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8.573710 - LISZT, F.: Berlioz Transcriptions (Feng Bian) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 46)
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Franz Liszt (1811–1886)
Berlioz-Transkriptionen

 

Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 im deutschungarischen Raiding (Doborjan) bei Odenburg (Sopron) geboren. Sein Vater Adam war Amtmann des Fursten Eszterhazy sowie ein tuchtiger Amateur auf dem Violoncello. Der kleine Franz verriet schon fruh seine musikalische Begabung, die er 1820 erstmals auch der Offentlichkeit demonstrierte, als er zunachst in Odenburg und dann in Pressburg (Bratislava) auftrat. Dieser zweite Vortrag trug der Familie eine Unterstutzung des ungarischen Adels ein, dank derer man 1822 nach Wien ubersiedeln konnte, wo Carl Czerny den Knaben im Klavierspiel und der alte Hofkomponist Antonio Salieri, der auch Beethoven und Schubert unterwiesen hatte, im Tonsatz unterrichtete. 1823 reiste Adam Liszt mit seinem Sohn nach Paris, um ihn am dortigen Konservatorium unterzubringen—doch Luigi Cherubini, der Direktor des Instituts, verweigerte dem „Auslander“ die Aufnahme. Dafur fand man in dem Klavierbauer Erard einen Forderer, der Liszt eine Virtuosenkarriere ermoglichte.

Adam Liszt starb 1827 in Frankreich, worauf die Mutter nach Paris kam. Der inzwischen sechzehnjahrige Franz gab Klavierunterricht und bemuhte sich mit einer wahren Lesewut, seinen bisherigen Mangel an Allgemeinbildung auszugleichen. Von entscheidender kunstlerischer Bedeutung war das Erlebnis Paganini: Der Hexenmeister spielte im Fruhjahr 1831 in der franzosischen Hauptstadt, und Liszt spurte, dass ihm auf dem Klavier ahnlich neue Moglichkeiten zur Verfugung stehen konnten, die er spater auch unter anderem in seinen Paganini-Etüden verwirklichte. Die Liaison mit der verheirateten Grafin Marie d’Agoult, einem „Blaustrumpf“ wie die Romanschriftstellerin und gemeinsame Freundin George Sand, sowie die Geburt dreier Kinder fuhrten zu weiteren Reisen und seit 1839 zu einer neuerlichen internationalen Virtuosentatigkeit, die Liszt eine wahre Heldenverehrung eintrug.

Im Jahre 1844 zerrissen die letzten Bande zwischen der Grafin und ihrem bisherigen Lebensgefahrten, wofur die Dame spater literarische Rache nahm. Liszt hatte inzwischen Kontakte zum Grosherzogtum Weimar angeknupft, nahm seinen Abschied vom offentlichen Konzertpodium und wurde 1848 Musikdirektor der einstigen Goethe-Residenz, wo er fortan zusammen mit der jungen polnischen Furstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein lebte, einer literarisch und theologisch ambitionierten Dame, die sich von ihrem Ehemann, einem russischen Adligen, getrennt hatte. In Weimar beginnt auch recht eigentlich die Geschichte der Symphonischen Dichtungen, mit denen Franz Liszt nach neuen musikalischen Formen suchte, wobei er sich jeweils von literarischen, malerischen oder philosophischen Werken anregen lies.

Trotz mannigfacher Bemuhungen konnte die katholische Ehe der Furstin nicht geschieden werden. Um sich schlieslich sogar beim Heiligen Vater um eine Auflosung des Bundes zu bemuhen, begab sich Carolyne 1860 nach Rom, im nachsten Jahr gefolgt von ihrem Lebensgefahrten, der in der Ewigen Stadt allerdings eine eigene Wohnung nahm. Fur Liszt begannen die „spaten Jahre“, die er als une vie trifurquée („dreigleisiges Leben“) bezeichnete: Abwechselnd lebte er in der komfortablen Ruhe eines romischen Klosters, in Weimar, wo der Meister des Klavierspiels und Prophet der Neuen Musik Hof hielt, sowie in Ungarn, wo man ihn inzwischen als Nationalhelden feierte.

Liszts uneheliche Tochter Cosima hatte zunachst den Pianisten und Dirigenten Hans von Bulow geheiratet, den sie spater fur Richard Wagner verlies, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Kinder hatte. Ihr Vater war bis zum Lebensende aktiv. Noch in seinem Todesjahr 1886 gab er Konzerte in Budapest, Paris, Antwerpen und London. Er starb in Bayreuth wahrend der Festspiele, die nach Wagners Tod von seiner Witwe Cosima geleitet wurden. Die Gegenwart des alten Vaters kam ihr damals offenbar nicht sonderlich gelegen.

Hector Berlioz hatte Franz Liszt 1830 in Paris vor der Urauffuhrung der Symphonie fantastique kennengelernt. In der Folgezeit tat er viel, um das Schaffen seines Kollegen zunachst durch Transkriptionen bekannt zu machen, bevor er in den funfziger Jahren in Weimar daran ging, seine Orchester- und Buhnenwerke im Original aufzufuhren. Berlioz erinnert sich in seinen Memoiren an die erste Begegnung: »Ich sprach mit ihm uber Goethes ›Faust‹; er gestand mir, ihn noch nicht gelesen zu haben; bald darauf schwarmte er ebenso sehr fur ihn wie ich. Wir empfanden fureinander grose Sympathie, und unsere Zuneigung ist seit jener Zeit immer inniger geworden.—Er kam auch zu meinem Konzert, und sein begeisterter Applaus beeindruckte die Zuhorer sichtlich«. Im Anschluss lud Liszt seinen Kollegen zum Abendessen nach Hause ein.

Die freundschaftliche Beziehung blieb viele Jahre bestehen, wenngleich die gegenseitige Bewunderung nicht in der ursprunglichen Form erhalten blieb. Als Liszt in Weimar die Oper Benvenuto Cellini herausbrachte, war Berlioz einige Wochen anwesend und konnte nicht verhehlen, dass ihm einige interpretatorische Freiheiten des Dirigenten nicht zusagten, so wirkungsvoll sie auch sein mochten; Liszt andererseits hatte inzwischen einige Vorbehalte gegenuber der bisweilen uber-intensiven Musik des Freundes.

Den ersten Teil des Faust hatte der junge Dichter Gerard de Nerval 1827 in einer Prosa-Ubersetzung veroffentlicht, die Berlioz im nachsten Jahr zu den ambitionierten Huit scènes de Faust (»Acht Szenen aus Faust«) benutzte. Er prasentierte das Werk 1829 als sein Opus 1, das er aber spater zuruckzog. Einen grosen Teil des Materials ubernahm er in La Damnation de Faust, an der er 1845/46 wahrend einer Konzertreise arbeitete, die ihn nach Wien, Prag, Pest, Breslau und Braunschweig fuhrte. Der Text, den er jetzt vertonte, stammte zum Teil von der Librettistin Almire Gandonniere, vor allem aber von ihm selbst. »Ich schrieb daran, wann und wo ich konnte, in der Kutsche, in der Eisenbahn, auf dem Dampfer und selbst in Stadten, trotz der verschiedenartigen Sorgen, die meine Konzerte mit sich brachten«, heist es in den nicht immer verlasslichen Memoiren zur Entstehung des Werkes: »So schrieb ich in einem Gasthaus in Passau an der bayerischen Grenze die Einleitung ›Der Winter floh, der holde Lenz ist da!‹ und in Wien schrieb ich die Szene am Elbstrand, die Arie des Mephistopheles ›Sieh, diese Rosen!‹ und das Ballett der Sylphen«. In dieser siebten Szene des zweiten Teils finden wir den schlafenden Faust, der von Geistern, Zwergen und Sylphen traumt. Mephistopheles beschert ihm zudem die Vision der geliebten Marguerite. Das Ballet des Sylphes ist ein Walzer der geisterhaften Erscheinungen, die Faust umschweben und dann allmahlich verschwinden. Liszt dirigierte die beiden ersten Teile der Damnation de Faust 1852 bei einem Berlioz-Konzert. Acht Jahre spater arrangierte er die sogenannte »Danse des Sylphes« fur Klavier, die in den ersten Takten den am Ufer schlafenden Faust darstellt.

Benvenuto Cellini, der als echter Freigeist zwar ein groser Kunstler war, in seinem privaten Leben aber keinerlei Skrupel kannte—diesen beruhmten Goldschmied und Plastiker hatte Hector Berlioz schon 1838 auf die Buhne der Pariser Opera gebracht. Liszt veranlasste den Kollegen zu einigen Revisionen, bevor er die Oper 1852 in Weimar vorstellte, wo sie allerdings ebenso wenig Erfolg hatte wie zuvor in Paris. Das Klavierstuck Bénédiction et serment: Deux motifs de Benvenuto Cellini besteht aus dem »Segen des Papstes« und »Cellinis Schwur«. Dem feierlichen ersten Thema folgt der zweite Gedanke, dessen kontinuierlich sich steigernde Intensitat so komplex wird, dass Liszt bei der Niederschrift vier Notensysteme benutzen musste.

Hector Berlioz war fasziniert, als er durch Kemble’s Company die Schauspiele von William Shakespeare kennenlernte, und ganz besonders faszinierte ihn die Hauptdarstellerin der Truppe, Harriet Smithson, die spater als seine Ehefrau indes nicht hielt, was sie in der Rolle der Ophelia oder Julia versprochen hatte. Die Konzertouverture zu König Lear ist ein fruhes Zeugnis der Shakespeare-Begeisterung. Sie war bereits 1831 in Nizza entstanden, wo sich Berlioz den Statuten des Prix de Rome zufolge gar nicht hatte aufhalten durfen—doch da seine damalige Braut Camille Moke inzwischen das Verlobnis aufgelost und sich mit dem reichen Klavierbauer Pleyel vermahlt hatte, waren ihm seine personlichen Rachegeluste offenbar wichtiger als die Regeln des »Rompreises«, der ihm in diesem Jahr zugesprochen worden war.—Franz Liszt bearbeitete die Ouverture 1837 und hielt sich dabei genau an das Original mit seiner langsamen Einleitung, die den Auftritt des Konigs bezeichnet, und dem anschliesenden Allegro, dessen zweites Thema womoglich als Portrait der verstosenen Lieblingstochter Cordelia gemeint ist.

Die Symphonie fantastique ist ein bemerkenswertes Werk autobiographischen Inhalts und ein wichtiger Wegbereiter fur Komponisten wie Franz Liszt, die in der Zeit nach Beethoven versuchten, das Spektrum der musikalischen Ausdrucksmoglichkeiten zu erweitern. Diese »Episode aus dem Leben eines Kunstlers« ist von einer idée fixe durchzogen—einem immer wieder auftauchenden Melodiefragment, das die Erscheinung der Geliebten symbolisiert und zugleich das Prinzip des Leitmotivs andeutet, das Richard Wagner entwickeln sollte. 1830 war die autobiographische Natur der Symphonie etwas vollig Neues. Liszt richtete das Werk 1833 fur Klavier ein. Auserdem schrieb er L’idée fixe. Andante amoroso d’après une mélodie de Hector Berlioz uber das »Leid-Motiv«, das dem Kunstler im Laufe seiner Phantasmagorien immer wieder das Bild der Geliebten vorgaukelt—auch dann noch, wenn er sie im Opiumrausch glaubt ermordet zu haben und dafur aufs Schafott gefuhrt wird. 1846 veroffentlichte Liszt das Andante amoroso in A-dur als Einzelstuck. Im Zuge einer Revision transponierte er den Satz dann nach B-dur, um ihn als Einleitung fur die Marche au supplice verwenden zu konnen, die er schon 1833 mit den anderen vier Satzen der »fantastischen Symphonie« fur Klavier eingerichtet hatte und 1865 in einer zweiten Fassung prasentierte.

Im Dezember 1833 hatte Hector Berlioz nach einer Auffuhrung der Symphonie fantastique den grosen Geiger Niccolo Paganini kennengelernt, der den jungen Komponisten mit einem Konzert fur seine Stradivari-Viola beauftragte. Nach einigem Zogern machte sich Berlioz an die Arbeit. Das Resultat war allerdings nicht das von Paganini gewunschte, sondern eine Symphonie fur Bratsche und Orchester namens Harold in Italien, an deren Entstehung Lord Byrons Childe Harold und der Italienaufenthalt des Rompreistragers Berlioz gleichen Anteil hatten. Das Werk wurde 1834 vollendet und im November desselben Jahres am Pariser Konservatorium uraufgefuhrt. Die Drucklegung erfolgte erst vierzehn Jahre spater. Der zweite Satz, die Marche des pèlerins chantant la prière du soir, kombiniert das Thema des Helden mit dem gleichmasigen Marsch der Pilger, die wahrend ihrer Prozession das Abendgebet singen.—Franz Liszt hatte das viersatzige Werk schon zwei Jahre nach der Premiere fur Bratsche und Klavier bearbeitet. Diesem Arrangement folgte eine eigenstandige Fassung des Pilgermarsches, den Liszt 1862 (mit eigenen Kurzungsvorschlagen) in einer zweiten Version herausbrachte.

Von seiner ersten Oper Les Francs-Juges (»Die Femerichter«) hatte sich Berlioz einiges versprochen. Doch trotz aller Bemuhungen blieb das 1826 auf ein Libretto seines Freundes Humber Ferrand entstandene Werk unaufgefuhrt, und neben einigen Fragmenten blieb nur die populare Ouverture erhalten. 1837, ein Jahr nach der Publikation des Werkes, schuf Liszt seine Klavierfassung, die auf effektvolle Weise die ursprungliche Dramatik von dem wispernden Beginn bis zur bedrohlichen Aufregung des nachfolgenden Allegro festhalt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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