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8.573384 - RÖNTGEN, J.: String Trios Nos. 13-16 (Offenburg String Trio)
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Julius Röntgen (1855–1932)
Die späten Streichtrios

 

Julius Rontgen erblickte am 9. Mai 1855 in Leipzig das Licht der Welt und wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf. Seine Mutter Pauline (1831–1888), eine ausgebildete Pianistin, entstammte der beruhmten Leipziger Musiker-Dynastie Klengel, sein Vater, der im niederlandischen Deventer geborene Geiger Engelbert Rontgen (1829–1897), war Konzertmeister im Gewandhaus Orchester. Julius, der nie eine offentliche Schule besuchte, erhielt eine umfassende Ausbildung durch Privatlehrer und begann bereits im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel. Nach musikalischen Unterweisungen durch seine Mutter und den Grosvater Moritz Klengel erhielt Julius Violinunterricht bei seinem Vater und Ferdinand David (1810–1873). Zu seinen Theorie—und Kompositionslehrern zahlten der Thomaskantor Moritz Hauptmann, Carl Reinecke und spater Franz Lachner in Munchen. Seine ersten Komposition, ein Geigenduo, schrieb Julius im Jahr 1864 im Alter von acht Jahren.

Masgeblichen Einfluss auf seinen Kompositionsstil ubte eine Begegnung mit Johannes Brahms im Fruhjahr 1874 aus. Seine Bewunderung fur Brahms brachte ihm spater den Stempel des Epigonentums ein, der ihm lange anhaftete. Im Jahr 1877 entschied sich Julius Rontgen, eine Stelle als Klavierlehrer in Amsterdam anzunehmen. Dieser Stadt blieb er bis zu seinem Tod treu und wurde zu einer der wichtigsten Personlichkeiten im niederlandischen Musikleben: nicht nur als Padagoge, Pianist und Dirigent, sondern auch als Mitbegrunder des Amsterdamer Konservatoriums (dessen Leitung er 1913–1924 inne hatte), als Veranstalter von Konzertreihen und als treibende Kraft bei Planung und Bau des Concertgebouws. Nach dem fruhen Tod seiner ersten Frau Amanda Maier (1854–1894), einer schwedischen Geigerin und Komponistin, heiratete er im Jahr 1897 seine Klavierstudentin Abrahamine van der Hoeven (1870–1940). Funf seiner Sohne wurden erfolgreiche Musiker, mit denen er zahlreiche Konzertauftritte hatte. Sein Sohn Frants sollte Architekt werden. Zu seinen Freunden zahlten die Komponisten Edvard Grieg (Rontgen war nach dessen Tod nicht nur Verwalter des musikalischen Nachlasses, sondern verfasste auch eine Biografie), Johannes Brahms (der das Hauptthema des ersten Satzes aus Rontgens Blaserserenade op. 14 in seiner 2. Sinfonie verwendete), Carl Nielsen und Percy Grainger. Julius Rontgen wirkte auch als Solist und war ein gefragter Klavierbegleiter: seine Partner waren Carl Flesch, Bronislav Hubermann, Joseph Joachim und Pablo Casals. Wenige Monate vor dem Tod des Komponisten am 13. September 1932 stattete Casals seinem langjahrigen Weggefahrten einen letzten Besuch ab, der ihm eine seiner letzten Kompositionen widmete.

Das musikalische Schaffen Julius Rontgens umfasst ca. 650 Werke fast aller Gattungen. Anfangs tief im romantischen Stil des 19. Jahrhunderts verwurzelt, entwickelte Rontgen in seinen spaten Lebensjahren einen eigenen Personalstil. Zuletzt experimentierte er mit Bitonalitat, lies Elemente afro-amerikanischer Musik in seine Kompositionen einfliesen und schrieb Begleitmusik fur mehrere folkloristische Filme des niederlandischen Regisseurs Dirk Jan van der Veen. Erst wenige Jahre vor seinem Tod erhielt Julius Rontgen die ihm Zeit seines Lebens verwehrte offentliche Anerkennung: die Universitat von Edinburgh verlieh ihm 1930 die Ehrendoktorwurde, und kurz darauf ehrte ihn seine Heimatstadt Amsterdam mit einem festlichen Galakonzert im Concertgebouw, bei dem er als Solist seine beiden letzten Klavierkonzerte spielte.

Die Streichtrios

Von den 16 erhaltenen Streichtrios, die zwischen 1915 und 1930 entstanden, erschien nur das erste in D-Dur op. 76 zu Lebzeiten des Komponisten im Druck (Breitkopf & Hartel 1924). Die folgenden 15 Trios teilten dasselbe Schicksal wie der Grossteil der Werke Julius Rontgens: sie lagerten, von der Musikwelt vergessen, als Manuskripte im Archiv des Niederlandischen Musikinstituts Den Haag. Erst in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurden v.a. auf Initiative der Nachkommen Rontgens einige dieser Werke veroffentlicht, in Konzerten aufgefuhrt und auf CD eingespielt. Insbesondere seit dem Jubilaumsjahr 2005, dem 150. Geburtstags des Komponisten, intensivierten sich diese Aktivitaten, so dass heute bereits zahlreiche Einspielungen, vor allem der symphonischen Werke, erhaltlich sind. Die Streichtrios komponierte Julius Rontgen ausschlieslich fur das gemeinsame Musizieren im Familienkreis mit seinen Sohnen, wobei der Komponist selbst die Bratschenstimme ubernahm.

Die späten Streichtrios

Wahrend die ersten der Trios vorwiegend einen divertimentohaft-tanzerischen Charakter aufweisen, sind die letzten vom spaten Personalstil des reifen Komponisten gepragt und zeugen ebenso von grosser Meisterschaft wie von musikalischer Tiefe. Sie gehoren zu den ca. 230 Werken, die der Komponist in den Jahren 1924–1932 schuf, was einen Hinweis gibt sowohl auf seine enorme schopferische Kraft wie auch auf seinen Arbeitseifer. Wie fast alle seiner Werke entstanden die Trios innerhalb weniger Tage.

Streichtrio Nr. 13 in A-Dur

Das 13. Streichtrio brachte Julius Rontgen am 1. Marz 1925 in der “Villa Gaudeamus” in Bilthoven zu Papier. Dieses Anwesen in der Nahe von Utrecht, in das sich der Komponist im Jahr 1924 nach seinem Abschied als Rektor des Amsterdamer Konservatoriums zuruckgezogen hatte, um sich intensiv der Kompositionsarbeit zu widmen, wurde von seinem Sohn Frants erbaut. Auserlich der Form eines Konzertflugels nachempfunden, beherbergt es heute die “Gaudeamus-Stiftung”. Dem ersten, melodisch-heiteren, bisweilen tanzerisch gehaltenen Satz des Trios in A-Dur folgt ein melancholisch anmutendes “Andantino tranquillo”, in dem sich Geige und Bratsche uber dem bestandigen Pochen des Cellos aufschwingen, bevor die Musik in weiter Ferne verklingt. Wie ein freudiger Volkstanz wirkt das folgende “Allegro vivo e giocoso” in D-Dur. Ein “Kunstwerk in sich selbst” (Dr. I. Schuster) stellt der Finalsatz dar: Den drei Eroffnungsakkorden folgt ein an ein Trauerkondukt erinnerndes “Sostenuto”, dem eine ergreifende Kantilene des Cellos folgt, die eine lange Entwicklung bis zu einem fast symphonisch angelegten Hohepunkt einleitet. Das Ende des Trios hat der Komponist nachtraglich verandert: statt zielgerichtet auf den Schluss hinzusteuern, kehrt er kurz zuvor zum Beginn des Satzes zuruck und verbindet so die Formteile zu einem vollendeten Ganzen.

Streichtrio Nr. 14 in c-Moll

In Beethovens “Schicksalstonart” c-Moll gesetzt, entstand das 14. Streichtrio zwischen dem 21. und 24. Februar 1928, vermutlich ebenfalls in der “Villa Gaudeamus”. Der erste Satz “Allegro” (ursprunglich “Allegro un poco sostenuto”) beginnt mit einem geheimnisvollen Thema im Unisono, das harmonisch weiterentwickelt und durch alle Stimmen gefuhrt wird, bis der Satz mit einem leidenschaftlichen Schluss endet. Traumerisch-tanzerisch erklingt das “Andantino con tenerezza”, in dem Geige und Bratsche zartlich dialogisieren, bis die drei Stimmen zu einem friedvollen gemeinsamen Schluss in Fis-Dur finden. Dem harmonisch gewagten Scherzo folgt “attacca” ein Variationensatz, gefolgt von einem “Finale Fugato” im 6/8-Takt. Noch einmal erscheint gegen Ende das Hauptthema des Satzes, diesmal in Oktaven in der Geige. Auch hier veranderte Julius Rontgen den Schluss des Werkes zugunsten einer breit angelegten Finalwirkung hin zu einem Schlussakkord in C-Dur.

Streichtrio Nr. 15 in cis-Moll

Hinter diesem Trio verbirgt sich eine besondere Geschichte. Bereits die Satzangabe des 4. Satzes “Finale automobilistico” wirkt aussergewohnlich. Julius Rontgen notiert in der Partitur: 1. und 2. Satz “Aosta 31.7.1929”, 3. Satz: “Bellagio 4.8.1929”. 4. Satz “Aeschi 9.8.1929”. Auf der Titelseite findet sich der Satz “Unserem Meisterchauffeur Engelbert gewidmet”. Was hat es damit auf sich?—Der zweite Sohn aus erster Ehe, Engelbert Rontgen (1886-1958) hatte eine Stelle als Solocellist an der Metropolitan Opera New York inne. Der hohe Kurs des US$ erlaubte ihm und seiner Frau Helena im Sommer 1929 eine Schiffsreise nach Europa zu buchen und dort ein Auto zu kaufen. Er erwarb das Topmodell der damaligen Mittelklasse: den FIAT 509a Torpedo, 990cc. So startete der 74jahrige Julius Rontgen mit seiner Frau Abrahamine (sie gab der Komposition in dem von ihr angelegten Werkverzeichnis den Titel “Auto-Trio”), seiner Schwiegertochter und seinem Sohn als Chauffeur am 25. Juli 1929 zu einer funfwochigen Rundreise von Holland uber Deutschland, Frankreich, die Schweiz bis nach Norditalien und wieder zuruck nach Bilthoven. Abrahamine hat jede Etappe dieser Reise in ihrem Tagebuch festgehalten und berichtet von abenteuerlichen Bedingungen: Reifenpannen, ein Unfall bei Meirigen/ Schweiz und einmal musste man “mit einem Eimer” Benzin holen, weil das Auto stehengeblieben war. Am 3.8.1929 notiert Abrahamine Rontgen “herrliche, gefahrliche Fahrt; angstvolle Kurven”, was Julius Rontgen wohl die Inspiration zum Finalsatz des 15. Trios gab. Ein originelles Detail zu Beginn des Satzes: unter die Bratschenstimme notiert der Komponist “wie eine Hupe”. Auch Ort und Datum der Urauffuhrung im Familienkreis sind aufgefuhrt: 12. August 1929 in Reichenbach BE/Schweiz. Anlass war der 43. Geburtstag des Widmungstragers. Den Geigenpart ubernahm Sohn Joachim (1906–1989), angereist aus Winterthur, wo er als Konzertmeister des altesten Orchesters der Schweiz tatig war. Man feierte mit Asti Spumante und Bowle. Am 20.8.1929 erfolgte eine zweite Auffuhrung in Winterthur.

Streichtrio Nr. 16 in cis-Moll

Ebenfalls in der fur Streicher eher ungewohnlichen Tonart cis-Moll gehalten, entstand das 16. und letzte Streichtrio Julius Rontgens zwischen dem 19. und 21. Mai 1930 in Bilthoven, wenige Wochen nach der Verleihung der Ehrendoktorwurde durch die Universitat Edinburgh. Schwermutig melancholisch beginnt der erste Satz, um sich in der Durchfuhrung pathetisch zu steigern und dann im pianissimo zu verklingen. Ohne Unterbrechung geht der scherzsohaft heitere zweite Satz in den dritten uber. Die Viola beginnt mit einem Gesang, der von der Violine aufgenommen und weiterentwickelt wird. Gegen Ende steigt das Cello in die hochsten Lagen, bevor der Satz leise in Gis-Dur verklingt. Den letzten Akkord noch in den Ohren, wird der Zuhorer vom gewaltigen Pathos des unerwartet einsetzenden Finalsatzes uberrascht, der das Streichtrioschaffen Julius Rontgens beschliesen sollte.

Sein letztes, im Juli 1932 entstandenes Werk, das Klavierquintett in G-Dur uberschreibt er mit einer Anlehnung an Beethovens 15. Streichquartett op. 132 “Sentendo nuova forza”. Zwei Monate spater sollte das Lebenslicht eines der letzten grosen Komponisten der Romantik im 20. Jahrhundert erloschen.


Martin Merker


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