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8.573709 - LISZT, F.: 12 Grandes ├ętudes (Wenbin Jin) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 45)
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Franz Liszt (1811–1886)
12 Grandes études, S137/R2a (1837)

 

Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 im ungarischen Raiding (Doborján) bei Ödenburg (Sopron) als Sohn einer deutschsprachigen Familie geboren. Sein Vater Adam Liszt (1776–1827) hatte schon in jungen Jahren unter der Leitung von Joseph Haydn im Sommerorchester der Fürsten Esterházy Klavier und Violoncello gespielt und war im September 1795, den Wünschen seiner Mutter entsprechend, als Novize in ein Franziskanerkloster eingetreten, aus dem man ihn allerdings knapp zwei Jahre später wegen seiner »unbeständigen und veränderlichen Natur« entließ. Da ihm zu einem ordentlichen Philosophiestudium in Pressburg (Bratislava) die Mittel fehlten, ging er am 1. Januar 1798 auf dem Esterházyschen Gutshof Forchtenau in Stellung. Einige Jahre später wurde er nach Eisenstadt versetzt, wo er—jetzt unter Haydns Amtsnachfolger Johann Nepomuk Hummel, als Amateurcellist im Orchester mitspielte (außerdem hatte er angeboten, »bei der Musik Orgel, Violine und im Notfall auch Cello zu spielen, im Kirchenchor Bass zu singen und im Orchester auch die Pauke zu schlagen«). 1808 übernahm er die Stelle eines Verwalters in Raiding.

Dem überzeugten Katholiken Adam Liszt verdankte der Sohn sowohl seine Glaubensüberzeugung als auch die besondere Ehrfurcht vor dem Heiligen Franziskus—und dazu die ersten Kenntnisse auf dem Klavier. Mit elf Jahren konnte Franz dank der Unterstützung ungarischer Adliger nach Wien reisen, wo ihn Carl Czerny unterrichtete und es auch zu einer Begegnung mit Ludwig van Beethoven kam, dessen Persönlichkeit ihn ein Leben lang beeinflussen sollte. Von Wien führte der Weg nach Paris. Zwar verweigert Luigi Cherubini dem »Ausländer« die Aufnahme ans Conservatoire, doch das Publikum war von den Darbietungen des jungen Musikers beeindruckt: Mit der Hilfe der Klavierbauerfamilie Érard konnte er bald schon seine ersten Konzertreisen unternehmen. 1824 kam er erstmals nach England. Anschließend studierte er bei Ferdinando Paër. Dieser half ihm auch bei der Komposition seiner einzigen Oper Don Sanche, ou le château d’amour, die im Oktober 1825 an der Pariser Opéra gegeben wurde. Zwei Jahre später erkrankte Adam Liszt während einer letzten gemeinsamen Englandreise, und bald darauf starb er in Boulogne-sur-Mer. Fortan lebte der inzwischen sechzehnjährige Franz mit seiner Mutter in Paris, wo er unterrichtete, unzählige Bücher verschlang und von den intellektuellen Kreisen profitierte, mit denen er in Kontakt kam. Sein Interesse an virtuosen Darbietungen erwachte aufs Neue, als er 1831 den großen Geiger Niccolò Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nunmehr dem Klavier anzupassen begann.

Während der nächsten Jahre entstanden zahlreiche Klavierwerke, darunter Liedtranskriptionen, Opernfantasien und alles, was zum Betriebskapital eines Virtuosen gehörte. Seine Liaison mit der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult veranlasste ihn, die Seinemetropole zu verlassen und auf lange Reisen zu gehen. Zunächst begab er sich in die Schweiz, dann ging es, mit einem Umweg über Paris, weiter nach Italien, Wien und Ungarn. Die Reisejahre sorgten nach und nach für immer größere Spannungen zwischen Liszt und der Gräfin, die von ihm verlangte, seine Tätigkeit als ausübender Musiker einzuschränken und mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Die Trennung von der Geliebten und Mutter dreier gemeinsamer Kinder kam 1844. Drei Jahre später lernte Liszt während einer seiner letzten Konzertreisen die polnische Adlige Carolyne zu Sayn-Wittgenstein kennen, die im April 1848 mit ihrer kleinen Tochter fluchtartig den Wohnsitz ihres Ehemannes im ukrainischen Woronice verließ, den geliebten Liszt wiederfand und sich mit ihm in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Der zur Ruhe gekommene Virtuose beschäftigte sich jetzt damit, die Idee der Symphonischen Dichtung zu realisieren. Daneben widmete er sich, wie gewohnt, der Revision und Veröffentlichung früherer Kompositionen.

1860 übersiedelte Fürstin Carolyne nach Rom, wohin ihr Franz Liszt im nächsten Jahr folgte. Die Annullierung oder Scheidung der gescheiterten Ehe hätte den Weg für eine neue Heirat ebnen können, doch dazu kam es nicht, und beide hatten ihre eigenen Wohnungen in der Ewigen Stadt. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte danach une vie trifurquée („dreigleisiges Leben“), wie er es nannte: In Weimar erteilte er der jüngeren Generation seinen Unterricht, in Rom konnte er seinen geistlichen Interessen nachgehen, und in Pest wurde er als Nationalheld gefeiert. Er starb am 31. Juli 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima, die Witwe Richard Wagners (und Ex-Frau Hans von Bülows) soeben für die Durchführung der aktuellen Festspiele sorgte.

Liszt war ein erstaunlich frühreifer Musiker. Bald nach seinen ersten Konzerten in Ödenburg und Pressburg konnte man ihn bereits in Wien hören, wo ihn Carl Czerny, wie erwähnt, im Klavierspiel unterrichtete und Antonio Salieri ihm Kompositionsstunden gab. Der Weg nach Paris führte zunächst nach Pest, wo sich Liszt Ferenc gewissermaßen zum Ungarn erklärte. Danach konzertierte er—wie vor ihm Mozart—in mehreren deutschen Städten, und auch in Paris, dem eigentlichen Ziel der Reise, sorgte er schnell für ähnliche Sensationen.

Mit dreizehn Jahren hatte Liszt bereits mit der Arbeit an einem Werk begonnen, das 1826 als eine seiner ersten Publikationen unter der Opuszahl 6 in Marseille und Paris erschien: die Etude en douze exercices, deren Titel bei der Drucklegung noch ambitionierter klang und eine Etude en quarante-huit exercices dans tous les tons majeurs et mineurs (»Etüde in 48 Studien durch alle Dur- und Molltonarten«) versprach. Es erschienen jedoch nur zwölf Studien, die Liszt einer gewissen Lydia Garella widmete, von der wir sonst wenig wissen. Aus diesen zwölf Stücken wurden 1837 nach einer umfassenden Revision die Vingtquatre grandes études (»Vierundzwanzig Etüden«), die Carl Czerny gewidmet sind. Wieder blieb es bei nur zwölf Sätzen, aus denen 1851 die zwölf mit Überschriften versehenen Etudes d’exécution transcendante wurden. Das ursprüngliche Vorhaben zeigt sich in der Tonartenfolge: Nach den ersten Etüden in C-dur und a-moll geht es »gegen den Uhrzeigersinn« des Quintenzirkels in die b-Tonarten F-dur / d-moll, B-dur / g-moll, Es-dur / c-moll, As-dur / f-moll und Des-dur / b-moll.

Die 12 Grandes Etudes kamen in Paris und Wien (mit einer Widmung an Carl Czerny) sowie in einer Edition des italienischen Verlegers Ricordi heraus, die Frédéric Chopin als Widmungsträger des zweiten Teils nennt. Liszt hatte im Sommer 1837 in Italien an den Studien gearbeitet. Sein Ruf als Klaviervirtuose mag dabei der Einschätzung seiner kompositorischen Leistungen hier und da im Wege gestanden haben. 1839 schrieb Robert Schumann, dessen Musik Liszt seit etwa zwei Jahren kannte, in einer Besprechung der Etüden, dass die neue Version »an Reichtum der Mittel zugenommen« habe, »während andererseits freilich die ursprüngliche Naivität, wie sie dem ersten Jugenderguß innewohnte, in der jetzigen Gestalt des Werkes fast gänzlich unterdrückt ist«. Und weiter: »Brachte er es nun als Spieler auf eine erstaunliche Höhe, so war doch der Komponist zurückgeblieben, und hier wird immer ein Mißverhältnis entstehen, das sich auffallend auch bis in seine letzten Werke fortgerächt hat«. Dessen ungeachtet hätten die Grandes Etudes auch Schumann gewiss vor unüberwindliche technische Herausforderungen gestellt.

In der ersten Studie ist aus dem ehemaligen Allegro con fuoco ein Presto geworden, dessen Arpeggien sich jetzt noch weiter über die Klaviatur ausbreiten. Die zweite Übung befasst sich unter anderem mit Oktavbrechungen: Was früher ein Allegro non molto war, ist jetzt bei kunstvollerer Figuration ein Molto vivace geworden, das sich zu einem immer schnelleren Prestissimo entwickelt, indessen die linke Hand mit ihren akzentuierten Achteln gegen die synkopierten Akkorde der Rechten agiert.

Von ganz anderer Art ist das Poco adagio in F-dur, das das alte Allegro sempre legato ersetzt hat und nicht mehr im Vierer-, sondern im Sechsachteltakt geschrieben ist. Sempre legato et tranquillo begleitet die Linke eine gesangliche, oktavierte Melodie der rechten Hand; ein zwölftaktiger Abstecher nach Des-dur führt anschließend bei »etwas belebterem Tempo« zu Staccato-Akkorden, die sotto voce e sempre dolcissimo gespielt sein wollen, bald aber eine dynamische Klimax erreichen, an die sich zunächst ein presto agitato assai und endlich ein dolce pastorale anschließen.

Die letzte Fassung der vierten Etüde, mithin der Mazeppa der Etudes d’exécution transcendante, beginnt mit einer kunstvollen Kadenz, die in den früheren Stadien noch fehlt. Dabei ist aus dem ursprünglichen Allegretto im Jahre 1837 ein Allegro patetico geworden; die Melodie selbst soll tenuto e ben marcato klingen, wohingegen die ziemlich komplizierte Begleitung sempre fortissimo e staccatissimo auszuführen ist (1851 verdeutlichte Liszt die Textur durch die Verwendung dreier Notensysteme). Die 1826 noch recht geradlinige Terzenetüde wurde elf Jahre später bereits stark erweitert und mit beträchtlichen technischen Anforderungen versehen.

Die nächste Studie—die späteren Feux follets—beginnt 1837 mit raschen, delikaten Zweiunddreißigstelfiguren, zu denen in der Mittelstimme quieto espressivo ein melodisches Fragment erklingt. Die Musik erkundet auf anspruchsvolle Weise die gesamte Klaviatur.—Aus dem Molto agitato der g-moll-Etüde ist jetzt ein Largo patetico geworden, das mit der linken Hand allein beginnt und vor dem Einsatz der rechten Hand nach D-dur moduliert. Über eine Oktavenpassage wird ein dynamischer Höhepunkt (fff) erreicht, den Liszt mit Verzückung bezeichnet hat, und die Studien enden in einem triumphalen G-dur.

Die Etüde in Es-dur—die nachmalige Eroica—erreicht nach einer weitgreifend-chromatischen Einleitung ein Tempo di marcia, aus dem bravouröse Oktaven ausbrechen, die ihrerseits zu einer Più animato ancora- Passage am Ende mit »immer feurig« zu spielenden Begleitarpeggien in gebrochene Akkordfiguren einmünden, die über die gesamte Klaviatur hinabstürzen.—Die achte Studie ist jetzt ein Presto strepitoso und wird 1851 als Wilde Jagd zu einem noch rasanteren Presto furioso. Sie beginnt mit einer rauschenden Zweiunddreißigstelfigur, der scharf rhythmisierte Staccato-Akkorde folgen. Dieser punktierte Rhythmus bildet später die delikate Unterlage des cantablen A capriccio, quasi improvvisato.—Die As-dur-Etüde (Andantino) hat aus der Version von 1826 ein neues, nostalgisches Stück gemacht; im Zentrum steht eine Des-dur-Melodie mit kunstvollen Arpeggien und einer Kadenz, worauf das Thema des ersten Abschnitts wiederholt wird.

Es dauert nicht lange, bis in der f-moll-Studie (Presto molto agitato) komplizierte rhythmische Überkreuzungen erscheinen; gekrönt wird das Stück von einem ungemein markierten Presto feroce, dem sich als letzter Höhepunkt ein Prestissimo agitato ed appassionato anschließt.—Das Läuten der Abendglocken kennzeichnet den Beginn der elften Etüde und tritt im Laufe des Stückes immer wieder in Erscheinung. Die rhythmischen Überschneidungen, die die ausdrucksvolle Melodie in E-dur begleiten, sind in der »transzendenten« Version von 1851 abgewandelt worden. Nach schwierigen Oktavpassagen verklingt der Satz mit den letzten Glockenschlägen in der Ausgangstonart Desdur.—Die letzte Studie beginnt mit einer dramatischen Einleitung, in der gewichtige Oktaven der linken Hand mit einer kurzen, rezitativischen Passage (dolente) alternieren. Zu einer in Vierundsechzigsteln flimmernden Begleitung erhebt sich eine einfache Melodie, die von immer komplexeren Tremolo-Figuren eingefasst wird und den Etüdenband mit einer technischen Herausforderung beendet, wie man ihr nur selten begegnet.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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