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8.660363-66 - ROSSINI, G.: Guillaume Tell [Opera] (complete version) (Foster-Williams, Spyres, J. Howarth, Poznan Camerata Bach Choir, Virtuosi Brunensis, Fogliani)
English  German 

Gioachino Rossini (1792–1868)
Guillaume Tell

 

Der Mythos um Rossinis Verstummen

Als Rossini Wilhelm Tell als Stoff aufgriff, ging es ihm nicht darum, eine Art „Swissness“ zu porträtieren, sondern die Befreiung eines unterdrückten Volkes darzustellen, die in ferner Zeit in einem „exotischen“ Land stattgefunden hat. Das war bei seinen beiden vorangegangenen ernsten Opern für die Pariser Opéra nicht anders gewesen: in Le Siège de Corinthe (1826) befreien sich die von den Türken eroberten Griechen durch ihren Massenselbstmord; in Moïse et Pharaon (1827) retten sich die Juden vom Joch der Ägypter in das gelobte Land; in Guillaume Tell erreichen die unterdrückten Schweizer das Ideal der Befreiung, indem sie die tyrannischen Habsburger aus ihrem Land jagen. Um die Oper mit dem nötigen „Lokalkolorit“ zu versehen, wurde der Bühnenbildner Ciceri in die Schweiz geschickt, wo er zahlreiche Skizzen anfertigte, die ihm dann für seine Inszenierung dienten. Rossini seinerseits studierte eine Reihe von „Ranz des vaches“ (Kuhreigen), die er geschickt in seiner Oper verarbeitete. Die Innerschweiz hat er selbst nie gesehen—aber immerhin die Berg- und Seekantone Wallis und Genf, die seit dem Wiener Kongress von 1815 zur Schweizerischen Eidgenossenschaft gehören. Auf seiner ersten Reise nach Paris schrieb er am 4. November 1823 aus Genf: „Da sind wir in einem der schönsten Länder der Welt“. Ob ihn die Stadt Rousseaus, der mit seinem Briefroman Julie ou la nouvelle Héloïse die Schweizer Mode in der Kunst mitbegründete, auf die Idee einer Schweizer Oper brachte, ist reine Spekulation. Er wusste aber seit seinen ersten Erfahrungen als Opernkomponist dank Pietro Generalis Adelina (1810), wie gut sich die idyllische Landschaft mit der Gefühlswelt von Opern figuren verbinden ließ.

Rossini dürfte Wilhelm Tell konkret Ende 1826 ins Auge gefasst haben, der Zeitraum, den der Dichter Victor Joseph Étienne (genannt Jouy, de Jouy oder Étienne de Jouy) für seine erste Version des Librettos nannte. Jouy nahm nicht nur Schillers Wilhelm Tell (1804, französisch von Henry Merle-D’Aubigné 1818) als Vorlage, sondern auch den dichten Hintergrund, den die französische Literatur um diesen Stoff gewoben hatte, angefangen bei Antoine-Marin Lemierre (1766). Das Libretto von Michel-Jean Sedaine für die Oper von Grétry (1791) diente u.a. als Muster für die Hochzeitsfeierlichkeiten, die bei Schiller fehlen. Vor allem war es aber Jean-Pierre Claris de Florian (1755–1794), dessen bestechende und literarisch hochstehende Prosaschilderung für die Darstellung der Natur und für zahlreiche Episoden (wie den Wettbewerb der Bogenschützen, Tells Kniefall vor Gessler oder das angezündete Haus als Zeichen der Erhebung) und einige wörtliche Passagen und Ausdrücke konstitutiv und ebenso wichtig war wie Schiller. Änderungen, die Rossini und die Umstände verlangten, überließ der kränkliche Jouy seinem Mitarbeiter Hippolyte Louis Florent Bis. Dieser berücksichtigte auch die neuesten Stücke der Konkurrenztheater, die den Stoff noch rasch vor der Opéra herausbrachten: das Melodram von Guilbert de Pixérécourt und die Überarbeitung von Grétrys Oper durch Jean-Baptiste Pellissier.

Mitte Mai 1828 erwähnte Rossini erstmals in einem Brief seine große französische Oper, aber es sollte fast anderthalb Jahre dauern, bis das Werk in Szene ging—unverhältnismäßig länger als er je für eine Oper benötigte, die er oft innerhalb eines Monats vollständig niederschrieb und einstudierte. Das hatte vor allem mit dem äußerst komplexen Produktionssystem der Pariser Opéra zu tun, dieser „Grand Boutique“, die nicht einfach eine Oper auf die Bühne stellte, sondern ein „Gesamtkunstwerk“, das die Musik mit Literatur, Tanz und bildender Kunst verknüpfte, d.h. einen Text mit literarischen Ansprüchen forderte, handlungsimmanente Ballette verlangte, naturalistische Bühnenbilder und historisierende Kostüme beanspruchte und schließlich bei der Inszenierung, namentlich der Bewegung der großen Chormassen, neue Wege ging. Diverse Komitees mussten die vorgeschlagenen Lösungen der einzelnen Sparten prüfen und verbessern. In langwierigen Proben wurden das Zusammenspiel aller Elemente getestet und weitreichende Änderungen vorgenommen, die auf dem Arbeitspult noch nicht abzuschätzen waren. Deshalb war es fast zwingend, dass Rossini mehr Musik komponierte, als schließlich bei der Premiere aufgeführt wurde. Weitere Verzögerungen ergaben sich durch die Schwangerschaft von Laure Cinti-Damoreau, der ersten Mathilde, für die es keinen adäquaten Ersatz gab. Und schließlich benutzte der Komponist selbst seine mit größter Spannung erwartete Partitur, um von der französischen Regierung einen für ihn ausgesprochen vorteilhaften Vertrag zu erwirken. Rossini wies den vom König höchstpersönlich unterzeichneten Vertrag zurück, da die Klauseln nicht den von ihm vorgeschriebenen Wortlaut enthielten. Er entzog die Partitur den Kopisten, die gerade die Orchesterstimmen herausschrieben, und verlangte, dass der Vertrag exakt mit der von ihm geforderten lebenslänglichen Rente neu aufgesetzt würde. Rossini gab die Partitur erst frei, nachdem Karl X. seine Unterschrift unter den korrekten Wortlaut gesetzt hatte.

Dieser Vorgang ist wesentlich für das geheimnisvolle Verstummen Rossinis. Dieses wird meist mit seiner letzten Oper in Verbindung gebracht. Die Biographen meinten, dass die Kritiken und die bald eintretenden Kürzungen des Werks Rossini so verletzt hätten, dass er zu komponieren aufgehört habe. Musikwissenschaftler wollten an kompositorischen Schwächen und inneren Widersprüchen des Werks Rossinis schöpferische Grenzen erkannt haben. Die Mediziner übertrugen kurzerhand seine Krankheitsgeschichte, die ihn in den 1840er- und 1850er-Jahren zeichnete, auf die 1830er- Jahre. Erst die Rechtshistoriker öffneten den Blick auch für andere, praktischere Überlegungen.

Rossini selbst ließ schon vor dem Tell verlauten, dass dies seine letzte Oper sein werde. Wie die meisten arbeitenden Menschen träumten auch Rossini und die Seinen von einer frühen Pension. So schrieb sein Vater schon 1827 aus Paris seinem Schwager nach Pesaro: „Rossini hat mir das Wort gegeben, mich nächstes Jahr nach Italien zu begleiten, und dass er sich ab 1830 ganz nach Hause zurückziehen will, um das Leben zu genießen und schreiben zu lassen, wer will, da er genügend geschuftet habe“—um sogleich seine Zweifel an dieser Aussage anzumelden: „Der Himmel wolle, dass er dies von Herzen wünscht, aber ich habe meine Zweifel, denn Paris ist ein großer, schöner Aufenthaltsort, und er ist hochgeschätzt und hat einfl ussreiche Freunde“. Eine Notiz des wohlinformierten Fétis in seiner vielbeachteten «Revue musicale» vom 28. November 1828 hat dagegen eindeutig den Geruch einer absichtlich gestreuten Indiskretion: „Alles lässt befürchten, dass Guillaume Tell seine letzte Produktion sein werde; zumindest hat Rossini die Absicht erklärt, seine Feder zu zerbrechen und sich nach Bologna zurückzuziehen, um dort in Frieden seinen Ruhm und seinen wohlverdienten Reichtum auszukosten.“ Genau in dieser Zeit verhandelte Rossini mit der französischen Regierung über den neuen Vertrag, und der „angedrohte“ Rückzug diente dazu, seinen Marktwert zu erhöhen. Davon fi ndet sich sogar ein Echo in der Präambel des Vertrags: „Monsieur Rossini, dessen Gesundheitszustand und Familieninteresse es ihm notwendig erscheinen lassen, in sein Heimatland Italien zurückzukehren, wünscht die Freiheit zu haben, dort einen Teil des Jahres zu verbringen […], hat jedoch keinesfalls die Absicht, auf Frankreich zu verzichten“. In diesem endgültigen Vertrag vom 8. Mai 1829 verpfl ichtet sich Rossini, exklusiv für die Académie Royale de Musique zu schreiben und diesem Theater innerhalb von zehn Jahren mindestens fünf große Opern für eine Entschädigung von je 15.000 Francs zu liefern, gerechnet ab dem 1. Januar 1829 (Tell war also die erste davon). Unabhängig von der Komposition dieser Opern und seinem Wohnort spricht ihm der Vertrag eine lebenslängliche Rente von jährlich 6.000 Francs zu—der Punkt, auf den Rossini von Anfang an größten Wert legte und deswegen sogar den König auflaufen ließ.

Die ausgehandelten 15.000 Francs für eine neue Oper waren für Rossini ein zu starkes Argument, um sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Am 4. Mai 1830 schrieb er von Bologna aus sieben Briefe an einfl ussreiche Persönlichkeiten in Paris, in denen er ausdrücklich nach seinem neuen Libretto verlangte. In den Briefen erklärte er auch, dass er damit rechne, im Oktober in Paris zurück zu sein. Bei dem Dichter, der wegen anderer Aufträge im Verzug war, handelte es sich um Eugène Scribe, und bei dem ausgewählten Stoff soll es sich um Faust nach Goethe gehandelt haben.

Keine drei Monate nach diesen Briefen fegte die Julirevolution Karl X. vom Thron. Die neue Regierung unter Louis-Philippe nahm als erstes einschneidende Haushaltskürzungen vor, die auch die Liste Civile betrafen, unter deren Titel Rossinis Rente verbucht war. Der Komponist sah sich veranlasst, schon im September 1830 nach Paris aufzubrechen, um für seine Rechte zu kämpfen. Da Rossini nun mit der französischen Regierung im Rechtsstreit lag, war von der neuen Oper keine Rede mehr, und für andere Theater durfte er keine schreiben, um nicht selbst vertragsbrüchig zu werden. Damit ist sein Rückzug vom Musiktheater hinlänglich erklärt. Der Rechtsstreit dauerte bis 1835, und nach einer so langen Pause sah Rossini keinen Grund mehr, die Feder wieder zur Hand zu nehmen: längst hatte er gelernt, mit seiner neuen Freiheit als Komponist im Ruhestand umzugehen. So wurde Guillaume Tell ungewollt zu seiner eigenen „Befreiungsoper“.

Zu den Fassungen von Guillaume Tell

Vor der Premiere. In einer ersten Phase schrieb Rossini die Skelettpartitur, die nur die Vokallinie und einzelne instrumentale Figuren enthielt. Einige Rezitativpassagen, vor allem solche, die noch ganz vom rhetorischen Stil des Akademikers Jouy geprägt waren und die Handlung verzögerten, ohne deren Motivierung und Plausibilität wesentlich zu erhöhen, wurden von Rossini gestrichen, noch bevor er die Orchestrierung begann. Während der Bühnen- und Orchesterproben wurden einige Stücke aus dramaturgischen und zeitlichen Gründen gestrichen: Melchtals und Gesslers Monologe nach Marsch, Rezitativ und Chor (Nr. 3); eine erste, etwas längere Fassung des Tiroler Pas de trois und Chor (Nr. 15a); ein abschließender Tanz im Divertissement des 3. Akts (Nr. 16bis); die Arie Jemmy (Nr. 17-IIIbis); sowie Rezitativ, Gebet Hedwig und Chor (Nr. 19a-I).

Nach der Premiere. Nach der ersten, zweiten und sechsten Aufführung wurden aufgrund der Reaktionen bei Publikum und Presse mit dem Einverständnis der Autoren weitere Striche vorgenommen. Als Rossini am 16. August nach Bologna aufbrach, ließ er eine Fassung zurück, in der gegenüber der Uraufführung folgende Stücke fehlten: Der Pas de deux (Nr. 5bis); ein Teil des Dialogs im 2. Finale (Nr. 12a); Teile des Rezitativs, in welchem Tell seine Verbeugung vor dem Hut verweigert (Nr. 17-Ia); das Frauenterzett im 4. Akt (Nr. 18bis); in den Nrn. 1, 3, 4, 6, 12, 14, 16 und 18 wurden kürzere, meist rein instrumentale Passagen weggelassen; Szene und Arie Mathilde (Nr. 13) wurde im Orchester ausgedünnt und die Beteiligung Arnolds gestrichen; die Anwesenheit von Mathilde im 4. Akt wurde eliminiert. Die Kritische Edition der Fondazione Rossini und des Ricordi-Verlags hat diese Version zur Basisfassung erhoben und alle anderen Stücke in Anhängen beigefügt (was sich in der Nummerierung der Stücke widerspiegelt), die für die vorliegende Aufnahme von Rossini in Wildbad an den ursprünglich vorgesehenen Stellen integriert wurden.

Troupenas-Fassung. Außerhalb von Paris zirkulierte die Oper bis zum Erscheinen der Kritischen Edition in der Druckausgabe des Pariser Verlegers Eugène Troupenas und deren späteren Bearbeitungen und Nachahmungen. Da diese Ausgabe bereits vor und während der Einstudierung der Oper entstand, ergaben sich zahlreiche Abweichungen von den tatsächlich aufgeführt en Fassungen. Generell genoss Troupenas das Vertrauen des Komponisten, aber es ist nicht davon auszugehen, dass er die Partitur im Einzelnen kontrollierte. Insofern ist es problematisch, sie als „authentische“, vom Komponisten sanktionierte Fassung zu betrachten.

Die Fassung in drei Akten. In Paris kam rasch die Mode auf, Opernaufführungen zu kürzen oder nur einzelne Akte aufzuführen und stattdessen ein handlungsunabhängiges Ballett nach der Oper aufzuführen. Rossini war sich dessen bewusst und schrieb am 4. Mai 1830 an seinen Dichter Bis: „Wie geht es unserem Wilhelm? Wenn es noch Amputationen zu machen gibt, gebe ich Ihnen freie Hand. Sehen Sie zu, an unserer Schweiz die Arrangements vorzunehmen, die dem Interesse der Bühne und dem Wohl der Aufführung am Besten anstehen.“ Das Wort „Amputationen“ macht deutlich, dass ihn keinesfalls künstlerische Überlegungen zu solchen Kürzungen veranlassten, sondern nur sein praktischer Theatersinn. 1831 machte er sich selbst mit Bis daran, eine dreiaktige Fassung einzurichten. Nach unserem heutigen Kunstverständnis ist es kaum vorstellbar, dass Rossini dabei die berühmte Arie des Tell vor dem Apfelschuss strich und die kosmische Schlussapotheose durch die triviale Galoppade aus der Ouvertüre ersetzte. Aber wie Rossini schon 1818 sagte: „Ich schreibe für meinen Ruhm, der Rest ist mir egal“. Rossini vereinigt zwei Tugenden in sich, die für den Erfolg unerlässlich sind: Genie und Pragmatik—die Gegenüberstellung der beiden Tell-Finali ist der beste Beweis dafür.

Die Handlung

CD 1

[1] Ouvertüre

Erster Akt
Am Vierwaldstättersee.

[2] Die Schweizer freuen sich über den schönen Tag und gehen ihrer Arbeit nach. [3] Der Fischer Ruodi will mit seiner Geliebten auf den See hinausfahren, während Hedwige und Jemmy einen plötzlichen Sturm fürchten. Tell ist wegen des Schicksals der unterjochten Schweiz in düstere Gedanken versunken. [4] Aus den Bergen hört man das Signal, das zum Volksfest ruft. Der alte Melchtal kommt in Begleitung Arnolds den Berg herunter. Er soll die drei Hochzeitspaare segnen. [5] Mit ihren Liedern besingen die Schweizer Arbeit, Ehe und Liebe. [6] Tell bittet Melchtal in sein Haus. Dieser macht seinem Sohn Vorwürfe, dass er nicht ans Heiraten denkt. Arnold gesteht sich seine Liebe zu der habsburgischen Prinzessin Mathilde ein, wohl wissend, dass ihre Verwandtschaft mit Gessler, dem Unterdrücker der Schweiz, einer Verbindung im Weg steht. Arnold hört das Horn des vorbeiziehenden Tyrannen; er will Mathilde nochmals sehen. [7] Doch da stellt ihn Tell zur Rede. [8] Arnold ist innerlich zerrissen und leidet unter dem Gedanken, Mathilde entsagen zu müssen. Dennoch nimmt er sich vor, der Tugend zu gehorchen. Tell hofft, ihn für die Sache der Schweiz gewonnen zu haben. [9] Das Hochzeitsfest beginnt. Melchtal segnet die jungen Leute. [10] Er ermahnt die jungen Paare, dass von ihnen die Zukunft des Landes abhänge. Beim Jagdlärm Gesslers schleicht sich Arnold unbemerkt davon, während Tell aufgebracht die Frauen auffordert, ihre Männer vom Ehebett zu verbannen, damit keine Sklaven mehr geboren werden. Hedwig versucht das Fest wieder in Schwung zu bringen und Tell geht Arnold suchen. [11] Die Schweizer besingen den Hochzeitsgott. [12] Die drei Gatten und ihre Frauen stellen sich paarweise auf und tanzen zu sechst. [13] Darauf folgt ein Wettbewerb im Bogenschießen, aus dem Jemmy als Sieger hervorgeht. Tanzend besingen die Schweizer die Treffsicherheit ihrer Pfeile, die ihnen Hoffnung für ihre Zukunft gibt. [14] Plötzlich eilt ein blutverschmierter Landsmann herbei. Es ist Leuthold, der einen Schergen des Landvogts erschlagen hat, um seine Tochter zu beschützen. Das andere Ufer wäre ein sicherer Zufl uchtsort, doch der Fischer verweigert die gefährliche Überfahrt. Während sich die verfolgenden Soldaten nähern, beschließt der eben zurückgekommene Tell Leuthold über den See zu rudern. [15] Die Schweizer beten für die beiden, während die Soldaten tobend erkennen, dass das Boot die heikle Stelle passiert hat. Ihr Anführer Rudolf verlangt nach dem Namen des Fluchthelfers. [16] Melchtal, der die Schweizer zum Schweigen auffordert, wird festgenommen und fortgeschleppt, während die Soldaten mit Plünderung drohen und die Bauern mit ihren Lanzen zurückdrängen.

CD 2

Zweiter Akt
Die Rütliwiese.

[1] Die höfische Jagdgesellschaft erfreut sich am Erlegen der Tiere. Aus der Ferne hört man, wie die Hirten die hereinbrechende Nacht ankündigen. [2] Mathilde hat sich von der Jagdgesellschaft abgesetzt und denkt an den einfachen Bergler Arnold, den sie in ihrer Nähe glaubt. [3] Sie gesteht sich ein, dass sie ihn liebt und die wilde Einsamkeit der Berge und Wälder dem Glanz des Hofes vorzieht. [4] Da erscheint Arnold und entschuldigt sich für seine ungehörige Annäherung. Er glaubt trotz der gegenseitigen Liebe nicht, dass sie die gesellschaftlichen Unterschiede überbrücken können, und verlangt von Mathilde, ihn fortzuschicken—sie aber lädt ihn ein zu bleiben. [5] Sie gesteht ihm ihre Liebe. [6] Beide schwelgen in Liebesgedanken. Sie fordert ihn auf, zu den Waffen zurückzukehren, um Ruhm zu erlangen und sich so am Hof ihrer würdig zu erweisen. Arnold begeistert sich für die Idee, und beide geben sich neuer Hoffnung hin. [7] Mathilde und Arnold vereinbaren ein Abschiedstreffen und trennen sich hastig, als sie Tell und Walter Furst nahen sehen. Dem Vorwurf einer frevlerischen Liebe widerspricht Arnold mit der Aussichtslosigkeit eines Lebens in der Schweiz. [8] Tell erwidert sarkastisch, er solle nur für die Tyrannen kämpfen und sterben. Walter eröffnet ihm, dass Gessler einen Greis umgebracht hat. Arnold erfährt schockiert, dass es sich um seinen Vater handelt, den er nicht beschützt hat. Tell und Walter erkennen, wie sein Schuldbewusstsein ihn zu den alten Tugenden zurückführt. Arnold will sterben oder sogleich rächend in Altdorf einfallen. [9] Sie mahnen ihn zur Besonnenheit und weihen ihn in ihre Pläne ein: ein geheimes Treffen mit edelmütigen Freunden ist angesagt. Zu dritt schwören sie, Melchtal zu rächen und für die Unabhängigkeit der Schweiz zu kämpfen. [10] Schritte sind aus den Tiefen des Waldes zu hören. Es sind die Unterwaldner, die trotz der Entfernung und der Gefahren das Rütli erreicht haben. Ein Hornsignal kündigt Walters Landsleute an. [11] Die Männer aus Schwyz sind besonders vom Leid der Unterdrückung gezeichnet. Tell begründet die Verspätung seiner Leute mit dem sicheren Weg über den See. [12] Schließlich treffen auch die Urner ein. Tell führt den Versammelten die Gewaltherrschaft vor Augen, derer man sich endlich entledigen müsse. Die Angst vor dem Krieg lähmt die Schwyzer. Da erwacht der bisher abseits stehende Arnold aus seiner Lethargie und fordert, den Tod seines Vaters zu rächen. Dass er wegen seiner Heimatliebe sterben musste, verleiht allen Anwesenden den Mut und die Überzeugung, sich insgeheim zu bewaffnen und die Stunde der Befreiung abzuwarten. [13] Alle schwören, die Tyrannen zu vertreiben und etwaige Verräter zu ächten. Mit dem Ruf zu den Waffen wird der anbrechende Tag begrüßt.

CD 3

Dritter Akt
In einer alten Kapelle.

[1] Mathilde trifft am vereinbarten Ort auf einen völlig veränderten Arnold. Er erklärt ihr, in der Heimat zu bleiben und seinen Vater zu rächen, auf den Ruhm und selbst auf sie zu verzichten. Mathilde erfährt von der mörderischen Tat Gesslers und sieht sich all ihrer Hoffnungen beraubt. [2] Aus der Ferne hören die beiden, wie für das Kriegsfest gerüstet wird. Mathilde beschwört Arnold, den gefährlichen Gessler zu meiden. Auf ihre Liebe verzichtend trennen sie sich für immer.

Großer Platz in Altdorf.
[3] Zu Beginn des Festes huldigen die Schweizer Männer und die Soldaten der Herrschaft, die der Landvogt im Namen des Kaisers ausübt. Die Schweizer Frauen singen ein Loblied auf Mathilde, in der sie eine liebevolle Herrscherin erkennen. Gessler fordert, dass sich seine Untertanen vor der Trophäe mit seinem Hut verbeugen. [4] Ein Bursche und zwei Mädchen aus Tirol müssen einen Tanz darbieten. [5] Die Schweizer heißen die Fremden willkommen und begleiten sie singend bei einem Tiroler Tanz. [6] Die Soldaten zwingen die Schweizer Frauen dazu, mit ihnen zu tanzen; die Männer drücken mit ihren Gesten machtlos ihre Empörung aus. Nach ihrem ausgelassenen Tanz verlassen die Soldaten die Tanzfl äche. [7] Die drei Tiroler begeben sich wieder auf die Bühne und tanzen mit den Schweizern. [8] Ein Trommelwirbel beendet die Tänze und ist das Zeichen, dass sich die Einwohner vor dem Hut verbeugen müssen. Rudolf bemerkt, wie Tell in Begleitung seines Sohnes Jemmy aufrecht stehen bleibt. Tell sagt zu Gessler, dass er sich nur vor Gott beuge. Rudolf erkennt, dass er Wilhelm Tell, Leutholds Fluchthelfer, vor sich hat. Sogleich lässt ihn Gessler festnehmen. [9] Die Soldaten haben Respekt vor Tell, während Gessler und Rudolf von ihnen fordern, den Hochmütigen nicht zu schonen. Tell versucht, Jemmy zur Heimkehr zu bewegen, doch der Knabe möchte bei seinem Vater bleiben. [10] Tell befi ehlt Jemmy leise, heimzukehren und die Signalfeuer zur Erhebung der drei Kantone zu entfachen. Gessler hält das Kind auf. Er verlangt von Tell, dass er seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schieße. Tell ist entsetzt. Jemmy ermuntert ihn, auf seine Geschicklichkeit zu vertrauen. [11] Er glaubt, dass ihm der Himmel beistehen werde; Gessler tadelt er, dass er seine Wut an einem Kind auslasse, doch der Tod durch die Hand seines Vaters würde ihm nur süß sein. [12] Unbeirrt lässt er sich den Apfel auf den Kopf setzen. Tell fasst sich. Er legt einen Pfeil auf seine Armbrust und versteckt unbemerkt einen zweiten in seinem Hemd. Jemmy spricht dem Vater Mut zu, worauf Tell seine Waffe sinken lässt. Eindringlich bittet er sein Kind, den Blick zum Himmel zu richten und sich nicht zu bewegen. Tell konzentriert sich, schießt und trifft den Apfel! [13] Das Volk jubelt auf, Gessler tobt, Jemmy triumphiert. Tell schwinden die Sinne vor Glück und Erleichterung. Jemmy öffnet Tells Hemd, und Gessler sieht, wie der zweite Pfeil zu Boden fällt. Tell gesteht, dass er ihn für Gessler bestimmt habe, worauf ihn dieser sofort in Ketten legen lässt. Mathilde, die von ihrem Pagen gerufen wurde, erscheint und stellt Gessler zur Rede. Seinen Vorsatz, Vater und Sohn einzukerkern, durchkreuzt sie, indem sie im Namen des Kaisers Jemmy unter ihren Schutz stellt. Gessler will wenigstens Tell noch in derselben Nacht über den See nach Küsnacht in das Verlies überführen. [14] Die Schweizer sind entsetzt, Gessler und Rudolf sind zu allem entschlossen, Jemmy vertraut sich Mathilde an, und Tell hofft, dass wenigstens sein Sohn davonkommt. Die Schweizer lassen sich von Gesslers Drohgebärden zunächst einschüchtern, doch als Tell lauthals Gessler verfl ucht, endet die Szene im Tumult.

CD 4

Vierter Akt
Haus des alten Melchtal.

[1] Arnold ersehnt den Moment des Kampfes, um seinen Vater zu rächen und Tell zu befreien. Er steht vor der Hütte, in der er aufgewachsen ist. Die Leere, die sie nun ohne seinen Vater bietet, macht es ihm unmöglich, einzutreten. [2] Da hört er seine Kameraden unter Schlachtrufen herbeikommen. Arnold schickt sie zu dem Waffendepot, das Tell und sein Vater angelegt haben. Er nimmt sich vor, Gessler zu töten. Die Eidgenossen kommen bewaffnet zurück und stimmen in Arnolds Kampfesrufe ein, um gegen Altdorf zu ziehen.

Blick auf den Axenberg am Vierwaldstättersee.
[3] Die Schweizer Frauen versuchen, Hedwig von ihrem Ansinnen abzubringen, Gessler entgegenzutreten. Plötzlich hört sie die Stimme Jemmys, der auf sie zueilt. Mathilde hat ihn zurückgebracht und will auch Tells Befreiung erwirken. [4] Mathilde glaubt, dass Hedwigs Leiden ein Ende haben werde; Jemmy und Hedwig setzen ihre Hoffnung in die Beschützerin. [5] Hedwig erfährt entsetzt, dass Tell über den stürmischen See gebracht wird. Jemmy erinnert sich an den Auftrag des Vaters, das Signalfeuer zu entfachen. Beim Losbrechen des Sturms bittet Hedwig, bestärkt von Mathilde und den Schweizer Frauen, den Himmel um die Rettung Tells und um ein Ende der Unterdrückung. [6] Da eilt Leuthold herbei, der beobachtet hat, wie Tell die Führung des Bootes übernommen hat und auf das Ufer zusteuert. Alle eilen zum See, während das Boot mitten in den Wogen sichtbar wird. Die Soldaten und Gessler setzen ihre letzte Hoffnung in ihren Lotsen Tell. Dieser legt an, springt ans Ufer und stößt das Boot heftig in den stürmischen See zurück. Tell kann Hedwig und Jemmy umarmen, der inzwischen mangels eines Scheiterhaufens das elterliche Haus angezündet hat, nicht ohne vorher seine Waffe gerettet zu haben, die er seinem Vater gibt. [7] Gessler und die Soldaten konnten sich retten und verfolgen nun Tell zu Lande. Tell fordert die Seinen auf, zur Seite zu treten, legt an und durchbohrt mit seinem Pfeil Gesslers Brust. Die Soldaten fliehen entsetzt. Die Familie Tell erkennt in der Befreiung Gottes Werk. Die herbeieilenden Eidgenossen unter Walters Führung erfahren, dass Gessler tot ist, während Arnold mit seinen Truppen den Fall von Altdorf verkündet. Arnold erkennt Mathilde unter den Anwesenden, die sich zu ihm und seinem Volk bekennt. Er bedauert, dass sein Vater das allgemeine Glück nicht mehr erleben kann. [8] Während sich das Gewitter verzieht und sich der Himmel aufhellt und den Blick auf die majestätische Bergwelt freigibt, besingen die Schweizer ihre wiedergewonnene Freiheit.

Supplement
Ein [9] Andante bzw. ein [10] Andante maestoso als Alternative gehen dem [11] Allegretto des Pas de deux voraus, der ursprünglich als Extraeinlage eines Troubadours und seiner Geliebten im Divertissement des 3. Akts geplant war.

[12] Der ursprüngliche Tiroler Pas de trois und Chor ist mit der endgültigen Fassung (CD 3, [4]–[5]) musikalisch weitgehend identisch, aber wegen der unterschiedlichen Verteilung und teilweise anderen Instrumentalepisoden um insgesamt 71 Takte länger.

[13] Das neue Finale für die dreiaktige Fassung (Paris 1831) setzt nach dem Ensemble „Quand l’orgueil les égare“ (CD 3, [14]) ein. Rudolf meldet, dass Aufständische aufmarschieren; Tell erkennt, dass die Befreiung der Schweiz im Gang ist. Hedwig kommt hinzu, aber ihr Gatte, der zum Kampf aufruft, wird fortgeschleppt. Die Frauen beten, während es zwischen den Schweizern und den Besatzern zu Kampf- und Verfolgungsszenen kommt. Tell erscheint wieder in Begleitung von Arnold und Walter. Er schwingt seine Armbrust, mit der er soeben Gessler getötet hat. Arnold erkennt Mathilde unter den Anwesenden, die nun für immer bei ihm bleibt. Er bedauert nur, dass sein Vater das allgemeine Glück nicht mehr erleben kann. In einem Triumphchor schmettern die Schweizer Melchtal und dem Himmel die Worte „Sieg und Freiheit“ entgegen.


Reto Müller


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