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8.573392-93 - Berlin Gamba Book (The) (Berger)
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Das Berliner Gambenbuch
Choralvariationen für Viola da gamba solo – Anonymer Meister (17. Jh.)

 

Die hier erstmalig eingespielten sogenannten Choralsätze des Berliner Gambenbuchs stellen innerhalb des Repertoires für Viola da gamba ohne Begleitung schon allein aufgrund ihrer Seltenheit eine besondere Kostbarkeit dar. Umso bedauerlicher ist es, dass von dem Bearbeiter nur die Initialen J. R. bekannt sind, - sie zieren die Rückseite des in Berlin entstandenen Manuskripts. Und noch zwei Mal begegnen uns in der Handschrift die Initialen J. R., zunächst über einer Allemande (S. 169 des Manuskripts) und über dem Stück „Tonec Polsky“ (S. 139). Die in Leder gebundene Handschrift trägt auf der ersten Seite das Datum 1674, das wahrscheinlich erst später von fremder Hand hinzugefügt wurde und auf der nächsten Seite den Vermerk „Pieces pour la viola da gamba“. 1880 gelangte das Manuskript mit weiteren Titeln durch Ankauf von Berlin nach Paris, wo es in der Bibliotheque Nationale unter der Eingangsnummer 22344 verwahrt wird (laut Eingangskatalog aus einer „Vente à Berlin“). Außer den für uns hier interessanten Choralsätzen enthält die 270 Blätter umfassende Sammlung weitere Stücke seltener Komponisten des 17. Jh., wie z.B. Du Buisson (S. 185 ff), Verdufen (S. 212 ff) und Hotman (S. 267 ff).

Als Verfasser und Sammler der Gambenchoräle dürfen wir uns einen preußischen Gambenliebhaber vorstellen, der mit Leidenschaft und Kenntnis über Jahre hinweg alle ihm wichtig erscheinenden Musikstücke gesammelt und für sein Instrument bearbeitet hat. Dabei galt sein besonderes Interesse wohl dem Kirchenlied, denn regelmäßig tauchen zwischen Tänzen, Variationen u. a. die Choralsätze im Manuskript auf. Die Titel über den Stücken sind in alter deutscher Schrift abgefasst. Es sind auch weltliche Lieder in der Sammlung enthalten, von denen einige wenige beispielhaft mit der vorliegenden Aufnahme vorgelegt werden, z.B. „Nun ist alle meine Lust“ (CD 2 [5]), „Nun schleft sie schon“ (CD 2 [9]) und „Unser müden Augenlider“ (CD 2 [17]). Für den überwiegenden Teil der Kirchenlieder können Quellenangaben gemacht werden, oftmals sind sie im katholischen „Gotteslob“ oder/und im alten bzw neuen evangelischen Gesangsbuch enthalten.

Bei der Einrichtung der Choräle für die Viola da gamba hat der Verfasser darauf geachtet, dass sie der Spielpraxis der Gambe möglichst entgegenkommt. Die melodische Linie wurde, immer von der üblichen Stimmung der sechssaitigen Gambe ausgehend, mit einer einfachen Harmonik versehen, die sich aus einer zweiten Stimme, Doppelgriffen und einfachen Akkorden zusammensetzt. Zumeist belässt es der Bearbeiter bei der Notation der harmonisierten Choralmelodie, also ca. 12 bis 20 Takten. Bei drei Stücken hat er jedoch jeweils eine Variation hinzugefügt. Es sind dies die Choräle „Christus der uns selig macht“ (CD 1 [2]), „Da Jesus an dem Kreutze stund“ (CD 1 [3]) und „Christum wir sollen loben schon“ (CD 2 [2]). In dem Lied „Herr straff mich nicht in deinem Zorn“ (CD 2 [3]) taucht eine vom Verfasser als „clausula finalis“ bezeichnete Wendung, eine einfache ausgeschriebene Schlusswendung, auf. Diese Variationen sind im eigentlichen Sinne notierte Improvisationen, wie sie der damaligen Praxis entsprechen. Neben der besonderen Stückauswahl des Manuskripts stellen gerade die Variationen die unmittelbarste Möglichkeit dar, einen tieferen Einblick in die Persönlichkeit des anonymen Gambisten J. R. und seine musikalische Welt zu erlangen.

Choralvariationen für eine Sologambe

Wie oben bereits erwähnt wurde, stellen die Choralsätze für unbegleitete Sologambe eine große Seltenheit dar und erregen schon aus diesem Grunde das Interesse des Gambisten und des Musikinteressierten. Im besonderen Maße trifft das auf die drei Choralsätze mit den angefügten Variationen zu (s.o.), denn hier zeigt sich die Veränderung des Kirchenliedes zu einem Instrumentalstück am deutlichsten. Man mag sich vorstellen, dass der Verfasser der Gambenchoräle beim Musizieren die Lieder möglicherweise noch mitgesungen hat. Beim Spielen der Variationen halte ich das jedoch für unwahrscheinlich: das Instrument ersetzt jetzt die Stimme vollständig, und auf die Bedeutung des gesungenen Wortes und seine Botschaft wird verzichtet. An ihre Stelle treten die Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten eines Musikstücks für ein einzelnes Soloinstrument.

Diesen Aspekt können wir genauer beleuchten, wenn wir zwei weitere Beispiele von Choralvariationen aus ungefähr der gleichen Zeit wie der des Berliner Gambenbuches betrachten. Es handelt sich um die Variationen von August Kühnel (1645–ca. 1700) über „Herr Jesu Christ, du höchstes Gut“ (Druck 1698) und einige der Variationen aus „Der Fluyten Lust-Hof“ (1. Druck 1644) von Jacob van Eyck (ca. 1590–1657), darin sind z.B. enthalten: „Vater unser im Himmelreich“, „Herr Gott, dich loben alle wir“ und „Nun lobet Gott im hohen Thron“. Während van Eyck für seine Stücke eine unbegleitete Block- bzw Traversflöte vorsieht, können die Variationen Kühnels nach seinen Angaben im Vorbericht wahlweise mit Viola da gamba und Basso continuo oder nur mit Gambe gespielt werden. Die Kompositionsweise der Choralvariationen beider Musiker ist zumindest in einer Beziehung sehr ähnlich: die Choralmelodie bildet den Ausgangspunkt für immer schnellere Variationsfolgen, mit deren Bewältigung sich der Instrumentalist als Virtuose auszeichnen kann. Interessanterweise gibt es in Bezug auf die Person van Eycks sogar einen Hinweis auf die Gelegenheiten, bei denen er seine Stücke vortrug. Als Glockenspielmeister in Utrecht angestellt wurde ihm nämlich im Jahre 1648 eine Gehaltserhöhung dafür gewährt, daß er die Spaziergänger auf dem Kirchhof mit dem Klang seiner Flöte erfreue. Bei Kühnel lässt sich vermuten, dass seine Variationen über „Herr Jesu Christ, du höchstes Gut“ gar nicht mehr für den kirchlichen Rahmen gedacht waren, denn sie sind in seiner Sammlung von Sonaten und Partiten unter dem allgemein gehaltenen Titel „Aria solo“ (als Nr. 10) veröffentlicht worden. Kühnel stand außerdem Zeit seines Lebens ausschließlich bei weltlichen Fürsten in Diensten (zunächst als „Violdigambist“ in der Hofkapelle des Herzogs Moritz von Sachsen in Zeitz, danach als Direktor der Instrumentalmusik in Darmstadt und schließlich als Konzertmeister in Kassel).

Obwohl es nur drei Beispiele von Choralvariationen bei dem Verfasser des Berliner Gambenbuches gibt, und jeweils nur eine je Lied, lässt sich jedoch erkennen, dass die Variationen hier anders geartet sind als bei Kühnel und van Eyck: in ruhiger Bewegung hauptsächlich von Achtelketten wird die Melodie mit Nebennoten „aufgefüllt“ und es entsteht auf diese Weise so etwas wie eine Meditation. Es gibt keine virtuosen Passagen, die die Bewunderung eines Zuhörers erregen sollen, sondern die Absicht ist es, den Stücken ihre feierliche und ernste Würde zu bewahren, die sie aufgrund ihrer Herkunft aus dem kirchlichen Rahmen, dem Gottesdienst, innehaben. Ich bin dem Gambisten J. R. in dieser Praxis gefolgt, indem ich zu seinen Choralsätzen Variationen gespielt, einigen Stücken eine Einleitung bzw ein Praeludium vorangestellt oder eine Schlusswendung hinzugefügt habe.

Dietmar Berger


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