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8.573423 - HINDEMITH, P.: Marienleben (Das) (revised version, 1948) (Harnisch, J.P. Schulze)
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Paul Hindemith (1895–1963)
Das Marienleben (zweite Fassung 1948)

 

Der Komponist, Bratscher, Geiger, Dirigent und Lehrer Paul Hindemith war einer der vielseitigsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Er wurde am 16. November 1895 in Hanau geboren, erhielt schon fruh Violinunterricht und konnte seit 1909 dank einer Freistelle am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main Komposition studieren.

Mit einer Reihe radikaler, expressionistischer Werke—den umstrittenen Operneinaktern Mörder, Hoffnung der Frauen, Das Nusch-Nuschi und Sancta Susanna (1921), dem zweiten Streichquartett und dem Ballett Der Dämon (1922)—etablierte er sich als fuhrender deutscher Komponist seiner Generation. Es folgte eine Phase stilistischer Experimente, die von der jazzig angehauchten Klaviersuite 1922 bis zu den neobarocken, verschieden besetzten Kammermusiken aus den Jahren 1921 bis 1927 reichten. Zu den bemerkenswerten Werken gehort auch die Oper Cardillac (1926).

1927 erhielt Hindemith eine Kompositionsprofessur an der Berliner Hochschule fur Musik. Seine grundsatzlichen padagogischen Bestrebungen resultierten in Stucken fur Laien und der theoretischen Unterweisung im Tonsatz. Daneben spielte er auch als ausubender Musiker verschiedene Rollen—als Mitglied des Amar-Hindemith-Quartetts und als Stimmfuhrer im Frankfurter Opernorchester sowie als gefeierter Solist, dessen Urauffuhrung des Bratschenkonzertes von William Walton im Jahre 1929 hier besonders erwahnt sei.

Von 1932 bis 1935 konzentrierte er sich auf die Oper Mathis der Maler und die zugehorige Symphonie. Das Buhnenwerk befasst sich als dramatische Allegorie mit dem Dilemma des Kunstlers in Zeiten des gesellschaftlichen Aufruhrs und brachte Hindemith in einen offenen Konflikt mit der nationalsozialistischen Regierung. Im September 1938 verlies er Deutschland. Zunachst ging er in die Schweiz, bevor er im Februar 1940 in die USA ubersiedelte, die ihn spater zu ihrem Staatsburger machten.

Als die Universitat Zurich Paul Hindemith im Jahre 1951 eine Professur anbot, lies er sich dauerhaft in der Schweiz nieder. Sein letztes groses Werk war die Oper Die Harmonie der Welt (1957). Er starb am 28. Dezember 1963 in Frankfurt am Main an einer Bauchspeicheldrusenentzundung. Sein bedeutendes Vermachtnis spricht von der Integritat und dem handwerklichen Konnen des Kunstlers, der viele Instrumente beherrschte und meisterhaft mit Stilen und Formen umzugehen verstand.

Das Marienleben fur Singstimme und Klavier basiert auf dem beinahe gleichnamigen Gedichtzyklus («Das Marien-Leben») von Rainer Maria Rilke (1875–1926). Paul Hindemith arbeitete an der Vertonung von Juni 1922 bis Juli 1923. Die ersten Auffuhrungen waren sehr erfolgreich, und der gluckliche Komponist schrieb seinem Verleger, er habe bislang nichts Besseres geschaffen als diese Lieder. Die Zufriedenheit war indes nicht von langer Dauer. Hindemith beschloss, das Werk zu uberarbeiten, um den Gesang enger an den Text und die Klavierstimme anzupassen und uberdies den Zyklus stilistisch einheitlicher zu gestalten. Wahrend der nachsten zweieinhalb Jahrzehnte widmete er sich dieser muhevollen Aufgabe, wobei er einzelne Lieder bis zu zwanzig Mal revidierte. Die letzten Anderungen nahm Hindemith 1948 im amerikanischen Exil vor. Diese spatere Version gliedert die Lieder in vier deutlich voneinander getrennte Gruppen ([1][4]; [5][9]; [10][12]; [13][15]).

Die Geburt Mariä [1] wirkt wie ein zartes Wiegenlied. Das Klavier stellt in fliesenden Linien das wichtigste Material des Zyklus vor. Die Engel, die sich uber Marias Geburtshaus aufschwingen, werden von einer gedampften, stillen, harmonisch schwebenden Musik eingefangen. Man spurt in dieser zarten Einleitung eine deutliche Erwartungshaltung.

Die Darstellung Mariä im Tempel [2] hat die Form einer schlichten, eindringlichen Passacaglia mit 27 Variationen uber ein siebentaktiges Thema. Dadurch entsteht eine gelungene musikalische Antwort auf die weitreichende architektonische Bildersprache Rilkes (Bogen, Wand, Aufgang, Durchblick, Wolbung, Gelander usw.). Eine bewegte Klimax beschreibt den Augenblick, in dem Maria die Bedeutung des Ereignisses erfasst, doch am Ende schreitet sie «ruhig, voller Selbstvertrauen» zu gemessenen, leisen Klangen dahin.

Fur die Fassung von 1948 hat Paul Hindemith Mariä Verkündigung [3] vollstandig neu komponiert. Wo Rilke den Eintritt des Engels mit dem Spiel des Sonnenstrahls im Zimmer vergleicht, ausert das Klavier im hohen Register kleine, blechblaserartige Fanfaren. Ein bewegterer Mittelteil zeigt Marias Beklommenheit, doch zum Schluss sind wieder die trallernden Figuren zu horen, zu denen der Engel seine Melodie singt.

In der zugleich zuruckhaltenden und emotionalen Heimsuchung [4] wunscht sich Maria das Gesprach mit einer andern Frau. Das Klavier wiederholt zartlich einige Phrasen und erhebt sich in den letzten Abschnitten ins hohe Register, wahrend «den Taufer in dem Schoos der Muhme [...] die Freude schon zum Hupfen» hinreist.

Die zweite Gruppe des Zyklus beginnt mit dem Argwohn Josephs [5],der sogleich den Stimmungswechsel gegenuber der vornehmlich entspannten ersten Gruppe signalisiert. Das schroffe Unisono des Klaviers zeigt an, wie ungehalten Marias Verlobter ist.

Von einfacher Art war die Verkündigung über den Hirten [6] bereits in der ersten Fassung des Marienlebens. Jetzt spielt das Klavier eine Reihe von Unisono-Passagen, bevor sich der letzte Abschnitt zu feierlicher Majestat steigert und die Ereignisse des nachsten Liedes vorwegnimmt.

Die Geburt Christi [7] hat Hindemith fur die Fassung von 1948 vollig neu komponiert. Dem kunstlosschlichten Gedicht entspricht die Musik, die sich als eine Variante des Wiegenliedes vom Anfang des Zyklus darstellt. In der letzten Strophe («er erfreut») bringt der Komponist einen Gedanken, der harmonisch an ein Weihnachtslied denken lasst und uns so daran erinnert, dass es sich hier um das erste Weihnachtsfest handelt.

Die Rast auf der Flucht nach Ägypten [8] gliedert sich in zwei Teile. Ein dramatischer Schwung pragt den ersten Teil, in dem Joseph und Maria mit ihrem Kind durch die Wuste wandern, um dem Massaker des Herodes an den Kindern von Bethlehem zu entgehen. Ein lebhaftes, synkopiertes Thema unterstreicht dieses Geschehen. In dem beschaulicheren zweiten Teil neigt sich ein Baum, um der rastenden Familie Schatten zu spenden. Diese Passage wird von einem zwanzigfachen Ostinato des Basses getragen, der den Horer an die Passacaglia des zweiten Liedes erinnert. Dergestalt wird das Jesuskind mit der Einfuhrung der jungen Maria in den Tempel verbunden.

Bei der Hochzeit zu Kana [9] vollbringt Jesus das Wunder, weil ihn seine Mutter—stolz auf die Fahigkeiten des Sohnes—dazu auffordert. Das Lied fust auf den Varianten eines fugierten und eines vokalen Themas. Es gehort zu den umfangreichsten und vielgestaltigsten des Zyklus und bildet zugleich den abschliesenden Kulminationspunkt der zweiten Gruppe. Ein beachtliches Vorspiel von 48 Takten beschwort den Trubel des larmenden Hochzeitsfestes. Mit seinem ruhigen Kontrast deutet die zweite Halfte des Liedes bereits auf die verhaltene dritte Gruppe.

Vor der Passion [10] macht sich eine Vorahnung breit, indessen Maria uber die sorglose Kindheit ihres Sohnes nachsinnt. Rilke zeigt Maria als Frau und Mutter, und Hindemith rundet seine direkte, unaffektierte musikalische Antwort durch ein zwolftaktiges, grubelndes Nachspiel des Klaviers ab.

In der Pietà [11] druckt Maria zartlich den Leichnam ihres gekreuzigten Sohnes an sich. Dieses Lied war das erste, das Hindemith fur den Zyklus komponiert hat, und es bewahrt auch in der revidierten Fassung von 1948 etwas von der expressionistischen Kraft, die auf einen dissonanten, eindringlichen Sechstonakkord aufgebaut ist.

Die Stillung Mariä mit dem Auferstandenen [12] ist das einzige Lied, das Hindemith vollig unangetastet lies. Es beschreibt die intime Wiedervereinigung Marias mit Jesus und ist als bescheidenes Rondo mit einem choralartigen Refrainthema dargestellt. Die letzte Gruppe ist von abstrakter Art. Sie besteht aus den drei Liedern Vom Tode Mariä [13][15], der melodisch und harmonisch denkbar mit groster Reinheit ausgefuhrt wird. Das zweite der drei Lieder besteht aus einem schlichten Thema mit funf Variationen und Coda. Wie der Komponist im Vorwort der zweiten Fassung ausfuhrt, ist diese abschliesende Trilogie ein Epilog, in dem Personen und Handlungen keine Rolle mehr spielen.

Das Marienleben markiert Hindemiths stilistischen Ubergang vom Expressionismus zum Neoklassizismus und nimmt demzufolge eine Schlusselposition in seinem Schaffen ein. In der Partitur von 1948 sind die vokalen und instrumentalen Elemente gleichrangig behandelt, und der wiederholende Ruckgriff auf Motive und Gesten verleiht dem Zyklus eine starke strukturelle Integritat. So schrieb denn auch Harold Truscott 1969 in der Musical Times: «Durch die reinigende Zucht, die der 53-jahrige Hindemith diesen jugendlichen Liedern hat angedeihen lassen, entstand ein organisches Meisterwerk, das zu den grosen Liederzyklen gerechnet werden kann».

Paul Conway
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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