninis Einsatz, der 1918 die zweite Aufführung des Werkes so überzeugend geleitet hatte.

Im Juni 1919 erzielte Respighi mit der Premiere des Balletts La boutique fantasque im Londoner Alhambra- Theater einen derartigen Sensationserfolg, dass der Kritiker der Times konstatierte, das Publikum sei »außer Rand und Band« gewesen. Dieser Triumph ging nicht allein auf Respighis Konto, sondern war auch seinem berühmten Kollegen Rossini zu verdanken, der nämlich zu dem »Zauberladen« posthum einige seiner Péchés de vieillesse beigesteuert hatte—jene köstlichen und zum Teil gewagten Kleinigkeiten aus seinen letzten Lebensjahren. Gerade diese »Alterssünden« hatten Respighi darauf gebracht, dem Impresario Serge Diaghilew ein neues Ballett vorzuschlagen, und da dieser ohnehin vorhatte, Die Puppenfee aus dem 19. Jahrhundert wiederzubeleben, kam es zur Gemeinschaftsarbeit der Boutique fantasque, für die Respighi die geeigneten »Rossiniana« brillant instrumentierte.

Die Handlung spielt während der 1860er Jahre in Nizza, und zwar in einem Spielwarenladen. Hier betrachten eine amerikanische und eine russische Familie mechanisches Spielzeug. Unter den Puppen, die man ihnen zeigt, hat es ihnen vor allem eine Cancan- Tänzerin mit ihrem Partner angetan. Da keine der beiden interessierten Parteien die andere zu überbieten vermag, sollen die beiden Figuren getrennt verkauft werden. Sie werden verpackt und stehen zur Abholung bereit. Am Abend schließt der Ladenbesitzer das Geschäft ab. Die anderen Spielsachen bemerken, wie unglücklich die beiden Tanzfiguren sind und befreien sie. Als die Familien am nächsten Morgen wiederkommen, stellen sie fest, dass die Puppen verschwunden sind. Sie gehen auf den Ladenbesitzer los, dem aber seine Puppen helfend beispringen. Die beiden Familien werden des Ladens verwiesen, und das Cancan-Paar erscheint zum Schlusstanz wieder auf der Szene.

Die vorliegende Konzertsuite von Malcolm Sargent enthält die Essenz der Partitur und verzichtet auf die verschiedenen Überleitungspassagen. Doch ganz gleich, in welcher Form man die Musik hört—ihren Erfolg verdankt sie Rossinis Erfindung und Respighis glänzender Orchestration.

David Truslove
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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