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8.660340-42 - ROSSINI, G.: Semiramide [Opera] (Penda, Pizzolato, Regazzo, Osborn, Mastroni, Fogliani)
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Gioachino Rossini (1792–1868)
Semiramide

 

Rossinis musikalische Kathedrale

Mit den triumphalen Erfolgen, die Rossini 1822 in Wien feierte, hatte seine internationale Karriere begonnen, deren Fortsetzung bereits mit Reiseplänen nach London und Paris absehbar war. Es ist gut möglich, dass Rossini die Vertragsverhandlungen, die er von Wien aus mit dem Gran Teatro La Fenice in Venedig führte, als vorläufi gen Abschluss seiner italienischen Karriere betrachtete. Auf dem Rückweg von Wien nach Bologna dürfte er der Direktion des Theaters seine Forderungen für ein Engagement seiner Frau Isabella Colbran als Primadonna und für sich als musikalischen Leiter einer seiner älteren sowie als Komponist einer neuen Oper für die Karnevalssaison 1823 mündlich unterbreitet haben. Am 13. August 1822 unterzeichnete er einen Vertrag, der heute als verloren gilt, von dem wir aber wissen, dass er u.a. vorsah, dass die Partitur der neuen Oper im Besitz des Theaters bleiben würde. Im Falle von Zelmira, deren Partitur Rossini als sein Eigentum betrachtete, hatte er versucht, die Verbreitung des Werks direkt zu kontrollieren, indem er selbst mit Theatern und Verlegern verhandelte. Mit dem Vertrag über Semiramide entledigte sich Rossini dieser aufwändigen Aufgabe, indem er alle Rechte zu einem sehr hohen Preis von Anfang an dem Auftraggeber überließ und diesen so zu einer Verbreitung seiner Musik anspornte.

Rossini lud den Librettisten Gaetano Rossi auf sein Landgut nach Castenaso bei Bologna ein, um in aller Ruhe mit der Komposition der neuen Oper zu beginnen, die er bereits am 9. Oktober 1822 in Angriff nahm und mit einer Souveränität vollendete, die mit ihrer Monumentalität und Perfektion die Handschrift des Genies auf seinem schöpferischen Höhepunkt trägt. Dass Rossi mit Semiramide wie bereits zehn Jahre zuvor für Rossinis erste Fenice-Oper Tancredi wiederum eine Tragödie von Voltaire bearbeitete, mochte ein Zufall sein. Bedeutender scheint der Umstand, dass Isabella Colbran, die die Titelrolle singen sollte, die assyrische Königin in ihrer Karriere schon mehrfach andere Vertonungen des Stoffes in Opern von Portogallo, Nasolini und Mayr interpretiert hatte, und Rossini die Herausforderung einer eigenen Ausgestaltung reizte. Rossi und Rossini arbeiteten den ganzen Monat Oktober an der neuen Oper, bis sie sich nach Verona begaben, wo sie von Fürst Metternich zum Kongress der Heiligen Allianz erwartet wurden, um dort verschiedene Kantaten und Opern zur Aufführung zu bringen. Von Verona aus ging es direkt nach Venedig, wo die Rossinis am 4. Dezember 1822 eintrafen. Da Maometto II (Neapel 1820), der in einer Happyend-Fassung die Saison eröffnete (Naxos 8.660149–51), durchfi el, musste Rossini kurzfristig auch noch Ricciardo e Zoraide (Neapel 1818) für das Fenice einrichten. Am 13. Januar 1823 konnten die Proben zu Semiramide beginnen und am 3. Februar hatte die Oper ihre Premiere, worauf sie bis zum 10. März insgesamt 28 Mal aufgeführt wurde. Die hohen Erwartungen des Publikums und der Presse an die neue Oper Rossinis wurden weitgehend erfüllt, aber die fast tägliche Aufführung des monumentalen Werks von rund vier Stunden Musik mit seinen hohen Anforderungen bedeutete für die Sänger eine kaum zu bewältigende Tour de Force. Einige Stücke wurden immer (die Arie des Idreno im 1. Akt) oder fast immer weggelassen (die Auftrittsarie des Arsace und sein Duettino mit Semiramide), andere wurden je nach stimmlicher Verfassung der Sänger von Fall zu Fall gekürzt oder ausgelassen, was zu so großem Unmut beim Publikum führte, dass die Polizei, die um die öffentliche Ordnung fürchtete, einschritt und die Sänger teilweise gegen den ärztlichen Rat zum Singen verpfl ichtete. Obwohl der Theaterpraktiker Rossini Kürzungen zuließ, legte er bei ihrer Wiederaufnahme in London unbeirrt Wert darauf, dass die Oper „ganz komplett sei, so wie ich sie für Venedig komponiert habe“.

Rossini wählte einen Stoff, dessen Wurzeln bis in die antiken griechischen Tragödien reichte und der in ganz unterschiedlichen Ausgestaltungen in Theater und Melodram Verbreitung fand. Sein Librettist folgte weitgehend der Tragödie von Voltaire, der die Handlung auf die Sühnung des Königs- und Gattenmordes, der 15 Jahre zuvor begangen worden war, fokussierte. Die schuldbeladene Semiramide weiß, dass sie der göttlichen Strafe nicht entgehen kann, zumal sich ihre Liebe zu dem jungen Feldherrn, die ihr neues Vertrauen gibt, als unbewusste, wenn auch nicht vollzogene inzestuöse, Beziehung herausstellt, als sie in ihm ihren eigenen, tot geglaubten Sohn erkennt. Ihre Wandlung zur liebenden Mutter rettet sie aber nicht mehr vor dem Todesstoß, den ihr eigener Sohn wider Willen gegen sie führt. Bedeutend eindimensionaler ist der Charakter des Machtmenschen Assur, der mit allen Mitteln den Thron besteigen will und Liebe nur als Mittel zum Zweck kennt. Aber auch er bekommt menschlichere Züge, wenn er vor dem Geist Ninos fast dem Wahn verfällt. Arsace tritt uns zunächst als verliebter junger Mann entgegen, der aber bald den Ernst des Lebens kennenlernt, wenn er der Staats- und Gottesräson gehorchen muss: vor dem Konfl ikt, zum Rächer des Vaters und mithin ungewollt zum Muttermörder zu werden, tritt die Liebe zu Azema völlig in den Hintergrund. Sie wird aber keineswegs in Frage gestellt, denn so wie alles in dieser Handlung der göttlichen Vorbestimmung unterliegt, so wird Arsace-Ninia auch die ihm von Geburt an zugewiesene Prinzessin heiraten (was denn auch in der alternativen Fassung der Oper von 1825 für Paris explizit geschieht, wenn die sterbende Semiramide ihren Sohn mit Azema vermählt). Sein Konkurrent Idreno ist dramaturgisch völlig entbehrlich und erhält nur Auftritte, um das vokale und emotive Gleichgewicht zu wahren. Dass Arsaces Geliebte Azema radikal marginalisiert wird und keine einzige musikalische Nummer, ja nicht einmal ein Treffen mit Arsace bekommt, entspricht jener Pragmatik Rossinis, mit beeindruckender Konsequenz alles zu eliminieren, was nicht thematisiert wird—man kennt diesen für die Romantiker so unverständlichen Pragmatismus bereits aus der komischen Oper L’Italiana in Algeri (Venedig 1813), wo Rossini ein dramaturgisch überfl üssiges Duett zwischen dem Liebespaar Isabella und Lindoro kurzerhand tilgte.

Semiramide ist die monumentale Quintessenz einer Karriere von nur zehn Jahren, in denen Rossini das italienische Melodram radikal erneuerte. Nach seinen experimentellen neapolitanischen Opern, in denen er die Nummernopern mit großangelegten Szenenblöcken aufzuweichen begann, zeigt Semiramide wieder eine klassische Struktur, in der sich die musikalischen Nummern von den Rezitativen deutlich abheben, und dies obwohl Rossini—erstmals außerhalb von Neapel—die Rezitative vollständig und meisterhafter als je auskomponierte. Die instrumentale Raffi nesse zeigt sich nicht nur wie schon immer bei Rossini im reizvollen Einsatz der Bläser, sondern vor allem auch in einem Klangteppich, der mit seinem oft dunklen Kolorit der Basstöne die mysteriöse Atmosphäre dieser Oper hervorruft. Zu dieser Stimmung tragen auch die Chöre bei, für die Rossini aus dramaturgischen und klanglichen Gründen die Tenöre und Bässe—namentlich in geheimnisvollen Priesterchören—privilegiert. Die Ensemblenummern beschränken sich auf die großen Blöcke—die gigantische Introduktion (Nr. 1) und das erste Finale (Nr. 7) als ihr Pendant, sowie das zweite Finale (Nr. 13)—während ansonsten sechs Soloarien (zwei ohne und vier mit Chor: Nr. 2 und 4 sowie 5, 9, 10 und 12) und vier Duette (Nr. 3, 6, 8 und 11) vorherrschen. Die drei Hauptpersonen messen sich gegenseitig in Duetten—jeder mit jedem, und dann nochmals Mutter und Sohn—, in denen ihre ganzen Emotionen zum Ausdruck kommen; erst innerhalb des zweiten Finales werden die drei Stimmen Sopran (Semiramide), Contralto (Arsace) und Bass (Assur), die die Oper dominieren, in dem bewegenden Terzett „L’usato ardir“ zusammengeführt. In dieser Welt des Ideal-Schönen ist es selbstverständlich, dass der männliche Held, Arsace, von einer Frau mit Contraltostimme gesungen wird, ja für diese noch barocke Ästhetik gäbe es nichts Unnatürlicheres und Befremdlicheres, als wenn diese Rolle von einem Mann dargestellt würde. Der Tenor (Idreno) fungiert in den Ensembles nur als vokale Ergänzung und verschafft mit seinen beiden Arien den Protagonisten einen Ruhepunkt. Die Koloratur als Ausdrucksmittel nimmt Formen an, indem sie die Virtuosität zu einer nie dagewesenen Dynamik führt und gleichzeitig stets eine dramatische Wahrheit vermittelt, die nichts Gekünsteltes hat. Das Pulsieren der Stimmen wird zur allumfassenden Sprache, zum Ausdruck von Gefühlen wie Freude, Angst, Lust, Wut, Verzweifl ung, Hoffnung. Rossini gelingt es, seine Charaktere durch dieses Stilmittel ohne dramatische Abstriche in eine Sphäre der Sublimität zu erheben und mithin den Belcanto zur Vollendung zu führen. Wenn Rodolfo Celletti Semiramide als letzte und schönste Barockoper bezeichnet hat, muss man ergänzen, dass sie viel mehr als eine solche ist, nämlich die Vollendung des Belcanto als Verschmelzung von Wahrheit und Kunst. Gleichzeitig gelingt es Rossini auch, mit einer „veristischen“ Szene weit in die Zukunft zu weisen, nämlich in der Wahnsinnsszene Assurs (Nr. 12), dessen angsterfülltes, stockendes und fl ehendes Deklamieren einen Ausdruck annimmt, der ganz realistisch und weit entfernt von einer virtuosen Kunstsphäre ist und beispielsweise noch Verdi in seinem Macbeth beeinfl ussen sollte.

Abgesehen von Guillaume Tell (1829), der wegen der Erfordernisse der Pariser Oper ganz eigenen Gesetzen und Dimensionen unterlag, ist Semiramide Rossinis längste Oper. Sie weist fast vier Stunden Musik auf, und der erste Akt ist mit mehr als zwei Stunden wahrscheinlich der längste Akt der Operngeschichte überhaupt. Dennoch hat die Oper nur 13 Nummern und eine Ouvertüre. Bereits in den vorausgehenden Opern, namentlich Maometto II und in Matilde di Shabran, hat sich abgezeichnet (und in Il viaggio a Reims wird sich das bestätigen), wie Rossini einer Unerbittlichkeit der Formen gehorcht, indem sein auf Kombinatorik beruhender Kompositionsstil einen architektonischen Gigantismus einfordert, der keine Halbheiten erträgt. Einzelne Teile wegzulassen oder einzukürzen, stört nicht nur die Ästhetik, sondern bringt das ganze Konstrukt in Gefahr. Nur in der völlig ungekürzten (hier vorliegenden) Fassung offenbart sich die rossinische Kathedrale in ihrer atemberaubenden Größe und all ihren faszinierenden Nischen und Arabesken.

Reto Müller

Die Handlung

CD 1

[1] Ouvertüre

Erster Akt

Prachtvoller Tempel zu Ehren von Belus.

[2] Oroe, der Hohepriester der Mager, empfängt im Sanktuarium die Vision der babylonischen Gottheit und erwartet den Moment von Gerechtigkeit und Rache.

[3] Die Würdenträger und das Volk strömen in den Tempel und singen zum Lob von Belus. Aus ganz Assyrien haben sich die Völker nach Babylon begeben, um der Wahl eines Thronfolgers beizuwohnen.

[4] Der indische Fürst Idreno hofft auf Erfüllung seiner Liebe. Der Satrapenführer Assur begehrt unverhohlen die Nachfolge von Nino, dem verstorbenen Gatten von Semiramide. Oroe ist entsetzt.

[5] Das Volk jubelt der Königin entgegen.

[6] Alle setzen ihre Hoffnung in sie, während sie ihre Unsicherheit verbirgt.

[7] Assur fordert sie auf, Ninos Nachfolger zu bestimmen. Semiramide zögert; sie vermisst noch jemanden unter den Anwesenden. Im Moment, da sie den Namen ihres Gatten nennt, erlöscht plötzlich das heilige Altarfeuer. In allgemeinem Entsetzen löst sich die Versammlung auf.

[8] Oroe erklärt den Zorn des Himmels mit noch ungesühnten Verbrechen. Die Wahl des Thronfolgers kann erfolgen, wenn das Orakel von Memphis überbracht wird. Während Semiramide heimlich auf die Rückkehr Arsaces hofft, bekräftigen Idreno und Assur ihre Wünsche. Oroe kennt die Gerechtigkeit der Götter und fürchtet um Semiramides Schicksal.

[9] Arsace erscheint mit einer Schatulle vor dem Tempel: endlich ist er in Babylon. Der sterbende Vater, Fradate, hat ihn hierher zum Belustempel geschickt, ein geheimer Befehl Semiramides hat ihn an ihren Hof berufen, und in der Hoffnung, die geliebte Azema wiederzusehen, ist er herbeigeeilt.

[10] Bewegt erinnert er sich an den Tag, an dem er sie vor den Barbaren gerettet und die Liebe sein Leben verändert hat.

[11] Da kommt ihm Oroe entgegen, dem er die Schatulle überreicht. Oroe entnimmt daraus den Brief, den Nino sterbend geschrieben hat, seine Krone und sein Schwert. Arsace erfährt, dass Nino durch Gift ermordet wurde. Als sich Assur nähert, zieht sich Oroe zurück. Assur wirft dem jungen Feldherrn vor, die Truppen ohne seine Erlaubnis verlassen zu haben. Arsace verweist auf den Befehl der Königin und auf seine Liebe zu Azema. Assur belehrt ihn, dass die Prinzessin von Geburt an Ninia versprochen wurde. Doch Arsace weiß, dass Ninia tot ist und Azema ihn liebt.

[12] Er wisse, was Liebe ist, während Assur nur am Thron gelegen sei. Hochmütig antwortet dieser, dass ein Skythe einem Halbgott nichts anhaben könne. Er droht ihm mit seiner Macht und seiner bevorstehenden Königswürde.

[13] Arsace ist sich Azemas Liebe sicher und wird Assur niemals als König akzeptieren.

[14] Beide sind siegesgewiss und gehen unter Drohungen auseinander.

Vorhalle im Palast.

[15] Azema hat überglücklich von der Rückkehr Arsaces erfahren. Der hinzutretende Idreno bedrängt sie mit seinem Liebeswerben. Seine Angst, Assur zum Rivalen zu haben, erweist sich als unbegründet, da Azema diesen verabscheut.

[16] Idreno fasst Mut und will die Kühnheit des Rivalen bestrafen. Er hofft, dass Azemas Herz noch frei sei und versichert sie seiner uneingeschränkten Liebe.

CD 2

[1] Azema ist beeindruckt von der Liebeserklärung und gesteht sich ein, dass sie Idreno lieben könnte, wenn nicht Arsace alle ihre Gefühle hätte und verdienen würde.

Hängende Gärten.

[2] Mädchen und Kitharöden versuchen die bedrückte Semiramide zu erheitern. Sie sagen ihr Liebeswonnen voraus, da Arsace zurückgekehrt sei. Ein Hoffnungsstrahl beseelt die Königin.

[3] In Erwartung des Feldherrn vergisst sie ihre Sorgen und sieht dem Augenblick der Freude und der Liebe entgegen.

[4] Mitrane überbringt den Orakelspruch. Semiramide deutet die Aussage, dass bei der Rückkehr von Arsace und bei einer neuen Vermählung ihre Leiden enden werden, als Erfüllung ihrer Wünsche. Sie beauftragt Mitrane, Hochzeitsfeierlichkeiten vorzubereiten und erneut alle zusammenzurufen. Arsace tritt hoffnungsvoll vor die Königin. Er gesteht ihr, dass er Assur nicht dienen wolle. Freudig erfährt er von Semiramide, dass sie diesem die Hand der Prinzessin nicht gewähren wird.

[5] Sie verspricht ihm den höchsten Lohn, wenn er seinen Gefühlen treu bleibt. Arsace gesteht, dass ihn die Liebe verzehrt.

[6] Beide geben sich den lieblichsten Bildern von Glückseligkeit hin.

Vorhalle.

[7] Assur ist überrascht, Oroe nach fünfzehn Jahren erstmals wieder im Palast anzutreffen. Oroe erinnert ihn an den Grund seines Rückzugs in den Tempel, jene abscheuliche Nacht, in der eine Todeshand Assyrien seines guten Königs und des Thronfolgers Ninia beraubt hat. Assur lenkt rasch vom Thema ab und kommt auf Arsace zu sprechen. Er warnt ihn und seine Verbündeten davor, ihm den Thron streitig zu machen. Oroe, allein geblieben, sieht voraus, dass der niederträchtige Assur bestraft wird.

Prächtiger Ort im Palast mit Blick auf Babylon. Thron auf der rechten Seite. Links das Vestibül vor dem Mausoleum des Königs Ninos.

[8] Der ganze Hofstaat und das Volk haben sich im Palast versammelt. Volk und Priester besingen diesen hohen Tag, an dem Assyrien einen neuen König bekommen soll.

[9] Semiramide lässt alle schwören, ihre Entscheidung zu respektieren.

[10] Dann erklärt sie zur allgemeinen Überraschung, dass derjenige, den sie zum neuen König bestimmt, auch ihr Gatte werden soll, nämlich Arsace. Assur ist empört über die Wahl eines Skythen, Idreno bittet um die Hand Azemas und erhält eine Zusage von Semiramide, Arsace erklärt, dass er von ihr etwas anderes als den Thron erhofft habe. Kaum hat sie bekräftigt, dass sie in ihm Assyrien Nino und seinen Sohn zurückgeben will, beginnt die Erde zu beben.

[11] Ein jämmerliches Klagen ist aus dem Mausoleum zu vernehmen und lässt alle erstarren.

[12] Da tritt zum allgemeinen Entsetzen der Geist Ninos aus der Grabesgruft hervor. Er verkündet, dass Arsace regieren werde, ihm aber erst an seinem Grab ein Opfer bringen müsse. Von Semiramide, die ihm ans Grab folgen will, verlangt der Geist Respekt: wenn es die Götter wollen, dann wird er sie zu sich rufen. Während sich der Geist zurückzieht und die Gruft sich wieder schließt, fragt die entsetzte Menge nach dem Grund des göttlichen Zorns.

Zweiter Akt

Vorhalle.

[13] Mitrane beauftragt Arbate, den Chef der königlichen Wachen, Assur zu überwachen. Er unterrichtet Semiramide darüber, dass dieser entgegen ihren Befehlen sich weigere, den Hof zu verlassen. Da stellt sich Assur der Königin und erinnert sie an das damalige Versprechen. Semiramide erschauert und fragt ihn, ob er nicht den Geist Ninos fürchtet, er, der den König vergiftet habe. Seinen Vorwurf, dass sie das Gift gemischt habe, verteidigt sie mit seiner Hinterlist. Sie glaubt, dass Assur auch für den Tod ihres Sohnes verantwortlich ist.

[14] Semiramide droht Assur mit dem Tod, dieser mit der Aufdeckung ihres Gattenmords.

[15] Beide verharren im Gedanken an die ständige Geisterverfolgung seit jener Todesnacht. Doch Semiramide fasst Mut und zählt auf den Schutz durch Arsace.

[16] Festliche Musik im Hintergrund feiert ihren Verlobten, den neuen König. Semiramide sieht Assur schon fallen, dieser bekräftigt, nicht ohne Rache aufzugeben.

CD 3

Im Inneren des Sanktuariums.

[1] Oroe und die Mager bereiten Arsace auf seinen großen Moment vor.

[2] Dieser ist bereit, dem Schicksal entgegenzusehen. Oroe lässt die Relikte von Nino bringen, setzt Arsace die Krone auf und eröffnet ihm, dass er kein anderer als Ninia selbst sei—alle haben ihn für Arsace, den Sohn des Fradate gehalten, der in Wirklichkeit längst gestorben war. Aus den Worten, die der sterbende Nino noch niederschreiben konnte, erfährt Arsace-Ninia, dass Assur und seine Mutter Semiramide die Mörder seines Vaters waren.

[3] Entsetzt fällt er in Oroes Arme. Dieser und die Mager fordern ihn auf, die verlangte Rache zu vollziehen und überreichen ihm das Schwert.

[4] Arsace drängt es, Assur zu töten, während er hofft, dass Nino und die Götter seiner Mutter verzeihen werden.

Gemächer der Semiramide.

[5] Mitrane versucht Azema zu beruhigen. Sie klagt über Semiramide, die ihr Arsace, ihr Ein und Alles, entzogen habe. Der hinzutretende Idreno ist von dieser Offenbarung überrascht, zählt aber auf ihre Hand und hofft auf ihr Herz.

[6] Unterstützt von den Indern und den Brautjungfern, ermuntert Idreno die Prinzessin, sich zum Altar zu begeben, wo auch Semiramide der Freude und der Liebe entgegensieht.

[7] Semiramide verfolgt Arsace, der sich ihr zu entziehen versucht. Sie verlangt nach dem Papier, das er betrachtet. Entsetzt erkennt sie beim Lesen, dass der Jüngling, den sie liebt, ihr Sohn ist und er von ihrem Gattenmord weiß.

[8] Semiramide fordert ihren Sohn auf, die schuldbeladene Mutter zu töten. Arsace will selber den ganzen Zorn der Götter auf sich nehmen.

[9] Emotionsgeladen umarmen sich Mutter und Sohn: in diesem Moment des Grauens und des Glücks fi nden sie wenigstens gegenseitigen Trost. Doch Arsace will dem Ruf des Vaters folgen; Semiramide weiß, dass Blut fl ießen wird, während Arsace auf die Gunst der Götter hofft.

Abgelegener Teil des Palastes, angrenzend an Ninos Mausoleum.

[10] Assur sinnt auf Rache. Er will seinen Rivalen in das Grab befördern, in das er schon Nino gestoßen hat.

[11] Da berichten seine Leute, dass Oroe ihre Aufwiegelung des Volkes vereitelt und Assur jede Hoffnung auf den Thron verloren hat: vom kommenden Tag an werde Arsace regieren. Assur gibt nicht auf. Auf einem geheimen Weg will er in die Grabkammer heruntersteigen, um dort Arsace zu töten. Doch plötzlich glaubt er sich dem Geist Ninos gegenüberzusehen, dessen eiserne Hand ihn aufhält und in den Abgrund stürzen will. Im Wahn fl eht er um Gnade.

[12] Die Satrapen verstehen sein Verhalten nicht und bringen ihn schließlich wieder zu sich. Assur erkennt, dass er sich von einem Trugbild erschrecken ließ. Mit neuem Mut erklärt er, dass seine starke Seele über die Götter und den Tod triumphieren werde.

[13] Mitrane hat erfahren, dass Assur nicht davor zurückschreckt, die Heiligkeit des Mausoleums zu schänden und lässt es von Arbate und seinen Wachen umzingeln; er wird derweil die Königin warnen.

Unterirdisches Gewölbe in Ninos Mausoleum. In der Mitte der Sarkophag Ninos.

[14] Die Mager begeben sich in das Grabesgewölbe, um den Verräter zu stellen. Oroe begleitet den von beklemmenden Vorahnungen erfüllten Arsace in die dunkle Gruft und fordert ihn auf, nur an seine Schwerthiebe zu denken; das Opfer werde ihm von Gott zugeführt. Mutig sagt sich Arsace, dass dies Assur sein werde; er verliert sich im Dunkeln. Derweil irrt Assur auf der Suche nach Arsace umher. Auch Semiramide ist in das Gewölbe hinabgestiegen, um ihren Sohn zu beschützen.

[15] In einem Gebet an Ninos Grab fl eht sie ihren Gatten um Beistand für den Sohn und Verzeihung für sich an. Ohne sich gegenseitig zu bemerken, gestehen sich alle drei Angst und Verzagtheit ein. Da befi ehlt eine Stimme: „Ninia, stoße zu!“.

[16] Während der überraschte Assur Arsace sucht, stößt dieser, im Glauben, seinen Rivalen vor sich zu haben, die zu seinem Schutz herbeigeeilte Mutter nieder. Oroe ruft die Mager und Wachen, lässt Assur als Mörder Ninos festnehmen und proklamiert Arsace als Ninia und König Assyriens. Mehr als die Todesstrafe trifft Assur, in seinem Rivalen den legitimen König erkennen zu müssen. Doch ihm bleibt eine Genugtuung: Er erkennt hinter dem Grab die getötete Semiramide und bemerkt hämisch, dass Arsace seine eigene Mutter ermordet hat. Arsace versucht sich in seiner Verzweifl ung das Leben zu nehmen, wird aber von Oroe daran gehindert. Alle Anwesenden feiern ihn als neuen König und fordern ihn auf, seinen Schmerz zu vergessen und Assyrien glücklich zu machen.

Reto Müller


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