About this Recording
8.660367-68 - MAYR, J.S.: Saffo [Opera] (A.L. Brown, M. Schäfer, Jaewon Yun, Bavarian State Opera Chorus, Simon Mayr Choir, Concerto de Bassus, Hauk)
English  German 

Simon Mayr wurde am 14. Juni 1763 als Sohn eines Schulmeisters im niederbayerischen Mendorf bei Kelheim geboren. Schon früh zeigte er musikalisches Talent. Mayr war Schüler am Jesuitenkolleg in Ingolstadt, bevor er an der Universität Theologie studierte. Dabei zeigte er weiterhin beachtliche Vielseitigkeit als Musiker. Seine ernsthafte musikalische Ausbildung begann gleichwohl erst 1787, als ein Gönner, der sein Talent erkannt hatte, ihn mit nach Italien nahm. Dort studierte er von 1789 an bei Carlo Lenzi, dem musikalischen Leiter der Kathedrale zu Bergamo. Ein anderer Gönner ermöglichte ihm eine Zeit bei F. Bertoni in Venedig. Mayrs frühe Kompositionsaufträge waren hauptsächlich geistliche Oratorien, doch 1794 wurde in Venedig seine Oper Saffo aufgeführt. Seine Hinwendung zur Oper hatte viel mit der Ermutigung zu tun, die ihm Niccolò Piccinni (1728–1800) und Peter von Winter (1754–1825) zuteil werden ließen. Weitere Opern folgten: für Venedig und dann die Mailänder Scala wie auch für andere italienische Theater. Auch die Zahl der Aufführungen im Ausland nahm zu. 1802 trat Mayr die Nachfolge Lenzis als maestro di capella an der Kathedrale S. Maria Maggiore in Bergamo an. Drei Jahre später wurde er Direktor der Chorschule an der Kathedrale; diese Position behielt er bis zu seinem Tod 1845. Als Lehrer gewann er großes Ansehen, besonders bei seinem in Bergamo geborenen Schüler Gaetano Donizetti (1797–1848). Mayr tat viel, um die Komponisten der Wiener Klassik in Italien bekannt zu machen. Sein eigener Stil spiegelt das ganz im italienischen Kontext wider. Er war als Komponist von fast 70 Opern zwischen 1794 und 1824 und über 600 geistlichen Werken außerordentlich fruchtbar.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

Saffo Saffo – Johann Simon Mayrs erster Erfolg einer Opera seria am Teatro La Fenice in Venedig

Gefördert von Baron Thomas de Bassus und dessen Sohn Dominikus verließ Johann Simon Mayr 1787 seine bayerische Heimat. Er wandte sich zunächst nach Poschiavo, dann nach Bergamo. Dort suchte er den Unterricht von Carlo Lenzi, dem damaligen Kapellmeister der Kirche Santa Maria Maggiore. Ein Stipendium ermöglichte 1788 ihm den Wechsel nach Venedig, wo Ferdinando Bertoni ihn in der Komposition unterwies und ihn mit den wichtigen Institutionen und Personen der Lagunenstadt vertraut machte.

Opernaufführungen waren in Italien fester Bestandteil des kulturellen Lebens. Nachdem das wichtigste und größte Opernhaus in Venedig, San Benedetto, 1774 abgebrannt war und sich die Betreibergesellschaft und die Grundstückseigentümer nicht auf einen gemeinsamen Wiederaufbau einigen konnten, beschloss die Betreibergesellschaft, ein eigenes Theater zu errichten. Da es bereits sechs Opernhäuser zu dieser Zeit gab und die Regierung sich zunächst weigerte, ein weiteres zu errichten, dies aber schließlich trotzdem tat, musste sich das neue Opernhaus in seiner programmatischen Ausrichtung deutlich von seinen Mitbewerbern unterscheiden, um erfolgreich zu sein; und das nicht nur musikalisch, sondern auch wirtschaftlich.

Und das tat es! Bereits bei der Namensgebung ging man neue Wege. War es bis dato üblich, das Opernhaus nach dem Besitzer oder der benachbarten „parocchia“ zu benennen, erhielt das neue Opernhaus den Namen eines Fabelwesens, der treffender nicht hätte gewählt werden können: Gran Teatro La Fenice. Wie der Fabelvogel Phönix ist es aus Asche entstanden und wird auch in seiner Zukunft wieder aus Asche neu entstehen. Mit zahlreichen Premieren und den bedeutenden Sänger der damaligen Zeit wurde geworben. So fanden beispielsweise zwischen 1792 – der Eröffnung des Fenice – bis 1814 – dem Jahr des Wiener Kongresses – 52 Uraufführungen statt. Mayr soll im Orchester des Fenice zeitweise die Violine gespielt haben, erzählt eine Legende.

Bereits nach zwei Jahren zählte das Teatro La Fenice zu den berühmtesten Opernhäusern in Europa. Mayr hatte das Glück, dass seine erste Oper für die Karnevalszeit bestimmt war. Die Karnevalszeit war die wichtigste Spielzeit im Opernjahr. Das Publikum besuchte die Aufführungen maskiert. Das steigerte natürlich die Attraktivität des Theaterbesuchs, förderte den Publikumszulauf und trug somit wesentlich zur Rendite eines Theaterbetriebs bei.

Mayrs Opera seria Saffo erklang erstmals am 18. Februar 1794 im Teatro La Fenice. Wiederholungen folgten am 19. und 26. Februar des Jahres. Saffo ist Mayrs Operndebüt. Der Erfolg dieses Werkes beförderte Mayrs Opernkarriere. Die Aufführung fand vor vollem Haus statt, das Publikum reagierte begeistert. So berichtet z.B. Il Nuovo Postiglione. Novelle del Mondo von einem grandiosen Schauspiel und langanhaltendem Applaus.

Die Sänger der Uraufführung waren Marianna Vinci (Saffo) und Matteo Babini (Alceo). Die Rolle des Faone übernahm der Kastrat Girolamo Crescentini, der zur damaligen Zeit in Venedig große Triumphe feierte. Mayr blieb der bisherigen Gepfl ogenheit der Opera seria treu, die männliche Hauptrolle für einen Sopranisten zu komponieren. Heute werden diese sogenannten „Hosenrollen“ meistens von weiblichen Sopranistinnen gesungen.

Mayr prägte die Anfangszeit des Teatro La Fenice ganz entscheidend: Er komponierte sieben Opere serie im Zeitraum von nur acht Jahren (1794 – 1801). Ein Jahr nach der Uraufführung von Saffo erhielt er bereits seinen zweiten Opernauftrag am Fenice und komponierte die Oper Lodoiska.

Mit den Oratorien Jacob a fugiens (1791) [Naxos 8.573237] und Sisara (1793), auch mit der Kantate Femio (1791) hatte Mayr bereits den zeitgenössischen Formenkodex der Oper erprobt, der um 1800 aus dem Wechsel von Arie, Recitativo secco und accompagnato sowie Instrumentalstücken bestand. Mayr variiert dieses Schema allerdings im Sinne einer dramatischen Durchformung. Ist die Handlung einer Opera seria generell in drei Akte eingeteilt, so spielt Saffo in zwei Akten. Stilistische Indizien im Vergleich zu konkurrierenden Opernkomponisten herauszuarbeiten erscheint eher problematisch, weil das riesige Repertoire an neuen Opern heute erst in vergleichsweise wenigen Fällen erschlossen ist. Doch scheint es, als wenn der junge und aufstrebende Tonsetzer das Publikum in seinem Opern-Erstling mit sorgfältig geplanten, eindrucksvollen musikalischen Lösungen überraschen und für sich gewinnen wollte.

Bereits die vierteilig (Adagio maestoso – Allegro – Andantino – Allegro) angelegte einleitende Sinfonia folgt weder dem italienischen, noch dem französischen Typus und zeigt kontrapunktische Kombinationen, die vielleicht von Werken wie der Prager Sinfonie KV 504 oder der Ouvertüre zur Zauberfl öte von Wolfgang Amadeus Mozart angeregt wurden.

Die Accompagnati der Oper sind ausführlich formuliert, meist streicherbegleitet, bisweilen unterstützt von den Holzbläsern – der jeweilige Affekt wird sorgsam herausgearbeitet. Dies gilt auch für Nummern wie die Eingangsarie der Saffo, bei der die innere Erregung der Solistin gespiegelt wird im Bild des aufgewühlten Meeres. An theoretischen Schriften verfasste Mayr in späteren Jahren eine Instrumentationslehre, die einer Wiederentdeckung wert wäre und die zeigt, wie eingehend er sich mit der textlichen Umsetzung und dem gezielten Einsatz gerade der Holzbläser auseinandersetzte.

An delikaten „Registrierungen“ seien noch hervorgehoben das im Stile einer Harmoniemusik von Bläsern gestützte Rezitativ „Nume del ciel“ (CD 2, [3]) mit dem anschließenden Duett „Langue d’amor“ (CD 2, [4]), wo die Streicher mit begleitenden Figuren sekundieren, und die Arie der Saffo „Soave, dolce“ (CD 2, [9]), bei der zwei Oboen das Liebesleid der Protagonistin ausdrucksvoll abtönen. Aparte Klangwirkungen zeigt auch der in ein mehrteiliges Rezitativ eingebaute Männerchor „Dormi, riposa“ (CD 2, [25]), der die Traumvision des Faone plastisch untermalt. Schließlich sei noch das wirkungsvoll aufgebaute, vom Chor befeuerte Finale zum ersten Akt „Amor crudel“ (CD 1, [25]) erwähnt.

Vielleicht besteht Johann Simon Mayrs musikgeschichtliches Verdienst nicht zuletzt darin, Errungenschaften der sogenannten „Wiener Klassik“ mit einem italienischen Belcanto-Ideal zu verbinden. Unterstützt wurde er dabei von einem besonderen Gespür für formale Proportionen und für dramatische Entwicklungen.

Marion Englhart

Inhalt der Oper

CD 1

Erster Akt

Im ersten Akt versammeln sich Saffo, Alceo, Faone und der Chor der Priester vor dem Tempel in der griechischen Stadt Leukas. Pythia alias Amfizione, die Oberpriesterin, soll ein Orakel des Apollo verkünden ([2]). Faone, ein Jäger aus Lesbos, opfert erlegtes Wild und erhofft sich die Linderung seiner Liebespein ([3][4]). Alceo leitet die Gruppe griechischer Poeten ([5]). Er zeigt sich als ein Verehrer von Amor und Venus ([6]), liebt indes heimlich Saffo. Angekündigt von Pythia ([7]) und instrumental eingeführt, tritt Saffo auf ([8]). Sie klagt über ihre Leiden und ihre Liebessehnsucht. Pythia, die Priesterin, sucht sie zu trösten ([9]). Saffo wirkt einen Moment beruhigt ([10]), freilich, sie vergleicht ihre Pein mit einer Meereswoge, die der Wind gegen den Himmel drückt und bricht ([11]). Pythia zeigt plötzlich ein anderes Gesicht: Sie hofft auf ein neues Opfer ([12][13]). Alceo begegnet Saffo, gesteht ihr seine Liebe und will sie vor drohendem Unheil retten ([14]-[16]): „Torni la pace al cor“ – „Möge der Frieden in das Herz zurückkehren.“ ([17]). Er meldet, dass Faone in Leukas sei und den Tempel besuche. Saffos innere Unruhe wird dadurch noch gesteigert ([18]). Faones Freunde stimmen ein Chorlied an, sie versuchen den Betrübten aufzuheitern ([19]). Doch Faone denkt schmerzerfüllt an seine verstorbene Gattin Cirene ([20]). Saffo und Faone treffen zusammen. Faone hatte einst Saffo verlassen und sich Cirene zugewandt. Saffo zeigt gegenüber Faone noch immer Gefühle der Liebe, Faone freilich will davon nichts wissen ([21]). Er hadert mit seinem Schicksal und träumt davon, Cirene im Hades zu begegnen ([22]). Für Saffo ist Faones Ablehnung wie ein bereits ausgesprochenes Orakel: Sie sinnt nun auf den eigenen Tod und will sich vom Felsen ins Meer stürzen ([23]). Die Priester drängen Saffo, Faone und Alceo, sich dem Wahlspruch der Pythia zu unterwerfen ([24][25]).

CD 2

Zweiter Akt

Der zweite Akt spielt im Inneren des Tempels. Eingeleitet vom Chor der Teorie ([1]) erheben Saffo, Alceo und Faone ihre Gebete zu Apollo, er möge sie erhören, ihre Wünsche erfüllen ([2][3]) und ihr Unglück schlichten ([4]). Laodamia und Euricleo spüren Mitleid ([10]) und versuchen Saffo zu trösten ([5][6], [11]). Dies gelingt nur einen Augenblick ([7]). Saffo freilich sieht ihren Tod vor Augen: „Soave, dolce, cara è la morte quando ella è termine d‘un rio dolor.” – „Lieblich, sanft, teuer ist der Tod, wenn er das Ende eines schrecklichen Schmerzes ist.“ ([8][9]). Die Pythia erscheint vor der Menge des versammelten Volkes. Sie spricht rätselhafte, knappe Worte und zieht sich rasch wieder zurück ([12]). Ihr Auftritt wird von den Anwesenden unterschiedlich gedeutet, jeder der Protagonisten sieht seine eigene Vision bestätigt ([13]). Alceo quält seine fl ammende Liebe zu Saffo, er wäre aber bereit, zugunsten von Faone zu entsagen ([13][14]). In seiner Arie deklamiert er: „Ah tutti voi volete tutti stracciarmi il cor“ – „Ach, ihr alle wollt mein Herz zerfetzen.“ ([15]). Saffo droht nun Faone mit ihrem Untergang: „Ma ingrato, trema, lo stesso Apollo, egli medesmo sia il Nume ancor della vendetta mia.“ – „Aber zittere, Undankbarer, Apollo selbst, er selber, soll auch der Gott meiner Rache sein.“ ([16]). Faone wiederum ist in die Schatten der Vergangenheit eingesponnen ([17][18]). Pythia sucht Saffo in ihren fi nsteren Gedanken zu unterstützen ([19][20], [23]) und dessen Abgang vorzubereiten ([23]), während sich Saffo in sein Schicksal zu fügen scheint ([21]) und selbst wie im Wahn mit einem anrührenden Gesang von der Welt Abschied nimmt: „Pallida morte, vieni“ – „Komm, blasser Tod“ ([22]). Auch Faone verfällt in todesnahe Depression ([24]), er steht allein und träumt von seiner verstorbene Gattin Cirene: „Dormi, riposa“ – „Schlafe, erhole dich“ ([25]). Furien scheinen ihn zu umzingeln, Cirene tritt auf und bittet, mit Saffo Mitleid zu haben ([26]). Faone erwacht, hin- und hergerissen von seinen Gefühlen ([27]). Währenddessen steigt Saffo auf den Felsen von Leucas, um sich in die Tiefe zu stürzen. Doch Faone entschließt sich, Saffo zu retten ([28]). Der jubelnde Schlußchor verkündet das Zusammenfi nden der beiden Liebenden ([]).

Franz Hauk


Close the window