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8.660369-71 - ROSSINI, G.: La gazza ladra [Opera] (Moreno, Tarver, Regazzo, Praticò, Brno Classica Chamber Choir, Virtuosi Brunensis, Zedda)
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Gioachino Rossini (1792–1868)
La gazza ladra

 

Eine Einführung

Wann immer Rossini an einen bedeutsamen Wendepunkt in seiner künstlerischen Entwicklung gelangt, komponiert er eine „spezielle“ Oper, die all die unterschiedlichen Erfahrungen aufgreift, die dem Moment des Nachdenkens vorausgingen, und kennzeichnet sie mit dem besonderen Merkmal einer abnormen Länge. Drei Opern von testamentarischer Bedeutung überragen alle anderen: Semiramide, Guillaume Tell und La gazza ladra, die außer ihrem Umfang als weiteres gemeinsames Charakteristikum das Fehlen der sonst so häufigen Selbstanleihen aufweisen. Semiramide, die die mit Tancredi begonnene „apollinische“ Gruppe der opere serie zusammenfasst und abschließt, markiert Rossinis endgültigen Rückzug aus dem italienischen Opernleben. Guillaume Tell steht für den Typus der in Neapel begonnenen und in Paris wieder aufgenommenen „dionysischen“ Opern, die der Drang zur Erforschung von Neuland und zum Experimentieren auszeichnet, und bildet Rossinis Abschied von der Theaterkarriere. La gazza ladra (Die diebische Elster), Höhepunkt im Prozess der Annäherung von ernsten und komischen Elementen, markiert den von da an weitgehenden Verzicht auf die Produktion komischer Opern.

Rossinis erste Erfolge mit musikalischen Farcen in Venedig brachten ihn dazu, sich mit L’Italiana in Algeri in den Bereich des „comique absolu“ vorzuwagen. Dieser äußerst erfolgreiche Beginn zeigt bereits ein unermüdliches Streben bezüglich Ausmaß und Struktur in der gewissenhaften Sorgfalt der Komposition und der Instrumentation, in der Wahl der verschiedenen Stimmtypen und der Wichtigkeit und Schwierigkeit der Hauptrollen, die erstrangige Solisten erfordern. All dies erhebt Rossinis komische Opern in eine Sphäre jenseits derjenigen seiner italienischen Vorgänger. Das Studium der Opern des von ihm verehrten Mozart dürfte Rossini sicherlich dabei geholfen haben, diese Ambitionen zu pfl egen und zu entwickeln. In der Tat weisen La pietra del paragone und erst recht Il Turco in Italia eine Suche nach Wahrheit, ein Aufkeimen von beunruhigenden Themen, ein Aufblitzen von psychologischen Feinheiten auf, die die Gewichte von einem „comique absolu“ hin zu einem „comique significatif“ verschieben. Diese Entwicklung setzt sich in Il barbiere di Siviglia und La Cenerentola fort. Im Barbiere bricht der Realismus dank der Intelligenz und aristotelischen Logik von Sterbinis Libretto nach Beaumarchais an allen Ecken mit Wucht hervor und macht ihn zur ersten wirklichen Charakterkomödie eines italienischen Komponisten. In La Cenerentola wird die Vermischung des komischen und ernsten Genres mit einem derartigen Einfallsreichtum durchgeführt, dass sie eine unsagbare Faszination ausübt. Man spürt Rossinis Bestreben, die Gegensätze des Tragischen und des Komischen zu einem strahlend schönen Diamanten zu verschmelzen, doch findet diese Fusion nicht wirklich statt: Erst in der opera semiseria, für die La Cenerentola ein Vorbote ist, wird Rossini die postulierte Gattungsverschmelzung gelingen.

Ohne Zweifel kommt von seinen halbernsten Opern La gazza ladra dem angestrebten Ideal am nächsten. Das komische Element verleiht den Gefühlen der Charaktere ihre Glaubhaftigkeit und vermenschlicht so die Geschichte, um ihr dadurch den Anschein des wahren Lebens zu verleihen. Durch die in der komischen Oper beliebte Verlagerung der Geschichte in die Welt der einfachen Leute schafft es Rossini, dass sich seine Figuren auf realistische und überzeugende Art verhalten, ohne irgendwelche Eigenarten des Verismus anzunehmen. Diese künstlerischen Ergebnisse von La gazza ladra lassen schnell die Gattungsbezeichnungen vergessen und uns eine große tragische Oper mit glücklichem Ausgang bewundern. Im Grunde genommen handelt es sich um ein „dramma giocoso“ wie bei dem von Rossini geliebten Don Giovanni, der eine komische Oper mit tragischem Ausgang darstellt.

La gazza ladra gehört also zur gemischten Gattung, die auch „semiseria“ (halbernst) genannt wird, weil sie sowohl tragische als auch komische Elemente beinhaltet. Die Semiseria-Opern waren in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus einer Vorliebe für rührselige Geschichten, insbesondere die französischen „pièces à sauvetage“ (Rettungsstücke), entstanden und waren bereits zu Rossinis Zeit mit einer Reihe von Konventionen behaftet: ein Drama mit glücklichem Ausgang, in dem das unschuldige, zu Unrecht verurteilte Opfer in letzter Minute vor dem Schafott gerettet und der schurkenhafte Verfolger bestraft wird. Den gesellschaftlichen Hintergrund dieser Opern bildete ein Konfl ikt zwischen der Feudalaristokratie (in La gazza ladra ersetzt durch einen arroganten Amtsträger) und der Welt des einfachen Volkes, fast immer aus dem bäuerlichen Milieu. Zwangsläufig sind die Orte der Handlung der Dorfplatz mit dem Schloss oder dem Herrenhaus des tyrannischen Adligen im Hintergrund und das örtliche Gefängnis. In La gazza ladra überwiegen die dramatischen Elemente die komischen oder volkstümlichen, weshalb der Höhepunkt der Handlung in der großen Gerichtsszene und dem darauf folgenden Trauermarsch erreicht wird, dem das obligatorische lieto fine folgt. Wenn man die hervorragenden dramatischen und musikalischen Ergebnisse bedenkt, die diese Oper zu einer der besten Rossinis machen, geht die Bedeutung von „semiseria“ über eine Vermischung des Komischen und des Ernsten hinaus und man kann hier von einer wahren „opera seria“ sprechen, die im alltäglichen Leben und nicht im Olymp oder in der großen Historie angesiedelt ist. Das Happy End und die Präsenz von Figuren niederen Charakters, einige davon an der Grenze zum Grotesken, ändern nichts an dieser grundlegenden Aussage.

Die Handlung basiert auf einer wirklichen Begebenheit und erscheint als eine zu schwache Basis, um das enorme musikalische Konstrukt zu stützen, das Rossini errichtet. Aber die Hinzunahme von märchenhaften und naturalistischen Elementen, das Überhöhen von unwesentlichen Kleinigkeiten in symbolischen Situationen, das Vorhandensein dunkler Kräfte und die betonte Gegenüberstellung mustergültiger Gefühle machen die Oper zu einem bedeutsamen Sittenbild. Der Kampf zwischen Gut und Böse wird durch vielfältige Emotionen angereichert: Die tragische Note, die bereits in der Ouvertüre durch die bedrohliche Trommel anklingt, wird durch die Melancholie gedämpft, die Ninettas erschwerte Liebe zu Giannetto und Pippos sanftes und heimliches Schwärmen begleitet; die pathetische Note, betont durch die starken Orchesterrezitative, in denen sich deutlich Fernandos Angst ausspricht, lässt auch Raum für die komische Note, mit der die Arroganz der Macht, aber auch die sie einfach hinnehmende Gesellschaft gegeißelt werden.

Giovanni Gherardinis Libretto stellt in achtbarer literarischer Vollendung und mit routiniertem dramatischem Geschick eine Geschichte dar, in der das durch einen glücklichen Zufall herbeigeführte lieto fine nicht den grundlegenden Pessimismus vergessen lässt. Gherardini hatte zunächst eine von Vincenzo Monti hochgelobte erste Version des Librettos unter dem Titel Avviso ai giudici (Warnung an die Richter) bei einem Wettbewerb für ein Opernlibretto des königlichen Theaters in Mailand eingereicht. Angeblich wurde das Libretto Ferdinando Paër angeboten, der es aber nicht vertonen wollte. Rossini hingegen war sofort von der Geschichte begeistert. Sie beruht auf dem französischen Theaterstück La pie voleuse, einem „mélo-historique“ (also einem Melodram, das auf einer als verbürgt betrachteten Begebenheit basiert) von T. Badouin d’Aubigny und Louis-Charles Caigniez, erstmals aufgeführt am 25. April 1815 am Théâtre de la Porte Saint-Martin in Paris. Stendhal vermerkt in seiner Vie de Rossini (Kapitel XXII), dass die arme unschuldige Dienstmagd in Palaiseau gehängt worden sei, und fügt hinzu, dass man zur Erinnerung an den Justizirrtum eine Messe eingeführt habe, die sogenannte Elstern-Messe. Um eine Strafe zu verstehen, die in keinem Verhältnis zu dem angelasteten Delikt steht, sollte man bedenken, dass die Geschichte in der düstersten Zeit der napoleonischen Gegenrevolution spielt, in der die Todesstrafe auch für Bagatellen vorgesehen war.

Von der allerersten Aufführung an war La gazza ladra ein großer Erfolg: Obwohl am Ende der Saison produziert, wurden 27 weitere Vorstellungen nach der Premiere am 31. Mai 1817 in Mailand gegeben. Rossini selbst nahm während der drei ersten Aufführungen traditionsgemäß den Platz am Cembalo ein; die Hauptrollen wurden von den berühmtesten Sängern übernommen: Teresa Giorgi-Belloc (Ninetta), Savino Monelli (Giannetto), Filippo Galli (Fernando), Antonio Ambrosi (Podestà) und Teresa Gallianis (Pippo). Rossini selbst war hingerissen von seiner Oper und schrieb in einem begeisterten Brief wenige Tage nach der Premiere an seine Mutter, dass diese Oper, so voll gestopft mit Musik, dass man drei bis vier Opern daraus machen könne, die schönste sei, die er bislang geschrieben habe.

Alberto Zedda
Redaktion: Reto Müller

Die Handlung

CD 1

[1] Ouvertüre

Erster Akt

Dorf nahe Paris.

[2] Im Hof des Gutes von Fabrizio Vingradito wird ein Fest zur Rückkehr des Pächtersohns aus dem Krieg vorbereitet. Die Bauern necken den Burschen Pippo, weil er sich von einer Elster foppen lässt. [3] Lucia, die Pächtersfrau, ist ungehalten über die lockere Stimmung und über das Ausbleiben ihres Mannes, als dieser mit einem Korb Weinfl aschen herbeikommt. Die Heiratspläne für seinen Sohn ergänzt die Elster vorwitzig mit „Ninetta, Ninetta“, eine Wahl, die alle billigen außer Lucia, die keine Dienstmagd für ihren Sohn will. [4] Die Vorstellung, dass Giannetto bald im Kreis der Angehörigen seine Kriegsabenteuer erzählen wird, erfüllt alle mit Freude. [5] Lucia hadert mit ihrem Ehemann, der Ninetta in Schutz nimmt, während sie ihr Unzuverlässigkeit vorwirft. Giannetto wird jeden Moment erwartet, die Eltern wollen ihm entgegengehen. [6] Ninetta kommt mit frisch gepfl ückten Erdbeeren. Sie ist in freudiger Unruhe, weil sie heute ihren Geliebten und ihren Vater wiedersehen wird. Ihr Glück lässt sie die Leiden der langen Trennung vergessen. [7] Lucia gibt Ninetta das Silberbesteck und ermahnt sie vorwurfsvoll zur Vorsicht; eine Gabel sei bereits verloren gegangen. Ninetta beteuert ihre Unschuld. [8] Der fahrende Händler Isacco bietet lauthals seine Waren zum Kauf oder Tausch an. [9] Pippo macht ihm für heute keine Hoffnungen auf Geschäfte. [10] Fröhliche Musik kündigt Giannettos Ankunft an, Ninetta, Pippo und das ganze Gesinde eilen freudig herbei. Giannetto schließt seine Geliebte in die Arme und gesteht, dass er auch im Kampfe stets ihr Bild vor sich hatte. Die Freude, sie wiederzusehen, kann er mit Worten gar nicht ausdrücken. [11] Nun wird angestoßen, wozu Pippo ein ausgelassenes Trinklied anstimmt. [12] Während sich die Angestellten zurückziehen, macht die Familie Verwandtenbesuche. Ninetta, die allein den Hof hüten muss, kontrolliert gerade das Besteck, als sich ein in Lumpen gekleideter Mann nähert. Sie erkennt ihren Vater Fernando Villabella, doch dieser hält sie davon ab, ihre Freude offen zu zeigen. [13] Er wurde in einem Streit mit dem Vorgesetzten, der ihm den Urlaub zum Besuch seiner Tochter abschlug, entwaffnet und sogleich zum Tode verurteilt. Ein Kamerad verhalf ihm zur Flucht. [14] Nur ewiges Exil könne ihm das Leben retten. Schmerzerfüllt nehmen Vater und Tochter voneinander Abschied. Da sehen sie von weitem Gottardo, den Podestà (Bürgermeister), herbeikommen. Fernando hüllt sich in seinen Mantel und stellt sich schlafend. Ninetta fährt fort, die Tische abzuräumen. [15] Der Podestà hat sich angeschlichen, weil er Ninetta alleine weiß. Er hat einen Plan, um die widerspenstige Schöne sich gefügig zu machen, und frohlockt beim Gedanken, sie zu erobern. [16] Der Podestà begrüßt Ninetta übertrieben schmeichelnd und will, dass sie den Bettler fortschickt. Da dieser aber schläft, insistiert er nicht und fängt an, Ninetta den Hof zu machen. Da taucht zu seinem Ärger sein Diener Giorgio mit einem amtlichen Schreiben auf. Während der Podestà sich zum Lesen hinsetzt und nach seiner Brille sucht, gelingt es Fernando, seiner Tochter ein Silberbesteck auszuhändigen, um es zu versetzen und das Geld für ihn in der Baumhöhle einer nahen Kastanie zu verstecken. Als Fernando gehen will, befiehlt ihm der Podestà zu bleiben; bei dem Schreiben handelt es sich um den Steckbrief eines Deserteurs, den der Podestà mangels Brille Ninetta zum Lesen gibt. [17] Stotternd fängt sie an, den Steckbrief ihres eigenen Vaters vorzulesen. Sich ein Herz fassend, liest sie dem Podestà eine falsche Personenbeschreibung vor. Dieser kann den Gesuchten in Fernando nicht erkennen und schickt ihn barsch weg. [18] Der Podestà nimmt seine Annäherungsversuche wieder auf, die Fernando aus einem Versteck eine Zeitlang beobachtet, bis er nicht mehr an sich halten kann und den Podestà mit Schmähworten eindeckt. [19] Während Ninetta die streitenden Männer zu beschwichtigen versucht, nähert sich die Elster dem Tisch, schnappt sich einen Silberlöffel und fl iegt davon.

CD 2

[1] Ninetta verkauft dem eben wieder vorbeikommenden Isacco das Silberbesteck ihres Vaters und steckt das Geld in ihre Schürze. Pippo macht ihr Vorwürfe, dass sie sich an den Händler statt an ihn gewandt hat. Auf dem Weg zur Kastanie wird Ninetta von Lucia aufgehalten, die gerade mit Giannetto und Fabrizio heimkehrt; in ihrer Begleitung ist auch der Podestà und dessen Sekretär, die sie unterwegs getroffen haben. Lucia zählt das Silberbesteck und bemerkt wütend zu Ninetta, dass ein Löffel fehle, nachdem vor kurzem schon eine Gabel verschwunden sei. Der Podestà veranlasst trotz der Proteste Fabrizios sofort ein Verhör, schließlich bestrafe das Gesetz Hausdiebstahl mit dem Tod! [2] Dabei vernimmt er, dass Ninetta die Tochter Pippo verspricht mutig, alles auszuführen, während ihm fast das Herz bricht. Weinend trennen sich Ninetta und ihr treuer Freund.

Im Haus Fabrizios.

[13] Der beunruhigte Fernando hat heimlich das Haus Fabrizios aufgesucht, wo er von der verstörten Lucia erfährt, dass Ninetta als Diebin im Gefängnis sitzt. [14] Fernando ist außer sich und fürchtet um das Leben seiner Tochter, der er ohne eigene Lebensgefahr nicht helfen kann. Schließlich weist er alle Angst von sich und beschließt, den eigenen Tod verachtend, alles für ihre Rettung zu tun.

CD 3

Gerichtssaal im Amtsgebäude.

[1] Der Amtsrichter verkündet in Anwesenheit der Geschworenen und des Volkes, dass die Angeklagte einstimmig verurteilt wurde. [2] Die Richter verkünden dem eingeschüchterten Volk die Unerbittlichkeit Themis’, der Göttin von Recht und Ordnung. Der Amtsrichter liest das Urteil vor: Des häuslichen Diebstahls für schuldig befunden, wird Ninetta Villabella zum Tode verurteilt. [3] Alle werden vom Schauer des Todesrufes erfasst. Giannetto bedrängt die Richter und erklärt, dass Ninetta ein Geheimnis hüte, das ihre Unschuld beweise. Als sie aber auf ihrem Schweigen beharrt, verlangen die Richter den sofortigen Strafvollzug. [4] Da stürzt Fernando herein, der mit seinem Blut das Leben seiner Tochter retten will. Er wird vom Podestà sofort als Deserteur verhaftet, während das Urteil über Ninetta rechtskräftig und unumstößlich ist. [5] Alle werden von einem Gefühl der Machtlosigkeit ergriffen. Ninetta will alles erklären, aber die Gesetzeshüter drängen auf Strafvollzug: der Vater in den Kerker, die Tochter auf den Richtplatz! [6] Entsetzt kommentieren alle Anwesenden, dass sich die beiden nicht einmal mehr umarmen dürfen, und selbst die Richter und der Podestà müssen sich ihrer Gefühle erwehren.

Dorfplatz.

[7] Lucia tritt aus der Kirche: sie fühlt sich erleichtert, nachdem ihre reuige Seele den Himmel um Gnade angefl eht hat. [8] Sie hofft auf die Rückkehr Ninettas, die sie wie eine Tochter lieben will. [9] Pippo hat das Geld in die Baumhöhle gelegt und will nun sehen, wie viel ihm noch übrig bleibt. Eine funkelnde Münze, die ihm Ninetta einst geschenkt hat, legt er beiseite. Während er das übrige Geld zählt, hüpft die Elster herbei, schnappt sich die Münze und fl iegt davon. Giorgio, der gerade Fernando Villabellas ist, des gesuchten Deserteurs. Als das Mädchen ein Taschentuch aus der Schürze nimmt, um ihre Tränen abzutrocknen, fällt ihr das Geld zu Boden. Pippo weiß, dass sie es von dem Händler hat, der sogleich herbeigerufen wird. [3] Isacco erklärt, dass er das Besteck bereits weiterverkauft habe, und erinnert sich, dass es die Initialen F.V. aufwies—alles spricht dafür, dass Ninetta ihren Herrn Fabrizio Vingradito bestohlen hat. Um ihren Vater nicht zu verraten, verschweigt sie die Wahrheit, die sie entlasten würde. [4] Die herbeigerufenen Wachen führen Ninetta ab, während die bestürzte Menge die Unerbittlichkeit des innerlich jubelnden Podestà verfl ucht.

Zweiter Akt

Vorhalle des Gefängnisses im Amtshaus.

[5] Der Kerkermeister Antonio hat Mitleid mit Ninetta und ist bereit, auf ihren Wunsch Pippo rufen zu lassen. Als Giannetto um Einlass bittet, gewährt er den Liebenden sogar ein Stelldichein. Giannetto fl eht die Geliebte an, alles zu sagen, um sich zu entlasten. [6] Ninetta ist bereit zu sterben und hofft, dass man eines Tages ihre Treue und Unschuld erkennen wird. Beide geben sich ihrem Schmerz hin. [7] Antonio eilt herbei und warnt vor dem nahenden Podestà: Giannetto muss sofort gehen und Ninetta in das Verlies zurückkehren! Aufgewühlt verabschieden sich die beiden voneinander. [8] Auf den Befehl des Podestà führt Antonio die Gefangene herbei. Das Angebot des Podestà, sie freizubekommen, will sie nur annehmen, wenn ihre Ehre voll und ganz wiederhergestellt wird. [9] Der Podestà verspricht es ihr—wenn sie sich seinen Wünschen fügt. Ninetta ruft um Hilfe, während der Podestà versucht, sie zu umarmen. Plötzlich hört man von draußen Stimmen: es sind die Wachen, die den Podestà zur Gerichtsverhandlung rufen. Aufgebracht über Ninettas Abweisung erklärt er, dass sich seine Liebe in Hass und Wut verwandelt habe und er keine Gnade mehr kenne. [10] Antonio ist empört über den Podestà und bringt Pippo und Ninetta zusammen. Sie bittet ihn um Geld, das er in die Baumhöhle legen soll. [11] Ninetta besteht darauf, dass er ihre Halskette mit dem Kreuz als Geschenk entgegennimmt; denn vielleicht noch heute werde dieser Schmuck für sie wertlos sein. Tief bewegt küsst der Bursche das Kreuz, das er immer bei sich tragen will. Vor Rührung können beide ihre Tränen nicht zurückhalten. [12] Ninetta bittet Pippo, ihren Ring Giannetto zu geben, da sie ihn nicht mehr sehen werde. herbeikommt, hat gesehen, wie sie auf den Kirchturm gefl ogen ist. Pippo ist entschlossen, ihr nachzuklettern, und Antonio geht mit ihm. [10] Ninetta wird zum Richtplatz geführt. Die ganze Dorfbevölkerung folgt ihr klagend. Vor der Kirche innehaltend, bittet Ninetta Gott um Kraft und um das Leben ihres Vaters. [11] Dann setzt sie ihren Gang fort, und ihre Todesbereitschaft vermischt sich mit dem Schluchzen der Anwesenden. [12] Plötzlich hört man Pippo und Antonio vom Kirchturm rufen: sie haben im Nest der Elster alles gefunden und halten das Silberbesteck hoch. Giorgio reagiert nicht, worauf die beiden Sturm läuten. Alle eilen herbei, und Antonio erklärt die Elster zur Diebin. Fabrizio und Giannetto rennen zum Richtplatz, um die Hinrichtung zu verhindern. Der Podestà vernimmt ungläubig die Erklärung für das Geläut. In diesem Moment ertönen von ferne Schüsse; Lucia bricht unter dem Eindruck der vermeintlich vollzogenen Hinrichtung zusammen. Doch da kommt das jubelnde Volk, das der befreiten Ninetta vorauseilt—die Schüsse wurden aus Freude abgegeben. [13] Ninetta ist erleichtert, aber das Schicksal ihres Vaters lässt sie nicht froh werden. Da taucht dieser plötzlich auf, in Begleitung seines Kameraden, der soeben die Begnadigung Fernandos durch den König überbracht hat. Alle fallen sich in die Arme, und Lucia reicht Ninetta die Hand Giannettos. [14] Während Ninetta, Fernando sowie Giannetto und Pippo nacheinander ihre Erleichterung bekunden, die alle jubelnd teilen, steht nur der Podestà missmutig abseits.

Reto Müller


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