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8.573390 - LISZT, F.: Transcriptions of J.S. Bach (Liszt Complete Piano Music, Vol. 39)
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Franz Liszt (1811–1886)
Transkriptionen nach Johann Sebastian Bach
Fantasie und Fuge g-moll • Sechs Praeludien für die Orgel

 

Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?
Nichts! Ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt.
Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen.
England! freundlich empfingst du den zerrütteten Gast.
Doch was fördert es mich, dass auch sogar der Chinese
Mahlet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten auf Glas?

In einem Brief an den deutsch-ungarisch-französischen Dramatiker Karl Hugo Bernstein zitierte Franz Liszt 1847 aus Johann Wolfgang von Goethes Venezianischem Epigramm (Nr. 34b). Nach einer Konzertreise durch die Ukraine weilte er soeben auf dem Schlosse der Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein in Woronince, wo sich sein Leben just grundlegend ändern sollte: Während er einerseits eine neue Beziehung einging, beendete er seine Virtuosenkarriere—und diese Phase der Reflexion fand er offenkundig in den epigrammatischen Zeilen des Dichterfürsten trefflich ausgedrückt.

Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 im deutschungarischen Raiding (Doborján) bei Ödenburg (Sopron) geboren. Sein Vater Adam war Amtmann des Fürsten Eszterházy sowie ein tüchtiger Amateur auf dem Violoncello. Als solcher hatte er für Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven musiziert. In Eisenstadt schloss er Freundschaft mit Johann Nepomuk Hummel, der als Eszterházyscher Kapellmeister Haydns Nachfolge angetreten hatte. Dem Sohn, der schon in jüngsten Jahren eine pianistische Begabung verriet, ließ er alle Förderung zuteil werden: Er unterrichtete ihn zunächst selbst und sorgte so dafür, dass der kleine Franz mit neun Jahren erstmals vor die Öffentlichkeit treten konnte. Nach einem Konzert in Ödenburg und einem weiteren in Pressburg (Bratislava) fand er im ungarischen Adel eine Unterstützung, dank derer man ihn in Wien von Carl Czerny im Klavierspiel und von dem alten kaiserlichen Hofkapellmeister Antonio Salieri, bei dem unter anderem Beethoven und Schubert gelernt hatten, im Tonsatz unterrichten lassen konnte. Damals soll es auch zu dem sogenannten »Weihekuss« gekommen sein, mit dem Beethoven dem Klavierspiel des Knaben angeblich seine besondere Anerkennung zollte. Liszt hat diese Anekdote nie geleugnet. 1823 reiste Adam Liszt mit seinem Sohn nach Paris, wo der junge Pianist für eine sofortige Sensation sorgte—was freilich Luigi Cherubini, den Direktor des Conservatoire, nicht daran hinderte, dem »Ausländer« den Zugang zu seinem Institut zu verwehren. Dafür fand man in Antonin Reicha einen geeigneten Lehrer und in dem Klavierbauer Érard einen Förderer, der Liszt zunächst eine erfolgreiche Konzertreise nach England ermöglichte, an die sich weitere Tourneen durch Frankreich anschlossen.

1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine- Metropole Kontakte pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Nicolo Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann. In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt als Teil seines virtuosen Arbeitsmaterials zahlreiche Kompositionen—darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu seiner Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der Symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich, wie üblich, der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten.

Johann Wolfgang von Goethes langjährige Residenz Weimar hatte Franz Liszt erstmals im November 1841 hören können. Bei seinem zweiten Besuch in der Stadt wurde er zum »Kapellmeister in außerordentlichen Diensten« ernannt, wobei mit diesem Amte zunächst nur wenige Verpflichtungen einhergingen. In Weimar hatte Johann Sebastian Bach von 1708-1717 als Hoforganist gewirkt. Während der Regierungszeit des Großherzogs Carl August war die Stadt zum Lebensmittelpunkt Goethes und somit zu einem Magneten für Dichter, Dramatiker und andere Schriftsteller geworden. Carl Augusts Enkel, der junge Thronfolger Carl Alexander, sah nunmehr die Möglichkeit, den künstlerischen Ruhm des Großherzogtums wieder aufleben zu lassen. Es lag auf der Hand, dass sich Liszt in Weimar nicht nur auf Goethe, sondern auch auf Johann Sebastian Bach besann, dessen Schaffen er in seinem Repertoire stets berücksichtigt hatte.

In der Fantasie und Fuge g-moll BWV 542 verbinden sich zwei Werke, die ursprünglich separat voneinander existiert haben dürften. Nicht eindeutig geklärt ist, ob die Stücke noch aus Bachs Weimarer Organistenzeit stammen oder in den nachfolgenden Jahren am Hofe des Fürsten Leopold von Anhalt-Cöthen entstanden, aus dessen Diensten Bach 1723 ausschied, um bis zum Lebensende als Thomaskantor in Leipzig zu arbeiten. Liszt übertrug die Fantasie (von der es eine zweite Fassung gibt) sowie die Fuge im Jahre 1868 aufs Klavier. Die Transkription, die in der Fantasie besonders kunstvolle Texturen zeigt, ist dem Stuttgarter Musiker Sigmund Lebert (Geburtsname: Samuel Levi) gewidmet, der zusammen mit seinem Kollegen Ludwig Stark eine einflussreiche Große theoretisch-praktische Klavierschule herausgab und die Bearbeitungen Liszts in dieses Lehrbuch aufnahm.

Unter dem Titel 6 Praeludien für die Orgel—Pedal und Manual—von Johann Sebastian Bach für das Pianoforte für zwei Hände gesetzt veröffentlichte der Leipziger Verlag C. F. Peters im Jahre 1852 ein halbes Dutzend Arrangements, die Franz Liszt zwischen 1842 und 1850 hergestellt hatte. Bei seinen Berliner Vortragsabenden hatte er im Winter 1841/42 bereits die Präludien und Fugen in a-moll und e-moll gespielt. Am Ende lagen die sechs Bearbeitungen vor, die hier in der Reihenfolge der Edition Peters zu hören sind.

Präludium und Fuge a-moll BWV 543 schrieb Bach in Weimar. Das Präludium ist im Stil einer Toccata gehalten. Die Musik steigert sich über Orgelpunkten zu immer komplexeren Strukturen, bevor die Fuge mit ihrem ausgedehnten Thema erkennen lässt, mit welcher Detailgenauigkeit Franz Liszt bei seiner Bearbeitung vorging und beispielsweise die Einsätze des Pedals durch Oktavierungen markiert. Auf die Weimarer Jahre werden auch Präludium und Fuge C-dur BWV 545 datiert. Mit virtuosem Pedalspiel beginnt das Werk, dessen Fugenthema sich nachher aus den ersten vier Tönen der aufsteigenden Durtonleiter zu einem vierstimmigen Satz entwickelt. Liszt wählt als Tempo hier ein Allegro maestoso. Als drittes Stück folgen Präludium und Fuge cmoll BWV 546, das 1722 oder später entstanden sein soll. Dem festlich-imposanten Präludium schließt sich eine fünfstimmige Fuge an.

Das zweite Heft der Kollektion beginnt mit Präludium und Fuge C-dur BWV 547, für die man die Leipziger Jahre annimmt. Das Präludium beginnt im Stil einer dreistimmigen Invention, deren Textur sich im weiteren Verlauf verdichtet und vom Pedal (beziehungsweise den Oktaven der linken Hand) durch ein markantes Motiv angereichert wird, das auch den Schlusspunkt setzt. Die Fuge begnügt sich mit einem eintaktigen Thema, und es dauert recht lange, bis auch das Pedal einsetzt, das das Geschehen gegen Ende durch einen ausgedehnten Orgelpunkt stützt. Aus der Leipziger Zeit stammen Präludium und Fuge e-moll BWV 548, eine der bekanntesten Kreationen Bachs in dieser Form. Ihr keilförmig auseinanderstrebendes Thema hat der Fuge im englischsprachigen Raum den Beinamen »the Wedge« eingetragen. Die Edition endet mit Präludium und Fuge h-moll BWV 544 aus dem ersten Leipziger Jahrzehnt. Den Höhepunkt bildet die Fuge, die in Franz Liszts Klavierfassung bis heute eine außergewöhnliche technische Herausforderung darstellt.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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