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8.660211-13 - VIVALDI: Griselda
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Antonio Vivaldi (1678-1741)
Griselda

 

Im Jahre 1740 reiste Antonio Vivaldi nach Wien, weil er hoffte, dass man dort während der Karnevalssaison 1741 zumindest eine seiner Opern aufführen würde. Der Tod Karls VI. im Oktober 1740 und die dadurch bedingte Schließung der Theater vereitelte den Plan. Dennoch entschied sich Vivaldi, in Wien zu bleiben. Nicht einmal ein Jahr später war auch er tot. Was wird wohl seinem berühmten Protégée, der Mezzosopranistin Anna Girò, durch den Kopf gegangen sein, als sie langsam vom Spitaler Gottesacker zurückkehrte, wo Vivaldi in ein Armengrab gelegt worden war – der prete rosso, den sie mit ihrer Schwester Paolina auf so vielen Reisen begleitet hatte und der, wie es die damaligen Gerüchte wollten, nicht nur ihr Mentor, sondern auch ihr Liebhaber gewesen war?

Vielleicht war es Anna ja ein Trost, dass die Reise nicht völlig vergeblich gewesen war: Vivaldis Oper L’oracolo in Messenia wurde beim Karneval 1742 am Kärntnertortheater aufgeführt. Nichtsdestoweniger war es ein trauriges Ende für den überaus befähigten Geiger, der zu den einflussreichsten Komponisten aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörte.

Antonio Vivaldi war am 4. März 1678 in Venedig geboren worden und dort von seinem Vater Giovanni Battista, einem professionellen Geiger an San Marco und gelegentlichen Opernimpresario, im Violinspiel unterwiesen worden. Antonio wurde Priester, ließ sich aber schon bald aus gesundheitlichen Gründen (er litt unter Asthma bronchiale) vom Lesen der Messe entbinden. Im September 1703 berief man ihn zum maestro di violino an das Pio Ospedale della Pietà, eines der vier städtischen Waisenhäuser, und er vermochte den Ruf der, durch ihre Musikerinnen ohnehin schon berühmten, Institution noch zu erhöhen, indem er den jungen Mädchen eine vorzügliche Ausbildung und einen außergewöhnlichen Vorrat an instrumentaler und vokaler Musik gab. Obwohl Vivaldi phasenweise keine offizielle Position am Ospedale bekleidete, blieb seine Beziehung zu dem Hause bis zum Ende seines Lebens auf die eine oder andere Weise bestehen.

Bald engagierte sich Vivaldi auch im Management des Teatro San Angelo, eines der kleineren venezianischen Opernhäuser. Seine eigene Laufbahn als Opernkomponist begann im Mai 1713 in Vicenza mit der Uraufführung des Ottone in villa. Es dauerte nicht lange, bis er allenthalben als Komponist und Geigenvirtuose gefragt war. Demzufolge bereiste er Norditalien und andere Regionen: Rom und Mantua (wo er maestro di cappella da camera bei dem Habsburger Gouverneur und Markgrafen Philipp von Hessen-Darmstadt war) sowie Florenz, Ferrara, Prag und Wien.

Als Strawinsky sagte: „Vivaldi hat keine vierhundert Konzerte geschrieben; er hat eines vierhundert Mal geschrieben,“ lag er nicht ganz falsch. Mögen wir heute auch eher von 500 Stücken ausgehen, so bleibt der wesentliche Punkt (trotz Strawinskys ursprünglicher Absicht), dass sich jeder sprachliche Fluss auf Formeln verlassen muss: Die Kunst liegt in der Variation. Das gilt für Vivaldis Opern nicht minder als für seine Instrumentalmusik. Die reichlich verwendete Ritornellform, in der ein tutti-Refrain in verschiedenen Tonarten zwischen modulierenden Solo-Episoden gespielt wird, ist ein dominierendes Element seiner Konzerte; aus ihrer Modifikation hat er die Grundlagen seiner da capo-Arie erarbeitet.

Wichtiger ist, dass Vivaldi das dramatische Gefühl, das viele seiner programmatischen Werke (zum Beispiel Die vier Jahreszeiten) durchzieht, ganz natürlich auf seine Opern übertragen hat, insbesondere in den sogenannten simile-Arien, in denen emotionale Zustände mit unterschiedlichen Naturerscheinungen gleichgesetzt werden. Das Resultat ist ein dramatischer Kontext, der die bildhaftesten Wortmalereien rechtfertigt, die sich zumindest in den früheren Opern auf alle Parameter, mithin rhythmisch, melodisch, harmonisch und texturell auswirkten.

Man weiß, dass Vivaldi über zwanzig Opern geschrieben hat; die Zahl wird mehr als verdoppelt durch die Pasticci (mit Musik von Komponisten wie Leo, Hasse und Pergolesi). Grundlegend ist hier die dreiaktige opera seria zu nennen, die das Schauspiel in einer Reihe von Szenen darstellt, die jeweils aus einem einzigen Rezitativ – entweder secco (nur Continuo) oder accompagnato (mit Streichern) – sowie einer da capo-Arie bestehen (wobei es hier, wie man an den ausgedehnteren Szenen des Orlando furioso sehen kann, auch Ausnahmen gibt). Dem ersten Akt ist eine Ouvertüre vorangestellt, die oft in der Form eines dreisätzigen Streicherkonzertes gehalten ist und keinerlei thematische Beziehungen zur Oper aufweist. Der dritte Akt endet üblicherweise mit einem Chor. Die beiden ersten Akte werden häufig mit einer Art von Klimax beschlossen, die durch Ensembles (wie das schöne Terzett Non più regina am Ende des zweiten Aufzuges der Griselda) oder eine ungewöhnliche Instrumentation und Orchestertextur betont wird. Im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts benutzte Vivaldi häufig obligate Instrumente bei häufig wechselnden Texturen; nach etwa 1725 wird die Streichertextur vorherrschend vierstimmig, indessen die Gesangsstimme – wie im damals populären Stil der Neapolitaner – mit größerem Nachdruck behandelt wird. Die Zahl der obligaten Instrumente vermindert sich.

Das dreiaktige dramma per musica namens Griselda ist typisch für Vivaldis späteres Opernschaffen. Das Werk entstand im Auftrag des Impresarios Michele Grimani für die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten 1735 und wurde am 18. Mai eben dieses Jahres in einem der schönsten Theater der Stadt, dem Teatro San Samuele, uraufgeführt. Grimani hatte den jungen Theaterautor Carlo Goldoni engagiert, um Apostolo Zenos einstmals sehr beliebtes, inzwischen aber recht altmodisches Libretto zu modernisieren, das wiederum auf eine Episode aus Boccaccios Il decamerone zurückgeht. Vivaldi, der allgemein ältere Textbücher bevorzugte, hatte anscheinend zunächst seine Zweifel an Goldonis Fähigkeiten, war dann aber überzeugt, als der junge Mann auf der Stelle einen neuen Text für die Oper schrieb. Zur Verschlankung der dramatischen Struktur reduzierte Goldoni Zenos 34 Arien und fünf Duette auf 19 Arien und ein Terzett. Viele seiner neuen Texte waren ebenso wie die Musik Vivaldis auf Anna Girò (Griselda) zugeschnitten, die offenbar eine sehr gute Schauspielerin von eher bescheidenen stimmlichen Fähigkeiten war – man höre den exzellenten Höhepunkt des ersten Aktes, Ho il cor già lacero, dessen Gesangslinie immer wieder von Pausen unterbrochen wird, um auf perfekte Weise Griseldas Emotionen zu spiegeln, die ihr Schicksal beklagt.

Daneben liefert Vivaldi in Griselda viele andere schöne Beispiele seiner Kunst. Dazu gehören die verschiedenen simile-Arien, von denen viele für die Singstimme sehr virtuos komponiert sind. Ein Beispiel aus dem ersten Akt ist das Alle minacce di fiera belva, worin Corrado zuversichtlich hofft, den schurkischen Ottone zu fangen und sich darin mit einem geschickten Jäger vergleicht, der sich von der Wildheit seiner Beute nicht beirren lässt. Dementsprechend verwendet Vivaldi hier zwei Jagdhörner. Aus dem zweiten Akt stammt Costanzas außerordentliches Agitata da due venti (ursprünglich aus Vivaldis L’Adelaide): Darin werden Liebe und Pflicht mit zwei widerstreitenden Winden verglichen, wozu die heftige, von wilden fioriture und weiten Sprüngen geprägte Musik passt. Gleichermaßen leidenschaftlich ist Ottones Scoca dardi l’altero tuo ciglio, das ein verzücktes Herz mit einem Schmetterling gleichsetzt, den das Licht einer Lampe anzieht. Lyrischer ist Ottone in seinem Vede orgogliosa l’onda, wo er einen Vergleich zwischen einem verschmähten und doch treuen Liebenden mit dem Steuermann eines Schiffes anstellt, der trotz der tückischen See an Land zu kommen hofft.

Nach Vivaldis Tod setzte seine prima donna Anna Girò ihre Karriere noch bis 1748 fort. Dann heiratete sie den Grafen Antonio Maria Zanardi Landi und nahm ihren Abschied von der Bühne. Es ist eine Würdigung ihrer Fähigkeiten, dass Vivaldi einmal sagte, er könne ohne sie keine Oper inszenieren. In Griselda hat er nicht nur ein unvergängliches Denkmal ihres wunderbaren Talentes geschaffen, sondern auch mustergültig demonstriert, wie er mit Instrumenten umzugehen wusste – ob diese nun aus Fleisch oder aus Holz waren.

Der Inhalt

Der thessalische König Gualtiero wird von seinem Volk gezwungen, seine Königin Griselda wegen ihrer niederen Herkunft zu verstoßen. Er beschließt, seinen undankbaren Untertanen den wirklichen Wert seiner Gemahlin vorzuführen, indem er dieser eine Reihe grausamer Prüfungen auferlegt. Als erstes verbannt er sie aus seinem Palast, um eine andere Königin an ihre Stelle zu setzen.

Erster Akt

In einem Saal des Königspalastes befiehlt Gualtiero vor allem Volke der einstigen Schäferin Griselda, wieder in dem Wald zu verschwinden, aus dem sie einst gekommen. Fürderhin sei es ihr verboten, ihren kleinen Sohn Everardo zu sehen. Um Griseldas Treue weiter zu prüfen, behauptet er, den Befehl zur Ermordung der vermissten Tochter, Prinzessin Costanza, gegeben zu haben – indessen er sie aber tatsächlich vor den Launen seiner wankelmütigen Subjekte in Sicherheit gebracht hat. Der Ritter Ottone bietet Griselda seine Dienste an: Er liebt sie seit langem und wäre deshalb bereit, Gualtiero zu stürzen. Griselda weist seine Avancen zurück.

Im Palast ist mittlerweile Costanza angekommen, die vermeintliche Braut Gualtieros. Sie nimmt von ihrem Liebsten Roberto Abschied, ohne zu wissen, dass es sich bei ihrem „Zukünftigen“ um ihren eigenen Vater handelt. Das wissen nur der König und sein Vertrauter Corrado, der Prinz von Athen und Bruder Robertos, den der Schmerz übermannt, als er Gualtiero so freundlich mit seiner geliebten Costanza sprechen hört, doch er kann nichts tun. Als Griselda ihrem Sohn Lebewohl sagt, entführt der rachsüchtige Ottone das Kind und flieht aus dem Palast. Corrado will Griselda Mut machen und verspricht, dass er Everardo um jeden Preis retten werde.

Zweiter Akt

In den königlichen Gemächern will Corrado, dass Costanza ihrem Liebsten Roberto die Treue halten solle. Sie jedoch kennt ihre Pflichten dem König gegenüber. Als Roberto erscheint, nimmt sie eine königliche Haltung an und fordert ihn zum Gehen auf. Vor einer Hütte auf dem Lande wird Griselda erneut von Ottone angesprochen. Dieser droht, ihren Sohn zu töten, wenn sie ihn nicht erhört. Also bringt eine Wache Everardo zu Griselda. Corrado hat sich versteckt und beobachtet die Vorgänge. Er macht sich bemerkbar, als Griselda sich noch immer weigert, Ottone nachzugeben. Corrado tut, als ob er Ottones Sache unterstütze und lässt sich den Knaben übergeben, mit dem er in den sicheren Palast zurückkehrt.

Costanza und Roberto kommen in der Nähe vorbei. Das Mädchen bittet den Geliebten, sie in Frieden zu lassen – wenngleich sie zugibt, ihn noch immer zu lieben. Sie finden die schlafende Griselda in ihrer Hütte. Costanza spürt eine Zuneigung zu dieser, die sie sich nicht erklären kann, und als sie die Schlafende weckt, erkennt diese offenbar ihre lange verschollene Tochter, verrät sich aber nicht. Plötzlich erscheint Gualtiero. Costanza bittet darum, ihr Griselda zur Bedienung zu geben. Gualtiero jedoch spielt gegenüber Griselda noch immer den Verächtlichen und erklärt Costanza, dass es sich bei der Frau um die alte Königin handelt. Corrado kommt mit Soldaten herbei, um den König vor Ottones Plänen zu warnen. Ungläubig müssen die Anwesenden jedoch hören, dass Gualtiero seine frühere Königin ihrem Schicksal überlässt. Bald kommt Ottone mit seinen Mannen, um Griselda wegzuschaffen – doch da erscheint auch Gualtiero mit Costanza, und Ottone wird festgenommen. Griselda gegenüber gibt sich der König nach wie vor verächtlich: Sie habe ihre Rettung nur Costanza zu verdanken.

Dritter Akt

Als Costanzas Dienerin lebt Griselda wieder im Palast. Sie belauscht ein Gespräch zwischen ihrer neuen Herrin und Roberto, in dem diese einander ewige Liebe schwören. Sie ist empört über diesen Verrat und geht, um dem König das Gehörte zu berichten. Gualtiero tritt zusammen mit Corrado auf, der seinerseits die Liebenden gehört hat und dem König den Inhalt der Unterhaltung verrät. Gualtiero erklärt überraschenderweise, dass es nicht Griseldas Sache sei, die Handlung ihrer Herrin in Frage zu stellen. Dann befiehlt er den beiden Liebenden, einander die Treue zu halten.

Die letzte Prüfung, der die edle Griselda unterzogen wird, findet in der prächtigen Empfangshalle des Palastes statt. Vor seinen Untertanen versucht Gualtiero, Griselda zur Ehe mit Ottone zu zwingen. Falls sie sich nicht füge, werde er sie hinrichten lassen. Dessen ungeachtet widersetzt sich Griselda – zur Freude des Königs, der jetzt endlich seine wirkliche Absicht offenbart. Selbst Ottone erhält Pardon, und das Volk ist davon überzeugt, dass Griselda verdientermaßen die Königin ist. Sie bekommt Tochter, Sohn, Ehemann und Thron zurück.

William Yeoman
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Die Libretto sind online unter www.naxos.com/libretti/660211.htm

 


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