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8.573605 - DONIZETTI, G. / MAYR, J.S.: Missa di Gloria and Credo in D Major (Simon Mayr Choir, Bavarian State Opera Chorus, Concerto de Bassus, Hauk)
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Gaetano Donizetti (1797–1848) und Johann Simon Mayr (1763–1845)
Messa di Gloria und Credo in D für Soli, Chor und Orchester

 

Donizetti und die Kirchenmusik

Die strikte Trennung der sakralen Tonkunst vom profanen Musikstil ist für die deutsche Kirchenmusik seit dem frühen 19. Jahrhundert charakteristisch: Ein musikalisches Werk für die Liturgie hat streng und würdevoll zu klingen und ist fernab von vergnüglicher, gar opernhafter Melodik anzusiedeln. Diese Attitüde ist dem Cäcilianismus geschuldet, jener nach der Hl. Cäcilia, Patronin der Kirchenmusik und Märtyrerin des 3. Jahrhunderts n. Chr., benannten katholischen Reformbewegung, die seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts eine Rückbesinnung auf den Gregorianischen Choral und eine Orientierung am liturgischen Stil von Palestrina und der alten Vokalpolyphonie propagierte.

Wenn man sich hingegen etwa eine Messe eines italienischen Opernkomponisten aus jener Zeit anhört, hat man—mit Ausnahme der an die strengere liturgische Kompositionsweise gemahnenden Schlußfuge—das Gefühl, einer Opernaufführung beizuwohnen; sowohl von der Orchestrierung als auch von der melodischen Gestaltung bestätigt sich dieser Eindruck, gleichgültig, ob der Komponist nun Rossini, Bellini oder Donizetti heißt. Die einzelnen Sätze ähneln durchaus kleinen Opernszenen: Instrumentale Ritornelle begleiten die solistischen oder chorischen Kantilenen ein, die sich recht opernhaft in Form eines Ariosos, meistens aber einer vollwertigen Arie oder eines Duetts entfalten und vom musikdramatischen Zeitstil nicht wesentlich unterscheiden.

Gerade im Italien des späteren Sette- und frühen Ottocento gab es also jene musikstilistische Abgrenzung nicht; der deklamatorische, arienhafte oder auch sentimentale Charakter der profanen Oper eignete in vergleichbarer Weise auch der sakralen Musik. Vielfach handelte es sich bei den einzelnen Stücken um Jugendwerke, die zumeist noch in der Studienzeit gewissermaßen als Fingerübung komponiert und späterhin gleichsam als Flickwerk zu einer kompletten Messe zusammengefaßt wurden: Vorwürfe solcherart vonseiten jener Restaurationsbewegung ließen die Kirchenmusik der Belcanto-Komponisten in Vergessenheit geraten, nachdem insbesondere diese im Profanbereich als Verfertiger von Massenware diskreditiert und mithin in kirchenmusikalischer Hinsicht mit äußerster Geringschätzung bedacht worden waren. Hermann Kretzschmar verstieg sich sogar zur Konstatierung „einer Periode wunderlichen Verfalls religiöser Tonkunst in romanischen Landen“; die Kontroverse Kirchenmusik versus Oper wurde geradewegs zu einem Gegensatz zwischen Nord und Süd hochstilisiert. Rezeptionsgeschichtlich bezeichnend bleibt freilich die Tatsache, daß man einem Pergolesi oder gar einem Mozart bereitwillig verzieh, was deren kirchenmusikalische Werke der Oper ihrer Zeit verdanken.

Allgemein bekannt sind, neben zahlreichen kleineren geistlichen Kompositionen, vor allem Donizettis Messa di Gloria e Credo in c-Moll (1837) und seine Messa di Requiem in morte di Vincenzo Bellini in d-Moll (komponiert 1835). Fast alle Sakralkompositionen datieren freilich aus seiner Studienzeit. Wie alle anderen Opernkomponisten dieser Epoche hatte auch Donizetti seine kompositorische Ausbildung zu einem nicht geringen Teil in der Schule der geistlichen Musik bekommen. Sein wichtigster Lehrer war Johann Simon Mayr, der in Bergamo an der dortigen Kathedrale um 1805 die Lezioni caritatevoli gründete und somit karitativen Musikunterricht erteilte. Diese musikalische Grundschule komplettierte der spätere Bergamasker Meister und Komponist von etwa 70 Opern bei dem berühmten Musiktheoretiker und -pädagogen Padre Stanislao Mattei um 1815 am Liceo Filarmonico in Bologna, wo auch Rossini seine Ausbildung vervollkomnen konnte.

Man muß indes sogleich festhalten, daß wie bei seinem etwas älteren Komponistenkollegen Rossini auch bei Donizetti—der ja unter der Ägide Mayrs vornehmlich mit der kirchlichen Tonkunst liebäugelte und bis 1822 zahlreiche religiöse Kompositionen schuf—die Kirche nicht nur Schule geblieben ist: Er sollte im Lauf seines Lebens bis zuletzt auch geistliche Werke komponieren und größere Einheiten, etwa eine gesamte Messe, aus bereits separat komponierten Teilen arrangieren; sein kirchenmusikalisches OEuvre umfaßt im Werkkatalog etwa 150 Titel. Nicht umsonst schreibt der schon gereifte Opernkomponist in einem Brief vom März 1842, in welchem er via Antonio Dolci dem greisen Lehrer und Mentor Simon Mayr über sein Kaiser Ferdinand I. von Österreich gewidmetes Ave Maria berichtet: „Es ist immer gut, wenn Seine Majestät weiß, daß es selbst unter den Opernkomponisten einen guten Christen gibt, der sich ein wenig mit der geistlichen Musik auskennt“.

Thomas Lindner

Messa di Gloria und Credo in D

Nur eine Messe aus der Feder von Gaetano Donizetti war bislang bekannt: Die erwähnte Messa di Gloria e Credo in c-Moll erklang erstmals am 27. November 1837 in der Kirche Santa Maria la Nova zu Neapel und erschien mittlerweile mehrfach im Druck. Dieses Werk basiert freilich auf Einzelsätzen, die Donizetti um 1820 komponierte und später zu einer Messa di Gloria zusammenstellte, wohl auch teilweise arrangierte. Dieses Werk ist in zwei Versionen überliefert: Nur Kyrie, Gloria in excelsis und Qui sedes sind jeweils identisch, die übrigen Sätze unterschiedlich. Donizetti huldigt hier einer Praxis, die in Italien seinerzeit weit verbreitet und auch im Bereich der Oper üblich war: Werke wurden aus Einzelsätzen, bisweilen auch mehrerer Komponisten, ad hoc zusammengestellt, mitunter in der Besetzung angepaßt. Es liegt nahe, heute dieses zeitübliche sogenannte Pasticcio-Verfahren erneut anzuwenden und aus bislang nicht genutzten Einzelstücken Donizettis eine weitere Messa di Gloria zu formen.

1818 kehrte Donizetti aus Bologna, wo er seit 1815 bei Stanislao Mattei studiert hatte, in seine Heimatstadt Bergamo zu seinem ehemaligen Lehrer und Mentor Johann Simon Mayr zurück. In den folgenden Jahren wirkte Donizetti zumindest zeitweilig als dessen musikalischer Assistent, immer wieder griff Mayr Beiträge des früheren Schülers auch in seinen eigenen Werken auf. Das Credo der vorliegenden Messe dokumentiert diese Zusammenarbeit beispielhaft: Donizetti schrieb es, wohl um 1820, in einer Es-Dur-Fassung, die er 1824 nach Ausweis von Mayrs Schwiegersohn Luigi Massinelli für die Aufführung beim am 24. November des Jahres in Bergamo stattfindenden Cäcilienfest überarbeitete und nach D-Dur transponierte. Merkwürdig ist nur, daß Donizettis Originalpartitur verschollen scheint, Mayr selbst einen Großteil des umfangreichen Orchestermaterials samt der Partitur fertigte und Massinelli derselben unter anderem voransetzte: „N.B. Questa partitura non è di Donizetti, ma bensi trascritta del celebre G. S. Mayr. Ridotta per piccola Orchestra.“ Von einem kleinen Orchester kann allerdings keine Rede sein, immerhin sind auch drei Posaunen und Serpent besetzt. Mayr benutzte dieses Credo, in reduzierter Besetzung, in Ausschnitten und mit Ergänzungen, für seine 1826 komponierte Messe in c-Moll, die der Primiz von P. Gall Morel im Kloster Einsiedeln gewidmet war.

Das Violinsolo im ausgedehnten Qui sedes war für Pietro Rovelli (1793–1838) bestimmt, einen der bekanntesten Geigenvirtuosen seiner Zeit. Rovelli studierte bei Rodolphe Kreutzer und war von 1815 bis 1818 Konzertmeister der königlichen Hofkapelle in München. 1819 übernahm er in seiner Heimatstadt Bergamo die Leitung diverser Orchester und unterrichtete an der von Mayr gegründeten Musikschule. Rovelli spielte eine Violine von Guernieri del Gesù, die später Paganini zu kaufen suchte.

Pieralberto Cattaneo bietet in seinem Werkkatalog die originalen Kompositionsdaten der übrigen hier zusammengefügten Sätze: Kyrie d-Moll „20.5.1820“, Gloria in excelsis C-Dur „28.5.1818“, Laudamus e Gratias „3.7.1819“, Domine Deus Es-Dur „1820“, Qui sedes und Quoniam „3.7.1820“. Dazu kommen Schätzungen: Qui tollis E-Dur „[1820/21]“ und Cum sancto spiritu c-Moll „[1816/18]“.

Donizetti hat über das Credo hinaus keine weiteren Ordinariumssätze hinterlassen. Als Ergänzung haben wir deshalb drei in der autographen Handschrift zusammenhängende Kompositionen von Johann Simon Mayr angefügt. Sanctus, Benedictus und Agnus Dei dürften, nach den autographen Schriftzügen zu urteilen, ebenfalls in der Zeit um 1820 anzusiedeln sein. Für Sanctus und Benedictus lassen sich Varianten im Gesamtwerk ausmachen. Das abschließende Agnus Dei in d-Moll erinnert in seiner harmonischen Struktur an den Beginn des Allegretto aus der 7. Symphonie op. 92 von Ludwig van Beethoven—ein Meister, den Mayr verehrte und immer wieder in den eigenen Werken zitierte.

Franz Hauk


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