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8.573415 - LISZT, F.: Opera Transcriptions (Han Chen) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 41)
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Franz Liszt (1811–1886)
Arrangements nach Opern
Oberon • La Sonnambula • Hunyadi László • Tony • I Puritani • Der Freischütz

 

Wie steht es mit Ihrer Hunyadi Übersetzung für Weimar? Wann erhalte ich die Partitur? In ungefähr drei Wochen gedenke ich dort zurück zu sein und wenn Sie nicht zu lange zögern mit der Einsendung der Partitur kann das Werk noch so wie ich es wünsche im Laufe dieser Saison einstudiert werden. (Franz Liszt an Ferenc Erkel, Zürich 21. November1856)

Franz Liszts Plan, Ferenc Erkels historische Oper Hunyadi László zu inszenieren, zerschlug sich zwar, doch der Ton in seinen Briefen an den ungarischen Komponisten, Pianisten und Dirigenten ist ein Ausdruck beidseitiger Freundschaft. Die vorliegende Produktion stellt unter anderem Liszts Konzertparaphrase über diese Oper vor, die er 1846, zwei Jahre nach der Premiere des Bühnenwerkes, bei einem Recital in Pest spielte. Des weiteren sind in diesem Programm Carl Maria von Weber und Vincenzo Bellini sowie Königin Viktorias Schwager mit jeweils zwei Titeln vertreten.

Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 im deutschungarischen Raiding (Doborján) bei Ödenburg (Sopron) geboren. Sein Vater Adam war Amtmann des Fürsten Eszterházy sowie ein tüchtiger Amateur auf dem Violoncello. Durch die Unterstützung des ungarischen Adels konnte der Frühbegabte mit seiner Familie nach Wien gehen, wo ihn Carl Czerny im Klavierspiel und der alte Hofkomponist Antonio Salieri, der auch Beethoven und Schubert unterwiesen hatte, im Tonsatz unterrichtete. 1822 reiste Adam Liszt mit seinem Sohn nach Paris, um ihn am dortigen Konservatorium unterzubringen – doch Luigi Cherubini, der Direktor des Instituts, verweigerte dem »Ausländer« die Aufnahme. Dafür fand man in Antonin Reicha einen geeigneten Lehrer und in dem Klavierbauer Érard einen Förderer, der Liszt eine erfolgreiche Virtuosenkarriere ermöglichte.

Adam Liszt starb 1827 in Frankreich, worauf die Mutter nach Paris kam. Der inzwischen sechzehnjährige Franz gab Klavierunterricht und bemühte sich mit einer wahren Lesewut, seinen bisherigen Mangel an Allgemeinbildung auszugleichen. Von entscheidender künstlerischer Bedeutung war das Erlebnis Paganini: Der Hexenmeister spielte im Frühjahr 1831 in der französischen Hauptstadt, und Liszt spürte, dass ihm auf dem Klavier ähnlich neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen könnten, die er später auch unter anderem in seinen Paganini-Etüden verwirklichte. Die Liaison mit der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult, einem »Blaustrumpf« wie die Romanschriftstellerin und gemeinsame Freundin George Sand, sowie die Geburt dreier Kinder führten zu weiteren Reisen und seit 1839 zu einer neuerlichen internationalen Virtuosentätigkeit, die Liszt eine wahre Heldenverehrung eintrug.

Im Jahre 1844 zerrissen die letzten Bande zwischen Liszt und der Gräfin, die danach unter dem Künstlernamen Daniel Stern literarische Rache an ihrem einstigen Lebensgefährten nahm. Dieser hatte inzwischen Kontakte zum Großherzogtum Weimar angeknüpft, nahm seinen Abschied vom öffentlichen Konzertpodium und wurde 1848 Musikdirektor der einstigen Goethe-Residenz, wo er fortan zusammen mit der jungen polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein lebte, einer literarisch und theologisch ambitionierten Dame, die sich von ihrem Ehemann, einem russischen Adligen, getrennt hatte. In Weimar beginnt auch recht eigentlich die Geschichte der Symphonischen Dichtungen, mit denen Franz Liszt nach neuen musikalischen Formen suchte, wobei er sich jeweils von literarischen, malerischen oder philosophischen Werken anregen ließ.

Trotz mannigfacher Bemühungen konnte die katholische Ehe der Fürstin nicht geschieden werden. Um sich schließlich sogar beim Heiligen Vater um eine Auflösung des Bundes zu bemühen, begab sich Carolyne 1860 nach Rom, im nächsten Jahr gefolgt von ihrem Lebensgefährten, der in der Ewigen Stadt allerdings eine eigene Wohnung nahm. Für Liszt begannen die »späten Jahre«, die er als une vie trifurquée (»dreigleisiges Leben«) bezeichnete: Abwechselnd lebte er in der komfortablen Ruhe eines römischen Klosters, in Weimar, wo der Meister des Klavierspiels und Prophet der Neuen Musik Hof hielt, sowie in Ungarn, wo man ihn inzwischen als Nationalhelden feierte.

Franz Liszt starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima, die Witwe Richard Wagners, mit der Durchführung der aktuellen Festspiele beschäftigt war. Die Anwesenheit des alten Vaters kam ihr dabei offenbar nicht sonderlich gelegen.

Carl Maria von Webers Oberon nach Christoph Martin Wieland entstand für London und wurde dort auch im April 1826 uraufgeführt. Die Anstrengungen der Produktion dürften dabei nicht unwesentlich zum frühen Tod des Komponisten beigetragen haben. 1846 beendete Liszt seine schnörkellose Bearbeitung der Ouvertüre, die Schlesinger noch im selben Jahr zusammen mit Transkriptionen der Jubel-Ouvertüre und der Freischütz- Ouvertüre [Naxos 8.570562] publizierte. Die raffinierte, romantisch-exotische Fantasie des Oberon ist eingefasst von dem Zwist des Feenkönigs und seiner Königin Titania, die sich über die Treue uneins sind und nach einem wahrhaft treuen Paar suchen. So gelangt der heroische Sir Huon von Bordeaux in die Regionen von 1001 Nacht. Die Ouvertüre beginnt mit Oberons Zauberhorn und Andeutungen seines Feenreiches; außerdem erklingt die Melodie der Arie Ozean, du Ungeheuer, die die Kalifentochter Reiza singt, ehe sie schließlich von Sir Huon errettet wird.

Vincenzo Bellinis Oper La Sonnambula (»Die Schlafwandlerin«) wurde 1831 in Mailand uraufgeführt. Felice Romani hatte das Libretto nach einer französischen Ballett-Pantomime von Eugène Scribe und Jean-Pierre Aumer geschrieben. Darin geht es um die Irrungen, die aus den nächtlichen Wanderungen der Titelheldin Amina entstehen: Die Bewohner des Dorfes glauben, dass sie ihren Verlobten Elvino betrüge, als sie beobachten, wie sie das Zimmer betritt, das Graf Rodolpho im Gasthof bezogen hat. Die Sache klärt sich auf, als man den wirklichen Grund ihrer nächtlichen Aktivitäten entdeckt. Liszts Phantasie über beliebte Themen dieser Oper beginnt mit dem Chor des ersten Aktes (»Osservate«): Die Dörfler schleichen herbei und sehen die schlafende Amina im Zimmer des Grafen. Weiterer Stoff entstammt dem zweiten und letzten Akt, in dem Elvino über Aminas vermeintliche Untreue jammert und seine Verlobte sich verteidigt. Die Phantasie schließt mit dem dramatischen Quintett, mit dem der erste Aufzug zu Ende geht.

Ferenc Erkels historische Oper Hunyadi László spielt im Ungarn des 15. Jahrhunderts. Hier gerät László, der Sohn des siegreichen Heerführers Hunyadi János, nach dem Tode seines Vaters in die Hand seiner politischen Feinde. Der junge Habsburger König verspricht zwar eine Generalamnestie, ist aber eifersüchtig auf die Liebe Lászlós zu Mária, der Tochter des ehrgeizigen Paladins Gara, der für Lászlós Hinrichtung sorgt. Der Held wird in den Kerker geworfen und, während er auf seine Freilassung wartet, umgebracht, obwohl dem Henker zunächst die Exekution misslingt. Erkel richtete den sogenannten Schwanengesang, den László im Angesichte des Todes singt, selbst für Klavier ein. Von ihm stammt auch eine Bearbeitung des Marsches, der an verschiedenen Stellen der Oper zu hören ist und für die patriotischen Ungarn von großer Bedeutung war.

Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha war der ältere Bruder von Prinz Albert, dem Gemahl der Königin Viktoria, und ein recht fleißiger Komponist. Santa Chiara, eine seiner fünf Opern, brachte Franz Liszt im Jahre 1854 am Gothaer Hoftheater zur Aufführung. Der romantische Dreiakter Tony oder: Die Vergeltung wurde 1848 vollendet und von Liszt im April 1849 am Weimarer Hoftheater dirigiert. Im selben Jahr bearbeitete er den Jägerchor und den Steyrer aus dieser Oper. Die charakteristische Jagdmusik bildet in der Übertragung den Rahmen für andere thematische Elemente. Liszt arrangierte ferner einen Festmarsch und andere Themen aus dem Fünfakter Diane von Solange, den Herzog Ernst im Jahre 1859 vollendete und Richard Wagner widmete. Dieser ließ jedoch in einem Brief vom 31. Dezember 1859 an Franz Liszt keinen Zweifel daran, was ihm lieber gewesen wäre: »Alles dummes Zeug. – Ich brauch’ Geld.« Liszt wies darauf hin, dass seine Bearbeitung nach Motiven von E.H.z. S.-C.-G (Ernst, Herzog zu Sachsen-Coburg und Gotha) entstanden sei.

Bellinis letzte Oper I Puritani wurde 1835 in Paris uraufgeführt. Im nächsten Jahr schrieb Liszt seine Réminiscences des Puritains de Bellini [Naxos 8.572241], denen 1841 die Introduction et Polonaise aus dieser Oper folgten, wobei er hier wieder Material verwandte, das er bereits im zweiten Teil der »Reminiszenzen« benutzt hatte. In Bellinis Melodramma serio geht es um den Versuch, die verwitwete Königin Henrietta Maria aus den Händen der Puritaner zu retten. Dazu kommen die Konflikte zwischen den Königstreuen und den Puritanern. Liebende werden voneinander getrennt, schließlich aber doch glücklich vereint. Während sich Elvira, die (noch) glückliche Protagonistin des Werkes, im ersten Akt auf ihre geplante Hochzeit vorbereitet, singt sie die Polonaise Son vergin vezzosa (»Ich bin ein hübsches Mädchen«).

In seiner Freischütz-Fantasie aus dem Jahre 1840 benutzte Franz Liszt zahlreiche Elemente der ersten großen Oper der deutschen Romantik, die bekanntlich von allem erfüllt ist, was typisch war für diese Kunstepoche: Wald, Jäger, Teufel und Magie. Der Förster Max lässt sich von seinem »Freunde« Caspar dazu verführen, das anstehende Preisschießen, bei dem es um die Hand der Försterstochter Agathe geht, mit Hilfe des höllischen Schwarzen Jägers für sich zu entscheiden. Die Fantasie beginnt mit der Cavatine Und ob die Wolke, mit der Agathe im dritten Akt besorgt und hoffnungsfroh ihre bevorstehende Hochzeit überdenkt. Darauf folgt die unheimliche Wolfsschlucht, wo man um Mitternacht im Beisein des schwarzen Jägers Samiel verzauberte Freikugeln gießt. Der fröhliche Jägerchor führt zu dem bekannten zweiten Teil aus Agathes Süß entzückt entgegen ihm, und mit dem Chor des letzten Aktes geht das Klavierwerk zu Ende. Liszt hat diese Freischütz- Fantasie nicht zur Veröffentlichung revidiert. Das Stück blieb relativ lange ungedruckt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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