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8.574213 - FUCHS, R.: Violin Sonatas Nos. 1-3 (Hyejin Chung, Warren Lee)
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Robert Fuchs (1847–1927)
Violinsonaten Nr. 1–3

 

Unter dem recht prägnanten Titel »Der schreckliche Brahms« erschien im Januar 1937 in The Musical Quarterly ein Artikel, in dem Alfred von Ehrmann sich mit dem Briefwechsel zwischen Brahms und vielen seiner Bekannten (wie Joseph Joachim und Max Bruch) auseinandersetzte und sich fragte, warum Brahms in seinem persönlichen Umgang so außerordentlich rücksichtslos war. Wir erfahren allerdings auch, dass es zwei Komponisten gab, die den schlimmsten Auswüchsen seiner »schrecklichen« Taktlosigkeit entgingen, obwohl Brahms ansonsten jede gesellschaftliche Etikette vermissen ließ. Die beiden waren: Antonín Dvořák, von dessen sprudelndem Einfallsreichtum Brahms stets fasziniert war, und Robert Fuchs, dessen ungekünstelt feinnervigen Stil er gleichfalls sehr bewunderte. Mit großer Wahrscheinlichkeit war es die Spontaneität der beiden Kollegen, von der sich Brahms angezogen fühlte. So schreibt Ehrmann zu Dvořák: »Hier hielt ihm [Brahms] keiner den Spiegel vor, aus dem ihm sein eigener erster Blick entgegen schaute«. Mit andern Worten: Weil weder Dvořák noch Fuchs versuchten, die einzigartigen Merkmale des Brahms’schen Schaffens zu reproduzieren oder nachzuäffen, blieben ihnen die Stacheln erspart, die Brahms hemmungslos in Richtung vieler anderer Kollegen abschoss.

Die Serenaden von Robert Fuchs waren zu ihrer Zeit so populär, dass ihr Komponist den Beinamen »Serenaden-Fuchs« erhielt. Ein weiteres, allerdings weniger geläufiges Etikett war »der steirische Dvořák«. Tatsächlich behauptet Ehrmann, es sei ihm selbst einst gelungen, einem böhmischen Publikum etwas aus Fuchs’ kammermusikalischem Schaffen als ein Werk von Dvořák unterzuschieben – was wir nicht unbedingt werden glauben dürfen. Doch wie auch immer, beide Komponisten haben eine erfrischende, niemals ins Süßliche abgleitende Musik geschrieben. Der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick setzte sich als treuer Anwalt nicht nur für Brahms und Dvořák, sondern auch für Fuchs ein, der ihm als ein »Meister der kleinen Formen« erschien. Ganz ähnlich formulierte es Fuchs’ Freund und Biograph Anton Mayr: »Die Stärke der Fuchsischen Kunst liegt darin, daß sie mit den bescheidensten Mitteln arbeitet, auf jeden nur äußeren Effekt verzichtet und im Ausdruck treu und wahr ist.« Das überschwenglichste Kompliment indes dürfte wohl das gewesen sein, was der »schreckliche« Brahms dem Werke seines Freundes zollte: »alles ist so fein, so gewandt, so reizend erfunden! Man hat immer seine Freude daran.«

Robert Fuchs war das jüngste von dreizehn Kindern. Er wurde in der kleinen steirischen Gemeinde Frauental an der Laßnitz geboren und war ein außergewöhnlich musikalisches Kind – wie schon sein fünf Jahre älterer Bruder Johann Nepomuk (1842–1899), der in Österreich- Ungarn und Deutschland als Operndirigent Karriere machte, sich als Opernkomponist hervortat und in den letzten Jahren seines Lebens das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde leitete. Der kleine Robert erhielt Klavier-, Orgel-, Geigen- und Flötenunterricht und leistete bald auch Tüchtiges in der Harmonielehre und im Kontrapunkt. Mit achtzehn Jahren ging er nach Wien, wo er sich als Korrepetitor, privater Klavierlehrer und Kirchenorganist durchschlug. Zugleich nahm er am Konservatorium Kompositionsunterricht bei Otto Dessoff (der später in dem Gremium saß, das Antonín Dvořák das österreichische Staatsstipendium zusprach). Nach dem Erfolg seiner Serenade Nr. 1 D-dur op. 9 wurde Robert Fuchs im Jahre 1875 selbst Lehrer am Wiener Konservatorium.

Wenn man den familiären Erzählungen glauben will, so hatten die gesellschaftlichen und musikalischen Feiern, die man um den 15. Februar 1927 zu seinem achtzigsten Geburtstag veranstaltete, den Komponisten derart beansprucht, dass er vier Tage später starb. Mittlerweile hatte die dynamische Kultur der »Roaring Twenties« die Lenker des internationalen musikalischen Geschmacks mit dem radikalen Reiz so unterschiedlicher Komponisten wie Arnold Schönberg, Béla Bartók, Igor Strawinsky und Les Six umgarnt. Die gemütliche Welt des freundlichen, bürgerlichen Musizierens, wie es Robert Fuchs einst in Wien verkörpert hatte, war passé, nachdem es die prunkvolle k.k.-Doppelmonarchie des österreichischen Kaisers und ungarischen Königs Franz Josef nicht mehr gab. Der Name Robert Fuchs war schnell aus dem musikalischen Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden, und wer noch darüber stolperte, hielt denselben für einen Komponisten zweiten Ranges. Diese Ansicht war freilich eine völlig subjektive – und Fuchs selbst war zu bescheiden, als dass er sie in Frage gestellt hätte. Außer Frage steht indes, dass er, auch wenn er in der Hierarchie der Tonkünstler keinen der oberen Plätze bekleidete, als Kompositionslehrer einen kaum zu überschätzenden Ruf genoss. Der stets scharfsichtige Brahms hatte das außergewöhnliche pädagogische Talent des Freundes erkannt und sich nachdrücklich für diesen eingesetzt, der dann nahezu vier Jahrzehnte am Konservatorium zubrachte und eine wunderbare Zahl an Schülern ausbildete, von denen viele ihre Spuren in der Musik des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben. Dazu gehörten George Enescu, Erich Korngold, Gustav Mahler, Franz Schmidt, Franz Schreker, Jean Sibelius, Hugo Wolf und Alexander Zemlinsky sowie eine Reihe von Komponisten, die der leichteren Muse frönten wie Leo Fall und Richard Heuberger (der Hanslick 1896 als Kritiker der Neuen Freien Presse nachfolgte).

Robert Fuchs hat sich auf den meisten musikalischen Gebieten versucht und sogar zwei (allerdings nicht sehr erfolgreiche) Opern geschrieben. Den umfangreichsten und fruchtbarsten Zweig seines Schaffens bildet indes die Kammermusik, die seiner entschieden gemäßigten Art des musikalischen Ausdrucks besonders entgegenkam. Neben den fünf Serenaden für Kammerorchester gibt es unter anderem sechs Violinsonaten, eine Bratschensonate, zwei Cellosonaten und eine Kontrabass-Sonate.

Die Violinsonaten verteilen sich über einen Zeitraum von fünfundvierzig Jahren (1878–1923). Die Sonate Nr. 1 fis-moll op. 20 ist von schwungvollen, herrlich ausgeführten Ideen erfüllt. Fuchs widmete sie seinem Konservatoriumskollegen Josef Hellmesberger, der unter anderem als Konzertmeister des Wiener Hofopernorchesters tätig war. Im Finale bemerken wir eine auffallende »ungarische« Tönung der Musik.

Seine 1883 entstandene Sonate Nr. 2 D-dur op. 33 hat Robert Fuchs »Seiner Hochwohlgeboren Herrn Baron Victor von Erlanger« dediziert – einem Bankier von internationalem Rang, der in engen geschäftlichen Kontakten zu Wien, London und Ungarn stand und als Amateurkomponist zudem einige Lieder geschrieben hatte. Der energische erste Satz der Sonate kontrastiert mit einem ruhigen, friedlichen Andante, dem sich ein Rondo- Finale anschließt, dessen elegante, schwungvolle Themen ganz und gar den romantischen Maximen der Zeit entsprechen.

Die Sonate Nr. 3 d-moll op. 68 erschien 1902 im Druck und ist »Josef Joachim zugeeignet«, dem berühmten Geiger aus Ungarn, dessen Name für alle Zeiten in einem Atemzug mit Johannes Brahms genannt werden wird. Joachim hat den langjährigen Freund um ein Jahrzehnt überlebt und noch die frühen Tage der mechanischen Tonaufnahme kennengelernt. Was an Aufnahmen von ihm erhalten ist, vermittelt wertvolle Erkenntnisse darüber, wie Brahms’ und Fuchs’ Sonaten damals geklungen haben könnten. Nach dem recht sehnsuchtsvollen Allegro moderato, ma con passione führt uns der Komponist im Mittelsatz in eine Welt wehmütiger Volksmelodien. Im Finale der dritten Sonate begegnen sich feurige Texturen und ruhigere Passagen.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts war von der einstigen Beliebtheit des Komponisten Robert Fuchs praktisch nichts mehr übrig geblieben. Das war ganz anders gewesen, als er 1912 seine pädagogische Laufbahn beendete und sich vom Wiener Konservatorium verabschiedete. Sein Ruf als Lehrer war ein solcher, dass man sich von Seiten des renommierten Instituts um eine möglichst nahtlose Nachfolge bemühte. Tatsächlich wollte man zunächst Jean Sibelius dazu bewegen, in die Fußstapfen seines einstigen Lehrers zu treten. Der lehnte freilich jede Anstellung in Wien ab; doch die lapidaren Worte, mit denen er das musikalische Können desselben zusammenfasste, hätte gewiss nicht nur der »schreckliche « Brahms unterschrieben: »Fuchs ist ein routinierter Instrumentierer,« schrieb Sibelius, »professionell bis in die Fingerspitzen, und hat auch als Komponist eine glückliche Hand«.

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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