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8.573552 - LANNER, J.: Viennese Dances (Orchestre Régional de Cannes, Dörner)
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Joseph Lanner (1801–43)
Wiener Tänze

 

Joseph Lanner, der die eigentliche Form des Wiener Walzers erfand, wurde am 12. April 1801 in Wien geboren. Mit zwölf Jahren trat er in das Orchester des Geigers und Komponisten Michael Pamer ein, um sich als Siebzehnjähriger mit einem eigenen Ensemble selbständig zu machen. Dieses bestand zunächst aus zwei Violinen und einer Gitarre. Bald darauf kam eine Bratsche hinzu, die Johann Strauß I (Vater von Johann Strauß II) spielte, ehe er sich auf eigene Beine stellte (seit 1820 gab es im Ensemble überdies ein Violoncello). Diese Formation war in Kaffeehäusern und Gaststätten zu hören—unter anderem mit Walzern, die nach Napoleons Niederlage bei Waterloo (1815) und dem Wiener Kongress das Symbol für die Flucht aus dem reaktionären, repressiven System der Politik wurden.

Joseph Lanner und Johann Strauß I konnten ihre Ensembles auf zwanzig- bis dreißigköpfige Orchester erweitern, und der Walzer reifte allmählich zu seiner definitiven Form heran. Die Melodien dehnten sich aus, wurden in einen größeren formalen Zusammenhang gegossen und mit einer Einleitung sowie einer Coda versehen, die die Hauptthemen noch einmal rekapitulierte. Die Kompositionen erhielten pittoreske oder aktuelle Titel, die sich in der Stimmung der Introduktion spiegelten. In den dreißiger Jahren verbreitete sich das Walzerfieber in ganz Europa. Lanner jedoch kam nur selten aus Wien heraus: 1829 wurde er »Musikdirektor der k.k. Redoutensäle«, später auch Kapellmeister des zweiten Wiener Bürgerregiments. Seine Laufbahn endete am Karfreitag des Jahres 1843—zwei Tage nach seinem 42. Geburtstag. In seinen gut zweihundert Werken hat Lanner einen lyrisch-poetischen Ton angeschlagen.

[1] Tarantel-Galopp op. 125

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete die Galoppade den lärmenden Höhepunkt der Wiener Bälle. Es gab heftigen Widerstand gegen diese »unmoralischen« Tänze, die von der tanzbesessenen, gegen das damalige Spießbürgertum revoltierenden Jugend jedoch mit begeistertem Nachdruck verlangt wurden. Der Tarantel-Galopp kam im Karneval des Jahres 1838 zur Aufführung. Lanner zeigt hier einige seiner amüsantesten musikalischen Kunstgriffe. Die Hauptmotive des Werkes sind einem Marsch für das zweite Wiener Bürgerregiment entnommen, werden hier aber im doppelten Tempo eines Galopps gespielt—was dann vor allem in der Coda so wirkt, als seien die Musiker von der sprichwörtlichen Tarantel gestochen und ins Delirium versetzt worden.

[2] Hexentanz, Walzer op. 203

Dieser Walzer wurde im Februar 1843 in Dommayer’s Casino uraufgeführt. Er ist eines der reifsten Stücke des Komponisten, der darin mit Harmonien und klanglichen Effekten aufwartet, wie sie damals im üblichen Walzer ohne Gleichen waren. Da es in der Musik um den karnevalistischen Mummenschanz geht, beginnt das Werk mit einer verblüffend programmatischen Introduktion: Kräftige Fanfaren der Blechbläser führen zu einer geisterhaften, chromatisch bewegten »Hexenmusik« mit raunenden Streichern und reichlichem Schlagzeug, in dem sogar ein Tamtam vorkommt. Das »Nonnenballett« aus Giacomo Meyerbeers Robert le Diable (1831) sowie die Musik der Zauberin aus Jean Madeleine Marie Schneitzhoeffers La Sylphide (1832) waren Vorbilder für diese Art der Komposition. Die zehngliedrige Walzerkette beginnt mit einem stimmungsvollen Thema in Moll, dem sich ein markantes Trompetensolo anschließt. Gelassene Streicher stimmen uns auf ein Thema in Dur ein: Es folgt ein charakteristisches Muster lyrischer Diskantfiguren, die mit den Einwürfen der Blechbläser und einigen starken Paukenwirbeln abwechseln. Am Ende findet das Stück zu der spukhaften Geistermusik des Anfangs zurück.

[3] Elisens und Katinkens Vereinigung op. 56 Nr. 2

Im katholischen Österreich wurden die Feiertage der Heiligen Elisabeth (19. November) und der Heiligen Katharina (25. November) als Volksfeste begangen.¹ Sehr beliebt war der Katharinentag als letztes Fest vor der stillen Adventszeit, die eher im Zeichen der Buße steht. Am 21. November 1831 vereinte man im Stadtsaal am Neuen Markt die beiden Feste in einer großen Feier, zu der Lanner eine Komposition beisteuerte, die ein und dasselbe Thema zunächst für einen Galopp und dann für einen böhmischen Regdowak benutzte. Das Ganze umrahmte er mit einer Fanfare für Pauken und Trompeten, die als Rondothema das gesamte Stück zusammenhalten und sich bei jedem neuerlichen Erscheinen entschiedener geben. Die Heilige Elisabeth findet sich durch einen sehr eleganten und delikaten zweiteiligen Galopp dargestellt, die Heilige Katharina durch einen slawischen Tanz, bei dem es sich um einen sehr graziösen, wieder zweiteiligen Walzer handelt. Mit der letzten Reprise der jetzt besonders prächtigen, glanzvollen Fanfare endet das Stück.

[4] Hofball-Tänze op. 161

Würdevoller sind diese Tänze, die Lanner 1840 für einen der ersten Hofbälle schrieb, denen er als musikalischer Direktor vorstand. Der »Einzug« im Viervierteltakt sorgt sogleich für eine gewissermaßen förmliche Atmosphäre. Die Walzerkette beginnt mit einer ruhigen, lyrischen Melodie, deren gedehnte, absteigende Töne in der zweiten Hälfte ein Gefühl der Symmetrie wecken. Die nachfolgenden Melodien ergehen sich in vergnügter Abgeklärtheit, wobei das Orchester durch gelegentliche kurze Steigerungen das vorwärtstreibende Bewegungsmoment erzeugt. Der vierte Abschnitt ist durch einen Dialog der tiefen, liedhaften Streicher und Effekte im hohen Diskant markiert. Blechbläserfiguren signalisieren ein kräftigeres, gebieterisches Thema; dann vereinigen sich die Kräfte zur Reprise des ersten Walzers, der durch eine unruhige Passage mit melodischen Sprüngen gekennzeichnet ist. Die Trompeten verkünden als letzte Überraschung ein recht volltönendes Thema, das die Coda dominiert.

[5] Huldigungsmarsch Anh. 54

Lanner hat nur wenige Märsche geschrieben. Sein Anh. 54 wurde am 19. Januar 1836 im Apollosaal uraufgeführt—anlässlich eines Huldigungsfestes für den neu gekrönten Kaiser Ferdinand (1793–1875), der von 1835–1848 regierte. Eine kraftvolle Fanfarenpassage weckt die Aufmerksamkeit und führt direkt zu einer leicht wiegenden Melodie, die durch Holzbläserfloskeln und aufsteigende Triolenpfiffe charakterisiert ist. So entsteht ein Sog, der mit seiner Aufwärtsbewegung ein (unabsichtlich?) heiteres Auf und Ab bewirkt. Die Fanfare leitet ein zweites, gleichmäßigeres Thema mit längeren, weicheren Linien ein. Noch versonnener ist das Trio, nach dem die Fanfare auf die Reprise des Anfangs zusteuert.

[6] Neujahrs-Galopp op. 61b

Dieser Galopp wurde bei den Neujahrsfeiern 1833 im Hotel Zum römischen Kaiser aufgeführt und gehörte zu den beliebtesten Werken des Komponisten. Die flinke Melodie wird von einer Reihe punktierter Figuren und Echowirkungen vorangetrieben. Im Finale gibt es accelerandi und crescendi, und plötzlich erscheint in der Coda eine überraschende Melodie, die von hüpfenden Streicherfiguren vorangetragen wird.

[7] Mitternachtswalzer op. 8

Dieses frühe Werk entstand für das Abschiedskonzert zum Besten des Geigers und Komponisten Michael Pamer, das am 19. Oktober 1826 stattfand. Hier ist die ursprüngliche Form des Walzers zu hören, der noch ohne die Einleitung und die Coda auskommt, mit denen Carl Maria von Weber im Jahre 1819 erstmals in seiner berühmten Aufforderung zum Tanz für Klavier aufwartete. Lanner bedient sich dabei eines entspannten, volkstümlichen Ländlerstils und verrät in seinen Sequenzen den Einfluss Schuberts. Das ganze Stück ist von einer kammermusikalischen Textur, deren freundlicher Ton von den Streichern aufrecht erhalten wird. Gelegentlich melden sich die Holzbläser (vor allem die Klarinette), indessen die Piccoloflöte gegen Ende mit ihren gelegentlichen Verdopplungen für eine frische Note sorgt. Der Anteil der Blechbläser beschränkt sich auf unaufdringliche Harmonien, einzig die Trompete hat den einen oder anderen Auftritt. Das mitternächtliche Glockenschlagen ist von programmatischer Bedeutung: Es kündigt das Ende des Tanzvergnügens an und spielt zudem auf den traditionellen Großvatertanz an, den man im deutschsprachigen Raum vielfach bei solchen Veranstaltungen spielte (berühmte Zitate finden sich in Schumanns Papillons von 1829–31 und in Tschaikowskys Nussknacker von 1892). Im vorliegenden Stück signalisiert die Geste den Abschied von Michael Pamer, dem »Großvater« der Walzerform. Der mitternächtliche Glockenschlag war im 19. Jahrhundert aber auch die Aufforderung, jetzt sämtliche Türen zu schließen. Wer zu spät nach Hause kam, musste klopfen, um den Pförtner zu wecken, der dann gegen ein Entgelt die Türe aufsperrte. Am Ende der Coda spielt Lanner auf diese Praxis an: Während das Orchester im pianissimo spielt, »pochen« die Bratschen und die Pauken mit drei schroffen Akkorden an die Tür.

[8] Hans-Jörgel-Polka op. 194

Die Polka ist ein gemächlicher Paartanz im Zweivierteltakt, der in der böhmischen Volksmusik des frühen 19. Jahrhunderts seinen Ursprung hatte und im weiteren Verlauf des Jahrhunderts ein Grundpfeiler des gesellschaftlichen Lebens wurde. Das vorliegende Stück wurde am 13. Juni 1842 in der Gaststätte Zu den Sieben Churfürsten uraufgeführt und ist eines von Lanners bekanntesten Werken. Das liebenswürdige Hauptthema schlendert gemächlich in gutbürgerlicher Manier dahin. In der zweiten Episode treten Holzbläser und Pauken hervor. Der Titel spielt auf Des Gumpoldskirchner Hans-Jörgels komische Briefe an, die damals in Wien viel gelesen wurden. Der Verfasser derselben gibt im Wiener Dialekt seine witzigen, bisweilen aber auch kritischen Kommentare über das Leben in der Hauptstadt ab. Dabei sind die literarischen Hinweise eher in der Manier Schumanns zu verstehen, der 1838 einen seiner schönsten Klavierzyklen, die Kreisleriana, dem exzentrischen, und fiktiven Kapellmeister Johannes Kreisler von E.T.A. Hoffmann gewidmet hat.

[9] Steyrische Tänze op. 165

Diese Tänze entstanden als Beitrag zu dem Divertissement Die Macht der Kunst, das der danseur Étienne Leblond auf die Bühne brachte. Die Premiere fand am 22. Januar 1841 im Kärtnerthor-Theater statt, worauf die Wiener Zeitung berichtete, dass die »Exequirung« der Steyerischen Tänze durch Herrn Alexander und die Demoiselles Bertin und Sassi »durch Anmuth und Sicherheit meisterhaft war«. In diesen Tänzen spiegelt sich die delikate Intimität Lanners, der seinem Naturell nach bisweilen sogar eine elegische Disposition erkennen lässt. Während die Rhythmen aus der volkstümlichen Kultur der Steiermark herkommen, sind die hübschen, charakteristischen Melodien typisch wienerisch. Das Ganze ist in einer Rondoform geschrieben, dessen einzelne Abschnitte von der Wiederholung des Anfangs eingeleitet werden; dazu kommen kräftige innere Kadenzen in der Art des langsamen Ländlers, der üblicherweise von einem Streicherensemble gespielt wurde. Das zweite Thema ist fröhlich und keck, wohingegen andere Abschnitte ein Frage-und-Antwort-Spiel bieten; punktierte Figuren und melancholische Töne der tiefen Streicher steigern die emotionale Wirkung. Holz- und Blechbläser sowie die Pauken sind in die harmonischen Abläufe integriert. Das zweite Thema benutzte Strawinsky in seinem Ballett Petruschka (1911), wo es als Trompetensolo erscheint.

[10] Die Schönbrunner op. 200

Diese Komposition gehört zu den letzten Werken von Joseph Lanner. Es wurde am 13. Oktober 1842 in der Bierhalle des Wiener Unterbezirks Fünfhaus uraufgeführt und ist eine Hommage an das prächtige Schloss Schönbrunn der Kaiserin Maria Theresia, dem gegenüber das Casino Dommayer, Lanners musikalische Hauptwirkungsstätte, lag. Die Schönbrunner wurden sogleich als Meisterwerk anerkannt, und es heißt, der Komponist habe das Stück insgesamt 21 Mal wiederholen müssen, bevor er endgültig vom Podium abtrat. Strawinsky hat auch dieses dankbare Hauptthema in seinen Petruschka übernommen. Es herrscht in der Musik eine ausgeglichene, feinsinnige Stimmung. Die miteinander verbundenen Sequenzen erzeugen eine ganz eigene besondere Atmosphäre der Verzückung und des Verlangens. Zunächst erklingt eine modifizierte, zwischen Blech- und Holzbläsern alternierende Fanfare, an die sich unmittelbar das melancholische erste Thema anschließt, das durch eine zögerliche Anfangsfigur der synkopierten Streicher und Holzbläser charakterisiert ist, die darauf ihren eigenen Schwung entfaltet und zu einer kleinen Klimax führt. Darauf folgt das ruhige zweite Thema, das mit seinem entschieden elegischen Einschlag nahtlos in eine Melodie übergeht, die sich durch Tonwiederholungen auszeichnet, die gemessenen Schrittes auf- und absteigen. Diese Weise fließt wie selbstverständlich in eine unbeschwertere, dabei aber immer noch verhaltene Episode ein, worin sich abgeklärte Streicher über Arpeggien ergehen. Dann verwandelt es sich in ein Thema, das lange Melodietöne mit einer geschäftigen, umtriebigen Begleitung kombiniert und so wie ein perpetuum mobile wirkt (das Johann Strauß Sohn durchaus geläufig war, als er 1862 sein Opus 257 komponierte). Ausgedehnte sforzando-Akkorde in unregelmäßigen Intervallen und aufwärts eilende Streicher bilden die Energiequellen eines Staccato-Motivs mit starker fermate, das einer delikaten symmetrischen Melodie auf- und absteigender Punktierungen Platz macht. Wiederholte Figuren führen zu einer Reihe umgestalteter Reminiszenzen, die in einer Variation des ersten Gedankens gipfeln und mit einer kurzen Pause enden. Eine Reprise des perpetuum mobile bringt ein Zwiegespräch der Holzbläser und Streicher—das Tempo zieht dabei zunächst an und gibt dann wieder nach. Eine gekürzte Variante des ersten Themas geht in die kurze Coda über.

Joseph Lanner verlieh dieser Form des Tanzes eine Poesie und Grazie, die durch ihre organische Struktur und die Verwandtschaft ihrer Tonarten die einzelnen Abschnitte miteinander verbinden. Zwar fehlt ihnen noch die Fülle der Walzer, die Johann Strauß Sohn komponierte, doch lässt auch Lanner eine authentische, stets persönliche Inspiration erkennen, wobei er mühelos die Themen verwendet und erweitert, um dergestalt ein Meisterwerk zu schaffen.

Robert Letellier

Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ Elisabeth, die durch ihre Wohltaten bekannte Gemahlin Ludwigs IV. von Thüringen, starb 1231. Die frühchristliche Märtyrerin Katharina von Alexandrien wurde 307 enthauptet (sie ist unter anderem die Schutzpatronin der Stellmacher).


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