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8.573413 - WAGNER, R.: Symphony in C Major / Symphony in E Major (fragments) (Leipzig MDR Symphony, Märkl)
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Richard Wagner (1813-83)
Symphonie C-dur • Symphonie E-dur (Fragment)

 

Richard Wagner verdankt seinen Ruhm zwar ganz eindeutig seinen innovativen Opern und Musikdramen; doch er war alles andere als ein bloser Opernkomponist. Tatsachlich trug das Interesse an der Symphonik nicht unmasgeblich zu der Entwicklung des unverwechselbaren Orchesterklanges bei, von dem seine Buhnenwerke getragen werden. Wahrend seiner gesamten Laufbahn hielt er immer wieder symphonische Gedanken fest, und es ware sogar denkbar, dass er einige dieser thematischen Skizzen zu ausgewachsenen Instrumentalwerken verarbeitet hatte, wenn ihm ein langeres Leben vergonnt gewesen ware. Diese spateren Plane haben sich zwar nie materialisiert, doch schon als Neunzehnjahriger hatte er eine Symphonie in C-dur WWV 29 vollendet, der bald darauf die Entwurfe einer zweiten Symphonie in E-dur WWV 35 folgten. Diese beiden fruhen Symphonien sind eine Hommage an das grose Idol Beethoven und liefern eine faszinierende Einsicht in die Entwicklung des jungen Komponisten.

Wagners fruhe Jahre bewegten sich zwischen Dresden, Prag und Leipzig. Sein Stiefvater Ludwig Geyer war Schauspieler und musste aus beruflichen Grunden mehrfach mit seiner Familie umziehen. Richard verriet schon fruh sein dichterisches und erzahlerisches Talent. Mit funfzehn Jahren bekam er bei dem Leipziger Geiger und Komponisten Christian Gottlieb Muller seinen ersten Musikunterricht. Dieser bestand nicht allein in den Grundlagen der Harmonielehre und des Kontrapunkts: Wagner kopierte auch die Werke der Komponisten, die er besonders bewunderte, und im Zuge dieser Bemuhungen fertigte er sogar einen Klavierauszug von Beethovens neunter Symphonie an.

Der dreijahrigen Ausbildung bei Muller folgten weitere Studien bei dem Leipziger Thomaskantor Christian Theodor Weinlig sowie bei Heinrich Dorn, dem Kapellmeister des Leipziger Hoftheaters, der weiland auch einem jungen, recht eigensinnigen Robert Schumann Unterricht gab. »Ich zweifle,« schrieb Dorn 1838 in Schumanns Neuer Musikzeitung, »das es zu irgend einer Zeit einen jungen Musiker gegeben hat, der mit Beethoven’s Werken vertrauter war, als der achtzehnjahrige Wagner. Des Meisters Ouverturen und grosere Instrumentalcompositionen besitzt er grostentheils in eigenhandig geschriebenen Partituren; mit den Sonaten geht er schlafen, mit den Quartetten steht er auf, die Lieder singt er, die Concerte pfeift er, denn mit dem Spielen will es nicht recht vorwarts gehen; kurz es war ein furor teutonicus, der, gepaart mit hoherer wissenschaftlicher Bildung und eigenthumlich geistvoller Regsamkeit, kraftvolle Schoslinge zu treiben versprach.«

Wagners Begeisterung fur Beethovens Musik und die Absicht, als Erbe des Vorbildes begriffen zu werden, resultierten in einigen autobiographischen Erfindungen. So spielt er in Mein Leben den Umfang seines Musikunterrichts herunter, und er erzahlt von einem Ereignis, dass seinem »kunstlerischen Gefuhle plotzlich eine neue und fur das ganze Leben entscheidende Richtung gab«, das so aber, wie inzwischen bekannt ist, nie stattgefunden hat: eine Leipziger Auffuhrung des Fidelio mit der grosen Sangerin Wilhelmine Schroder- Devrient. Gerade diese Erfindung zeigt jedoch, welch zentrale Rolle Beethoven in Wagners musikalischem Universum spielte, und diese Tatsache trat in den fruhen symphonischen Versuchen nur noch deutlicher zu Tage.

Die Symphonie C-dur WWV29 durfte zwischen April und Juni 1832, mithin gegen Ende der Studien bei Weinlig, entstanden sein. »An mein Hauptvorbild, Beethoven, schlos sich Mozart, zumal seine grose C dur Symphonie. Klarheit und Kraft, bei manchen sonderbaren Abirrungen, war mein Bestreben«, erinnerte er sich spater—und es ist unverkennbar, dass die beiden genannten nicht unmasgeblich an der Diktion zumindest des Kopfsatzes beteiligt waren. Bei der Einleitung (Sostenuto e maestoso) konnte man sich unter anderem an die Ouverture Die Weihe des Hauses erinnert fuhlen, und in dem energisch dahin springenden Allegro haben sich nicht zuletzt, wie Wagner gegen Ende seines Lebens einraumte, mancherlei Elemente aus Beethovens zweiter Symphonie niedergeschlagen. Wir bemerken einen ausgepragten Sinn fur rhythmischen Vorwartsdrang, ohrenfallige Synkopen der Kontrabasse und eine effektvolle, wenngleich nicht eben subtile Tendenz, die harmonische Spannung durch Halbtonschritte der musikalischen Gedanken zu steigern. Die Melodie und die trauerhafte Harmonik des zweiten Satzes fusen eindeutig auf dem Allegretto aus Beethovens siebter Symphonie, wahrend sich Streicher und Holzblaser in dem frohlichen energiegeladenen Scherzo im standigen Wechsel prasentieren. Das Beethovensche Feuer, das in Wagners Finale gluht, stammt eher aus der achten Symphonie: Das Rondothema ist reine, schwungvolle Energie, und bei der Durchfuhrung des Materials versucht sich Wagner erstmals an kontrapunktischen Experimenten.

Wagner war offensichtlich stolz auf sein Werk. Im November 1832 konnte er in Prag eine Probeauffuhrung organisieren, der sich im Dezember die Leipziger Premiere unter der Leitung des einstigen Lehrers Christian Gottlieb Muller anschloss. Die Allgemeine musikalische Zeitung berichtete am 13. Februar 1833: »Die neue Symphonie unsers noch ganz jugendlichen Richard Wagner’s (er zahlt kaum 20 Jahre) wurde in allen Satzen, mit Ausnahme des zweyten, von der immer sehr zahlreichen Versammlung mit lautem Beyfalle und nach Verdienst begrusst. Wir wussten kaum, was man von einem ersten Versuch einer jetzt so hoch gesteigerten Tondichtungsgattung mehr verlangen konnte«. Ganz offensichtlich hoffte Wagner auf eine Wiederholung des Werkes im Rahmen der Gewandhaus-Konzerte, doch daraus wurde nichts. 1836 schickte er die Partitur an Felix Mendelssohn, den neuen Kapellmeister des Gewandhausorchesters. Danach wird die Sache undurchsichtig. Mendelssohn fand anscheinend fur das Werk keinen Platz in seiner Konzertreihe und hat es nie aufs Programm gesetzt (was Wagner spater als Boswilligkeit des vier Jahre jungeren Kollegen interpretierte). Die Orchesterpartitur fand sich nach Mendelssohns Tod (1847) indes nicht unter seinen Sachen, und die Symphonie schien verloren, da Wagner sie nie hatte drucken lassen. Erst 1876 gab er den Auftrag, nach dem Manuskript zu suchen. Und tatsachlich entdeckte man in einem Koffer in Dresden einen Stimmensatz, nach dem 1878 eine neue Partitur mit einigen kleinen Veranderungen und Kurzungen hergestellt werden konnte. Diese Fassung, die auch in der vorliegenden Aufnahme zu horen ist, wurde zu Wagners Lebzeiten noch ein einziges Mal aufgefuhrt—und zwar am Heiligen Abend des Jahres 1882 im Teatro La Fenice zu Venedig: Wagner selbst dirigierte das Stuck im privaten Kreise als Geschenk fur Cosima, die an diesem Tag ihren Geburtstag feierte. Anschliesend verfasste der Komponist noch einen offenen Brief an den Redakteur des Musikalischen Wochenblattes, worin er uber den Wert seines »Jugendwerkes« nachdachte. Bald darauf starb er, und die Symphonie blieb zunachst weiterhin unveroffentlicht.

Die fragmentarische Symphonie E-dur WWV35 entstand im August und September 1834. Der umfangreiche Kopfsatz beginnt mit einem entschieden punktierten Rhythmus, wie er auch im Scherzo aus Beethovens neunter Symphonie vorkommt; die Tonart ist freilich die der Fidelio-Ouverture, die gleichermasen Pate gestanden haben konnte. In der Durchfuhrung gibt es einige raffinierte Harmonien, wahrend die melodischen Konturen und die dramatischen Gesten ein unverkennbar italienisches Aroma verbreiten. Wie auch nicht, wo sich Wagner damals gerade intensiv mit dem bel canto beschaftigte, der ihn zu seiner ersten Oper Die Feen (1833/34) inspiriert hat. Das anschliesende Adagio cantabile ist ein warmherziger, schoner, lyrischer Satz, der aber leider unvollendet blieb.

Warum Richard Wagner diese Symphonie nicht beendet hat, ist nicht ganz klar. Aus Rudolstadt schreibt er allerdings seinem Freunden Theodor Apel am 13. September 1834, er sei »in der Composition einer Symfonie begriffen […] die ich auf keinen Fall beendigen kann«. Der Wagnerforscher John Deathridge sieht einen Grund in dem Essay Die deutsche Oper, worin Wagner viel Tinte darauf verschwendet habe, um sich fur diese Gattung und ihre Entwicklung zu verwenden und sich demzufolge asthetisch verpflichtet gefuhlt habe, die Symphonie aufzugeben, die er just im selben Jahr begonnen hatte. Nach Wagners Tod ubergab Cosima jedenfalls das autographe Particell der Edur- Symphonie dem langjahrigen Freund und Mitarbeiter ihres Mannes, Felix Mottl. Dieser begann sofort mit der Orchestration des kompletten ersten Satzes. Auserdem instrumentierte er die kurze Skizze des zweiten Satzes, die er mit ein paar einfachen Schlusstakten versah.

Katy Hamilton
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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