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8.573458 - LISZT, F.: Grandes études de Paganini / 6 Etudes d'exécution transcendante d'après Paganini (Filipec) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 42)
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Franz Liszt (1811–1886)
Paganini-Etüden
Grandes études de Paganini, S141/R3b • Etudes dʼexécution transcendante dʼaprès Paganini, S140/R3a • Le Carnaval de Venise, S700/R665

 

Paganini ist tot. Mit ihm erlosch einer jener starken Atemzüge, die die Natur offenbar schnell wieder in sich aufnimmt; mit ihm verschwand ein einzigartiges Phänomen aus der Sphäre der Kunst, schrieb Franz Liszt unter dem Titel Sur Paganini: A propos de sa mort in der Pariser Gazette Musicale vom 23. August 1840.

Der Geiger Nicolò Paganini hat eine glänzende, wenngleich ungewöhnlich kurze Karriere gemacht. 1782 in Genua geboren, verbrachte er den ersten Teil seines Lebens in Italien. Erst 1828 begab er sich auf eine Auslandsreise, in deren Verlauf er bemerkenswerte Konzerte gab. Die ersten Verpflichtungen brachten ihn nach Wien, wo ihn unter anderem Franz Schubert hörte. In Leipzig wollte Paganini zwar eigentlich nicht spielen, doch immerhin konnte ihn Friedrich Wieck bewegen, sich die pianistischen Leistungen seiner Tochter Clara anzuhören. Ein paar Jahre später hatte Wieck bereits einen gemeinsamen Auftritt Claras und Paganinis arrangiert, als letzterer aus gesundheitlichen Gründen absagen musste.

Der junge Robert Schumann hatte den Virtuosen bereits 1830 in Frankfurt am Main gehört und war durch dieses Erlebnis auf den Gedanken gekommen, Pianist zu werden. Zwei Jahre später schlug sich der Eindruck in den sechs Studien für das Pianoforte nach Capricen von Paganini bearbeitet nieder, die als Opus 3 erschienen, bevor 1833 unter der Opuszahl 10 die Sechs Concert-Etuden nach Capricen von Paganini folgten und der berühmte Geiger im Carnaval op. 9 seinen »persönlichen Auftritt« hatte.

Franz Liszt lernte Paganini offenbar im Jahre 1832 in Paris kennen und erlag dem Phänomen in ähnlicher Weise wie Schumann. Das Glück des Italieners sollte sich indes bald wenden: Seine Krankheit und anderes Ungemach führten 1840 zu seinem Tod.

Zu den Werken, die einen derartig tiefen Eindruck hinterließen, gehörten die 24 Caprices op. 1 für Violine solo, in denen Paganini zu Beginn des Jahrhunderts eine Summe dessen geschaffen hatte, was sich an technischen Möglichkeiten überhaupt auf dem Instrument ausführen ließ. Seit damals stellen die Stücke für jeden ambitionierten Musiker eine essentielle Herausforderung dar. Zwischen 1838 und 1840 schrieb Franz Liszt seine Etudes d’exécution transcendante d’après Paganini, die er 1851 als Grandes études de Paganini revidierte. Beide Versionen sind Clara Wieck bzw. Schumann gewidmet, der Liszt 1838 in Wien erstmals begegnet war und die ihm bei dieser Gelegenheit unter anderem den Carnaval und die Fantasiestücke ihres künftigen Ehemannes vorspielte. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Liszt und Schumann kühlte sich im Laufe der Zeit ab, während die Gemahlin den »Schauspielereien« des Tastenlöwen und dem vermeintlichen Durcheinander seiner Musik immer kritischer gegenüberstand.

Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 im deutschungarischen Raiding (Doborján) bei Ödenburg (Sopron) geboren. Sein Vater Adam war Amtmann des Fürsten Eszterházy sowie ein tüchtiger Amateur auf dem Violoncello. Durch die Unterstützung des ungarischen Adels war es seiner Familie möglich, mit ihm nach Wien zu gehen, wo ihn Carl Czerny im Klavierspiel und der alte Hofkomponist Antonio Salieri, der auch Beethoven und Schubert unterwiesen hatte, im Tonsatz unterrichtete. 1822 reiste Adam Liszt mit seinem Sohn nach Paris, um ihn am dortigen Konservatorium unterzubringen—doch Luigi Cherubini, der Direktor des Instituts, verweigerte dem »Ausländer« die Aufnahme. Dafür fand man in dem Klavierbauer Érard einen Verbündeten, der die frühe Virtuosenkarriere des Jünglings förderte.

Adam Liszt starb 1827 in Frankreich, worauf die Mutter nach Paris kam. Der inzwischen sechzehnjährige Franz gab Klavierunterricht und bemühte sich mit einer wahren Lesewut, seinen bisherigen Mangel an Allgemeinbildung auszugleichen. Vom Einflusse Paganinis, der 1831 erstmals in der französischen Hauptstadt gastierte, und den Auswirkungen auf den weiteren künstlerischen Lebensweg Liszts war bereits die Rede. Auf persönlichem Gebiete ähnlich entscheidend war die Liaison mit der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult und die Geburt der drei gemeinsamen Kinder: Seit 1839 begab sich Liszt erneut auf Konzertreisen, in deren Verlauf er praktisch ganz Europa in einen Taumel versetzte.

Im Jahre 1844 zerrissen die letzten Bande zwischen Liszt und der Gräfin. Dieser hatte inzwischen Kontakte zum Großherzogtum Weimar angeknüpft, nahm seinen Abschied vom öffentlichen Konzertpodium und wurde 1848 Musikdirektor der einstigen Goethe-Residenz, wo er fortan zusammen mit der jungen polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein lebte, einer literarisch und theologisch ambitionierten Dame, die sich von ihrem Ehemann, einem russischen Adligen, getrennt hatte. In Weimar beginnt auch recht eigentlich die Geschichte der Symphonischen Dichtungen, mit denen Franz Liszt nach neuen musikalischen Formen suchte, wobei er sich jeweils von literarischen, malerischen oder philosophischen Werken anregen ließ.

Trotz mannigfacher Bemühungen konnte die katholische Ehe der Fürstin nicht geschieden werden. Um sich schließlich sogar beim Heiligen Vater um eine Auflösung des Bundes zu bemühen, begab sich Carolyne 1860 nach Rom, im nächsten Jahr gefolgt von ihrem Lebensgefährten, der in der Ewigen Stadt allerdings eine eigene Wohnung nahm. Für Liszt begannen die „späten Jahre“, die er als une vie trifurquée („dreigleisiges Leben“) bezeichnete: Abwechselnd lebte er in der komfortablen Ruhe eines römischen Klosters, in Weimar, wo der Meister des Klavierspiels und Prophet der Neuen Musik Hof hielt, sowie in Ungarn, wo man ihn inzwischen als Nationalhelden feierte.

Franz Liszt starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima, die Witwe Richard Wagners, mit der Durchführung der aktuellen Festspiele beschäftigt war. Die Anwesenheit des alten Vaters kam ihr dabei offenbar nicht sonderlich gelegen.

Als Ausgangspunkt seiner ersten Paganini-Etüden wählte Franz Liszt die Capricen Nr. 5/6, 17, 1, 9 und 24 sowie La campanella, die Paganini im Rondofinale seines Violinkonzertes Nr. 2 h-moll benutzt hatte. Die »Übungen« beginnen mit einem Preludio nach der fünften Caprice, die Liszt von a-moll nach g-moll transponiert hat. Den dramatischen Dreiklangsbrechungen und chromatischen Läufen schließt sich direkt die erste Etüde nach der Caprice Nr. 6 an—eine Tremolostudie, über der sich eine »stets markiert und expressiv« zu spielende, kantable Melodie bewegt. Über dieser Version findet sich ein ossia, das die Melodie zunächst nicht mit Tremoli, sondern mit triolischen Akkorden begleitet. Eine Fußnote erläutert: »Diese zweite Lesart ist die des Herrn Robert Schumann«, und tatsächlich handelt es sich dabei um dessen Etüde op. 10 Nr. 2.—Liszt beendet seine erste Studie mit der Wiederholung des Preludio, das er jetzt, dem Vorbilde Paganinis folgend, in die entsprechende Dur-Tonart gewandt hat.

Die zweite transzendente Etüde (Caprice Nr. 17) befasst sich vor allem mit Oktaven, Terzen und Sexten, verlangt vom Ausführenden aber auch gelegentlich ein Überschlagen der Hände, wenn nämlich die schnurrigen, delikaten Figuren der höchsten Register in der tiefen Lage beantwortet werden. Campanella hatte Liszt schon 1832 in seiner anspruchsvollen Grande fantaisie de bravoura sur La Clochette de Paganini benutzt, die weitestgehend von der dritten Paganini-Etüde verdrängt wurde. Die vierte Etüde (Caprice Nr. 1) gibt es gleich in zwei Versionen, deren zweite die originalen Arpeggien des Violinstückes durch Akkorde ersetzt, die auf den ursprünglichen Dreiklangsbrechungen basieren. Die fünfte Nummer ist eine Bearbeitung der neunten Caprice, die gemeinhin als La Chasse (»Die Jagd«) bekannt ist und sich auch in Robert Schumanns Opus 3 niederschlug. Paganini arbeitet hier mit dem Gegensatz zwischen der Flötenimitation (»auf dem Griffbrett«) und dem vollen Klang des Jagdhorns (»auf der 3. und 4. Saite«), und Liszt übernimmt eben diese Unterscheidungen: »imitando i Flauti« und »imitando i Corni«. Nach mancherlei kontrastierendem Lagen- und Figurenspiel endet der Satz mit einer Rückbesinnung auf den Beginn. Das Heft endet mit der berühmtesten aller Capricen—der Nummer 24, die auch Johannes Brahms, Sergej Rachmaninoff und andere Komponisten inspirierte. Dem Original entsprechend, bietet auch Liszt elf Variationen des Themas sowie eine rauschende Coda.

Bei seiner Revision hat Franz Liszt im Jahre 1851 einige der früheren Schwierigkeiten ein wenig modifiziert. So verzichtet er jetzt in der zweiten Etüde auf das Überschlagen der Hände, das die Antworten des tiefen Registers verkompliziert hatte, und La campanella steht jetzt nicht mehr in as-moll (7b), sondern im enharmonischen gis-moll (5#). Während die weiten Sprünge beibehalten sind, lässt sich der Klang des hohen Glöckchens, dem das Stück seinen Namen verdankt, deutlicher vernehmen. Die vierte Studie ist jetzt nur noch auf einer Notenzeile notiert, obwohl beide Hände gebraucht werden, die jetzt aber ohne die früheren Oktav- Verdopplungen auskommen können. In La Chasse sind die ehemaligen Stimmverdopplungen gleichfalls transparenteren Texturen gewichen, und auch in der letzten Etüde—Thema und Variationen – schlägt sich dieser Hang zur Auflichtung nieder: Aus dem ursprünglichen con strepito (»lärmend«) ist jetzt ein con brio geworden, und die weiten Spannungen der achten Veränderung wurden durch handlichere Intervalle ersetzt. Die neunte Variation, einst fantasticamente, ist jetzt schlicht staccato (quasi pizzicato) zu spielen—nach dem Vorbild des linkshändigen Pizzikato, das Paganini vorgeschrieben hatte.

Das populäre italienische Lied O mamma, mamma cara verwandte Paganini als Thema der zwanzig Variationen, die er unter dem Titel Il carnevale di Venezia herausbrachte. Liszt machte daraus eine anspruchsvolle Folge von Klaviervariationen. Die Melodie erklingt zunächst in ihrer einfachen Originalgestalt. Die Variationen werden in den Werkverzeichnissen gemeinhin als unvollständig geführt, sind in neuerer Zeit aber unter Verwendung bibliographischer Materialien und sorgfältiger Editionen einer Vervollständigung näher gekommen. Liszt wird in seinen Variationen technisch immer schwieriger und komplizierter; nach einer plötzlichen Unterbrechung stürmt der Virtuose noch einmal mit all seinen Fertigkeiten los.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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