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8.660343-44 - MERCADANTE, S.: Briganti (I) [Melodramma serio] (Mironov, Ivanova, Prato, Poznań Camerata Bach Choir, Virtuosi Brunensis, Fogliani)
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Saverio Mercadante (1795–1870)
I Briganti (Die Räuber)

 

Saverio Mercadante (1795–1870) gehörte zu den produktivsten Komponisten Italiens im 19. Jahrhundert. Instrumentalmusik und Kirchenmusik stehen in seinem Schaffen seinen 57 Opern gleichwertig gegenüber. Von 1808 bis 1816 studierte er Violine und Komposition am Conservatorio di San Sebastiano in Neapel; wie Vincenzo Bellini war er Schüler Niccolò Zingarellis. Er debütierte 1819 am Teatro San Carlo mit L’apoteosi di Ercole. Zu europäischer Berühmtheit gelangte er mit Elisa e Claudio (Milano 1821). Von 1823–1825 war er als Nachfolger Rossinis Hauskomponist am Teatro San Carlo in Neapel. 1826–1831 wirkte er als Komponist und Dirigent auf der iberischen Halbinsel. 1833–1840 bekleidete er das Amt eines Domkapellmeisters im oberitalienischen Novara. Einem Aufenthalt in Paris 1835/36 verdankte er die Kenntnis der französischen Grand Opéra, die er in seinen eigenen Reformopern, allen voran Il giurmanto und Il bravo (Milano 1837 und 1839) nutzbar machte. 1840 wurde Mercadante Nachfolger seines Lehrers als Direktor des Kon ser vatoriums in Neapel; 1843 auch Chefdirigent am Teatro San Carlo. Seine Erblindung setzte 1862 seinem öffentlichen Wirken ein Ende; als Komponist und Lehrer blieb er jedoch bis zuletzt tätig: er unterrichtete, indem er Schülern eigene neue Werke diktierte.

Als Mercadante im Sommer 1835 nach Paris aufbrach, dachte er an einen Aufenthalt von höchstens drei Monaten. Dass daraus dann mehr als ein halbes Jahr wurde, ist das „Verdienst“ Felice Romanis. Da Mercadante den Parisaufenthalt aber ursprünglich für das Jahresende 1835/36 geplant hatte, kam nun Romani in Terminschwierigkeiten. So ging der Auftrag für ein neues Libretto an Jacopo Crescini, einem in Paris lebenden italienischen Exilanten und Dichter, der allerdings bis dato noch nie ein Libretto geschrieben hatte. Die Wahl fiel auf Schillers Drama Die Räuber. Dies war aus doppeltem Grund eine kluge Entscheidung: Zum einen ersparte die Dramatisierung eines Theaterstückes gegenüber einer Romanvorlage einen Arbeitsgang des Librettisten; zum andern stand Schillers Stück seit den Tagen der Revolution in Paris auf den Spielplänen der Theater. Crescini konnte also davon ausgehen, dass jedem Opernbesucher die recht komplexe Handlung vertraut war. Als Konsequenz verzichtete er (anders als Verdi in den Masnadieri) darauf, die Handlung umfänglich zu entwickeln und konzentriert sich ganz auf das tragische Ende, (wiewohl er, oft nur in Halbsätzen, sich sehr wohl bemühte, die komplexe Vorgeschichte in Erinnerung zu rufen).

Mit seiner klaren Handlung hat Crescini ein Libretto vorgelegt, das sich in seiner Drama turgie nicht an der italienischen, sondern an der zeitgenössischen französischen Oper orientierte. Mercadante, der mit der naiven Vorstellung nach Paris gereist war, dass der Unterschied zwischen italienischer und französischer Oper einfach darin bestünde, dass man in Paris mehr Wert auf eine opulente Ausstattung legen würde, hatte inzwischen sehr wohl erkannt, dass eine Grand Opéra mehr war, als eine Abfolge virtuoser Gesangstücke. Und so gliederte er die vier Bilder in sieben große musikalische Nummern, die zwar in sich die traditionellen italienischen Formen wie Scena ed Aria oder Preghiera und Duetto enthalten, die aber von ihm in additiver Weise verwendet und durch auskomponierte Übergänge verbunden wurden (und die den in Italien üblichen Sängerapplaus verhindern). Namentlich den zweiten Akt kann man ohne weiteres als durchkomponiert bezeichnen. Bemerkenswert auch, dass zwar Corrado mit zwei großen Arien bedacht wird, solche aber für Ermano und Amelia fehlen. Diese werden durch kürzere Charakterstücke (Trinklied, Romanza, Preghiera etc.) entschädigt: Freilich wäre es falsch, die Briganti selbst als Grand Opéra zu bezeichnen. Sie ist und bleibt, was wohl ihr eigenartiges Zwitterwesen ausmacht, auch eine Belcanto-Oper. Dies ergab sich schon aus der Sängercompagnie, die dieselben Sänger umfaßte, wie Bellinis 1835 uraufgeführten I puritani. Und natürlich waren die Puritani die Meßlatte, an der Mercadante sich vor dem Pariser Publikum zu bewähren hatte. Dabei war die Begegnung mit dem berühmten Puritani-Quartett für Mercadante fast so etwas, wie ein Familientreffen. Zwar schrieb er für Giuditta Grisi zum ersten Mal, mit Luigi Lablach hingegen hatte er, wie oben erwähnt, schon im Konservatoriumsorchester zusammengespielt. Antonio Tamburini und Giovanni Rubini hatten zu Beginn ihrer Karriere um 1820 in Neapel gesungen und die Hauptrollen in Mercadantes zweiter (Violenza e costanza) und dritter Oper (Anacreonte in Samo) kreiert. Mercadante kannte deren stimmliche Möglichkeiten also ganz genau. Und die Partitur erweckt den Anschein, als ob er seinen Ehrgeiz darin gesetzt hätte, seinen Freunden etwas ganz Besonderes zu bieten, nämlich Gesangspartien, die auch für Weltstars eine echte Herausforderung darstellen würden. Nur so ist die teilweise extrem hohe Tessitura zu erklären. Beachtung verdient überdies, dass Mercadante über eine ganz eignen Art an selbständig entwickeltem (nicht einfach Rossini nachgebildeten canto fiorito verfügte. Eben diese Zuspitzung der Möglichkeiten des canto fiorito in Verbindung mit der Adaption einer aus der Grand Opéra stammenden Dramaturgie macht die Besonderheit dieser Oper aus, die darin über Bellini hinausgeht und den späteren Dramen Verdis den Weg ebnet. In der Sprache der Paläontolgie könnte man wohl von dem missing link zwischen Bellini und Verdi sprechen.

Der Parisaufenthalt 1835/36 markiert zudem auch den entscheidenden Wendepunkt in Mercadantes eigener Karriere, insofern er sich fortan ganz auf den italienischen Markt konzentrierte. Seine 1837 in Mailand uraufgeführte Oper Il giuramento verarbeitet dabei die Pariser Erfahrungen und weitet diese noch aus. Zum einen verzichtet er darin auf die italienische Gepflogenheit, alle Solisten mit umfänglichen Soloarien auszustatten, zum andern beschneidet er—wie in den Briganti schon in der zweiten Arien Corrados angelegt—auch in den Solopartien den exzessiven canto fiorito. Dagegen setzt er einen canto drammatico. Das ist freilich kein fundamentaler Gegensatz: Mercadante ging es nicht um eine Abschaffung des Belcanto, sondern um Beschneidung des canto fiorito überall dort, wo dieser Gefahr lief, der dramatischen Wahrheit der Handlung zuwider zu laufen. Diese Grenze zu überschreiten blieb dann dem mittleren Verdi vorbehalten, der mit seiner Forderung des far brutto letztlich die Wahrhaftigkeit des Ausdruckes über dessen Schönheit stellte. Genau diese Grenze konnte oder wollte der späte Mercadante nicht überschreiten und das markiert dann auch den Abstand zwischen Verdis und Mercadantes Produktion seit Ende der 1840er-Jahre. Für die kurze Zeit von 1836 bis etwa 1840 war Mercadante aber mit seinen Reformopern tatsächlich der avancierteste und maßgebliche Opernkomponist Italiens. Unter diesen Aspekten hat Mercadante nach der Fertigstellung von Il giuramento 1837 auch die Briganti (für die Mailänder Scala) überarbeitet. Das Arbeitsmanuskript Mercadantes zeigt, wie er die Pariser Fassung quasi Takt für Takt revidierte, um sie seiner neu gewonnen Opernästhetik anzupassen. Eine Aufführung dieser Mailänder Fassung würde man mit heutigen Ohren wohl ohne weiteres als frühen Verdi einschätzen. Allerdings mußte er dabei aus Zensurgründen die Handlung entschärfen: am Ende der Mailänder Fassung ersticht sich Ermano selbst. Aus Schillers revolutionärem Sturm—und Drang—Stück wird so eine einfaches melodrama romantico. Bemerkenswerterweise hat sich aber auch in Italien die dramaturgisch stärkere Pariser Fassung durch gesetzt, die letztmals 1847 in Pisa erklang.

Die Handlung

Teil I

[1] Der alte Graf Massimiliano ist verstorben, sein zweitgeborener Sohn Corrado hat das Erbe angetreten, nachdem er einst durch eine Intrige seinen Vater dazu gebracht hatte, den erstgeborenen Sohn Ermano zu verstoßen. Dieser soll in der Fremde gestorben sein, tatsächlich aber hat er sich einer Bande von Guerillas angeschlossen, die gezielt gegen Adlige vorgehen. Trotz seiner adligen Abkunft ist er inzwischen zu deren Anführer aufgestiegen. Corrado indessen glaubt sich am Ziel seiner Machenschaften: Soeben hat er bekannt gegeben, die eigentlich schickliche Zeit der Hoftrauer zu verkürzen, um endlich das Mündel des alten Grafen, Amelia, heiraten zu können. Die Oper beginnt nach wenigen Takten Orchestervorspiel mit einem Chor, in dem dieser der Hoffnung Ausdruck gibt, dass nunmehr wieder Freude im Schloss einkehren werde.

[2][4] Corrado tritt auf und gibt seine Pläne hinsichtlich Amelia bekannt. In der folgenden Arie erweist er sich als zerrissene Persönlichkeit: getrieben vom Willen zur erlangten Macht und der Furcht als Mörder seines Vaters entlarvt zu werden.

[5] Ein Frauenchor aus Amelias Hofdamen fordern diese auf, in die Freude einzustimmen.

[6][7] Doch Amelia trauert weiterhin dem alten Grafen, aber auch dessen erstgeborenen Sohn Ermanno nach, den sie einst geliebt hat.

[8][10] Corrado tritt hinzu und erklärt Amelia, dass er sie nunmehr heiraten werde. Amelia weist dies entrüstet zurück und es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung.

[11][12] Zufällig führt der Weg die Briganten in die Nähe von Ermanos Heimatschloss. In der Nacht schleicht er sich in seines Vaters Schloß, den er um Verzeihung bitten will. Damit beginnt das Finale: Nach einem längeren Orchestervorspiel gedenkt der verzweifelte Ermano vergangenen Glückes.

[13] Harfenklänge ertönne und er vernimmt aus der Ferne eine traurige Romanze Amelias.

[14] Diese wird unterbrochen durch einen Trauerchor für den toten Grafen. Ermano steht unter Schock.

[15][16] Amelia erscheint und Ermano gibt sich ihr zu erkennen, wagt aber nicht, ihr seine Zugehörigkeit zu den Revolutionären zu gestehen. Amelia gesteht ihm ihre ungebrochene Liebe.

[17][19] Beide werden von Corrado überrascht, der zunächst einen einfachen Eindringlich vermutet. Schließlich gibt sich Ermano auch diesem zu erkennen. Die Hofgesellschaft ist gespalten, wem ihre Loyalität gelten soll. Die Brüder verabreden sich zum Duell im Morgengrauen.

Teil II

[1] Die Räuber versammeln sich in stürmischer Nacht im Wald.

[2] Sie versuchen den niedergeschlagene Ermano aufzumuntern, in dem sie diesen ein Trinklied anstimmen lassen, in dem dieser das Leben eines Briganten und dessen Ideal eines selbstbestimmten Lebens preis.

[3] Während seine Gefährten sich zur Ruhe begeben, findet Ermano keinen Schlaf. Er entdeckt das Marienbild, vor dem er sich einst mit Amelia verlobt hatte: schlagartig wird ihm die Diskrepanz zwischen dem sozialrevolutionären Anspruch der Guerilla und der Realität der Strauchdiebe bewußt. Er stimmt ein Gebet an.

[4] Aus der Ferne hört er eine klagende Stimme.

[5][8] Er überrascht einen alten Einsiedler, der einem Gefangenen Speis und Trank bringen will. Ermano befreit diesen Gefangenen, in dem er seinen alten Vater wiedererkennt. Der Einsiedler hatte die von Corrado gedungenen Mörder überzeugt, den alten Graf nicht zu töten und diesen vor Corrado versteckt. Der alte Graf beklagt sein trauriges Geschickt; Ermano erzählt (zunächst als angeblicher Freund) vom traurigen Schicksal Ermanos in der Fremde und der Intrige, mit der ihn sein Bruder beim Vater in Misskredit gebracht hat. Schließlich gibt er sich dem Vater als Ermano zu erkennen.

[9] Der alte Graf ist überglücklich und zugleich beunruhigt über das Aussehen Ermanos. Dessen Leute schwören, den alten Grafen wieder in seine Rechte einzusetzen. Corrado soll verschont werden.

Teil III

[10] Die Räuber haben das Schlöoss angegriffen.

[11][12] Corrado, dem Wahnsinn nahe, erkennt, dass er als Schuldiger seiner Intrige entlarvt ist und beschließt, im Kampf den Tod zu suchen.

[13][14] Amelia sorgt sich um das Schicksal Ermanos und betet für ihn.

[15] Frauenstimmen ertönen und verkünden, dass der alte Graf noch am Leben sei. Es kommt zum Wiedersehen Amelias mit dem alten Grafen.

[16][18] Da erscheint Ermano mit blutverschmiertem Schwert. Der alte Graf bezichtigt ihn des Brudermordes. Vergeblich versucht Ermano, seinem Vater klar zu machen, dass Corrado sich selbst in das Schwert des Bruders gestürzt hat.

[19] Da treten die die Gefolgsleute Ermanos auf. Sie sind in Gefahr umzingelt zu werden und fordern Ermano auf, mit ihnen zu fliehen. Ermano kennt seine Pflicht und folgt ihnen. Amelia erkennt erst jetzt, dass Ermano Brigant geworden ist. Sie bricht tot zusammen; der alte Graf bleibt wie versteinert zurück.


Michael Wittmann


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