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8.573566 - Counter-tenor Recital: d'Or, Yaniv (Latino Ladino - Songs of Exile and Passion from Spain and Latin America)
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Latino Ladino
Lieder aus der Verbannung und Leidenschaft

 

Das Leben im Exil war gekennzeichnet von langen Perioden des Friedens und des Wohlstands gefolgt von kurzen Episoden grausamer Verfolgung und Vertreibung. Schönheit und Liebe gediehen in Friedenszeiten, Hass und Hässlichkeit in Zeiten der Verfolgung. Künstlerische Kultur, die den friedlichen Zeiten entsprang, besonders in Musik und Poesie, gab den Menschen in Zeiten der Verfolgung Kraft. Wir alle sehnen uns nach Frieden und wir drücken das in der traditionellen Grußformel „Friede sei mit euch“ aus—Shalom aleichembei den Juden und Salaam aleikum bei den Arabern—die Sprache bestätigt die gemeinsame Herkunft aus einer Familie. Beide stammen von Abraham ab, ebenso wie die Christen, die ihn in ihren traditionellen Abendgebeten als ihren indirekten Ahnen anerkennen. Yaniv d’Ors Programm feiert diese gemeinsame Herkunft in der Schönheit des Liedes.

Die grausame Drohung zu konvertieren oder zu sterben ist nicht neu. Im 15. Jahrhundert bedrängten Christen die in Spanien im Exil lebenden jüdischen und muslimischen Gemeinden mit dieser Drohung, und die meisten nahmen eine dritte Möglichkeit wahr, nämlich die das Land zu verlassen, und so entstand rund um das Mittelmeer eine sephardische Diaspora. Unter ihnen waren auch Yaniv d’Ors Vorfahren, die in Lybien landeten und dort bis ins zwanzigste Jahrhundert blieben. Andere fanden ihren Weg zurück ins Heilige Land, damals unter türkischer Herrschaft, wo sie eine kleine Gemeinde in der heiligen Stadt Safed in Galiläa vorfanden und sich ihr anschlossen. Sie gründeten ein Zentrum für die Kabbalah, jüdische philosphische Lehren, und dort entstand ein Volksgebet, das auf dem Shalom alechem—Gruß beruht [1].

Das Gebet richtet sich an zwei Engel,—einer steht für den Frieden, der andere nicht,—die das Haus jeden Sabbatabend überprüfen. Wenn die Vorbereitungen für den Sabbat gutgeheißen werden, bleibt der Frieden bestehen, wenn nicht, dann endet er. Dieser Vorgang ist der Hintergrund der Anrufung im Gebet. Der Text hat sich mit der Zeit eng mit der Melodie verbunden, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Amerika vom dort im Exil lebenden Rabbi Israel Goldfarb komponiert wurde. D’Or singt den Anfang ohne Begleitung. Eine Basslinie kommt bald zur Untermalung hinzu, gespielt auf der Viola da Gamba oder Bassviola, die spanischer Herkunft ist. Die Harmonie wird mit der Gitarre im improvisierten Stil des barocken Basso continuo vor einem instrumentalen Vers erweitert, angeführt vom Psalterium, einem hackbrettartigen Saiteninstrument, das Anklänge an das östliche Mittelmeer wachruft. Die Musik wird mit der Kontramelodie des Cembalos barocker im formalen Sinne.

Die Arrangements des Albums schöpfen frei aus verschiedenen semitischen und nicht- jüdischen Traditionen, die über die Jahre Eingang in die Musik der Diaspora gefunden haben. Manche der Exilierten schlossen sich den spanischen Pionieren an, die den Atlantik überquerten und Neu-Spanien gründeten. Unterschiede wurden im gemeinsamen Streben eine neue Gemeinde aufzubauen beiseite gelassen, und die Missa mexicana, entstanden um 1677, enthält Volkslieder, oder Villancicos, um die Messe für die skeptischen Einheimischen schmackhafter zu machen. Eines dieser Lieder ist Francisco Escaladas Canten dos jilguerillos, “Lied der zwei Goldfinken” [2], die mit den beiden gegenerischen Engeln der Kabbalisten korrespondieren. Die Vögel wachen über ein christusähnliches Kind, und singen im Duett. D’Or erreicht diesen Effekt durch mehrspurige Aufnahmen. Flamenco Gitarre und Schlagzeug treiben die Musik voran, der mitreißende Dreivierteltakt wird durch hemiolische Rhythmen unterbrochen.

Die Sprache der iberischen Juden, der Sepharden, ist Ladino (gegenüber dem Jiddischen in Nordeuropa) d’Or verfolgte den Ursprung des Ladino-Liedes A la una yo nací, „Um ein Uhr bin ich geboren” [3] sowohl nach Spanien als auch nach Peru zurück. Der Sänger folgt den Lebensabschnitten nach dem Ablauf der Uhr, erreicht die Reife um zwei, wirbt um die Braut um drei, heiratet um vier. Es gibt typischerweise zahlreiche Strophen, aber d’Or wählt diejenigen, in denen es um die Brautwerbung und um die Gemeinsamkeiten bei der hingebenden Liebe der Mutter und der Geliebten geht. Er bezieht sich auch auf die zweifache Herkunft des Liedes in zwei Interludien, das eine südamerikanisch, das andere Flamenco.

Für Gemeinden im Exil haben tradierte Bräuche große Bedeutung. Lieder,in denen es um Brautwerbung geht sind besonders beliebt. Das traditionelle Ladino Lied Avre tu puerta cerrada, „Öffne deine geschlossene Tür“ [4], ist eine Cantiga, ein Liebeslied aus der Türkei und Griechenland, in dem die Geliebte um Einlass gebeten wird. Das Tempo der drei Strophen ist langsam, die Vertonung minimal für Gitarre, Gamba und Stimme. Das verträumte Arrangement ist in tiefer Tonlage, so dass d’Or sowohl Kontratenor als auch Baritonstimmen einsetzt, und unauffällig vom einen zum anderen wechselt. Obwohl die Instrumentierung Barock ist, bezeichnet d’Or die Harmonisierungen als Volks-Barock, also als Musik, die aus dem siebzehnten Jahrhundert stammt, von Generation zu Generation weitergegeben wurde, im Fluss geblieben ist und nie ganz den festgelegten Barock- Stempel aufgedrückt bekommen konnte, aber die Einflüsse diverser beliebter Traditionen auf dem Weg eingesammelt hat.

Wenn man schon im Exil lebt, und durch viele Städte wandern muss, hat man wenigstens Gelegenheit die Vorzüge verschiedener Geliebten zu vergleichen. Dies behauptet jedenfalls das Ladina Cantiga Axerico de quinze anos, “Axerico, die fünfzehnjährige” [5]. Der Sänger schwört, dass er solch einer dunkelhäutigen Schönheit wie dieser in keiner der sieben nördlichen Städte zwischen Paris und London (was zugegebenermaßen keine große Entfernung ist) begegnet ist. D’Ors Arrangement betont die orientalische Herkunft des Mädchens mit einer Oboe, wie eine arabische Schalmei. Der Rhythmus pulsiert im wirbelnd tänzerischem Sechsachteltakt.

D’Or zufolge stand in südlichen Ländern Dunkelhäutigkeit für Schönheit, Gesundheit und Wohlstand, während im Norden, in London und Paris, Blassheit gepriesen wurde. Der französische Komponist Etienne Moulinie kam aus der Region Languedoc an der Mittelmeerküste Frankreichs. Er war Wandermusiker, wenn auch als Begleiter eines ähnlich umherziehenden Hofes, nämlich dem des widersetzlichen und oft exilierten Bruders von König Ludwig XIII. Durch seinen umherziehenden prinzlichen Dienstherrn, lernte er verschiedene Kulturen kennen. Seine Lieder waren nicht nur auf Französisch, sondern auch auf Spanisch, Italienisch, Gascogne und Ladino. Für ein Ballett im Jahr 1638 schrieb er ein Lied des wandernden Juden, das mit dem rauen Aufschrei Salamalec! einer Übertragung des „Schalom aleichem“ Grußes beginnt.

In Rio de Seville, “Fluss von Sevilla” [6], kündigt der Sänger an, dass er den Fluss überqueren möchte, ohne seine Füsse nass zu machen, auch wenn er nichts gegen seine Tränen tun kann. Die stampfenden Rhythmen sind spanischer Pastiche. Die Gitarre war ein ungemein tragbares Instrument, das mit den Exilierten mitreiste und besonders in Lateinamerika florierte. Eine der ersten Anleitungen zum Gitarrespiel, Gaspar Sanz’ Instrucción de music sobre la guitarra, aus dem Jahr 1674, gelangte bis in die äußersten Bereiche des spanischen Imperiums. Sanz selbst bereiste weite Teile des Mittelmeerraumes und verbrachte einige Jahre als Kapellenorganist des Spanischen Vizekönigs in Neapel. Sein Buch enthält die Canarios [7], einen wilden Dreivierteltakt-Tanz, der von den Kanarischen Inseln stammt. Das musikalische Arrangement beginnt hier mit der Gitarre und endet mit der ganzen Band.

D’Or entdeckte das anonyme Ladino Gedicht La soledad de la nochada, „Die Einsamkeit der Nacht“ [8] in der griechischen Kultur. Die dunkle Stimmung des Textes bewegte ihn, als die Feindseligkeiten in Gaza im Jahr 2014 die Schlagzeilen beherrschten. Da es zum Text keine Originalmusik gab, komponierte er eine neue, deren barocke Geschmacksnote dem barocken Stil des restlichen Albums entspricht. Feierliche Basspfeifen unterlegen die modalen, freirhythmischen äußeren Abschnitte, die vom Psalterium begleitet werden, wohingegen der dreiteilige zentrale Abschnitt eher traditionell diatonisch ist.

Das Ladino-Lied Morikos, “Mohren” [9], ist eine Ballade oder Romanca aus Spanien und dem Balkan. D’Or singt daraus fünf Strophen, die die Geschichte von zwei Babys erzählen, die einem König am selben Tag geboren werden, eines ist die Tochter seiner Königin und das andere der Sohn seines Sklavenmädchens, einer Mohrin.

Die Hebammen vertauschen die Kinder und der Junge wächst als Prinz auf und das Mädchen als Küchenmagd. Es symbolisiert die extremen Pole einer Gesellschaft, sagt d’Or, aber schlussendlich sind wir alle gleich. Er erinnert sich an eine Gelegenheit, als er das Lied bei einem Konzert in Kroatien ins Programm einschloss, und eine ältere Bosnierin ihn anschließend weinend darauf ansprach. Sie sei keine Jüdin, sagte sie, sei aber mit den Liedern aufgewachsen. Wir sind alle eigentlich in einem kleinen Dorf, sagt d’Or. Der Rhythmus ist siebenachtel , die schlanke, tanzende Melodie des Sängers anfangs nur von subtiler Perkussion begleitet.

Geburt und Kinder sind wiederkehrendes Thema. Im Ladino Lied Hija mia, “Meine Tochter” [10] warnt eine Mutter ihre Tochter vor dem Meer. Die Tochter hört nicht auf den Rat und geht lieber in den Tod als die Qualen der Liebe auszustehen. D’Ors Arrangement beginnt mit zustechenden vivaldiesken Akkorden und endet mit einem wellenartigen Auszug aus Rameaus Keyboard Stück La Timide, als Ausdruck für die Wahl der Tochter der schmerzhaften Liebe zu entfliehen. Mutter und Tochter haben dieselbe Melodie mit einem abrupten Wechsel der Tonhöhe zwischen beiden. In der türkischen Sharki Tradition, aus der das Lied stammt, wurden über die Jahrhunderte Strophen hinzugefügt, aber d’Or singt nur die ursprünglichen zwei Strophen. Ebenso wie das Mädchen ohne Zögern in die Tiefen hinabsinkt, so führt das Lied unablässig in die Passacaglia in G minor [11]. Sie stammt vom vielgereisten italienischen Komponisten Biagio Marini, eines Kollegen Monteverdis in Venedig zwischen 1615 und 1620. Sie ist aus seinem letzten Werk, einer Sammlung von Instrumentalstücken Per Ogni Sorte de Stromento Op. 22, das 1655 in Venedig erschien, als er 68 Jahre alt war. Die Basslinie wiederholt sich in viertaktigen Phrasen, eine Klage in Seufzern und bitteren Dissonanzen.

Das anonyme Volkslied aus dem 15. Jahrhundert El rey de Francia, „Der König Frankreichs“ [12], ist eine sephardische Romanca, die auf Ladino erhalten geblieben ist, nicht auf Spanisch. Die Tochter des Königs von Frankreich erwacht aus einem angenehmen Traum, den ihre Mutter deutet. Sie wird den Sohn des spanischen Königs heiraten, was zu politischer Einheit und zum Frieden führen wird. Die Stimme singt den ersten Vers in frei erzählendem Rhythmus bevor eine türkische Handtrommel den tanzenden Viervierteltakt der mittleren Verse angibt. Der deklamatorische Stil kehrt mit dem letzten Vers wieder, in dem die Hochzeit angekündigt wird. D’Or improvisiert eine Gesangslinie und beruft sich damit auf die im Barock übliche Improvisationspraxis.

Der Exilierte trägt das Heimweh im Gepäck. Wenige Stücke evozieren Spanien so sehr, wie Asturias [13] aus Chants d’Espagne des spanischen Pianisten-Komponisten Isaac Albéniz. Als Wunderkind unterwegs mit seinem Vater, der im Staatsdienst reiste, war Albéniz schon mit 14 Jahren weit in Europa und Lateinamerika herumgekommen, aber später förderte er den romantischen Mythos, dass er von zu Hause weggelaufen war und den Ozean als blinder Passagier überquert hatte. Obwohl es eigentlich fürs Klavier geschrieben wurde, ist das nostalgische Asturias eher als Gitarrenstück bekannt und wird hier von Mandoline und Gitarre gespielt.

Die Romanca Marizapalos [14] erzählt die amüsant derbe Anekdote über die Schauspielerin María ‘Marizapalos’ Calderón, die spanische Nell Gwyn und Geliebte König Philips IV. Sie ist die Nichte eines Priesters, der ihr Lateinunterricht gibt. Sie vernachlässigt ihre Studien, pflückt Blumen und lässt sich mit einem jungen Mann ein. Wäre der Priester- der die Liebenden zu spät ertappt- eher gekommen, dann hätte er manch fragwürdige lateinische Grammatik gehört, scherzt der Sänger. Die fließende, unablässige Dreitakt-Musik ist von Sanz, der zur Zeit der weiten Verbreitung seiner Gitarrenspiel-Anleitung auch den unehelichen Sohn des Königs mit Calderón unterrichtete. D’Or, der den Chor mithilfe von mehrspurigen Aufnahmen singt, variiert das Arrangement mit dramatischen Pausen und rhythmischem Wechsel für das Pferd des Priesters. Eine neue Melodie kommt hinzu, eine weitere aus der bunten Missa mexicana, die Blockflöte imitiert peruanische Panflöten, wie um die Ausbreitung der Musik in Neu- Spanien aufzuzeigen.

Im Exil kann das Lied auch eine Informationsquelle sein. Das Lied Los guisados de la berenjena, “Die Auberginenrezepte” [15] ist eine Copla aus Rhodos, die verschiedene Zubereitungsarten des in jüdischen Gemeinden seit je beliebten Gemüses angibt: Eine stammt von der Freundin des Sängers, Elena, eine andere von seiner Cousine, eine dritte von der Frau des Küsters und die letzte und beste von der Tochter des Nachbarn. D’Or singt die Melodie zu schnellem Flamenco-Klatschen als einziger Begleitung. Die Instrumente kommen erst mit der Strophe über den Onkel hinzu, dem die Kochrezepte gleichgültig sind, solange es nur genug Wein dazu gibt. Die frivolen Einwürfe der Band begleiten die Aufnahme.

Die Volkslieder aus dem Exil gehen verloren, wenn sie nicht aufgenommen werden. Die chilenische Gitarristin, Sängerin und Komponistin Violeta de la Parra hat nicht nur die Dörfer Südamerikas nach Liedern durchkämmt, sondern auch selbst welche komponiert. Sie wurde im Nachkriegseuropa berühmt und erschien auf Festivals von Finnland bis Frankreich. Im Jahr 1965 nahm sie das von ihr komponierte Lied Gracias a la vida, „Dank ans Leben“ [16] auf. Als sie sich zwei Jahre später das Leben nahm, wurde das Lied als Abschiedsbotschaft gedeutet. D’Or bleibt nicht bei der Traurigkeit stehen, sondern übersetzt in der dritten Strophe—deren Text die Schönheiten der Welt aufzählt—die Musik in einen Bossa Nova. Die letzte Strophe nimmt wieder die klagende Stimme der Sängerin auf, als Erinnerung daran, dass ihr Glück und ihr Schmerz auch Teil eines jeden ist, und die Musik verebbt mit einem Zitat von J.S. Bach in den gebrochenen Akkorden der Gitarre.

Trinken mildert das Leid des Exils. D’Or schließt sein Programm mit dem Trinklied Damigella tutta bella, „Schönstes Fräulein“ [17], des italienischen Komponisten Vincenzo Calestani, der in Pisa an der italienischen Mittelmeerküste lebte. Die sephardische Gemeinde der Stadt fluktuierte in den Zeiten des Friedens und der Verfolgung. Castelani reiste nicht, aber sein tanzendes, dreitaktiges, hemiolenreiches, Tambourine—begleitetes Lied sehr wohl, und erinnert seine Zuhörer an die guten Zeiten, die immer wieder, Gott, Jahwe und Allah sei Dank, wiederkehren.

Richard Jones
Deutsche Fassung: Susanna Stern


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