About this Recording
8.573484 - MAYR, J.S.: Overtures (Bavarian Classical Players, Concerto de Bassus, Virtuosi Italiani, Hauk)
English  German 

Johann Simon Mayr (1763–1845)
Ouvertüren

 

Innerhalb eines größeren Werkes, eines Oratoriums oder einer Oper, hatte die einleitende Sinfonia bis ins 19. Jahrhundert zunächst die Aufgabe, das oftmals lärmende Publikum zu beruhigen und Aufmerksamkeit zu schaffen: „Das Publikum interessierte sich hauptsächlich für jene Szenen der Oper, in denen der „Star“ oder gar deren mehrere auftraten; um alles andere kümmerte es sich fast gar nicht, am allerwenigsten um die Ouvertüre.“ (Hugo Botstiber, Geschichte der Ouvertüre, S. 76). Ein Zusammenhang mit dem anschließenden Geschehen bestand nur in Ausnahmen. Dies erklärt, warum Sinfonien bisweilen als Einleitung verschiedener Bühnenwerke dienten, in der Regel allerdings nicht am selben Theater.

Simon Mayr kannte die Tradition der meist zweiteiligen venezianischen und der in der Regel dreiteiligen neapolitanischen Opernsinfonie. Mayr sucht in dieser Gattung individuelle Lösungen, die oft erst beim genaueren Studium bewußt werden. Die hier eingespielten Werke umfassen einen Zeitraum von etwa 25 Jahren. Hier läßt sich Mayrs stilistische und kompositorische Entwicklung beispielhaft erkennen. Mayr prägt in Italien einen Stil aus, der zunächst die zeitgenössischen Vertreter der Wiener Klassik spiegelt, italienische cantabilità und semplicità einbezieht und sich von überschaubaren Einheiten zu Großformen weitet.

„Am meisten unterscheiden sie [die Sinfonien] sich von dem bisher in Italien üblichen Stil durch einen kapriziösen Charakter. Die Entwicklung und der Abschluss von Hauptthemen wird absichtlich verzögert durch den Einschub von kleinen Nebengedanken und ihre spannende Wiederholung. Dann frappiert Mayr mit unerwarteten Intervallen und Modulationen, mit dem Gegensatz von äußerster Tonstärke und völliger Leere. In die überraschende Stille fallen dann wohl echoartig, wie aus weitester Ferne, romantische Hornklänge hinein. Hornsoli stehen zuweilen auch an der Spitze der Sätze, Holzbläser alternieren damit, und aus dieser Antiphonie entwickeln sich ganze Bläserkonzerte. Der Orchestersatz dieser Ouvertüren fließt in wirksamer Polyphonie dahin, man hört in einer für die Zeit ganz ungewohnten Art schöne Melodien von Bratschen, Cellis und anderen Mittelstimmen, in den oberen Orchesterregionen ruhige Harmonien oder lebendige Kontrapunkte dazu. Gelegentlich kommt in einem breiten Satz auch ein munteres Intermezzo in einem ganz abweichenden Tempo und von den Streichern sul ponticello gespielt hinein. Mit der Mannheimer Spezialität, fröhliche Themen von Etage zu Etage zu tragen, warten die Mayrschen Ouvertüren ebenfalls auf.“ (Hermann Kretschmar; Zitiert nach: Hugo Botstiber, Geschichte der Ouvertüre und der freien Orchesterformen, Leipzig 1913, S. 141)

In seiner eigenen Notenbibliothek unterschied Mayr Sinfonien nach den Gruppen „Sinfonie grandi a più pezzi“, darunter Werke wie die Sinfonien 1, 2 und 8 von Ludwig van Beethoven oder die späten Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart, „Sinfonie caratteristiche“, darunter die 3. Sinfonie Eroica und die Ouvertüre zu Coriolan von Beethoven oder die Sinfonia d-Moll In morte di Capuzzi von Gaetano Donizetti, „Sinfonie Concertanti“, in denen einzelne Instrumente miteinander solistisch wetteiferten, „Sinfonie ossia Aperture composte espressamente per l’unione filharmonica o mandate da’ div. Socj onorarj ed ordinarj“, also einsätzige Werke, die für Konzerte der von Mayr gegründeten Unione Filharmonica bestimmt waren, und „Sinfonie teatrali“, Werke, die ein Bühnenstück eröffneten, darunter Stücke von Gaetano Donizetti, Johann Nepomuk Hummel, Gioacchino Rossini, Luigi Cherubini und Carl Maria von Weber. Auch bei den oft im Theater abgehaltenen Akademien standen Opern-Ouvertüren auf dem Programm, so beispielsweise bei der „Grande Accademia vocale, ed instrumentale nel Teatro Giustiniani a San Moise“ in Venedig am 10. März 1810. Neben Opernarien und einem Bläserkonzert gab es in jedem Teil eine Sinfonia von Mayr, dazu noch eine „Grande Sinfonia“ von Ignaz Pleyel und die Sinfonia zur „Zauberflöte“ von Mozart.

Das Melodramma serio Raùl de Créqui erklang erstmals am 26. 12. 1809 an der Scala in Mailand. Im Maestoso der Sinfonia D-Dur treten Violine und Violoncello solistisch hervor, das Allegro überrascht durch einen fugierten Beginn [1].

Die folgenden Kompositionen zeigen Mayr im Zenit seines Erfolges als italienischer Opernkomponist, auch im Süden, in Neapel werden nun seine Werke populär. Die formalen Dimensionen der zweiteiligen Sinfonia sind nun gegenüber den um 1800 komponierten Werken gewachsen, das Orchester um Posaunen, Serpent und Schlagwerk erweitert, charakteristische, oft von Folklore und Marsch inspirierte Partien bestimmen die Musik. Mayr reflektiert Beethoven und Rossini.

Für die Oper Cora, die am 26.3.1815 in Neapel, San Carlo Première hatte, arbeitete Mayr nicht nur einen früher vertonten Opernstoff um, nämlich Alonso e Cora (Uraufführung 1803 an der Scala in Mailand), er übernahm die Ouvertüre, mit einigen Veränderungen, aus seinem Melodrama Tamerlano, das bereits am 26.12.1812 erstmals an der Mailänder Scala in Szene gegangen war [2].

Ähnliches gilt für die Sinfonia zur Oper Mennone und Zemira, die Mayr für San Carlo in Neapel komponierte, damals wohl das bedeutendste Theater Italiens. Uraufgeführt wurde Mennone am 22. oder 23.3.1817 [3].

Die Kantate Arianna a Nasso komponierte Mayr für einen Benefizabend der gefeierten spanischen Sopranistin Isabella Colbran im Theater San Carlo, Neapel. Dieses Konzert fand im Februar 1815 statt. Die Eingangssinfonie D-Dur geht zurück auf die Sinfonia zu Mayrs Oper Le due Duchesse, die wiederum ein Jahr zuvor, am 7.11.1814 in Mailand an der Scala erklang [4].

Das Dramma per musica Ercole in Lidia wurde am 29. 1. 1803 in Wien uraufgeführt, zunächst am Burgtheater, am 3. 2. 1803 auch im Hoftheater. Mit der Sinfonia gab sich Mayr offenbar besondere Mühe, wußte er sich doch am Wirkungsort des von ihm verehrten klassischen Dreigestirns Mozart, Haydn und Beethoven. Das Stück ist zweiteilig gebaut, dem d-Moll-Largo steht ein D-Dur-Allegro gegenüber. Ein düsterer Paukenwirbel, der später von den Streichern aufgenommen wird, Tutti-Fanfaren und ausdrucksvolle Seufzerschritte der Violinen und Violoncelli bestimmen den Eingangsteil. Das Allegro beginnt fugenartig mit einem von Oktavsprüngen geprägten Thema, das Mayr bereits in seinem Opern-Erstling Saffo verwendet hat. Als besondere Überraschung hat Mayr eine solistische Partie der Harfe eingebaut, die mit den Oboen dialogisiert [5].

Gli Americani wurde erstmals am 4.1.1806 im Teatro La Fenice zu Venedig gegeben. Die drei Fermaten-Takte zu Beginn der Sinfonia erinnern an die ähnliche Konzeption in der Zauberflöten-Ouvertüre von Wolfgang Amadeus Mozart. Im Allegro-Teil spielt Mayr an auf das Hauptthema des ersten Satzes aus dem 3. Klavierkonzert op. 37 von Ludwig van Beethoven, hier allerdings nach Es-Dur transponiert [6].

Lauso e Lidia, ein Dramma per musica, erlebte die Uraufführung am 14. 2. 1798 im venezianischen Teatro La Fenice. Die vorangestellte Sinfonia beginnt, als Besonderheit, sofort mit einem effektvoll gearbeiteten Allegro in D-Dur, das eher durch schmetternde Dreiklangsmotive und virtuosen Schwung als durch kunstvolle kompositorische Arbeit besticht [7].

Der Sinfonia zum Oratorium La Passione, 1794 in Forlì aufgeführt, ist eine knappe, von punktierten Rhythmen getragene Einleitung vorangestellt. Das Allegro-Thema könnte von Joseph Haydn stammen, dessen Werke Mayr während seiner venezianischen Studienzeit eingehend studierte [8].

In seinen frühen der Gattung Sinfonie zugehörigen Werken experimentiert Mayr mit formalen Konzeptionen. Nach dem Muster der Sinfonie zum Oratorium Tobias legt Mayr die Sinfonia zur Farsa Il segreto, am 14.9.1797 in Venedig San Moisè uraufgeführt, mehrteilig an: Typische Eröffnungsmotive wie punktierte Rhythmen oder rollende Vorschläge werden kombiniert mit Abschnitten, bei denen Bläsersolisten solistisch hervortreten, ehe eine rasche Stretta die Sinfonia beschließt [9].

Instrumentale Soli spielten in Mayrs Schaffen von Anfang an eine große Rolle. In der Sinfonia B-Dur, wohl ebenfalls vor 1800 komponiert, wetteifern zwei Violinen in virtuoser Manier, sekundiert von Streichern, zwei Oboen, Fagott und zwei Hörnern—der Besetzung von Mayrs in Venedig geschriebenen Oratorien, auch vieler in dieser Zeit entstandenen kirchenmusikalischen Werke [10].

Ein Unikum stellt die Sinfonie Es-Dur dar. Die knapp gehaltene Komposition dürfte zu Mayrs frühen Studienwerken für diese Gattung rechnen und um 1790 in Venedig entstanden sein. Dennoch, gerade in der vermeintlichen Formlosigkeit und der eher elementaren Motivik hat das Werkchen einen eigenen Reiz und eine frappierende Wirkung [11].

Franz Hauk


Close the window