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8.660312-13 - MERCADANTE, S.: Don Chisciotte alle nozze di Gamaccio (Guagliardo, Colaianni, Catrani, Mirabelli, Ever, Mastrototaro, Fogliani)
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Saverio Mercadante (1795–1870)
Don Chisciotte alle nozze di Gamaccio

 

Saverio Mercadante gehörte zu den produktivsten Komponisten Italiens im 19. Jahrhundert. Instrumentalmusik und Kirchenmusik stehen in seinem Schaffen seinen 57 Opern gleichwertig gegenüber. Von 1808 bis 1816 studierte er Violine und Komposition am Conservatorio di San Sebastiano in Neapel; wie Vincenzo Bellini war er Schüler Niccoló Zingarellis. Er debütierte 1819 am Teatro San Carlo mit Lʼapoteosi di Ercole. Zu europäischer Berühmtheit gelangte er mit Elisa e Claudio (Milano 1821). Von 1823–1825 war er als Nachfolger Rossinis Hauskomponist am Teatro San Carlo in Neapel. 1826–1831 wirkte er als Komponist und Dirigent auf der iberischen Halbinsel. 1833–1840 bekleidete er das Amt eines Domkapellmeisters im oberitalienischen Novara. Einem Aufenthalt in Paris 1835/36 verdankte er die Kenntnis der französischen Grand opéra, deren wesentliche Elemente er in seinen „Reformopern“, allen voran Il giuramento (Milano 1837) und Il bravo (Milano 1839) für die Gegebenheiten der italienischen Theaterpraxis adaptierte. Lange vor Verdi transformierte er damit die reine Belcanto-Oper zu einem wirklichen Musikdrama. 1840 wurde er Nachfolger seines Lehrers als Direktor des Konservatoriums in Neapel; 1843 auch Chefdirigent am Teatro San Carlo. Seine Erblindung setzte 1862 seinem öffentlichen Wirken ein Ende; als Komponist und Lehrer blieb er jedoch bis zuletzt tätig: er unterrichtete, indem er Schülern eigene Werke diktierte.

Wie seit dem 18. Jahrhundert für neapolitanische Komponisten nicht unüblich (Cimarosa, Paisiello) hat auch Mercadante einen Teil seiner Karriere im Ausland absolviert. Die Bedingungen waren dabei in Spanien und Portugal sehr unterschiedlich: während die italienische Oper in Portugal als Hofkultur fest etabliert war, wurde diese in Spanien, das ja über eine eignen bedeutende Sing- und Schauspieltradition verfügte, nur ausnahmsweise gepflegt, 1797 war sie sogar gänzlich verboten worden. Mercadantes Engagement in Madrid 1826 markierte daher den erfolgreichen Neubeginn der italienischen Opernpflege auf spanischem Territorium.

Angesichts der schwierigen Arbeitsbedingungen—Madrid verfügte damals noch über kein eigenes Opernhaus—ist es nicht verwunderlich, dass Mercadante bereits 1827 auf den weitaus besser dotierten und prestigeträchtigeren Posten eines Chefdirigenten am Teatro São Carlos in Lissabon wechselte. Vermutlich hatte er sich auch auf einen längeren Aufenthalt in Portugal eingestellt, der Putsch Dom Miguels und die folgende Schließung des Opernhauses zwangen Mercadante und seine Sängerkompagnie jedoch, schon Anfang 1829 in das spanische Cádiz auszuweichen. Was zunächst nur als Gastspiel gedacht war, führte zu einem festen Engagement der Compagnie und der dauerhaften Pflege der italienischen Oper auch in Cádiz. Die Hochzeit des spanischen Königs Francisco VII mit einer neapolitanischen Prinzessin hatte zur Folge, dass Mercadante in der Saison 1830/31 noch einmal zum Operndirektor in Madrid berufen wurde. Das Anfang 1830 am Teatro principal uraufgeführte einaktige Melodramma giocoso Don Chisciotte alle nozze di Gamaccio ist sein Abschiedsgeschenk für Cádiz, einer Stadt, in der er sich ausweislich seiner Briefe sehr wohl gefühlt hatte und deren Opernbetrieb er auch in den folgenden Jahren von Italien aus noch verfolgte.

Das Libretto zu der Oper stammt von Stefano Ferrero, der von Haus aus Sänger war und bei der Uraufführung auch die Partie des Don Chisciotte sang. Als Vorlage diente das 20. Kapitel aus Miguel de Cervantes Don Quijote, in dem Don Quijote verhindert, dass das arme Bauernmädchen Chiteria gezwungen wird, den reichen Camacho an Stelle ihres armen Geliebten Basilio zu heiraten. Innerhalb von Cervantes Roman dient diese einfache Geschichte als Parabel über die verwerfliche Macht des Geldes, der Korrumpierbarkeit der Menschen und den (scheinbar) weltfremden Idealismus Don Quijotes. Das Gespann Ferrero/Mercadante greifen in ihrer Oper diesen durchaus ernsten Hintergrund der Erzählung auf, indem sie das Potential der Erzählung weniger in Richtung Situationskomik denn in Richtung Personencharakteristik lenken. Bezeichnenderweise wird die Oper auch nicht als Farsa sondern als Melodramma giocoso betitelt.

Der Oper vorangestellt ist eine Ouvertüre, die als Sinfonia caratteristica spagnuola später auch als reines Instrumentalstück Verbreitung gefunden hat. Es folgen sechs Bilder mit insgesamt acht musikalischen Nummern:

Sinfonia
Introduzione: Coro e Cavatina (Sancio) [Buffo]
Cavatina (Chiteria) [Soprano]
Scena e Duetto (Chiteria, Basilio) [Soprano, Tenore]
Coro e Cavatina (Don Chisciotte) [Basso]
Coro ed Aria (Gamaccio) [Tenore]
Duetto (Don Chisciotte, Sancio) [Basso, Buffo]
Duetto (Basilio, Sancio) [Tenore, Buffo]
Finale: Coro, Pezzo concertato [a 8], Rondo finale
(Chiteria) [Soprano]

Mit Rücksicht auf die geringe Vertrautheit des Publikums mit der italienischen Oper verzichtete der Komponist großteils auf musikalisch komplexe Formen und verläßt sich ganz auf die aus der neapolitanischen Tradition stammenden Möglichkeit der Personencharakteristik durch die unterschiedliche Stilhöhe des jeweiligen Gesanges. Die Auftrittsarie des Sancio (CD 1 3) etwa ist eine Parlando-Partie in bester neapolitanischer Buffo-Tradition, wohingegen die folgende Kavatine (Chiteria, CD 1 6) bzw. das Duett (Chiteria-Basilo, CD 1 8) hörbar aus der Sphäre der Seria-Opern stammt. Die Besonderheit der Oper und Mercadantes eigene Erfindung ist jedoch nicht die Abfolge ernster und heiterer Nummern, sondern die Durchmischung beider Sphären in ein- und derselben Nummer. So gelingt es Mercadante etwa in der Auftrittsarie des Don Chisciotte (CD 1 !) der gedankenverloren in Erinnerungen an Dulcinea schwelgt ohne den Spott und das Gelächter wahrzunehmen, das ihn umgibt, das tragik-komische Element dieser Figur hörbar zu veranschaulichen. Ein ähnliches Kabinettstück stellt das Duett (Don Chisciotte-Sancio, CD 2 2) dar, in dem Sancio—halb Diener, halb Krankenwärter—alle neapolitanischen Parlando-Künste aufbieten muß, den cholerischen Anfall Don Chisciottes zu besänftigen. Dass Don Chisciotte gleichwohl kein Narr ist, zeigt sich in dem folgenden Duett (Sancio-Basilio, CD 2 4): Sancho nimmt Umhang und Schwert Don Chisciottes und gibt sich der Allmachtsfantasie hin, selbst ein Ritter zu sein. Basilio, der Sancio für Don Chisciotte hält, bittet diesen um Hilfe. Sancio entlarvt sich selbst, indem er Basilio rät, Chiteria einfach zu vergessen. Als Basilio ihn daraufhin bedroht, gibt er sich als Sancio erkennen. Das wird auch musikalisch umgesetzt: Versucht Sancio zu Beginn des Duettes den Gesangsstil Don Chisciottes zu imitieren, so verfällt er am Schluß wieder in dem ihm gemäßen Parlando-Ton, wohingegen der zu Beginn Unterwürfigkeit vortäuschende Basilio vom Parlando-Ton in den heroischen Ton der Seria- Oper wechselt und damit seine wahre Natur zu erkennen gibt.

Naturgemäß kann in einer Oper dieser Zeit das Rossiniʼsche Crescendo nicht fehlen; ganz der neapolitanischen Tradition entspringt dann wieder das Pezzo concertato im Finale für acht Solostimmen a cappella (CD 2 5), das wohl auch dazu dienen sollte, die Leistungsfähigkeit des in Cádiz versammelten Ensembles als Ganzes darzustellen. Erwähnenswert ist ferner die prominente Rolle des Chores, der hier durchaus die Funktion einer dramatis personae hat. Das auffälligste Charakteristikum der Oper aber ist die Verwendung spanischer Folklore, zu der im Uraufführungslibretto eigens angemerkt wird:

Habiendo tomado á su cargo el Maestro Mercadante el aplicar la música á esta composicion de carácter espanol, creyó conveniente servirse de varios motivos de las mejores canciones de la nación, para hacer todavia mas caracteristica su obra.“ (Bei seinem Vorhaben, ein spanisches Sujet zu vertonen, schien es dem Maestro Mercadante angemessen, Motive der schönsten spanischen Lieder zu verwenden, um sein Werk charakteristischer zu gestalten.)

Tatsächlich ist etwa der Auftritt Don Chisciottes mit „Tempo di mancieca“ überschrieben und verwendet Elemente der seguidilla manchega. Die Einleitung zum Finale wird mit Tempo di Bolero bezeichnet und für die Cavatina Chiterias bzw. das Schlußrondo läßt sich sogar die genaue Vorlage identifzieren, der 1812 gedruckte Bolero Cuanta veces mis ojas.

In der Entwicklung von Mercadantes Personalstil stellt Don Chisciotte alle nozze di Gamaccio eine gelungene Synthese Rossiniʼscher Neuerungen mit neapolitanischer Tradition dar, die zudem schon auf die psychologisch feinfühlige Personencharakteristik seiner späteren „Reformopern“ vorausweist, aber auch auf seine Falstaff-Oper von 1834 neugierig macht. In der Verwendung spanischer Folklore geht sie noch über I due Figaro (Madrid 1826) hinaus, in der Mercadante erstmals mit diesen Möglichkeiten gespielt hatte. Prototypisch stellt Don Chisciotte alle nozze di Gamaccio das Model einer dezidiert „spanischen“ Oper dar, die freilich erst hundert Jahre später von dem aus Cádiz stammenden Manuel de Falla realisiert wurde.

Bei der Uraufführung in Cádiz war Don Chisciotte alle nozze di Gamaccio sehr erfolgreich. Eine weitere Aufführung läßt sich 1841 für Madrid nachweisen. Letztmalig wurde das Werk 1869 in Madrid am Teatro de la Zarzuela in spanischer Übersetzung gegeben. Damals vermerkte die Kritik allerdings, dass es dem Stück trotz der inhärenten Qualitäten der Musik nicht gelungen sei, die Qualitäten von Cervantes unsterblichem Meisterwerk auf der Bühne sichtbar zu machen. Der vorliegende Mitschnitt aus Bad Wildbad stellt demnach die moderne Erstaufführung dar und dürfte geeignet sein, in einer mehr international als nationalistisch geprägten Zeit das Werk einer angemesseneren Beurteilung zu unterziehen.

Der Edition zu Grunde liegt die autographe Partitur Mercadantes, die dieser 1831 nach Italien mitgebracht hat und die 1895 zusammen mit dem übrigen Nachlaß Mercadantes vom italienischen Staat erworben wurde und heute im Konservatorium in Neapel aufbewahrt wird.

© 2012 Michael Wittmann

Synopsis

CD 1

[1] Ouvertüre. Die effektvolle Ouvertüre mit spanischen Tanzmotiven wurde später als Konzertstück „Sinfonia caratteristica spagnuola“ bekannt.

[2] Nr. 1. Introduktion. Vor dem Haus Don Diegos finden die Vorbereitungen zur Hochzeit des reichen Gamaccio statt.

[3] Kavatine und [4] Stretta. Sancio Pansa, der Knappe des Ritters, kündigt die Ankunft Don Chisciottes an

[5] Rezitativ. Er beklagt sich über die schlechte Behandlung durch die Landleute.

[6] Nr. 2. Kavatine. In Bernardos Haus beklagt dessen Tochter Chiteria das Unglück, dass sie auf Befehl des Vaters den reichen Gamaccio an Stelle ihres geliebten Basilio heiraten soll.

[7] Nr. 3. Szene und [8] Duett. Basilio erscheint und stellt Chiteria zur Rede. Diese bittet ihn, sie zu verlassen.

[9] Rezitativ. Bernardo bespricht mit Gamaccio die bevorstehende Hochzeit. Dieser fordert vorab aber vergeblich einen Kuss von Chiteria. Bernardo fordert seine Tochter auf, Basilio zu vergessen. Don Diego kündigt seiner Frau Cristina das Erscheinen seines Freundes Don Chisciotte an, den sie zur Hochzeit Gamaccios einladen wollen.

[10] Nr. 4. Chor und Kavatine. Die Landleute begrüßen Don Chisciotte (Chor), der auf seinem Pferd Rosinante angeritten kommt.

[11] (Kavatine). Don Chisciotte trauert seiner Jugendliebe Dulcinea nach und wird darob von den Landleuten verspottet. Vergeblich bittet Sancio diese, Don Chisciotte zumindest scheinbar Respekt zu zollen.

[12] Rezitativ. Don Diego stellt Cristina Don Chisciotte vor, der sich zum Verteidiger aller wahrhaft Liebenden deklariert.

[13] Chor und Arie. Auf dem Dorfplatz kommentieren die Landleute den seltsamen Auftritt Don Chisciottes. Gamaccio kommt hinzu und erfährt von der Einladung Don Chisciottes zu seiner Hochzeit. Schnell läßt er sich Lektionen über ritterliches Benehmen erteilen. Basilio ist entschlossen, alles zu unternehmen, um die Hochzeit Chiterias mit Gamaccio zu verhindern.

CD 2

[1] Rezitativ. Basilio schwört, dass Gamaccio nie seine Chiteria heiraten wird.

[2] Nr. 6. Duett. Im Hause Don Diegos hat Sancio alle Mühe, Don Chisciotte zu beruhigen, den eine vermeintlich respektlose Bemerkung Sancios über Dulcinea in Rage versetzt hat.

[3] Rezitativ. Cristina bittet Gamaccio herein. Sancio bestätigt Gamaccio das Kommen Don Chisciottes. Don Diego befürchtet Ärger mit Basilio.

[4] Nr. 7. Duett. Vor dem Hause Don Diegos gibt sich Sancio seinem Traum hin, selbst ein Ritter zu sein. Basilio, der ihn mit Don Chisciotte verwechselt, bittet diesen um Hilfe bei der Verteidigung seiner Liebe. Sancio entlarvt sich selbst, als er Basilio rät, Chiteria zu vergessen. Basilio bedroht ihn, Sancio bittet kleinlaut um Gnade.

[5] Nr. 8. Chor und Finale. Im großen Gefolge kommen alle Hochzeitsgäste zusammen und lassen das Brautpaar hoch leben (Chor).

[6] Basilio erscheint und täuscht einen Selbstmord vor. Nach einer Schrecksekunde (Concertato) bittet er „in extremis“ um die Hand Chiterias. Deren Vater willigt ein. Kaum ist die Nottrauung vollzogen, stellt sich der Selbstmord als Bluff heraus. Gamaccio will Basilio zum Duell fordern, doch Don Chisciotte rettet die Situation, indem er erklärt, dass im Krieg und in der Liebe jede Taktik erlaubt sei und sich Gamaccio eine andere Frau kaufen möge. Überglücklich besingt Chiteria ihre Verbindung mit Basilio (Rondo finale).

© 2012 Michael Wittmann


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