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8.573468 - RACHMANINOV, S.: Rare Piano Transcriptions (Severus)
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Sergej Rachmaninoff (1873–1943)
Seltene Klaviertranskriptionen

 

Sergej Rachmaninoff war einer der vollendetsten und höchstbezahlten Pianisten seiner Zeit und seit Liszt der einzige, der als Komponist und Dirigent gleichermaßen Berühmtheit erlangte. Am 1. April 1873 in der Region Nowgorod in eine verarmende Adelsfamilie mit militärischem und musikalischem Hintergrund geboren erhielt Rachmaninoff ersten Klavierunterricht von seiner Mutter und der Pianistin Anna Ornatskaja, bevor er neunjährig ins Petersburger Konservatorium eintrat. Vom zwölften bis fünfzehnten Lebensjahr war er Schüler des renommierten Moskauer Lehrers Nikolai Swerev, bevor er sein Studium am Tschaikovski-Konservatorium fortsetzte: Klavier bei seinem Cousin und Liszt-Schüler Alexander Siloti, Komposition bei Sergej Tanejev und Anton Arenski. Neunzehnjährig gewinnt er mit seiner Oper Aleko die Goldmedaille und begeistert Tschaikowsky, der sie an das Bolschoi-Theater empfiehlt, wo sie mit bemerkenswertem Erfolg uraufgeführt wird.

Von seiner dreijährigen Tätigkeit als Dirigent an der Mermontov-Oper und am Bolschoi-Theater abgesehen bleibt Rachmaninoff sein Leben lang freier Künstler. Sein kompositorisches Schaffen und seine Konzerttätigkeit umfassen eine Zeitspanne von fünfzig Jahren; die Mehrheit seiner Werke entsteht bis zu seiner Emigration 1917. Von diesem Zeitpunkt an konzertiert Rachmaninoff weltweit, nimmt seine kompositorische Tätigkeit jedoch erst 1926 wieder auf. Nachdem er 1930 in der Villa Senar am Vierwaldstätter See einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden hat, flieht er 1939 vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA. Dort erliegt er am 28. März 1943, sechs Wochen nach seinem letzten Konzert, einem Krebsleiden.

Rachmaninoffs Werk umfasst beinahe alle Gattungen: er schuf drei Symphonien, drei symphonische Dichtungen, drei Opern, fünf Klavierkonzerte, sechs große Chorwerke, ein umfangreiches Werk für Klavier solo und -Duo, etwa 80 Lieder und Kammermusik.

Begabt mit einem phänomenalen Gedächtnis vermochte Rachmaninoff eine Symphonie nach nur einmaligem Hören auswendig auf dem Klavier zu spielen. Ungeachtet seines Ruhms führte er ein zurückgezogenes Leben im Kreise seiner russischen Familie, Freunde und Kollegen. Seine umfangreiche Korrespondenz zeugt von seiner Feinfühligkeit und Großzügigkeit und seinem ausgeprägtem Sinn für Humor und Ironie.

Unter dem Einfluss Alexander Warlamovs und Alexander Alabievs entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das russische Kunstlied, bezeichnet mit dem französischen Begriff romance. Geprägt von der italienischen Oper entwickelte es bald seine ureigene Ausdrucksform und fand seinen Höhepunkt in den Romanzen Mussorgskis, Tschaikowskys und Rachmaninoffs.

Die Romanzen Rachmaninoffs faszinieren durch ihr einzigartiges Melos und rivalisieren im russischen Sprachraum in ihrer Popularität mit seinen Klavierwerken. Frühe Eindrücke erhielt Rachmaninoff von den russischorthodoxen Kirchengesängen und Zigeunerliedern; der Vokalkunst blieb er nicht nur als Komponist, sondern auch als herausragender Liedbegleiter und Operndirigent tief verbunden. Der Sänger Fjodor Schaljapin gehörte zu seinen engsten Freunden.

Seit Liszt waren Klaviertranskriptionen immer mehr in Mode gekommen und hatten sich zu einer eigenständigen Gattung entwickelt. Rachmaninoff schrieb über zwanzig Klaviertranskriptionen eigener und fremder Werke. Das Spielen von Transkriptionen von Orchesterwerken gehörte seinerzeit zum Lehrplan, und Rachmaninoff führte mit Kommilitonen Beethovens 5. Symphonie in einem Arrangement für zwei Klaviere zu acht Händen auswendig auf. Transkriptionen ermöglichten auch das Aufführen von symphonischen Werken, wenn kein Orchester zur Verfügung stand, wie es der Fall war bei Rachmaninoffs Orchestersuite d-moll (siehe unten).

In den Romanzen Rachmaninoffs spielt der Klavierpart eine gewichtige Rolle, wie der Komponist selbst 1906 in einem Brief an die Pianistin Maria Kersina schreibt: „In diesen Romanzen ist die Rolle [des Begleiters] schwieriger als die des Sängers.“ Und über die Romanze Die Nacht ist trostlos op.26,12: „Tatsächlich muss nicht der Sänger singen, sondern der Begleiter am Klavier.“ Es überrascht folglich nicht, dass Rachmaninoffs Romanzen zu Bearbeitungen angeregt haben, sowohl zu wörtlichen, die das originale Notenmaterial fast unverändert lassen (wie Margeriten op.38,3 von Rachmaninoff selbst und jene von Alexander Schaefer und Alexander Siloti), sowie zu freieren Bearbeitungen, die, um den vokalen Ausdruck in eine pianistische Sprache zu verwandeln, das ursprüngliche Material erweitern, indem sie die Textur verändern, den Tonumfang vergrößern, Filigranwerk oder Stimmen hinzufügen (Flieder op.21,5 von Rachmaninoff oder die Transkriptionen Sergej Kursanows, Dmitri Papernos und Isaak Michnowskijs), ohne jedoch die Sphäre des Originals zu verlassen.

Rachmaninoff komponierte fast sämtliche Romanzen auf seinem Gut Ivanovka zu Gedichten mehrheitlich russischer Poeten des 19. und 20. Jahrhunderts; er widmete sie Freunden, Verwandten, Kollegen und seiner ersten Klavierlehrerin Anna Ornatskaja.

„Das Land ist wie das Meer—ohne Ende oder Grenzen, Weizen- und Haferfelder, die von einem Horizont zum andern reichen“, erinnert sich Rachmaninoff später, „Man preist oft die Meeresluft, aber wenn Sie wüssten, wie viel besser die Steppenluft ist mit den Aromen der Erde und der Pflanzen […]. Es gab auch einen großen Park […], große Obstgärten und einen großen See… Jedem Russen ist eine starke Verbundenheit mit dem Land eigen, ein Hang zu Ruhe, Stille, Bewunderung der Natur, in der er lebt… Teilweise auch ein Bedürfnis nach Zurückgezogenheit, Einsamkeit…“. Rachmaninoffs Worte scheinen eine der Inspirations-quellen für seine Romanzen zu offenbaren, die vor allem lyrischer Natur sind; Episches, Sarkastisches oder Alltägliches findet sich selten.

Rachmaninoffs Bearbeitungen von Flieder op.21,5  10  und Margeriten op.38,3  19  sind Meisterwerke subtiler Klangmalerei. Flieder beginnt und endet in Pentatonik, die Melodien fließen schwerelos, als würden sie von einer leichten Brise bewegt; in Margeriten, das dem letzen Opus Romanzen angehört, erhält die Melodie durch die Chromatik der Begleitung einen reiferen Duft.

Im Schweigen der geheimnisvollen Nacht op.4,3  3  beginnt in einer Atmosphäre von schwebender, elektrisierender Sinnlichkeit (pp-Harmonien von verminderten Septimen und Nonen) und entwickelt sich in einer aufsteigenden polyphonen Dialogsequenz zu einem Höhepunkt rachmaninoffscher mit Verzweiflung durchmischter Euphorie, deren Nachhall in der Coda im Diskant in ppp verklingt.

Sing nicht, Schönheit op.4,4  20  nach Versen von Puschkin ist orientalisch gefärbt: seine lange, sehnsuchtsvolle Melodie, seine Wiederholungen, seine Ostinati und die absteigende Chromatik in der Begleitung sind von bitter-süßer Nostalgie.

Es ist schön hier op.21,7  1  gehört zu den intimsten Romanzen. Ausgehend von einem kurzen Motiv (dolce e espressivo) verwandelt sich eine idyllische Naturbetrachtung fast unmerklich in ein Liebesgeständnis, bevor die bukolische Stimmung des Anfangs verklärt wiederkehrt.

Die lyrischen Romanzen stehen in Kontrast zu betrachtend-philosophischen (Alles vergeht op.26,15  5 ), ungeduldig-leidenschaftlichen (Glaub mir nicht, Freund op.14,7  18 ), überschwänglichen (Frühlingsfluten op.14,11  6 ) und solchen, die dem Reich der Dunkelheit angehören: hier herrschen lähmende Schwermut (Die Nacht ist trostlos op.26,12  13 ), Resignation und Verlust (Zu meinem Unglück op.8,4  21 ), verzweifelte Einsamkeit (Auszug aus Musset op.21,6  12 ), die Qualen unerfüllter Liebe (Wie sehr es mir weh tut op.21,12  11 ), ewige Sehnsucht nach dem Unerreichbaren (Sie ist schön wie der Tag op.14,9  5 ), qualvolle Reue (Er nahm mir alles op.26,2  14 ). Die fieberhaft leidenschaftliche Romanze Es ist Zeit op.14,12  8  nimmt in mancher Hinsicht die Etude- Tableau op.39,5 in es-moll vorweg, die ihr in Struktur und Tonart ähnelt.

Am 6. Januar 1891 schreibt der siebzehnjährige Rachmaninoff an seine Freundin Natalia Skalon: „Die letzten zweieinhalb Tage habe ich unentwegt komponiert; ich habe gerade die Instrumentierung meiner Suite beendet.“ Und am 10. Januar: „Was die Orchestersuite betrifft, ist aus meiner Angelegenheit nichts geworden, man wird sie nicht spielen, weil sie für großes symphonisches Orchester geschrieben ist; also […]möchte ich nächstes Jahr selbst ein Konzert organisieren und sie spielen. Jetzt habe ich sie Tschaikowsky zur Ansicht geschickt, ich vertraue ihm blind.“ Die Klavierfassung der Orchestersuite wurde 2002 in Alexander Silotis Archiv in Moskau gefunden. Die Einleitung des ersten Satzes in d-moll, in Sonatenhauptsatzform geschrieben, nimmt den Beginn des Cis-moll-Préludes vorweg. Der bewegte Strom des Hauptthemas in charakteristischen rachmaninoffschen harmonischmelodischen Wendungen kontrastiert mit der zerbrechlichen Schönheit des ersten Seitenthemas in a-moll sowie des zweiten schuberthaften Seitenthemas in F-dur, dessen Struktur in der ersten Sonate wiederzufinden ist. Der zweite Satz in h-moll, eine Art Sarabande, verwandelt sein tragisches, nach innen gewandtes Thema in eine klagende Hymne, die in einen scheinbar endlosen Raum strömt. Dem dritten Satz in Fis-dur, der in historischer Menuettform komponiert ist, folgt ein festlichspielerisches Rondo in D-dur, das unterschiedliche Texturen und Stimmungen in einer Art Kaleidoskop aneinanderreiht und leichtblütig-bravourös abschließt.

Julia Severus

Zu den Bearbeitern

Alexander Siloti (1863–1945) hat als Pianist, Dirigent und Komponist sowohl in seiner russischen Heimat als auch in den USA, wo er sich nach der Revolution niederließ, eine bedeutende Karriere gemacht. Er war 1863 auf dem väterlichen Landsitz im ukrainischen Charkow zur Welt gekommen und studierte, wie sein Vetter Sergej Rachmaninoff, zunächst bei Nikolaj Zwerew, bevor er am Moskauer Konservatorium von Nikolaj Rubinstein, Sergej Tanejew und Peter Tschaikowsky unterrichtet wurde. Anschließend war er Schüler von Franz Liszt in Weimar. Vor dem Ausbruch der Oktoberrevolution hatte Siloti einen hervorragenden Rang in der russischen Musikszene erreicht, wobei er sich als Dirigent nachdrücklich für die neue Musik Russlands engagierte. In den USA fand er für sich vor allem einen Platz als Lehrer: Seit 1925 unterrichtete er an der New Yorker Juilliard School. Er hinterließ eine sehr große Zahl an Klaviertranskriptionen und zeichnete für verschiedene editorische Veränderungen in Peter Tschaikowskys Klavierkonzerten Nr. 1 und 2 verantwortlich. Siloti starb 1945 in New York.

Alexander Schaefer (1866–1914) wurde 1866 in St. Petersburg geboren und studierte am dortigen Konservatorium. Hier begann auch seine Zusammenarbeit mit dem Verleger Zimmermann. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Klaviertranskriptionen. Unter anderem bearbeitete er viele Lieder von Rachmaninoff sowie die Opern von Tschaikowsky und Rimskij-Korssakoff.

Isaak Michnowskij (1914–1978) wurde 1914 in Smolensk geboren. Er studierte in Moskau an der Musikschule Modest Mussorgsky, am Gnessin-Institut und am Konservatorium. Bekannt wurde er 1938 durch seinen Sieg beim ersten All-Unions-Klavierwettbewerb, dem eine glänzende Karriere als Konzertpianist folgte. Zu seinen Kompositionen gehören Phantasien nach russischen Opern sowie eine bedeutende Zahl weiterer Transkriptionen.

Dmitri Paperno wurde 1929 in Kiew geboren. Er studierte am Moskauer Konservatorium und machte als Konzertpianist Karriere, die durch seinen Triumph beim Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau 1955 einen zusätzlichen Aufschwung erhielt. 1976 ging er in die USA. Er unterrichtete an der De Paul University in Chicago, deren Emeritus er heute ist.

Der russische Komponist Sergej Kursanow (1947–2006) erweiterte das Klavierrepertoire vor allem durch etliche anspruchsvolle Konzertphantasien, deren bekannteste er nach Rimskij-Korssakoffs Sheherazade komponierte. Ihr folgten Paraphrasen nach Mussorgsky und Rachmaninoff sowie ein großes Spektrum an Transkriptionen von Camille Saint-Saëns bis zu Walzern und Märschen der Familie Strauß. Außerdem richtete Kursanow eine Filmmusik des populären Sowjetkomponisten Georgij Swiridow für Klavier ein.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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