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8.579068 - Piano Music - CHOPIN, F. / SCHUMANN, R. / RACHMANINOV, S. / KURPIŃSKI, K.K. (2nd Chopin Festival Hamburg 2019) (Koch, Tysman, Olejniczak, Ritter)
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2. Chopin-Festival Hamburg 2019
CHOPIN • KURPIŃSKI • PETERSON • RACHMANINOV • SCHUMANN

 

Experiment und Klangentfaltung

„Beim 2. Chopin Festival Hamburg 2019 treten brillante Pianistinnen und Pianisten auf. Einzigartig van diesem Klassik-Festival ist, dass sie Werke auf original historischen Instrumenten spielen und dazu im Vergleich – und in derselben Vorstellung – auch auf einem Flügel der Gegenwart.“ Das 2. Chopin-Festival Hamburg 2019 ermöglicht also allen Hörern und den Pianisten, Vergleiche zwischen historischen und modernen Flügeln zu ziehen.

Somit entsteht ein klangliches Experiment, das diese Album einfängt: Eine klangliche Gegenüberstellung zwischen Historie und Moderne, bei der der Hörer entscheidet, auf welchen Klängen seine Präferenz liegt. Die Chopin-Gesellschaft Hamburg & Sachsenwald e.V., die dieses Festival 2018 ins Leben rief, ist die einzige weltweit, die hautnah musikalische Klänge vergangener Epochen und der heutigen Zeit gegenüber- aber vielmehr nebeneinanderstellt.

Wie auch beim ersten Chopin-Festival war selbst den Teilnehmenden der Ausgang des klanglichen Experiments ungewiss. Gibt es überhaupt eine objektive Wertungsmöglichkeit? Können historische neben moderne Klänge gestellt werden, um diese zu werten? Denn nicht einmal historischer Klang ist gleich historischer Klang. Auch das wird beim 2. Chopin-Festival Hamburg 2019 deutlich.

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg eignete sich auch 2019 hervorragend als stilvoller Festivalort. Die Räumlichkeiten der Sammlung Musikinstrumente wurden zum intimen Salon und der neoklassizistische Spiegelsaal von 1909 wurde zum Festsaal während der Konzerte. Die kostbare Sammlung Musikinstrumente umfasst etwa 70 original-historische Tasteninstrumente, die die Entwicklungshistorie des Klaviers nachvollziehbar machen: Vom italienischen Cembalo von um 1540 bis zum Steinway- Flügel von 2015 sind sämtliche Epochen der Klavierhistorie vertreten.

Auf dieser Festspiel-Album kommen drei historische und zwei moderne Klaviere zum Klingen: Ein Pleyel-Flügel von 1847, ein Steinway-Flügel von 1872, ein Pleyel-Piano von 1832 und zwei Shigeru-Kawai-Flügel 2019 SK-5 und SK-6.

Bilden Sie sich, verehrte Hörer, Ihre eigene Meinung über die einmaligen Klänge der Instrumente, deren freie Klangentfaltung und die facettenreichen Interpretationen der brillanten Pianistinnen und Pianisten und erleben Sie das Gefühl, ‚alt‘ und ‚neu‘ ganz neu zu hören.

Chopins Pianino

„Les pianos Pleyel sont non plus ultra“, soll Chopin ausgerufen haben, als er in Paris die Klavier-Manufaktur Pleyel besuchte. Seine hohe Meinung über die hochqualitativen Instrumente dieser Manufaktur sollte sich immer weiter festigen. Zwischen Chopin und dem Gründer-Sohn und späteren Manufaktur- Leiter, Camille Pleyel, entwickelte sich eine enge Freundschaft, die sie neben persönlicher auch auf geschäftlicher Ebene führten.

Sein erstes, wie auch sein letztes Pariser Konzert, spielte Chopin in den Sälen der Manufaktur auf Pleyel-Flügeln. Zwei Pleyel- Fabrikate kommmen auf der Festspiel-Album zum Klingen; beide entstanden zu Chopins Lebzeiten.

Auf ‚Chopins‘ Pleyel-Pianino von 1832 präsentiert Tobias Koch abwechslungsreich Chopins Nocturne und zwei Preludes. Ebenso furios wie träumerisch eröffnet der von historischen Quellen und Klängen inspirierte Tobias Koch die Festspiel-Album mit Chopins Nocturne F-Dur, op. 15 Nr. 1. Auch mit den 1839 erschienenen Preludes E-Dur Nr. 9 und h-Moll Nr. 6 aus op. 28 fängt Tobias Koch den Geist der Stücke ein, die er auf dem sieben Jahre vorher gebauten Pleyel vorträgt.

Warum aber Chopins Pianino und warum genau op. 28? Als sich Chopin in Valldemossa befand, ließ er sich ein diesem Pleyel-Klavier entsprechendes Modell für Kompositions und Musizierzwecke liefern. Laut einem Brief vom 22. Januar 1839 an Pleyel war es dieses Pianino, auf dem Chopin einige Teile seiner 24 Preludes op. 28 komponierte. Aber: Tatsächlich traf das bestellte Pianino erst ein paar Tage nach Fertigstellung von op. 28 ein. Das wiederum geht aus einem Brief George Sands vom 15. Januar 1839 hervor, nach dem sich Chopin „mit einem armseligen mallorquinischen Piano“ begnügen musste. Vor dem Eintreffen des Pianinos hatte Chopin seine 24 Préludes mit der Widmung „à son ami Pleyel“ (An seinen [Chopins] Freund Pleyel) bereits nach Paris versandt.

Die 24 Preludes sind offensichtlich an J. S. Bachs Wohltemperiertem Klavier orientiert. Denn das einzige Buch, das Chopin auf dieser Reise mit sich führte, war eine Ausgabe von Bachs Wohltemperiertem Klavier.

Von Pleyel zu Kawai

Eine Besonderheit des 2. Chopin-Festivals 2019 Hamburg ist, dass Tobias Koch und Hélène Tysman am selben Konzertabend jeweils Stücke aus op. 28 spielten – Tobias Koch auf dem historischen Pleyel von 1832 und Hélène Tysman auf einem modernen Shigeru- Kawai-Flügel von 2019, dem Jahr des Konzerts. Somit entsteht ein direkter Klangvergleich, ein und dasselbe Opus sowohl in historischem als auch in modernem Klang zu erleben.

Beträgt der Tonumfang des Pleyel-Pianinos 6 Oktaven von F bis f4, weist der des Shigeru- Flügels 7 ¼ Oktaven auf von 2A bis c5 (zum Vergleich: Cembali von um 1540 besitzen einen Tonumfang von etwa vier Oktaven, C bis c3). Nicht nur der Tonumfang, sondern elementare Attribute von Klavieren änderten sich, bis sie den heutigen Konzertflügel ausmachten. Zu den heutigen Standards zählen z. B. 88 Tasten, drei Pedale (Una-Corda, Sostenuto und Forte-Pedal), der gusseiserne Rahmen sowie die Anhangsplatten (zur Unterstützung der Stabilität und der höheren Saitenspannung, die bei modernen Flügeln bis zu 30 t beträgt), die Tastentiefe (heutzutage ca. 11 mm, in der Wiener Klassik bis ca. 5 mm) und die geschwungene Form.

Hélène Tysmans Konzertpart fand auf dem Shigeru-Kawai-Flügel SK-5 von 2019 statt (ein Shigeru-Kawai-Flügel SK-6 ist später auf der Album zu hören). Diese Flügelserie zeichnen das Tastenmaterial Fichte (zu Chopins Zeiten wurden Elfenbein und Ebenholz präferiert) und eine ABS-Carbon-Mechanik aus, die die Flügel stabilisiert und die Kraft des Pianisten nahezu verlustfrei auf die Saiten überträgt. Mit 200 cm Länge und seinem feinen Klang, eignet sich dieses SK-5-Modell für kleinere Säle. Der SK-6- Flügel hingegen, kommt mit 214 cm und mehr Klangvolumen in größere Konzertsäle. Zu den Aufführungsorten passend, wurden diese beiden Modelle in der Sammlung Musikinstrumente (SK-5) und im Spiegelsaal (SK-6) des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg bespielt.

Somit erhalten die Hörer die Möglichkeit, Shigeru-Flügel von zwei Serien an zwei verschiedenen Aufführungsorten zu hören und den Shigeru-Flügel SK-5 von Hélène Tysman gespielt, am selben Abend mit dem Pleyel- Pianino von 1832 zu vergleichen. Hélène Tysman schließt nach Chopins Ballade f-Moll op. 52 an Tobias Kochs Spiel mit den Preludes op. 28, Des-Dur Nr. 15 und G-Dur op 28 Nr. 3 an. Sie schließt ihr Spiel mit Chopins zartem Nocturne H-Dur op. 9 Nr. 3.

In Gegenwart Chopins und Pleyels

Janusz Olejniczak ist besonders in Polen nicht nur als Pianist, sondern auch als Schauspieler und Pädagoge berühmt. In seinen Konzerten gibt er den Hörern gerne wertvolle Informationen zu den Stücken und übernahm in einigen Filmen den Klavierpart. Zu Chopin selbst wurde Janusz Olejniczak 1991 in Andrzej Żuławskis Film La Note bleue und 2002 doubelte er die Hände Adrien Brodys als Władysław Szpielman in Roman Polanskis Film Der Pianist, zu welchem er den gesamten Piano-Soundtrack einspielte.

Seine Erfahrung als ‚Chopin‘ bringt Janusz Olejniczak in seine Interpretationen mit ein. Auf dem Pleyel-Flügel von 1847 vorgetragen, potenzieren sich Janusz Olejniczaks Spielgefühl, das die Hörer erreicht, und die brillanten Pleyel- Klänge, die auch Chopin selbst gehört haben könnte. Den Reichtum an Farben lockt Janusz Olejniczak im Scherzo b-Moll op. 31 hervor: Aus der Grundtonart entwickelt sich das Trio in A-Dur heraus, bevor ein schwermütiges Thema in cis-Moll einsetzt. Von dort dominiert ein E-Dur- Part, an das Akkorde in A-Dur anschließen. Erneut folgt das cis-Moll-Thema, welches nun oktaviert den Höhepunkt des Scherzos aufbaut. Die Reprise lässt das Scherzo zunächst mit dem ersten Themenabschnitt und dann in einer leidenschaftlichen Coda in der Paralleltonart Des-Dur enden.

Es folgen drei Mazurken (a-Moll op. 17 Nr. 4, g-Moll op. 24 Nr. 1 und e-Moll op. 41 Nr. 1), in denen gleichermaßen sowohl die Leichtigkeit als auch die Schwere des Pleyel-Klangs vollends zum Vorschein kommen. Dieser Flügel von 1847 klingt mit einem vollen Bass, einer singende Mittellage und einem glänzenden Diskant, die sich zu einer ausgewogenen Klangfülle vereinigen.

Die Klangfülle kommt u. a. durch ein Patent Pleyels zustande, die Anhangsplatten. Diese verlaufen im Klangraum des Flügels und stabilisieren ihn. Somit kann der Saitenzug erhöht werden, wodurch die Dynamikspanne größer und der Klang voluminöser werden. Die Basssaiten sind mit Kupferdraht umwickelt und verlaufen – anders als bei modernen Flügeln – parallel zu allen anderen Saiten. Durch eine Englische Mechanik überträgt sich die Kraft des Pianisten von den Tasten über die Hämmerchen auf die Saiten, die die Hämmer eher ‚stößt‘ als „prellt“, wie bei der zweiten großen Mechanik, der Wiener Mechanik.

Die sensible Klanglichkeit und die höchste Qualität der Klaviere von Pleyel überzeugten Chopin – und vielleicht auch Sie.

Fast schon modern

Der jüngste Pianist des Festivals, Tomasz Ritter, bringt den Shigeru-Kawai-Flügel SK-6 und einen Steinway-Flügel von 1872 zum Vergleich.

Bekannt ist, dass Robert Schumann, wie so viele andere Musiker auch, Chopin und seine geistreiche Musik verehrte. Seine musikschriftstellerische Karriere begann Schumann 1831 mit einer novellistischen Kritik zu Chopins op. 2, den Variationen zu Mozarts La ci darem la mano, in der sich die fiktiven Charaktere Florestan und Eusebius euphorisch über das Werk äußern. Schumanns Des Abends Des-Dur ist das erste aus den acht 1837 komponierten Fantasiestücken op. 12. In diesen sind musikalisch die Figuren Florestan und Eusebius vertreten, die Schumanns multiple Persönlichkeit ausdrücken. Der träumerische Eusebius kommt in Des Abends zum Vorschein, das die Spielanweisung „Sehr innig zu spielen“ trägt.

Wie mit Schumann, pflegte Chopin auch zu Karol Kurpiński engen Kontakt. Zu Chopins Jugendzeit war Kurpiński einer der einflussreichsten Musiker Polens. Im Mai 1830 dirigierte er Chopins erstes öffentliches Konzert in der polnischen Hauptstadt. Die Rhythmen in Kurpińskis Mazurken und Polonaisen nahmen großen Einfluss auf Chopin.

Des Abends und Kurpińskis Polonaise d-Moll eröffnen und schließen Tomasz Ritters Aufnahme. Für seine Interpretationen dieser Stücke und Rachmaninoffs Elegie es-Moll op. 3 Nr. 1 wählte Tomasz Ritter den Shigeru-Flügel SK-6 von 2019. Zwei Stücke Chopins in gis- Moll, die Polonaise op. posth. und die Mazurka op. 33 Nr. 1 erklingen auf einem historischen Steinway-Flügel von 1872. Dieser in der Spätromantik gebaute Flügel weist bereits die wichtigsten Eigenschaften des heutigen Flügelbaus auf und entspricht in seinem Aufbau und seinen Funktionen dem eines heutigen Konzertflügels. Die Wahl der Flügel – modern: Schumann, Kurpiński, Rachmaninoff; historisch: Chopin – lässt hier Chopins Werke besonders hervortreten.

Alt und neu

Das älteste beim 2. Chopin-Festival eingesetzte Klavier ist das Pleyel-Pianino von 1832; die modernsten Klaviere sind die Shigeru-Kawai- Flügel von 2019. Chopins op. 28 wird zum Ende der Album erneut aufgegriffen; daraus das Prelude A-Dur Nr. 7 von Tobias Koch im historischen Stil auf dem Pleyel-Pianino interpretiert.

Einen wirklichen Kontrast im Klang, im Genre und in der Atmosphäre bildet das letzte Werk auf der Album. Mit der Jazz- Etüde B-Dur von 1965 des legendären Pianisten Oscar Peterson füllt Tobias Koch auf dem Shigeru-Flügel SK-5 die Sammlung Musikinstrumente klanglich aus. Wie auch Chopin (op. 28) orientierte sich Peterson bei seinen Kompositionen sehr an Johann Sebastian Bach und seinem Wohltemperierten Klavier. Seinen Schülern legte Peterson immer wieder nahe, Bach zu üben und diese Werke zu verinnerlichen, um darauf aufzubauend (Jazz-) Pianist werden zu können.

Welche Instrumente, welche Genres, welche Komponisten, welche Klänge… Jede Interpretation eines jeden Pianisten ist einzigartig. Das gibt diese Album zum 2. Chopin-Festival Hamburg 2019 wieder. Reizvolle Unterschiede treten auf der klanglichen, stilistischen, interpretatorischen und atmosphärischen Ebene auf.

Die Entwicklung und den Ausgang des klanglichen Experiments entscheiden Sie für sich. Die Album soll Ihnen einen Anreiz geben, verschiedene Instrumente – aber auch die Klänge ein und desselben Instruments – mit ‚anderen Ohren‘ und Sinnen wahrzunehmen. Erfahren Sie eine intensive Klangentfaltung der Instrumente mit diesem neuartigen Konzept.

Nora Ebneth


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