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8.578237 - BEL CANTO BULLY - The musical legacy of the legendary opera impresario Domenico Barbaja
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Der Tyrann des Belcanto
Das musikalische Vermächtnis des legendären Opernimpresarios Domenico Barbaja

 

Domenico Barbaja (1777–1841) war nicht nur der einflussreichste Opernimpresario des 19. Jahrhunderts. Er war auch ein Mogul des Casinos, ein ungebildetes Großmaul und ein störrischer Streithammel. In einfachen Mailänder Verhältnissen geboren, baute er zuerst ein norditalienisches Glücksspielsyndikat auf, bevor er den napoleonischen Invasionstruppen nach Süden folgte. Sein Ziel war Neapel, das nicht nur wegen seiner prächtigen Bourbonengeschichte und seines hervorragenden, wenngleich todgeweihten Opernhauses San Carlo, sondern auch für seine Neigung zum Glücksspiel berühmt war. Bald schon hatte Barbaja sein Geschäft erweitert und eine Konzession für die beiden königlichen Opernhäuser der Stadt erworben. Er betrachtete die Oper wie jedes andere Geschäftsunternehmen und regierte die Theater mit eiserner Faust, derweil er junge Komponisten entdeckte und viele der größten Sänger(innen) seiner Tage managte.

Barbaja stand genau in der Mitte einer Ära, die später als bel canto bezeichnet wurde. Es war eine Zeit, in der die Opern eines Gioacchino Rossini, Vincenzo Bellini, Gaëtano Donizetti, Giovanni Pacini und Saverio Mercadante dominierten—und mit ihnen der »schöne Gesang«, die makellose Technik, der extreme Stimmumfang sowie eine faszinierende musikalische Ornamentierungskunst.

Nachdem Barbaja fünf Jahre lang die Geschicke der königlichen Theater zum Besseren gewendet hatte, holte er 1814 den jungen Gioacchino Rossini nach Neapel—was sich als sein allerbester Einfall erweisen sollte. Schnell hatte Rossini die Skepsis überwunden, die die Neapolitaner dem Nordlicht gegenüber hegten. Er wurde der führende Opernkomponist seiner Zeit und verbrachte sieben Jahre in Neapel.

Seine erste Oper für Barbaja war die »opera seria« Elisabetta über das Leben der englischen Königin Elizabeth I. Sie kam am Teatro San Carlo im Beisein des Königs Ferdinand von Neapel erstmals auf die Bühne. Die Titelpartie gab Isabella Colbran, die seit 1811 zu Barbajas Ensemble gehörte, und der Erfolg des Werkes war gewaltig. Dank ihrer Bühnenpräsenz und stimmlichen Meisterschaft wurde die Colbran zur führenden prima donna des frühen 19. Jahrhunderts—und nicht nur das: Die verführerische Sopranistin aus Spanien war fortan Domenico Barbajas größter Kassenmagnet und überdies seine Maitresse.

Barbaja war erpicht, die Vielseitigkeit seines neuen Komponisten zu demonstrieren, weshalb er denn auch eine Oper produzierte, die mehr dem gemeinen Geschmacke entsprach. Diese opera buffa sollte am Teatro dei Fiorentini gespielt werden, der kleinsten Bühne, die Barbaja damals befehligte. Hier gab man eingängigere Komödien, die im exklusiven San Carlo ausgeschlossen waren. Die Ouvertüre zu La gazzetta (»Die Zeitung«) [1] zeigt Rossini von seiner fröhlichsten, kreativsten Seite und als einen Mann, der keine Skrupel hatte, sein musikalisches Material wiederzuverwenden: Zwei Jahre später benutzte er dieselbe Ouvertüre für La Cenerentola.

Mit seiner zweiten neapolitanischen opera seria, dem Otello, gelang Rossini der Durchbruch auf diesem Gebiete. Während der Entstehung geriet jedoch der überaus pünktliche Barbaja mit dem berüchtigtermaßen saumseligen Komponisten aneinander. Man erzählt sich, dass er Rossini in seiner Wohnung einsperrte und nicht vor der Vollendung des Werkes habe freilassen wollen. Die Uraufführung des Otello fand am Teatro del Fondo statt, weil das größere San Carlo Anfang 1816 bis auf die Grundmauern abgebrannt war. Die Oper erfreute sich ihrerzeit großer Beliebtheit, birgt aber ihre Risiken, da man für die männlichen Hauptrollen drei Tenöre benötigt. Heute ist sie weit seltener zu sehen als Giuseppe Verdis gleichnamiges Werk.

In der Arie »Che ascolto? Ahimè, che dici?« (»Was höre ich? Ach, was sagst du?«) [2] besingt Rodrigo seine Liebe zu Desdemona, indessen er für Otello, den Rivalen um ihr Herz, nur Verachtung kennt. Deutlich werden hier die enormen Koloratur-Aufgaben der Partie, die Giovanni David kreierte—einer der Spitzensänger Barbajas, den Stendhal zum besten Tenor seiner Generation erklärte.

Die Rolle der Desdemona schrieb Rossini ausdrücklich für die Colbran, die ihre einzigartige Virtuosität beispielsweise in dem Weidenlied (»Canzone del salice«) [3] demonstrieren konnte. Der Erfolg, den die Primadonna in dieser Rolle davontrug, war möglicherweise einer der Gründe für die Romanze, die sich zwischen ihr und Gioacchino Rossini anbahnte und zu einer Affaire hinter dem Rücken des Impresarios führte.

1817 war das San Carlo unter Barbaja wieder aufgebaut und zum spektakulärsten Theater Europas geworden. Neapel stand somit im Zentrum der europäischen Opernpflege, und das Verhältnis des Impresarios zu seinem Bourbonenkönig war besser denn je. Er wollte natürlich aus Rossinis Erfolg Kapital schlagen und erhielt die königliche Erlaubnis, auch während der Fastenzeit Opern aufzuführen. Dem ernsten Anlasse entsprechend wählten Barbaja und Rossini einen biblischen Stoff: Mosè in Egitto (»Moses in Ägypten«) handelt von der tragischen Liebe, die den Sohn des Pharao und die Nichte des Moses vor dem Hintergrund des Exodus der Israeliten aus Ägypten miteinander verbindet. Das Gebet des dritten Aufzugs »Dal tuo stellato soglio« (»Von deinem Sternenthron«) [4], das Rossini für eine spätere Fassung der Oper revidierte, war so populär, dass es dem Vernehmen nach in einigen Teilen des Publikums einen regelrechten Taumel auslöste.

La donna del lago schrieb Rossini, nachdem ein anderer Komponist dem Impresario sein zugesagtes Werk nicht rechtzeitig hatte liefern können. Der Premierenabend—wiederum mit der Colbran in der Hauptrolle—war zwar eine Katastrophe, doch allmählich fand die Oper ihren Weg in die Herzen der Öffentlichkeit. Wie in Sir Walter Scotts Gedicht The Lady of the Lake geht es um das romantische Dreieck zwischen Elena, dem Stammesfürsten der Highlander und König James V., der inkognito unter dem Namen »Uberto« als Rivale auftritt. In seiner Cavatina »Oh fiamma soave« (»O sanfte Flamme«) [5] gesteht Uberto seine Liebe zu dem »Fräulein vom See«, das er vor Schaden bewahren will. Die Oper endet harmonisch, wenn sich der siegreiche König zu erkennen gibt. In »Tanti affetti in tal momento« (»So viele Gefühle in solch einem Moment«) [6] bejubelt Elena die Entdeckung. »Tanti affetti« ist für jeden Koloratur-Mezzosopran bis heute eine pièce de résistance.

Im Jahre 1820 sah sich König Ferdinand gezwungen, eine Verfassung anzunehmen (die er freilich ein paar Monate später schon wieder verleugnete). In dieser politisch empfindlichen Lage beschlossen Rossini und Barbaja, Maometto II. auf die Bühne zu bringen. Die Handlung hat sicherlich einige politische Untertöne und beschreibt den Kampf einer venezianischen Kolonie gegen den osmanischen Sultan Mehmet II. In »Non temer: d’un basso affetto non fu mai quel cor capace« («Fürchte dich nicht: eines niederen Gefühls war dieses Herz niemals fähig«) [7] singt der venezianische Adlige Calbo—eine Hosenrolle für Altstimme—von der Treue der heldenhaften Anna, die allerdings den Eroberer Maometto liebt. Der Oper war kein allgemeiner Erfolg beschieden, nicht zuletzt, weil sich die Zuneigung des Publikums zu Isabella Colbran (in der Rolle der Anna) wegen ihrer immer größeren stimmlichen Probleme inzwischen abgekühlt hatte. Zwei Jahre später brannte die Sängerin mit ihrem Komponisten durch, um sich mit ihm in Bologna zu verheiraten. Nach seiner Flucht aus Neapel schrieb Rossini keine einzige Oper mehr für Barbaja.

Der politische Aufruhr in Neapel, das Erlöschen der lukrativen Glücksspielkonzession im Teatro San Carlo sowie die Komplikationen seines überaus bewegten Privatlebens veranlassten Barbaja im Jahre 1822, nach Wien zu gehen. In der habsburgischen Metropole übernahm er alsbald die Leitung der beiden führenden Opernhäuser. Er brachte seine heimischen Spitzentalente mit und versetzte das Wiener Publikum mit seinen verschwenderischen Produktionen italienischer Bühnenwerke in Erstaunen, wodurch er die Rivalität zwischen den Repräsentanten der deutschen und der italienischen Oper erst recht entfachte. Da er die »germanische« Fraktion des Wiener Publikums erkannte und um die kommerziellen Möglichkeiten der Rivalität wusste, gab er bei Carl Maria von Weber und Franz Schubert Opern in Auftrag. Während Barbaja das Produkt des letzteren für eine Niete hielt und nie aufführte, erwies sich Webers Euryanthe trotz ihres unbeholfenen Librettos als Erfolg. Die Ouvertüre [8] ist noch heute beim Publikum beliebt und verrät, welchen Einfluss Webers Orchestration auf spätere deutsche Komponisten ausüben sollte.

1825 kehrte Barbaja nach Italien zurück, um nicht allein die direkte Kontrolle der neapolitanischen Bühnen, sondern auch die Leitung des Teatro alla Scala und des Teatro alla Canobbiana in Mailand zu übernehmen. Nachdem er sich mit Rossini vollends entzweit hatte, stieß er bei seiner Suche nach genauso talentierten und populären Komponisten zunächst auf den jungen, vielversprechenden Sizilianer Giovanni Pacini, den er mit all seiner Macht förderte. Als ein noch größerer Erfolg erwies sich jedoch ein anderer Sizilianer, den Barbaja unter seine Fittiche nahm: Vincenzo Bellini.

Barbaja holte den jungen Mann direkt aus dem Konservatorium von Neapel. Er lenkte seine frühe Karriere und stellte ihn dem Librettisten Felice Romani vor, mit dem Bellini als erstes Il pirata produzierte. Das Werk wurde 1827 an der Scala uraufgeführt. Die Titelpartie sang Giovanni Battista Rubini, der führende Tenor seiner Zeit, für dessen äußerst bewegliche Stimme und stratosphärische Höhe die Rolle von Anfang an gedacht war. Bellini gelang mit dem »Piraten« der Durchbruch auf dem Gebiete der Oper, und Barbaja brachte das Erfolgsstück auch in Neapel und Wien heraus. Die Cavantine »Nel furor delle tempeste« (»In der Wut des Sturms«) [9] sowie die Cabaletta »Per te di vane lagrime« (»Für dich vergebliche Tränen«) [10] stellen die Technik und den Stimmumfang eines jeden Tenors auf eine harte Probe. Der Titelheld ist ein Adliger, der durch Schiffbruch zum Piraten wurde und nunmehr versucht, seine einstige Liebe aus den Fängen des Feindes zu befreien. Hier beschreibt er sein Schicksal, derweil er die Geliebte seiner unverbrüchlichen Treue versichert. Bellini schrieb nur drei Opern für Barbaja, bevor sich die beiden Egozentriker über finanzielle und künstlerische Fragen unheilbar zerstritten.

Mit Gaëtano Donizetti arbeitete Barbaja bereits seit 1822 zusammen, doch erst in den dreißiger Jahren vermehrte sich die Kooperation: Nachdem Rossini 1829 seine letzte Oper geschrieben und Bellini 1835 das Zeitliche gesegnet hatte, wurde der Bergamasker Donizetti zum führenden Opernkomponisten, der Barbaja am Ende sechsundzwanzig Bühnenwerke liefern sollte.

Die populärste Oper, die Donizetti für Barbaja schrieb, war Roberto Devereux, worin eine arg ausgeschmückte Liebesgeschichte zwischen Königin Elizabeth I. und Robert Devereux, dem Earl of Essex, erzählt wird. Die Oper kam 1837 an San Carlo heraus und war ein Triumph, den man in künstlerischer und musikalischer Hinsicht auf dieselbe Stufe stellte wie die ältere Lucia di Lammermoor. In »Vivi, ingrato, a lei d’accanto« (»Undankbarer, du sollst an ihrer Seite leben«) [11] erlebt Elizabeth den Schmerz der Einsamkeit, da Devereux bei ihrer Rivalin lebt. Das »Quel sangue versato al cielo s’innalza« (»Das vergossene Blut erhebt sich zum Himmel«) [12] zeigt, wie die Königin in der letzten Szene über den Tod des Geliebten den Verstand verliert, und gilt als eines der gewaltigsten Schluss-Stücke des Bel Canto. Die vorliegende Live-Aufnahme verdeutlicht die furchteinflößenden Schwierigkeiten, die die Singstimme im nahtlosen Wechsel zwischen pianissimo und fortissimo zu bewältigen hat.

Saverio Mercadante, dessen Werke heute kaum noch aufgeführt werden, war zu Barbajas Zeit einer der wichtigsten Komponisten. Er hatte am Konservatorium von Neapel bei dem legendären Nicola Zingarelli studiert, um anschließend in Österreich, Portugal, Spanien und Frankreich zu arbeiten. Gleichwohl war Neapel für ihn stets seine geistige Heimat, und es gelang ihm schließlich sogar, als Nachfolger seines einstigen Lehrers Zingarelli die Leitung des Konservatoriums zu übernehmen, nachdem er Donizetti bei der Bewerbung um den Posten ausgebootet hatte. Mercadantes reife Opern haben in struktureller und instrumentaltechnischer Hinsicht einen anerkannten Einfluss auf spätere Komponisten bis hin zu Giuseppe Verdi ausgeübt.

Seine Elena da Feltre hielt Mercadante wegen ihrer stilistischen und dramatischen Elemente für ein revolutionäres Werk. Die Handlung spielt im 13. Jahrhundert im norditalienischen Feltre und kreist um eine schicksalhafte Liebe zwischen Gelfen und Ghibelinen. »Ah sì, del tenero amor mio al trasporto appena io reggo« Ach! Wie schön, an meine süße Liebe und kommende Freuden zu denken«) [13] zeigt die tragische Titelheldin in fröhlicher Erwartung ihrer Vermählung, die allerdings nie zustandekommen wird. Das Publikum reagierte 1839 recht verhalten auf die Prima.

Mit der Uraufführung dieses Werkes näherte sich auch die beinahe dreißigjährige Herrschaft Barbajas über weite Teile der europäischen Opernszene ihrem Ende. Der sagenumwobene Impresario erlag einem Herzanfall, während er auf dem Grundstück seines Palazzo oberhalb der Bucht von Neapel arbeitete. Er hinterließ der Stadt ein unvergängliches Erbe an Bel canto-Opern und eine große Legende.


Philip Eisenbeiss
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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