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8.573485 - LISZT, F.: Transcriptions of Symphonic Poems (Monteiro) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 43)
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Franz Liszt (1811–1886)
Klavierübertragungen symphonischer Dichtungen
Les Préludes • Orpheus • Künstlerfestzug • Von der Wiege bis zum Grabe • Der nächtliche Zug • Vierter Mephisto-Walzer

 

Das vorliegende Programm besteht aus den Klavierfassungen verschiedener symphonischer Dichtungen, die Franz Liszt entweder selbst eingerichtet oder deren Einrichtung er kontrolliert hat. Während er ein begeisterter Bearbeiter und Arrangeur fremder Orchestermusik war, stellt sich sein Umgang mit dem eigenen Schaffen komplizierter dar. Das lag unter anderem daran, dass die Komposition orchestraler Werke und die Übertragung oder Bearbeitung für Klavier zu einem Akt der »Revision« verschmelzen konnten. So geschah es beispielsweise beim Prometheus, wo—wie der amerikanische Liszt-Forscher Paul Bertagnolli nachgewiesen hat—während des gesamten Entstehungsprozesses die Klavierfassungen und die orchestralen Umarbeitungen Hand in Hand gingen. Noch komplizierter wurde der Sachverhalt, wenn Liszt die »Klavierübertragung« der symphonischen Dichtungen seinen Schülern oder ausgewählten Mitarbeitern übertrug, deren Arbeiten er kontrollierte und oft genug vor der Veröffentlichung revidierte. Wie etwa beim Prometheus finden sich in diesen »genehmigten« Transkriptionen häufig Revisionen, die an den früheren Stadien der entsprechenden Orchesterwerke vorgenommen wurden—weshalb sie denn eine Spur von Überarbeitungen und demzufolge multiple Erscheinungen ein- und desselben Werkes hinter sich herziehen.

Nach den Erfolgen, die er als reisender Virtuose in den dreißiger und vierziger Jahren errungen hatte, wandte sich Franz Liszt der Komposition großer Orchesterwerke zu, nachdem ihn der Weimarer Großherzog Carl Alexander zu seinem Kapellmeister ernannt hatte. Die Jahre von 1848 bis 1861 gewährten ihm eine Pause, die er auf die Komposition und den Unterricht verwandte. Damals schrieb und publizierte er seine ersten zwölf symphonischen Dichtungen, die er der Fürstin Carolyne von Sayn- Wittgenstein, einer der wichtigsten Partnerinnen seines Lebens, widmete. Wie es Hector Berlioz 1830 in seiner Symphonie fantastique getan hatte, so publizierte auch Liszt seine symphonischen Dichtungen mit Programmen, aus denen der »außermusikalische« Hintergrund der Werke hervorging, deren Sujets von der Malerei (Hunnenschlacht) über Shakespeares Helden (Hamlet) bis zu Artefakten des Louvre (Orpheus) reichten. Neben den anderen Orchesterwerken—der Faust- und der Dante- Symphonie, den Zwei Episoden aus Lenaus Faust und anderen—bildeten diese symphonischen Dichtungen das ideologische Fundament der »neudeutschen Schule«, einer avantgardistischen Bewegung des 19. Jahrhunderts, die in den programmatischen Orchestervisionen von Berlioz und Liszt sowie in den Musikdramen Wagners gipfelte. Zwar sind Les Préludes die einzige symphonische Dichtung von Franz Liszt, die heute regelmäßig im Konzertsaal zu hören ist; doch insgesamt gelten diese Schöpfungen, deren formale Strukturen aus erzählerischen Aspekten resultierten, als bahnbrechende Werke, die ganz unmittelbar die Tondichtungen eines Richard Strauss und Jean Sibelius beeinflusst haben.

Liszts Haltung gegenüber den »Klavierauszügen« seiner symphonischen Dichtungen war bestenfalls ambivalent. Wie er darüber dachte, erhellt aus Briefen an Freunde und Kollegen. Bemerkenswert ist vor allem, was er Mitte der fünfziger Jahre dem Pianisten und Kritiker Louis Köhler schrieb: dass er nämlich mit den vierhändigen Einrichtungen unzufrieden sei, da diese die »Figuration« der Orchesterpassagen zerrissen. Noch weniger erstrebenswert erschienen ihm die zweihändigen Arrangements, weil ein einziger Spieler nicht im Stande sei, die brillanten Orchesterfarben wirkungsvoll zu übersetzen. Er selbst gab den Fassungen für zwei Klaviere den Vorzug, in denen sich der kunstvolle Orchestersatz realisieren ließ, ohne dass sich die vier Hände auf einund derselben Klaviatur in die Quere kamen. Liszt hat nur ein einziges Mal versucht, eine symphonische Dichtung—seinen Tasso—für zwei Hände einzurichten und das Ergebnis gegenüber Köhler im Juli 1856 als Fehlschlag bezeichnet. Seine letzte symphonische Dichtung Von der Wiege bis zum Grabe gewann Franz Liszt aus einer Suite für Klavier, die er 1881 komponiert hatte, bevor er sie im folgenden Jahr revidierte und für Orchester bearbeitete.

Les Préludes

Bearb. Karl Klauser, rev. Liszt (1885) Les Préludes erschien als dritte der ersten zwölf symphonischen Dichtungen. Der Terminus »symphonische Dichtung« bezeichnete im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine Gattung der Orchestermusik von zumeist einsätziger Anlage, die auf einem programmatischen oder poetischen Element fußte. Bei Liszt muss man diese Definition jedoch breiter interpretieren, da er die Préludes im Jahre 1844 als Einleitung zu den vier Chören Les quatre éléments nach Gedichten von Joseph Autran geschrieben hatte. In den fünfziger Jahren wurde daraus dann die symphonische Dichtung, der er den Titel des Gedichtes Les Préludes von Alfonse de Lamartine gab. Der amerikanische Pianist, Pädagoge, Autor und Herausgeber Karl Klauser richtete 1863 eine Solofassung der Préludes ein, die er Liszt zur Begutachtung sandte. Dieser lobte diese Bearbeitung als »hübsch« und »melodisch«, hielt aber noch einige Retuschen für erforderlich, bevor er das Arrangement dem Leipziger Musikverlag von Julius Schuberth überließ.

Orpheus

Bearb. Friedrich Spiro, rev. Liszt (1879) Die Musik des Orpheus umrahmte ursprünglich Glucks Oper Orfeo ed Euridice, als diese im Februar 1854 zum Geburtstag der Großherzogin Maria Pawlowna inszeniert wurde. Die Orchesterfassung wurde im Laufe desselben Jahres abgeschlossen. 1856 bereitete Liszt die Partituren des Orpheus, der Préludes, der Festklänge, des Mazeppa, des Prometheus und des Tasso zur Drucklegung vor, die bei Breitkopf & Härtel erfolgen sollte. Zugleich richtete er die Werke für zwei Klaviere ein. Der Liszt-Schüler Friedrich Spiro stellte zudem eine Solofassung des Orpheus her, die der Komponist nach seiner Revision im Jahre 1878 an Breitkopf & Härtel sandte. Die Veröffentlichung erfolgte im nächsten Jahr.

Künstlerfestzug (zweite Fassung) (1883)

Der Künstlerfestzug zur Schillerfeier für Orchester entstand zu den Festlichkeiten, die 1859 in Weimar zu Friedrich von Schillers einhundertstem Geburtstag veranstaltet wurden. Die Komposition gehört zu einer Reihe von Werken, die Liszt in den vierziger und fünfziger Jahren zu deutschen Goethe- und Schiller-Feiern geschrieben hat. Der »Festzug« enthält Material aus der Kantate An die Künstler (1853) und der symphonischen Dichtung Die Ideale (1858). Liszts Klavierfassung wurde erstmals 1860 in Leipzig veröffentlicht. 1883 autorisierte Liszt eine weitere Revision für Soloklavier, die C. F. Kahnt in Leipzig herausbrachte.

Von der Wiege bis zum Grabe (1882)

Im April 1881 erhielt Franz Liszt in Wien eine Zeichnung des ungarischen Künstlers Mihály Zichy mit dem Titel Du berceau jusqu’au cercueil (»Von der Wiege bis zum Grabe«). Liszt war von Zichys Illustration berührt und komponierte im Laufe des Jahres ein gleichnamiges Klavierstück, das er 1881 auch in einer vierhändigen Fassung fertigstellte, die verschiedene Änderungen enthielt. Die 1882 in Berlin publizierte Soloversion diente Liszt als Vorlage seiner dreizehnten und letzten symphonischen Dichtung—der einzigen, die er nach 1857 geschrieben hat. Das Spätwerk folgt dem Bild, in dem Zichy die menschliche Reise von der Geburt (I. Die Wiege) über die Herausforderungen des Lebens (II. Der Kampf ums Dasein) bis zu Geburt und Wiedergeburt (III. Zum Grabe: Die Wiege des zukünftigen Lebens) darstellte.

Der nächtliche Zug (aus Zwei Episoden aus Lenaus Faust)

Bearb. Robert Freund, rev. Liszt (1872) Im Jahre 1870 reiste der Komponist und Pianist Robert Freund nach Budapest, um bei Liszt zu studieren. Zwischen dem Schüler und seinem betagten Lehrer entstand eine enge Beziehung, wie sie nur wenige Studenten erfahren durften. Liszt bewunderte Freund, spielte mit ihm unter anderem die Faust-Symphonie an zwei Klavieren und revidierte die Solofassung des »Nächtlichen Zuges«, die der junge Mann 1872 hergestellt hatte. Das programmatische Stück, mit dem die Zwei Episoden aus Lenaus Faust beginnen, beschreibt die Szene, in der der Protagonist tief in einen dunklen Wald hineinreitet, wo ihm eine Mönchsprozession begegnet, die den eucharistischen Hymnus Pange lingua gloriosi singt. Faust bricht in Tränen aus und sinnt über sein Schicksal nach—das ihm, anders als in der Goethe-Fassung des Stoffes, kein glückliches Ende, sondern die Höllenfahrt bescheren wird.

Vierter Mephisto-Walzer (1885)

Die vier Mephisto-Walzer sind von der Faust-Legende des Dichters Nikolaus Lenau inspiriert—genauer, von der Szene, in der Faust und Mephisto inkognito in eine Hochzeitsgesellschaft hineinplatzen. Zunächst macht sich Mephisto darüber lustig, dass sein Begleiter nicht seinen fleischlichen Begierden nachgeben will; dann nimmt er dem Fiedler sein Instrument weg und spielt eine rasende Nummer, die alle Tanzenden in leidenschaftlichen Wahnsinn versetzt. Der erste Mephisto-Walzer bildete 1860 unter dem Titel »Der Tanz in der Dorfschenke« den zweiten Teil der Zwei Episoden aus Lenaus Faust für Orchester. Die drei folgenden Mephisto-Walzer schrieb Liszt wenige Jahre vor seinem Tode. Die autographe Erstfassung des vierten Mephisto-Walzers mit dem Abschlussvermerk »Budapest, März 1885« liegt im Goethe-und-Schiller-Archiv des Deutschen Nationalmuseums Weimar. Liszt nahm sich das Stück später noch einmal vor. Er trug mit Bleistift seine Änderungen ein und skizzierte zudem ein (unvollständiges) Andantino, das er vor den Schlusstakten eingefügt wissen wollte. Infolgedessen wird der vierte Mephisto-Walzer in vielen Verzeichnissen als »unvollendet« geführt. Die Neue Liszt Ausgabe hat indes eine vollständige Fassung des Werkes ohne das unvollendete Andantino publiziert.

Cory Gavito
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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