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8.573701 - HAYDN, J.: String Quartets Nos. 1, 29 and 66 (Goldmund Quartet)
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Joseph Haydn (1732–1809)
Streichquartette op. 1 Nr. 1 • op. 33 Nr. 5 • op. 77 Nr. 1

 

Joseph Haydn wurde 1732 in dem burgenlandischen Dorfe Rohrau als Sohn eines Stellmachers geboren. Er erhielt seine musikalische Ausbildung in der Chorschule des Wiener Stephansdoms und verdiente anschliesend seinen Lebensunterhalt mit Violin- und Klavierstunden sowie als Geiger oder Cembalist. Der bereits bestehende Kontakt zu dem alten Komponisten Nicola Porpora kam ihm insofern zugute, als dieser ihn schlieslich zu seinem Assistenten machte, bevor Haydn 1759 dann seine erste Stelle als Kapellmeister des bohmischen Grafen von Morzin antreten konnte. 1761 folgte die Anstellung als Vizekapellmeister bei einem der reichsten Manner des Kaiserreiches, Furst Paul Anton Esterhazy, dem nach seinem Tod im Jahre 1762 sein Bruder Furst Nikolaus folgte. Wiederum vier Jahre spater starb der alte, halsstarrige Kapellmeister Gregor Joseph Werner. Joseph Haydn ubernahm das Amt seines Vorgangers und bekleidete dieses zumindest nominell bis zum Ende seines Lebens.

Als unter Furst Nikolaus das grandiose Schloss Eszterhaza in der ungarischen Puszta vollendet worden war, ubernahm Joseph Haydn die Leitung einer noch groseren Einrichtung. Jetzt war er auch fur die musikalischen Aktivitaten des Schlosses verantwortlich, und dazu gehorten die Bereitstellung und Leitung der Instrumentalmusik, die Oberaufsicht uber die Oper und die Schauspielmusik sowie die geistliche Komposition. Seinem Dienstherrn schrieb er uberdies eine Fulle verschiedenster Kammermusiken, in denen vor allem das Leibinstrument des Fursten, das Baryton, eine wichtige Rolle spielte—ein Streichinstrument zwischen Cello und Gambe mit zusatzlichen Resonanzsaiten, die nicht nur einfach mitschwangen, sondern auch einzeln angezupft werden konnten.

Nach dem Tode des Fursten Nikolaus im Jahre 1790 konnte Haydn eine Einladung aus London annehmen und fur die von dem Geiger und Impresario Salomon organisierte Konzertsaison etliches an Musik liefern. Nach einem zweiten erfolgreichen Aufenthalt in London (1794/95) wandte er sich wieder seinen Pflichten bei den Esterhazys zu, deren neues Familienoberhaupt sich zumeist auf dem Anwesen in Eisenstadt aufhielt, wo Haydns eigentliche Laufbahn begonnen hatte. Einen grosen Teil des Jahres verbrachte man allerdings in Wien, wo Haydn im Jahre 1809 schlieslich auch starb, indessen die Truppen des franzosischen Kaisers Napoleon ein weiteres Mal gegen Wien marschierten.

Haydn erlebte jenen Teil des 18. Jahrhunderts, in dem sich die Instrumentalmusik von den alteren Vorbildern eines Bach oder Handel zu der klassischen Sonate hin entwickelte, deren dreiteiliger Hauptsatz nebst zwei oder drei weiteren Satzen jetzt die Basis vieler Instrumentalwerke bildete. Das Streichquartett, das zum reinsten Reprasentanten der klassischen Musik werden sollte, entstand aus einer Gattung, die zumindest ihrem Namen nach nicht sonderlich gewichtig klang: aus dem Divertimento. Daraus entwickelten sich Werke, deren Gehalt, Komplexitat und Bedeutung immer groser wurden—wobei sich Haydn freilich, wie jeder wirkliche Meister, darauf verstand, die technischen Mittel zu verbergen, mit denen er seine Ziele erreichte. Die genaue Zahl seiner Streichquartette ist nicht bekannt. Seinen eigenen Angaben zufolge mussen es um die 83 Stuck gewesen sein, von denen die alteren noch oft als Divertimento bezeichnet sind und ihren ursprunglichen Zweck verraten. Das letzte, 1803 begonnene Quartett op. 103 blieb unvollendet.

In seinem spateren Leben meinte Haydn, er habe die Gattung des Streichquartetts durch einen Zufall entdeckt. Zu den ersten Schopfungen dieser Art gehoren zweifellos die sechs Werke, die Haydns Schuler Ignaz Pleyel unter der Opuszahl 1 zusammenfasste. Die drei ersten Stucke dieser Sammlung entsprechen mit ihren jeweils funf Satzen der ublichen Form des Divertimentos (Haydn benutzte diese Bezeichnung spaterhin lieber als den alteren Terminus Cassation). Man geht davon aus, dass das Quartett op. 1 Nr. 1 ebenso wie andere fruhe Streicher-Divertimenti in den Jahren 1757 und 1758 geschrieben wurde und dass die beiden anderen zwischen 1759 und 1761 entstanden. Demnach ware das erste dieser Stucke fur Baron Carl Joseph von Furnberg gedacht gewesen, der auf seinem Schlosse Weinzierl in Niederosterreich gern mit seinem Verwalter und dem Pfarrer der Gemeinde sowie mit Haydn und einem gewissen Herrn Albrechtsberger musizierte (bei dem es sich um Beethovens spateren Kontrapunktlehrer Johann Georg Albrechtsberger gehandelt haben durfte). Im Dienste des Grafen von Morzin verbrachte Haydn seit 1759 die Winter in Wien und die Sommermonate auf dem Schlosse seiner Erlaucht im bohmischen Lukavec, wo es ein groseres Ensemble gab. Die ersten vier Quartette des nachmaligen Opus 1 erschienen 1764 in Paris zusammen mit anderen Werken unter dem Titel Six Simphonies ou Quatuors Dialogués.

Das Quartett B-dur op. 1 Nr. 1 beginnt mit einer aufsteigenden Arpeggio-Figur. Dem ersten der beiden Menuette schliest sich, wenn der A-Teil nach dem kontrastierenden Es-dur-Trio wiederholt wurde, ein langsamer Satz in Es-dur an, worin die erste Violine eine recht verzierte Melodie spielen darf. Vor dem kurzen, klassisch-dreiteiligen Finale steht das zweite Menuett mit seinem Trio.

Die Quartette op. 33 vollendete Joseph Haydn im Jahre 1781. Vor ihrer Veroffentlichung bot er verschiedenen wichtigen Gonnern, von deren Interesse er ausgehen durfte, handschriftliche Kopien als Subskription an. Diese sogenannten Russischen Quartette verdanken ihren Beinamen der Anwesenheit eines ungewohnlich illustren Publikums: Dazu gehorten vor allem der russische Grosfurst und spatere Zar Paul und seine Gemahlin Maria Feodorowna—sie nannten sich «Graf und Grafin von Norden»—sowie die herzogliche Verwandtschaft der geborenen Prinzessin von Wurttemberg. Auch der Komponist war anwesend, als Luigi Tomasini, Franz Aspelmayr, Thaddaus Huber und Joseph Weigl die Quartette spielten, und alle wurden mit prachtigen Geschenken bedacht.

Der Kopfsatz des Quartetts G-dur op. 33 Nr. 5 beginnt mit einem zarten Hauptthema, dessen Dynamik sich im dritten Takt deutlich steigert. Diesem Gedanken steht ein Nebenthema mit der Bezeichnung dolce gegenuber. Der zweite Satz steht in g-moll und gibt der ersten Violine die Gelegenheit zu einem ariosen Gesang, den die zweite Violine mit gebrochenen Sechzehntelakkorden und die beiden anderen Instrumente mit sparsameren Texturen begleiten. Die anschliesenden Satze wenden sich wieder nach G-dur: Dem Scherzo mit Trio folgt als Finale ein Variationssatz im Sechsachtel-Takt, dessen Thema am Ende in verandertem Rhythmus und Tempo wieder aufgegriffen wird.

Die zwei Quartette des Opus 77 sind die letzten Werke der Gattung, die Haydn hat vollenden konnen. Sie entstanden 1799 und sind dem Fursten Franz Joseph Maximilian Lobkowitz gewidmet, der ein halbes Dutzend dieser Stucke bestellt hatte. Der Wiener Verleger Artaria publizierte sie spatestens im September 1802. Man vermutet, dass Haydn den geplanten Zyklus nicht ausgefuhrt hat, da Ludwig van Beethoven dem Fursten zur selben Zeit sein Opus 18 prasentierte, in dem sich radikale Veranderungen der Gattung ankundigten. Bemerkenswert ist, dass auch Beethoven zogerte, Haydn auf dessen Terrain herauszufordern—man denke nur an die Messe C-dur op. 86 fur die Familie Esterhazy, bei deren Komposition er furchtete, es nicht mit seinem ehemaligen Lehrer aufnehmen zu konnen.

Das Quartett G-dur op. 77 Nr. 1 beginnt mit einem deutlich artikulierten, von gleichmasig pulsierenden Vierteln gestutzten Hauptgedanken. Das zweite Thema wird zunachst zur Triolenbegleitung der Bratsche von der zweiten Violine exponiert; die Exposition wird von einer Triolenbewegung beendet und dann in voller Lange wiederholt. Die Motive bilden die Grundlage der Durchfuhrung, worin verschiedene Tonarten erkundet werden, ehe die Wiederholung des Hauptthemas den Beginn der Reprise markiert. Den langsamen Satz eroffnet ein kraftvolles Motiv, das in den drei ersten Tonen nicht in die Grundtonart Es-dur, sondern nach c-moll zu weisen scheint. Der Eindruck verliert sich direkt darauf im zweiten Takt. Das Violoncello nutzt dieses Motiv, das im Anschluss eine wichtige Rolle spielt. Das Menuett mit seinen ungarisch-zigeunerischen oder kroatischen Einschlagen ist kein hofischer Tanz mehr, sondern ein ganztaktig aufzufassendes Presto, von dem das kontrastierende Esdur-Trio umrahmt wird. Das Presto-Finale vereint alle vier Instrumente bei der Exposition des Hauptthemas, von dem auch der Nebengedanke abgeleitet ist und dessen drei erste Tone die Substanz des gesamten Satzes darstellen.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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