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8.573854 - Lute Duo Music (Two Lutes with Grace - Plectrum Lute Duos of the Late 15th Century) (Lewon, Kieffer)
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Pietrobono und das Lautenduo des 15. Jahrhunderts

 

Pietrobono dal Chitarino (ca. 1417–1497) aus Ferrara, der zu Lebzeiten als weltbester Lautenist galt, ist heute verstummt, da keine Aufzeichnungen seiner Musik existieren, die er an den italienischen Fürstenhöfen des 15. Jahrhunderts aufführte. Dieses Schicksal teilt er mit anderen berühmten Instrumentalisten seiner Zeit, denn insgesamt fanden nur wenige notierte Beispiele instrumentaler Musik Eingang in die Überlieferung. Dennoch ist nicht alles verloren. Während die zeitgenössischen Chroniken nur sehr spärliche Details zu musikalischen Aufführungen enthalten, geben die lateinischen gedichte einiger gelehrter eine überraschende Menge an Informationen preis. Bislang beruhte unser Wissen darüber, was Instrumentalisten des 15. Jahrhunderts spielten, größtenteils auf Vermutungen. Inzwischen können wir unsere Kenntnisse über ihr Repertoire und die gestalt ihrer Aufführungen jedoch auf eine solidere grundlage stellen.

Marc Lewon und Paul Kieffer widmen sich schon seit vielen Jahren der Aufgabe, mittelalterliche Musik zu neuem Leben zu erwecken. Auf der vorliegenden CD legen sie ihren Fokus auf das Lautenduo, eine Ensemblebesetzung, die von Pietrobono selbst vorgelebt wurde, da er sich in seinen Aufführungen stets von einem „Tenorista“ begleiten ließ. Über das Repertoire dieses berühmten Duos berichten uns die lateinischen Dichter, von denen der halbblinde Aurelio Brandolini Lippi uns die meisten Informationen liefert. Er kann als Autorität in Sachen Musik angesehen werden, weil er selbst Verse zur Lira da braccio deklamierte und er die gelegenheit hatte, Pietrobono anlässlich eines Hochzeitsbanketts in neapel im Jahre 1473 zu hören; solche Veranstaltungen fanden niemals ohne Musik statt. Pietrobono war den ganzen Weg von Ferrara im gefolge der Ferrareser Hofbeamten angereist, die ausgesandt wurden, um ihre neue Herzogin, Eleonora d’Aragona, zu ihrem Ehemann, Herzog Ercole d’Este, zu geleiten. Rhetorisch fragt Lippi: „Welche Weisen spielt er auf seinen Saiten? Welche Lieder mit seinem Plektrum?“ Und antwortet selbst: „Alle Lieder, die Britannien singt, von den Musen geliebt, und Frankreich, nicht weniger von den Musen begünstigt, die flehenden Klagegesänge Spaniens in seinen weiten Landen und die Lieder des ernsthaften Italiens.“ Daraus schließen wir, dass Pietrobono die Oberstimmen bekannter Lieder eines internationalen Repertoires interpretierte und verzierte. Weder sang er, noch improvisierte er völlig frei. Das war auch nicht möglich, denn sein Tenorista, der den Tenor oder die Unterstimmen der Lieder beisteuerte, band ihn rhythmisch an ein geregeltes Metrum. Brandolini berichtet recht genau, wie das vonstattenging: Der Tenorista „beginnt verschiedene Lieder mit erfahrenem Plektrum und spielt ganze Lieder in beständigem Rhythmus… der andere beginnt seine Reise mit fliegender linker wie rechter Hand, mit den Fingern der einen und dem flinken Plektrum in der anderen, die gemeinsam im Einklang wirken. Über das gesamte Lied hinweg überschreitet er die vorgegebenen grenzen und erfindet unablässig neue Rhythmen.“

Auf dieser CD ist das umfassende Repertoire der Lautenduos des 15. Jahrhunderts abgebildet, mit einem Schwerpunkt auf französische, englische und deutsche Hits dieser Zeit: De tous biens playne ( 7  und  27 , arrangiert von Roelkin und Tinctoris), Le souvenir ( 18 , in einer Fassung von Johannes Tinctoris), Tout a par moy ( 22 , von dem Engländer Walter Frye und arrangiert von Tinctoris) und Mit ganzem willen ( 31 , anonym im Lochamer-Liederbuch). Es ist eine besondere Freude, dass fünf der Lieder von grace newcombe gesungen werden: Auf diese Weise können wir die vertrauten Melodien hören, um ihnen sodann in der beigesellten, instrumentalen Fassung nachzuspüren: das anonyme Rondeau J’ay pris amours ( 4  und  5 ); gilles Binchois’ Comme femme desconfortee ( 11  und  12 ); John Bedynghams Fortune alas ( 15  und  16 ); Fryes So ys emprentid ( 21  und  22 ); und das anonyme Mit ganzem willen ( 30  und  31 ).

nicht alle Stücke dieser Aufnahme waren in ihrer Vorlage ursprünglich vokal. Das Eröffnungsstück zum Beispiel, Josquins La Bernardina, ist ein instrumentales Ensemblestück, das von Francesco Spinacino intavoliert und 1507 im Druck veröffentlicht wurde. Spinacinos Stil ist unverkennbar: unermüdliche Läufe der Oberstimme werden von zwei Unterstimmen gestützt, die in gleichmäßigem Puls wiederholt angeschlagen werden ( 1   6   10   17   19   28 ). Das ist eine raffinierte Methode, um das Problem langer Tenornoten in den griff zu bekommen, die bei nur einer note pro Takt von der Fülle der Oberstimmendiminutionen völlig erdrückt worden wären. Die Aufspaltung solcher noten in vier Anschläge pro Takt stellt sicher, dass die harmonischen Zusammenklänge nicht verlorengehen. La Spagna ( 8 ) ist eine Bearbeitung auf Basis eines Basse Danse-Tenors. Diese Fassung stammt aus der Handschrift Perugia, Biblioteca Comunale Augusta, MS 1013 (M 36), in der verwandte, instrumentale Arrangements erhalten sind (darunter die hier eingespielten  2   5   16  und  25 ). Die Tanzmusik ist vertreten durch Joan Ambrosio Dalzas Calata ( 3 ) und seinen Saltarello ( 23 ) mit Piva ( 24 ), veröffentlicht 1508 in Venedig. Diese Stücke verwenden einen stabilen Rhythmus, sind aber flexibler als Spinacinos Arrangements. Tanz war ein unentbehrlicher Bestandteil des höfischen Lebens und die meisten Hofinstrumentalisten waren in die Bereitstellung passender Musik in irgendeiner Weise eingebunden.

Andere Teile des Repertoires spiegeln eher persönliche Aspekte der Aufführung wider. Dazu gehören die beiden Duos ( 2  und  25 ), für die keine melodische Vorlage nachgewiesen werden konnte. Ungewöhnlich ist die Doppelzuschreibung des ersten Duos an Alexander Agricola und Johannes ghiselin, als hätten die beiden das Stück gemeinsam geschrieben (sie waren langjährige Freunde). Die Stimmen dieser Duos sind in gleicher Lage; das Interesse gilt dabei nicht der melodischen gestalt, sondern dem Wechselspiel zwischen den beiden Instrumenten. Das gleiche trifft für Tinctoris’ Fecit potentiam ( 14 ) zu. Sein Alleluia ( 9 ) ist ein Beispiel für eine niedergeschriebene gesangsimprovisation über einen Cantus firmus aus dem Repertoire des Chorals, eine Praxis, die als „super librum- Singen“ bezeichnet wurde. Agricolas Gaudeamus omnes in Domino ( 29 ) ist schwerer einzuordnen. Es beginnt zwar mit einer Intonationsformel in Choralnotation, die an vokale Praktiken erinnert, hat aber in der nachfolgenden Verarbeitung kaum vokalen Charakter.

Manche Stücke dieser CD werden die Hörer*innen aufmerken lassen: überraschende Einsätze und abruptes Innehalten, unerwartete Verlangsamung, scheinbar willkürliche Läufe in die eine oder andere Richtung und ein jäh einsetzendes Dreiermetrum, das ebenso plötzlich wieder verlassen wird. Wirft man einen Blick auf die Originalnotation, erklären sich diese Phänomene: die betreffenden Stücke (besonders  5   13  und  16 ) sind voller Proportionswechsel und gelegentlich müssen noten, die lang aussehen, in Wahrheit sehr schnell gespielt werden. Zwei der Stücke kommen aus der oben genannten Perugia-Handschrift, ein weiteres aus einer Handschrift, die um 1500 entstanden ist und im Archivo de la Catedral von Segovia liegt. Beide Quellen enthalten umfangreiche Sammlungen von Duokompositionen mit derartigen Proportionen. Sie mögen zum Teil didaktisch angelegt sein, sind aber in jedem Fall eine Bewährungsprobe für die Aufführenden. Ich nehme an, dass sie in der Absicht notiert wurden, wenigstens ein blasses Abbild dessen zu liefern, was ein Lautenvirtuose vom Format eines Pietrobono zu spielen in der Lage war.

Track  20  war bis vor Kurzem unbekannt, als es auf dem Deckblatt einer Handschrift in einem College der Universität Oxford entdeckt wurde. Eine einzelne Stimme steht dort textlos, aber mit der Beischrift eines englischen Schreibers: „Tenor So ys enprentyd etc.“ Es handelt sich dabei aber nicht um den Tenor zu Fryes bekanntem, gleichnamigem Lied, das hier vokal aufgenommen wurde ( 21 ). Es ist vielmehr ein neuer Tenor, der zu Fryes Oberstimme gesetzt wurde, und ist zugleich ein treffendes Beispiel für den Einfallsreichtum der Komponisten und Aufführenden des 15. Jahrhunderts.

Bonnie J. Blackburn
Deutsche Übersetzung: Marc Lewon

Für eine Detailstudie zu Pietrobono, siehe den kürzlich erschienenen Artikel von Bonnie J. Blackburn: ‘“The Foremost Lutenist in the World”: Pietrobono dal Chitarino and his Repertory’, in: Journal of the Lute Society of America 51 (2018), S. 1–71.

Two Lutes with Grace

Das Lautenduo ist neben der Alta Capella (einer lauten Bläserbesetzung) eine der bestbelegten Ensemblebesetzungen für Instrumentalmusik im 15. Jahrhundert. Die Forschung hat sich in den letzten Jahrzehnten diesem Ensemble aus zwei Lauteninstrumenten, seinem Repertoire und seinen Interpreten intensiv gewidmet. Daneben gab es immer wieder Anläufe, die gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Federführend war dabei Crawford Young, der mit seinem Duopartner Karl-Ernst Schröder im Jahre 2001 schließlich eine Einspielung mit Lautenduos um 1500 vorstellte (AMOURS AMOURS AMOURS. Lute Duos around 1500, Karl-Ernst Schröder & Crawford Young, glossa 2001). Crawford Young war unser aller Lehrer und ihm widmen wir unser vorliegendes Aufnahmeprojekt, das ein Erbe seiner Arbeit ist und sich als Fortsetzung seines wegweisenden Albums versteht. Die eingespielten Repertoires überschneiden sich zwar zu knapp einem Drittel, die größte Überlappung allerdings besteht in den sechs Duos aus dem Druck von Francesco Spinacino. Während Young und Schröder das Lautenduo an der Schnittstelle vom 15. zum 16. Jahrhundert in den Vordergrund stellten und ihre Aufnahme mit fingergezupften Lauten vornahmen, legen wir den Schwerpunkt auf Repertoire und Spieltechniken des späten 15. Jahrhunderts, in eine Zeit also, in der die Lauten noch durchgehend mit dem Plektrum gespielt wurden. Ferner kombinieren wir, wie es im 15. Jahrhundert üblich war, sowohl zwei gleiche Plektrumlauten (hier in nomineller AStimmung), sowie ein größeres und ein kleineres Lauteninstrument – in diesem Fall die kleinere Quinterne, die jeweils die verzierte Oberstimme übernimmt ( 8   12   13   16   18   27 ). In den Fällen, in denen der Tenorista nicht nur eine Stimme, sondern eine Intavolierung von Tenor und

Contratenor zu spielen hat – darunter z. B. die Duos von Spinacino und Dalza –, verwenden wir gelegentlich eine Kombination aus Plektrum- und Fingernagelspiel, wie sie ebenfalls von Crawford Young entwickelt und an seine Studenten weitergegeben wurde. Eine Technik, die am Übergang von reinem Plektrum- zu reinem Fingerspiel steht und sich an Arrangements und Abbildungen des mittleren bis späten 15. Jahrhunderts ablesen und rekonstruieren lässt.

Ziel unserer Einspielung ist es, ein erhaltenes Instrumentalrepertoire, das sich plausibel mit der Praxis der Lautenduos des späten 15. Jahrhunderts assoziieren lässt, zusammenzustellen und zu konsolidieren. Einige der hier eingespielten Melodien werden sich mit Sicherheit im Repertoire Pietrobonos und seines Tenorista befunden haben, wenngleich in anderen, aber vergleichbaren Bearbeitungen.

Marc Lewon


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