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8.573417 - CZERNY, C.: Grand Piano Concerto / Grand Nocturne Brillant / Variations de Concert sur la Marche des Grecs (Tuck, English Chamber Orchestra, Bonynge)
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Carl Czerny (1791–1857)
Grand Concerto a-moll

 

Carl Czerny brachte es mit den modischen Stücken, die er für die breite Öffentlichkeit komponierte, zu Ruhm und Ehre, während er in Wien zugleich an einem idealen Ort wirkte, um die technische Entwicklung der neuen Tasteninstrumente voranzutreiben. In seiner Heimatstadt gab es dreimal mehr Klavierlehrer als Ärzte, und die erstaunliche Menge seiner Etüden fanden sich bald auf jedem Klavier—wo sie bis heute stehen. »Hr. Czerny gehört ohne allen Zweifel unter die Componisten, die einem grossen Theile des musikalischen Publicums ausnehmend gefallen«, schrieb Wilhelm Fink in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung vom 9. April 1828. »Aehnliches haben wir an Rossini erlebt, und in der That, beyde gleichen sich nicht wenig; man könnte behaupten: Czerny ist unter den Clavier-Componisten eben das, was Rossini unter den Opern-Componisten ist«.

Nun war Carl Czerny freilich von Natur aus bescheiden. Er hatte nichts für Eigenreklame und Selbstdarstellung übrig. Er wollte Beethovens Sonaten spielen, und die brillante, kalkulierte Scharlatanerie, die er an den zeitgenössischen Virtuosen erkannte, entsprach ganz einfach nicht seinem natürlichen Verhalten. Sein Leben lang war er mehr mit der Werbung für Beethoven als mit der Verbreitung seiner eigenen Musik beschäftigt, und viele der Kreationen, die er als »seriöse« Kompositionen einordnete, blieben in seinem Schreibtisch liegen, während sich die Verleger begierig auf seine unzähligen Potpourris, Fantasien, Unterrichtsstücke und Etüden stürzten. Zwar hat John Field bekanntermaßen erzählt, er habe Czerny gleichzeitig an vier Stücken arbeiten und dabei von einem zum andern Schreibtisch gehen sehen, derweil die Tinte trocknete; doch die vielen Durchstreichungen in seinen Handschriften zeigen eine andere Seite.

Carl Czerny wurde am 21. Februar 1791 als Sohn böhmischer Eltern in der Wiener Leopoldstadt geboren. Bei seiner Taufe waren die brillanten Pianisten Abbé Joseph Gelinek und Abbé Ferdinandi zugegen. Vater Wenzel Czerny erteilte dem Kinde, das seit seiner Geburt von Musik umgeben war, den Anfangsunterricht auf dem Klavier. Mit sieben Jahren schrieb Carl seine ersten Kompositionen, und schon bald beherrschte er sämtliche Klavierwerke Mozarts; außerdem spielte er viele Sachen von Clementi und Beethoven. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er im Jahre 1800 mit Mozarts c-moll-Konzert KV 491.

Im folgenden Jahr beeindruckte er Beethoven dermaßen, dass ihn der Meister für die nächsten drei Jahre als Schüler annahm. Daraus entstand eine lebenslange, von gegenseitiger Bewunderung getragene Freundschaft. Beethoven übertrug Czerny die Premiere zweier Klavierkonzerte, und dieser verfügte über ein solch gutes musikalisches Gedächtnis, dass er alle Werke seines Lehrers auswendig spielen konnte.

Beethovens Vertrauen ging so weit, dass er den Schüler die Klavierfassungen seiner eigenen Orchesterwerke herstellen ließ, wodurch auch diese Musik weiteren Kreisen zugänglich wurde. Überdies hat Czerny mit seiner unermüdlichen Werbung für den Lehrer viel zum heutigen Verständnis des Meisters beigetragen, wie beispielsweise aus einem Brief von Johannes Brahms an Clara Schumann erhellt: »Die große Pianoforteschule von Czerny ist wohl der Mühe wert, durchgelesen zu werden. Namentlich auch, was er über Beethoven und den Vortrag dieser Werke sagt, er war ein fleißiger und aufmerksamer Schüler. […] Der Fingersatz bei Czerny ist höchst sehr zu beachten, überhaupt meine ich, man dürfe heute mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann haben« (März 1878).

Neben Beethovens Neffen Karl unterrichtete er unter anderem Stephen Heller, Sigismund Thalberg und vor allem den jungen Franz Liszt. Dieser hatte später bei seinen Pariser Recitals mit Czernys Werken großen Erfolg und widmete ihm schließlich anerkennend seine Etudes d’exécution transcendante. Als er seine Grandes Variations de Bravour über den Marsch aus Bellinis I Puritani in Angriff nahm, lud Liszt nicht nur Thalberg und Chopin, sondern auch seinen ehemaligen Lehrer Czerny ein, etwas zu dieser als Héxameron bekannten Gemeinschaftsproduktion beizusteuern.

Czerny hat eine erstaunliche Menge an Musik geschrieben, die sich auf mehr als 1.000 Opuszahlen verteilt. Darunter sind neun Symphonien, Klavierkonzerte, Kammermusik und unzählige Stücke für Klavier. Als zutiefst gläubiger Mensch verfasste er auch Kantaten, Hymnen, elf Messen und andere geistliche Werke. Obwohl Franz Liszt die bedeutenden, schön geformten, edlen Schöpfungen seines Lehrers bewunderte, meinte er 1852 in einem Brief an Otto Jahn, es sei zu bedauern, dass sich Czerny durch seine allzu große Produktivität selbst geschwächt habe. Frühe Auflagen des Grove stützen diese Behauptung durch die Feststellung, dass »die Menge weniger bedeutender Werke die wirklich guten Kompositionen zu Unrecht haben in Vergessenheit fallen lassen«. Allein dieser Faktor relativiert Schumanns kritische Attacken auf Czerny einigermaßen.

Interessanterweise war Wilhelm Fink, der Herausgeber der wichtigen Allgemeinen Musikalischen Zeitung, ein geschworener Feind Schumanns, dessen Musik er zunächst kritisierte und dann ignorierte, während er sich über Czerny vorteilhaft äußerte. Schumann befand sich also in einer schwierigen Situation, da er als Herausgeber der konkurrierenden Neuen Zeitschrift für Musik ethisch gezwungen war, auf die Propagierung seiner eigenen Werke zu verzichten.

Viele Jahre hat Carl Czerny tagtäglich unterrichtet und sich in den Abendstunden der Komposition gewidmet. Doch trotz dieser augenscheinlichen Arbeitswut war er Romantiker genug, um sich zu verlieben. Zwar hielt er sich von den feinen Kreisen ebenso fern wie von der Veranstaltung werbewirksamer Konzerte; doch in seinem Hause fanden »musikalische Zirkel« statt, bei denen man Beethovens Werke spielte—oft in Gegenwart des Komponisten.

Nachdem Carl Czerny seine Eltern bis zu deren Tode unterstützt hatte, starb er selbst am 15. Juli 1857 als wohlhabender Mann. In seinem Testament bedachte er seine Hausangestellten, die »Gesellschaft der Musikfreunde« und andere Institutionen, die ihm am Herzen lagen—darunter der »Verein zur Versorgung erwachsener Blinden« und das »Taubstummen-Institut«.

Grand Notturno Brillant op. 95

Muzio Clementi hat sowohl seinen Schüler John Field, den »Erfinder« des Nocturne, als auch Carl Czerny stark beeinflusst. Dieser verbrachte im Jahre 1810 viel gemeinsame Zeit mit seinem irischen Kollegen. 1829 kam interessanterweise auch Frédéric Chopin verschiedentlich zu Czerny, um mit ihm vierhändig zu musizieren—darunter vielleicht auch Czernys Nocturne brillant über das deutsche Lied »Das waren mir selige Tage« op. 71.

Die Nocturnes von John Field hat Czerny offensichtlich gekannt. In seinem Grand Notturno für Klavier, Streichtrio, Flöte, Klarinette, Horn, Fagott und Kontrabass, das H. A. Probst um 1826 unter der Opuszahl 95 publizierte, befleißigte sich der Komponist jenes singenden Stils, den er an den Arien Bellinis und Rossinis so sehr bewunderte. Das Nocturne wird in romantischer Manier ausgesponnen. Das anschließende Rondo ist von der besten Laune erfüllt, die aber doch immer wieder durch das Auf und Ab sehnsüchtiger Phrasen unterbrochen wird und so an das vorherige »Nachtstück« erinnert. Der außergewöhnliche Kontrapunktiker Czerny überrascht in der Mitte mit einem Fugato, dessen Steigerung eben jene Grandeur und Brillanz erreicht, die er im Titel des Werkes verspricht. Danach kehrt die Musik zu der verspielten Haltung des zweiten Themas zurück.

Grand Concerto a-moll op. 214

Dieses eindrucksvolle Werk wurde 1830 erstmals veröffentlicht und kann als eines der ersten romantischen Konzerte überhaupt gelten. Czerny arbeitet darin durchweg mit thematischen Transformationen, die den ersten, in den tiefen Streichern leise aufsteigenden Gedanken in immer neuen Gestalten erscheinen lassen. Nach der ausgedehnten Einleitung des Orchesters exponiert das Klavier das Hauptthema im mf. Das kontrastierende Nebenthema (dolce) führt zu einigen kämpferischen Klavierpassagen und einer grandiosen Äußerung des Orchesters, von wo aus eine ruhige Überleitung der Klarinetten in die Durchführung überleitet. Hier widmet sich der Solist mit kraftvollen Tönen dem Thema, das jetzt durch verminderte Septakkorde eine zusätzliche Spannung erhält. Die Oboe spielt ihre versonnene Antwort, worauf das Orchester sich mit neuer Kraft meldet. Das Klavier allein bringt eine weitere Umwandlung des Themas, das jetzt in Dur erklingt und durch eine schmachtende Septime angereichert ist.—Das Adagio con moto ist recht kurz. Der nachdenkliche Anfang steigert sich zu ausgedehnteren Läufen und Passagen, ehe eine Kadenz attacca zum Rondo überleitet. Munter und voller Leben geht dieses Allegro con anima dahin, bis Czerny einen abgeklärten Choral anstimmt—eine weitere thematische Variante, die die Hörner mit großer Wirkung aufgreifen. Das schelmische zweite Thema bringt das Werk dann zu einem quirligen Ende.

Variations de Concert sur la Marche des Grecs de l’Opéra Le Siège de Corinthe de Rossini op. 138

Czerny bemerkte, die meisten Melodien würden dadurch populär, dass sie von der menschlichen Stimme vorgetragen werden, und so hat er in seinem Schaffen auch viele Opernmelodien verarbeitet. Das vorliegende Stück erschien im Jahre 1827 und verbindet die Berühmtheiten Czerny und Rossini miteinander: »Wer aber, wie die beyden Männer, das Publicum so aufzuregen und für sich zu gewinnen versteht, muss nothwendig irgend etwas wesentlich Gutes empfangen und ausgebildet haben, denn das völlig Leere ergreift niemanden. Die Menge wird in der Regel nur von dem am lebhaftesten ergriffen, was den Neigungen derselben gerade am meisten zusagt. Es wird also das Zeitgemässe seyn, was solche Lieblinge der Zeit sich geschickt anzueignen wussten. Und so ist es auch mit den Beyden.—Worin besteht nun das Zeitgemässe? Das für die Meisten Drückende nicht lange entflohener Tage, ja für Manche noch fortdauernd Lastende hat die Mehrzahl dahin gebracht, dass sie nach ihren sorgenvollen Beschäftigungen eine leichte, das Gemüth vom Ernst des Lebens abziehende Erholung suchen,« heißt es in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung vom 9. April 1828. Genau das aber erreichen diese brillanten, geistreich gestalteten und gut gearbeiteten Variationen mit ihrem fröhlichen, strahlenden Sonnenlicht.

Rosemary Tuck
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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