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8.574149 - LISZT, F.: Transcriptions - Nibelungen / Lucrezia Borgia / Preciosa / A Midsummer Night's Dream (Ivanov) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 55)
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Franz Liszt (1811–1886)
Bearbeitungen nach Werken von Donizetti, Lassen, Mendelssohn, Meyerbeer und Weber

 

Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 im deutschungarischen Raiding (Doborján) bei Ödenburg (Sopron) geboren. Sein Vater Adam war Amtmann des Fürsten Eszterházy sowie ein tüchtiger Amateur auf dem Violoncello. Der kleine Franz verriet schon früh seine musikalische Begabung. Durch die Unterstützung des ungarischen Adels konnte die Familie nach Wien übersiedeln, wo Carl Czerny den Knaben im Klavierspiel und der alte Hofkomponist Antonio Salieri, der auch Beethoven und Schubert unterwiesen hatte, ihn im Tonsatz unterrichtete. 1822 reiste Adam Liszt mit seinem Sohn nach Paris, um ihn am dortigen Konservatorium unterzubringen – doch Luigi Cherubini, der Direktor des Instituts, verweigerte dem »Ausländer« die Aufnahme. Dafür fand man in dem Klavierbauer Érard einen Förderer, der Liszt eine Virtuosenkarriere ermöglichte.

Adam Liszt starb 1827 in Frankreich, worauf die Mutter nach Paris kam. Der inzwischen sechzehnjährige Franz gab Klavierunterricht und widmete sich mit größtem Interesse den literarischen Trends der Zeit. Von entscheidender künstlerischer Bedeutung war das Erlebnis Paganini: Der Hexenmeister spielte im Frühjahr 1831 in der französischen Hauptstadt, und Liszt spürte, dass ihm auf dem Klavier ähnlich neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen könnten, die er später auch unter anderem in seinen Paganini-Etüden verwirklichte. Die Liaison mit der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult, einem »Blaustrumpf« wie die Romanschriftstellerin und gemeinsame Freundin George Sand, sowie die Geburt dreier Kinder führten zu weiteren Reisen und seit 1839 zu einer neuerlichen internationalen Virtuosentätigkeit, die Liszt eine wahre Heldenverehrung eintrug.

Im Jahre 1844 zerrissen die letzten Bande zwischen der Gräfin und ihrem bisherigen Lebensgefährten, wofür die Dame später literarische Rache nahm. Liszt hatte inzwischen Kontakte zum Großherzogtum Weimar angeknüpft, nahm seinen Abschied vom öffentlichen Konzertpodium und wurde 1848 Musikdirektor der einstigen Goethe-Residenz, wo er fortan zusammen mit der jungen polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn- Wittgenstein lebte, einer literarisch und theologisch ambitionierten Dame, die sich von ihrem Ehemann, einem russischen Adligen, getrennt hatte. In Weimar beginnt auch recht eigentlich die Geschichte der Symphonischen Dichtungen, mit denen Franz Liszt nach neuen musikalischen Formen suchte, wobei er sich jeweils von literarischen, malerischen oder philosophischen Werken anregen ließ.

Trotz mannigfacher Bemühungen konnte die katholische Ehe der Fürstin nicht geschieden werden. Um sich schließlich sogar beim Heiligen Vater um eine Auflösung des Bundes zu bemühen, begab sich Carolyne 1860 nach Rom, im nächsten Jahr gefolgt von ihrem Lebensgefährten, der in der Ewigen Stadt allerdings eine eigene Wohnung nahm. Für Liszt begannen die »späten Jahre«, die er als une vie trifurquée (»dreigleisiges Leben«) bezeichnete: Abwechselnd lebte er in der komfortablen Ruhe eines römischen Klosters, in Weimar, wo der Meister des Klavierspiels und Prophet der Neuen Musik Hof hielt, sowie in Ungarn, wo man ihn inzwischen als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth während der Festspiele, die nach Wagners Tod von seiner Witwe Cosima geleitet wurden. Die Gegenwart des alten Vaters kam ihr damals offenbar nicht sonderlich gelegen.

Eduard Lassen wurde am 13. April 1830 in Kopenhagen als Sohn des jüdischen Kaufmanns und Kleiderhändlers Ludwig Lassen und seiner Frau Hetty geboren. Der Vater eröffnete bald ein Handelshaus in Brüssel, und so kam der Knabe in den Genuss einer Ausbildung am Königlichen Konservatorium der belgischen Hauptstadt. Nach weiteren Studien in Deutschland und Italien fand Lassen seinen Weg nach Weimar, wo er den größten Teil seiner vierzigjährigen Künstlerlaufbahn zubrachte: Zunächst übernahm er 1858 den Posten des Musikdirektors, und 1861 wurde er Franz Liszts Nachfolger als Hofkapellmeister. Mit seinen Opern hatte Eduard Lassen nur begrenzte Erfolge, wohingegen seine Bühnenmusiken namentlich zu Friedrich Hebbels Nibelungenlied und Johann Wolfgang von Goethes Faust seinerzeit durchaus beliebt waren. Beide Kompositionen hat Franz Liszt zu Klavierstücken verarbeitet.

Der weitgehend autodidaktische Dramatiker und Dichter Friedrich Hebbel (1813-1863) genoss bei seinen Zeitgenossen hohes Ansehen und ließ sich schließlich in Wien nieder, wo er bis zu seinem Tode lebte. 1861 inszenierte man in Weimar die ersten zwei Teile seiner Nibelungen, die zwei Jahre später auch in Wien zu sehen waren. Eduard Lassen hat dazu insgesamt elf »Charakterbilder« komponiert, von denen Franz Liszt die Nummern 5 und 8 zur Bearbeitung auswählte. Das Ergebnis dieser Übertragung widmete er seiner Schülerin, der Komponistin Ingeborg von Bronsart.

Das erste der ausgewählten Stücke stammt aus Siegfried’s Tod, dem zweiten Teil des »deutschen Trauerspiels in drei Abtheilungen«. In Hagen und Kriemhild lässt sich die junge Frau, »in Alles vergessender Liebe nur an Siegfried denkend«, von dem tückischen Hagen dazu verleiten, die »vom Drachenblut nicht berührte Stelle« zu verraten, worauf der Schurke seine Mordtat vollbringt (der zum Abschluss Kriemhild’s Rache folgen wird). Bechlarn. Giselher und Gudrun bieten in dem ansonsten sehr blutigen Kontext der dritten »Abtheilung« ein angenehmes Zwischenspiel. Während die Nibelungen Kriemhilds Einladung nach Heuneland folgen, rasten sie bei Rüdeger von Bechlarn und seiner Gemahlin Götelind; der Ritter Giselher legt sein Schwert nieder und wirbt um Gudrun, die liebliche Tochter des Markgrafen.

Zu den beiden Teilen des Faust von Johann Wolfgang von Goethe hat Eduard Lassen eine weitaus umfangreichere Bühnenmusik geschrieben.

Franz Liszt übertrug aus dieser den Osterhymnus des ersten Teils, auf Grund dessen Faust von seinem geplanten Selbstmord absteht, sowie den Marsch und die Polonaise, die in der Tragödie zweitem Teil während des Festes bei Hofe gespielt werden.

Wie William Shakespeare, so übte auch der große spanische Dichter Pedro Calderón de la Barca (1600-1681) eine besondere Anziehungskraft auf die deutschen Romantiker aus – nicht zuletzt, weil er in La vida es sueño (»Das Leben ein Traum«) etwas von dem philosophischen Dilemma darstellte. Sein 1635 uraufgeführtes Lustspiel El mayor encanto, amor (»Über allen Zauber Liebe«) handelt von der Zauberin Circe und ihrem Gefangenen Odysseus, der hier leicht feminine Züge trägt – weshalb man das Stück auch als Satire auf den Königshof Philipps IV. glaubte auffassen zu können. Lassen hat zu der Weimarer Inszenierung unter anderem ein symphonisches Intermezzo geschrieben, das Liszt bearbeitete und 1883 publizierte. Nach einem emphatischen Beginn mündet der umfangreiche Satz in ein Andante amoroso, bevor er an Parsifal erinnert und mit Anklängen an den Anfang zu Ende geht.

Seine Opernarie S701h/1 dürfte Franz Liszt in seinen frühen Jahren geschrieben haben. Dem im üblichen Opernstil gehaltenen Satz schließt sich die unvollendete Skizze einer ornamentierten Variation an. Als nächstes folgt in unserem Programm ein Fragment der Valse infernale aus Giacomo Meyerbeers spektakulärer Oper Robert le diable, die 1831 in Paris herausgekommen war und zehn Jahre später die Quelle für Liszts Réminiscences de Robert le diable darstellte (die eine ausführlichere Fassung derselben Valse infernale sowie eine Cavatine aus der Oper enthalten).

Seine Réminiscences de Lucrezia Borgia, Grande fantaisie sur des motifs de l’opéra de Gaetano Donizetti hat Liszt 1849 veröffentlicht. Es handelt sich dabei um die erweiterte Bearbeitung des hier eingespielten Stückes, das Liszt im frühen Winter des Jahres 1840 in Hamburg geschrieben hatte. Donizettis zweiaktige Oper basiert auf Victor Hugos Schauspiel Lucrèce Borgia von 1833 und wurde noch im selben Jahr wie dieses uraufgeführt. Die Chanson à boire (»Trinklied«) auf die Worte »Il segreto per esser felici« (»Das Geheimnis des Glücks«) wird im zweiten Akt des Werkes von dem jungen römischen Edelmann Maffio Orsini (Mezzosopran) gesungen, während er und seine Freunde den von der mörderischen Titelheldin vergifteten Wein trinken. Diese weiß freilich nicht, dass ihr eigener Sohn Gennaro unter den Zechern ist. Liszt hat diese Szene mit Elementen aus dem festlichen Prolog durchsetzt: Die maskierte Lucrezia beobachtet ihren seit langem verschollenen Sohn, der entsetzt feststellen muss, wen er da vor sich sieht, als sein Freund Orsini die berüchtigte Borgia des Mordes an seinem Bruder beschuldigt.

Die Valse de concert sur deux motifs de Lucia et Parisina erschien 1852 als drittes Stück eines Heftes mit Caprices-valses. Dabei handelt es sich um die Revision der früheren Valse à capriccio sur deux motifs de Lucia et Parisina de Gaetano Donizetti S401/R155. Donizettis Lucia di Lammermoor nach Sir Walter Scotts Roman Die Braut von Lammermoor war 1835 uraufgeführt worden. Liszt übernahm daraus das Walzerthema der Arie »Verranno a te sull’aure« (»Es wird dir meine Seufzer der Zephir übertragen«), mit der sich Lucia im ersten Akt von ihrem Geliebten Edgardo verabschiedet. Die weit weniger bekannte Oper Parisina d’Este nach einem Gedicht von Lord Byron wurde 1833 in Florenz uraufgeführt. Azzo d’Este, der Herzog von Ferrara, hatte einst seine erste Gemahlin durch seine Eifersucht in den Tod getrieben. Später nahm er Parisina Malatesta zur Frau. Als Ugo, der Sohn des Herzogs aus erster Ehe, nach langen Jahren an den Hof kommt, verliebt er sich in die »Stiefmutter«, worauf ihn sein Vater hinrichten lässt. Liszt verwendet ein Thema aus dem zweiten Akt der Oper.

Das Interesse an der frühen spanischen Literatur findet auch in der Preziosa, die der Schauspieler und Dramatiker Alexander Wolff nach einem Werke von Cervantes geschrieben hat, seinen Niederschlag. Die Titelgestalt ist ein Zigeunermädchen, in die sich ein junger Edelmann verliebt hat. Im Laufe der Geschichte erweist sich, dass sie einst von Zigeunern geraubt wurde, tatsächlich aber von respektabler Herkunft ist. Carl Maria von Weber schrieb 1821 zu dieser Preziosa seine Schauspielmusik, worin die Protagonistin unter anderem das bezaubernde Liebeslied »Einsam bin ich, nicht alleine« singt, das Liszt 1848 übertragen hat.

Die Konzertparaphrase des Hochzeitsmarsches und des Elfentanzes aus Mendelssohns Musik zu Shakespeares Sommernachtstraum hat Franz Liszt in den Jahren 1849/50 verfasst. Dabei erweiterte er den Marsch um einige virtuose Elemente und bekannte Elfen- Figurationen, die er in der Ouvertüre und anderen Teilen der Schauspielmusik vorfand.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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