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8.574029 - SCHUMANN, R.: Lied Edition, Vol. 9 - Romances, Ballads and Melodramas (D. Roth, Eisenlohr)
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Robert Schumann (1810–1856)
Romanzen, Balladen und Melodramen

 

Wie viele andere Künstler seiner Generation hat Robert Schumann viel gelesen. Darin bestärkte ihn sein Vater August, der seine eigenen literarischen Ambitionen und Fähigkeiten genutzt hatte, sich in Zwickau als Buchhändler und Verleger zu etablieren. Er war es auch, der seinem Sohn das literarische Interesse sowie die Liebe zur Musik vermittelte, die schließlich den Sieg davontragen sollte. Schumanns Vater starb im Jahre 1826 und hinterließ Robert die nötigen Mittel zur weiteren Ausbildung, die unter der Obhut seiner Mutter und des Zwickauer Geschäftsmannes Gottlob Rudel vonstatten ging, was sich als ebenso praktische wie notwendige Vorsichtsmaßnahme erwies. Nach Abschluss seiner Schulzeit sollte der junge Mann Rechtswissenschaften studieren. Zu diesem Behufe immatrikulierte er sich an der Leipziger Universität, bevor er sich – einem Freunde folgend – nach Heidelberg verfügte. Sonderlich groß war die Neigung zu dem Gegenstand nicht; dafür nahmen die musikalischen Neigungen zu. In Leipzig hatte er den Pianisten Friedrich Wieck kennengelernt, der nach einer eigenen Methode Klavierunterricht gab und zudem mit Klavieren handelte. Die Beziehung zu Wieck war für Schumann von nachhaltiger Bedeutung: Dank seiner konnte der angehende Musiker die Mutter und den Vormund dazu überreden, ihm ein Studium bei Wieck zu gestatten.

Die systematische musikalische Ausbildung, mit der Schumann im Oktober 1830 begann, war nicht von Dauer. Schon bald war dem Schüler das Studium verdrießlich und unbefriedigend. Gleichzeitig fügte er seiner rechten Hand einen irreparablen Schaden zu, als er versuchte, mittels einer »Zigarrenmechanik«, wie es in den Tagebüchern heißt, seine Klaviertechnik zu verbessern – damit waren alle Aussichten auf eine Karriere als Konzertpianist dahin. Er fand in Wiecks Haushalt indes die Zeit für andere Interessen. Er entwickelte seine kompositorische Begabung weiter und schrieb mancherlei für Klavier; außerdem bandelte er mit einer gewissen Christel an, der eine kurzlebige Verlobung mit seiner Mitschülerin Ernestine von Fricken folgte: Diese galt als die Tochter des Barons Ferdinand Ignaz von Fricken, war aber in Wahrheit das uneheliche Kind seiner Schwägerin, Gräfin Caroline Ernestine Louise von Zedtwitz. Die Entdeckung dieser Tatsache beendete die Beziehung, und Schumann richtete sein Interesse fortan auf die inzwischen sechzehnjährige Clara Wieck, die ihr Vater nach seinen eigenen pädagogischen Methoden unterrichtete und erzog und der es bestimmt war, die führende Pianistin des Jahrhunderts zu werden.

Zwar untersagte Wieck jeglichen Kontakt zwischen Robert Schumann und Clara, doch ohne Erfolg: Selbst ein Gerichtsverfahren, dass »der Alte« angestrengt hatte, brachte nicht die gewollte Trennung. Vielmehr heiratete das Paar im Jahre 1840, und dieser »Frühling« inspirierte Schumann, der bis dahin eine stattliche Zahl reiner Klavierwerke geschrieben hatte, zu einem geradezu explosiven Liederschaffen. In den ersten Ehejahren, in denen Clara eine größere Reputation genoss als ihr Gemahl, entstanden zahlreiche ambitionierte Werke. 1844 ging die (immer größer werdende) Familie nach Dresden, nachdem Schumann seine Neue Zeitschrift für Musik verkauft hatte, die er 1834 als besonderes Vehikel seiner literarischen und journalistischen Neigungen gegründet und redaktionell geführt hatte. Es gab finanzielle Probleme, und außerdem war es um die mentale Stabilität Schumanns, der zur Depression neigte, nicht zum Besten bestellt. Gleichwohl übernahm er 1847 die Leitung der Dresdner Liedertafel, in der sich eine Reihe sangesfreudiger Amateure zusammengetan hatten. Seit 1843 hatten diese ihrer Kunst unter Richard Wagner gefrönt, dem Ferdinand Hiller, der jetzt aber nach Düsseldorf wechselte, nachgefolgt war. Schumann übernahm das Amt und gründete bereits Ende 1847 einen größeren Chor, den Verein für Chorgesang, für den er mehrere Werke verfasste.

Dresden war für die Schumanns in vieler Hinsicht enttäuschend. Sie vermissten die professionellen musikalischen Aktivitäten, die das Leipziger Leben geprägt hatten. Schumann selbst war als Komponist nur bedingt erfolgreich, und 1848 beklagte sein Verleger Breitkopf und Härtel, dass sich mit seinen Sachen kein Gewinn erzielen ließe. Diese Aussage und der offenkundige Bedarf an gut verkäuflichen Werken (wie gewöhnlich für die große Zahl der Hausmusik-Freunde) regten Schumann zu einer ganzen Reihe entsprechender Stücke an – darunter rund vierzig Sätze für gemischte Stimmen.

Die Ereignisse der letzten Lebensjahre sind wohlbekannt. Hiller hatte sich entschieden, seine Düsseldorfer Position aufzugeben und nach Köln zu gehen. Schumann war als sein Amtsnachfolger gewählt worden. Düsseldorf begrüßte das Ehepaar äußerst freundlich, doch nach und nach kam es zu Schwierigkeiten – insbesondere, da Schumann früher keine sonderlichen Erfahrungen als Orchesterdirigent hatte sammeln können und dieses Defizit sich jetzt sehr nachteilig bemerkbar machte. Die Stadt am Rhein schien nicht mehr der rechte Platz zum Leben, und die Lage eskalierte, als die mentalen Probleme, die Schumann immer wieder zu schaffen gemacht hatten, neuerlich auftraten. Nach einem Selbstmordversuch im Februar 1854 begab er sich freiwillig in die private Irrenanstalt zu Endenich bei Bonn, wo er zwei Jahre später starb.

Schumanns literarische Bildung zeigt sich an der Auswahl der Gedichte, die er sich zur Vertonung vornahm. Während Franz Schubert in seinen Liedern einen besonderen Platz für die (oftmals dem eigenen Wiener Kulturkreis zugehörigen) Zeitgenossen fand, verriet der auf diesem musikalischen Gebiete beinahe ebenso produktive Schumann einen erleseneren Geschmack. Unter anderem bewunderte er Heinrich Heine (1797–1856), der sich seit seinen ersten Publikationen in den zwanziger Jahren einen immer größeren Namen gemacht hatte. Der Sohn einer jüdischen Familie hatte sich, wie zum Beispiel die Mendelssohns, taufen lassen, um gegebenenfalls eine Karriere als Akademiker, Jurist oder Regierungsbeamter einschlagen zu können; 1827 veröffentlichte er Heine das Buch der Lieder, mit dem er seine Stellung unter den Literaten der Zeit etablierte. Im nächsten Jahr begegnete der inzwischen immatrikulierte Schumann dem Dichter in München, wo dieser sich damals gerade vergebens um eine Universitätsstelle bemühte. Obwohl sich der junge Student bei Heine hatte einführen lassen, sah er dem Zusammentreffen doch mit Bedenken entgegen, da er aus dem mitunter etwas bitteren Ton der Gedichte auf den Charakter ihres Verfasser glaubte schließen zu können. Die Begegnung war indes sehr erfreulich, und Heine nahm sich die Zeit, Schumann in München herumzuführen.

Seine ersten Heine-Vertonungen schuf Robert Schumann in seinem sogenannten »Liederjahr« 1840, in dem er sich auch mit Clara vermählte. Dem Liederkreis op. 24 folgte der Zyklus der Dichterliebe op. 48. Weitere Kompositionen nach Heine wurden in die Romanzen und Balladen aufgenommen: Der zweite der vier Bände beginnt mit Die beiden Grenadiere, worin von zwei französischen Soldaten erzählt wird, die aus russischer Gefangenschaft in die Heimat ziehen. Verwundet sind sie und verzweifelt, da ihr Kaiser Napoleon geschlagen wurde; die melodische Linie der Marseillaise, die am Schluss in der Klavierbegleitung erklingt, spricht von ihrer Loyalität. Als zweites folgen Die feindlichen Brüder, die sich beide in dasselbe Mädchen verlieben, sich darüber entzweien und einander im Duell töten. Das kurze instrumentale Nachspiel spiegelt das Ende der Familie. Die Kollektion schließt mit dem Gedicht Die Nonne aus der Feder des schweizerischen Lehrers und Pfarrers Abraham Emanuel Fröhlich (1796–1865): Die Klosterfrau – gewissermaßen ein Topos der Romantik – bleibt allein, während andere sich verheiraten.

Der erste Band der Romanzen und Balladen op. 45 enthält zwei Kompositionen auf Gedichte des Freiherrn Joseph von Eichendorff (1788–1857), der zu den führenden Autoren seiner Zeit gehörte und sich – ganz anders als Heine – durch seinen generellen Optimismus, seinen katholischen Glauben und seine Landschaftsschilderungen auszeichnet. Nach dem ersten Lied, der moralischen Geschichte vom allzu gierigen Schatzgräber, erzählt die Frühlingsfahrt vom unterschiedlichen Los zweier Jünglinge, die sich aufmachen, den Ernst des Lebens zu erkunden. Der Band endet mit Heines Abends am Strande, in dem sich eine größere emotionale Bandbreite auftut.

Zu Schumanns Favoriten zählten auch die Gedichte des Adelbert von Chamisso (1781–1838), der sich vor der französischen Revolution nach Preußen geflüchtet und dort niedergelassen hatte. Der Mitarbeiter am Musenalmanach auf das Jahr 1804 machte sich als Wissenschaftler und Botaniker einen Namen, während von seinen Gedichten vor allem der von Robert Schumann und (auszugsweise auch von Carl Loewe) vertonte Zyklus Frauenliebe und -leben in Erinnerung blieb. Der Name des Poeten erscheint auch in Schumanns Opus 40: Es sind dies die Fünf Lieder (»Vier Gedichte aus dem Dänischen von H.C. Andersen und eines aus dem Neugriechischen, übersetzt von A. von Chamisso«) – die letzte dieser fünf Übersetzungen (»Verratene Liebe«) hielt Schumann für ein Originalwerk Chamissos. Gemeinsam ist diesen Gedichten eine gewisse erzählerische Einfachheit, die in Schumanns Vertonungen ihren Widerhall findet.

In dem bereits erwähnten »Liederjahr« vertonte Schumann unter anderem auch drei authentische Chamisso-Gedichte, die er als Opus 31 publizierte. Den Beschluss der kleinen Trilogie bildet Die rothe Hanne, die sich mit ihren drei kleinen Kindern durchs Leben schleppt, nachdem ihr Mann als Wilddieb eingekerkert wurde.

Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen wandte sich Robert Schumann in den frühen fünfziger Jahren erneut der Gattung des Liedes zu. Um 1850 entstand Der Handschuh nach Friedrich von Schillers gleichnamigem Gedicht, das im Musenalmanach auf das Jahr 1798 erschienen war und auf einer Anekdote aus den Essais historiques sur Paris von Germain-François Poullain de Saint-Foix (1698–1776) basiert – eine weiland recht beliebt gewesene Ballade von einem tollkühnen Ritter, der auf den Dank einer überheblichen Dame keinen Wert legte ...

Zur selben Zeit wandte sich Schumann einem Genre zu, das er seiner Originalität wegen schätzte – dem Melodram, in dem sich gesprochene Textdeklamationen und instrumentale Begleitung miteinander verbinden. Im späteren 18. Jahrhundert hatte diese Form bereits eine gewisse Popularität erlangt, als Komponisten wie Georg Benda und selbst Mozart größere oder kleinere Beiträge leisteten. Zu Schumanns melodramatischen Werken mit Klavierbegleitung gehört die Ballade vom Haideknaben, in der der Dramatiker Christian Friedrich Hebbel (1813–1863) von einem schaurigen Mord und tödlicher Vergeltung erzählt. Von Percy Bysshe Shelley (1792–1822) stammt die Ballade The Fugitives, deren Übersetzung Schumann für ein zweites Melodram namens Die Flüchtlinge gewählt hat: Ein Liebespaar flieht über die stürmische See und kommt dabei ums Leben. Schön Hedwig schließlich fußt wiederum auf einem Gedicht von Friedrich Hebbel, der in dieser Erzählung ein glücklicheres Ende fand.

Auch Niklaus Lenau (1802–1850) war einer der Dichter, für die sich Robert Schumann sehr interessierte und den er gern kennengelernt hätte, wenn er nicht so schüchtern gewesen wäre. Der depressive Poet verfiel nach einem Schlaganfall rasch in geistige Umnachtung und starb, nachdem er 1844 in eine Irrenanstalt verbracht worden war, in einem Pflegeheim bei Wien. Sein Tod am 22. August 1850 veranlasste Schumann, sechs seiner Gedichte zu vertonen und diesen Zyklus mit einem Requiem zu beschließen. Die vier Husarenlieder entstanden 1851 auf Texte, hinter deren scheinbarer Einfachheit sich verstörende Ahnungen verbergen.

Eine letzte Ballade ist Des Sängers Fluch aus dem Jahre 1852 nach Ludwig Uhland (1787–1862). Eine atmosphärische Begleitung bildet die Grundlage für die Geschichte von dem Sänger, der den grausamen König verflucht, nachdem dieser seinen Kameraden getötet hat: Das Werk gehört in die Reihe der späten, zum Teil für Chor und Orchester komponierten Balladen, mit denen Schumann womöglich Vorstudien für eine neue Oper angestellt hat.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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